ME: Diary, 11.10.2018

ME.Symptome

 

Ich weiss, dass ich nicht mehr küssen sollte. Weiss, dass mein Organismus im jetztigen Stadium mit den exogenen Viren nicht mehr fertig wird. Man könnte mir jedoch hundert weitere Leben anbieten,  ohne 23 Jahre Myalgischer Encephalomyelitis; gesunde Leben; ich würde keines tauschen wollen für einen Kuss, mit dem, den ich küsse. Schau ich ihn an; will ich ihn küssen! Ich zweifle keinen Moment daran, dass ich das Falsche tue, wenn ich ihn küsse!

Ich müsste den kommenden Winter allerdings wahrscheinlich in Quarantäne verbringen. Menschen müssten mich mit Mundschutz besuchen. Jetzt ein falscher oder zufälliger Erreger, und ich bin vermutlich Pflegefall … dies ist Scheisse, denn ich wäre lieber tot … nach dem Schmusen …

Die Gedanken sind absurd, aber sie gehen einem halt durch den Kopf, wenn man 23Stunden am Tag mit stechenden Lymphknotenschmerzen, Muskelzittern, Krämpfen, Arrhythmien, kompletter Entkräftung da liegt … wenn die Verschlechterung … nicht endet … und die Überlegung da ist: Überlebe ich jetzt noch? Oder sterbe ich schon ..?

Mir ist längst klar, dass sich beide dieser Zustände: Überleben wie Sterben, weit, weit über ihr Verfallsdatum hin erstrecken können ….

Es ist für mich jedoch nicht mehr möglich, die Gefahr, die für mich vom Tod ausgeht, abzuschätzen, da ich keine Ahnung habe, ob mir der Organismus im Falle eines herannahenden Todes irgendwelche „Zeichen“ gibt …

Dass es sich beschissener anfühlt, als die schlimmste Influenza; ja, dies wissen alle schwer Betroffenen. Dass ich mich himmelelend beschissen krank fühle nun … aber ist das Sterben?

Inwiefern/weit ist es mir möglich, mich noch zu adaptieren an die jeweilige physische Notsituation und mich in dieser so gut als möglich einzurichten und mich daran zu gewöhnen als eine mögliche Lebensrealität?

Ich hätte nie gedacht, dass ich soweit mit meinem physischen Leiden (nicht dem psychischen!) mitgehen kann … aber eine langsam schleichende Krankheit über Jahre ist absolut tricky ….

es ist vielleicht wie bei einer Medikamenteneinnahme oder Droge, die ganz langsam nach und nach gesteigert wird … so unmerklich, dass der Moment, in dem die Abhängigkeit oder Morbidität da ist gar nicht wirklich realisiert wird ….

… es ist … als würd man überführt werden ….

Ein weiterer Arztbesuch hat mir die Grenzen aufgezeigt: es sind für den Arzt vor der ins „Augefassung“ von Sterbehilfe noch viele Massnahmen auszuprobieren …

Massnahmen: wie zynisch für jemand, der seit Jahren: jetzt ruft! Jetzt brauche ich Hilfe! Dessen ganzer Körper um Hilfe und mitunter auch Erlösung schreit! Massnahmen … dahinter ist leider nichts als leere Luft und REHA …

Und dann fällt vielleicht das Wort Angst neben den unzähligen von Symptomen, die man anhand einer gemalten Figur, aufgezeigt hat … weil es doch immer noch die Momente gibt, in denen die physische Qual mutiert zu einem Gefühl von Bedrohung  … und Angst da ist …. Todesangst … weil man nicht weiss, was passiert ….(im Falle eines Tumors könnte man wissen: der Krebs breitet sich aus … ) und dies bis zum Schluss nicht wissen wird ….

Und der Arzt packt sich das Wort Angst … und schon wieder ist die Krankheit … diese beschissene Krankheit, die einen über Jahre ans Bett fesselt einfach zu einem Grossteil … „Angst“ ….

Ich werde mich hüten, je wieder von Angst zu reden, bei einem Arzt.

Ich kann jetzt noch, für mich, lernen, meine Angst zu überwinden.

Wahrscheinlich werde ich  bald physisch zu kaputt sein für die Angst.

Aber das Küssen kann ich nicht fürchten ….

Auch das Küssen, in das ich mich stürzen will, wie früher ins Leben, überführt mich …

… aber nicht auf die perfide Art, wie das  langsame Hinabgleiten in die Gruft der Krankheit …

… ich umgehe damit das Sterben … ich nehme, was kommt ….

…. ich verhalte mich natürlich im Gegenzug zu allem.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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