Korbblütler, re

Neulich habe ich halluziniert. Ich war so ernst geworden. Ein Stein in einem Senkloch.
Vielleicht war es auch ein Bett, hundert Schuhtief unter der Erde.
Neben mir hockte der verknotete Gott und streute viele nasse kleine Samen in das Loch hinab.
„Herrgott, zum Teufel, du Gott, was machst du da?“ flüsterte ich verärgert.
„Bist du nicht fähig, ruhig, still und gefasst für ein paar Jahrzehnnte neben mir im Bett zu liegen!?“
Gott sagte weinerlich: „Tut mir leid, wenn ich lärmte.  Aber ich habe gerade das Lachen beerdigt.“
Ich lachte auf. Die Antwort klang so komisch in meinen Ohren.
Aber Gott, der ja das hat, was man früher eine endogene Depression nannte, fuhr fort, laut zu weinen.
Streute lauter kleine, nasse Sämchen.
Da wuchsen auf einmal Sonnenblumen aus der ausgewetzten
Brusttiefe der Heulsuse hervor, überwucherten das Bett. Und trieben langstielig
aus allen Spalten.

Der Senklochdeckel brach auf vom Überdruck! Das Bett. endlich brach es weg!

Ich war wieder ein Mensch und stand wieder Oben.

Doch mein einziges, messerscharfes Auge, das mir geblieben war, tränte.
Genaugenommen: ich rieb es, bis es tränte. Da hörte ich ein lautes Poltern.
„Warum weinst du?“, fragte Gott, der jetzt wieder der tote Allmächtige war
und Anstalten machte, im Himmel zu verschwinden.
„Ich habe gerade die Lichtgestalt beerdigt.“

(5.4.2020, Sonnenblume Marion, Aquarell)

 

 

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