Glaubenssatz, ich kenne eine, Seiten 21 bis 34

 

Viel Neues gibt es nicht zu erzählen. Sicher, zu meinem Fünfunddreissigsten Geburtstag habe ich nun endlich ein grosses französisches Bett gekriegt. Auch wurde ich vor gut zwei Jahren ich mit den Diagnosen F.45.0 und F.60. 31 berentet. Mein Rentengrad beträgt allerdings nur zweiundsechzig Prozent, woraus sich eine Erwerbspflicht von achtunddreissig ergibt. Ich werde mich also über kurz oder lang wieder bewerben. Ich muss dazu vielleicht sagen, dass ich mit den Bewerbungen schon über achtzehn Monate im Verzug bin. Aber man weiss ja, wie das geht: So schnell kommt etwas dazwischen, man hat einmal dieses, dann jenes Problem. Und die Jährchen fliegen vorbei… Gut, die vom Amt haben ganz einfach nicht mehr nach den Nachweisen gefragt. Kommt hinzu, dass es mir über lange Zeit hinweg nicht möglich war, konstant an den Erwerb zu denken. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsste zuerst zu mir selbst finden und mich selbst werden, bevor ich in aller Ruhe einen Erwerb in Angriff nehmen kann. Böse Zungen meinten natürlich, solange ich etwas sein wolle, das ich nicht bin, könne das mit dem Erwerb nicht klappen. Ich hätte sowieso nur mein Curriculum im Kopf, allenfalls noch die Romantik, ein Vorwurf, den ich so nicht bestätigen kann, auf jeden Fall nicht letzteres. Gut, vielleicht ein bisschen. Allerdings ist das lange her, und ich war damals kein Mauerblümchen und auch keine Femme Fatale. Aber eine fatale Frau, das war ich ganz bestimmt. So würde ich jetzt, falls ich von dieser Fatalen dann gleich spreche, sagen, dass es eine ist, die ich vielleicht kenne, die mir aber fremd geworden ist.

Dass sie nur die Romantik im Kopf gehabt hat, damit hat es übrigens schon früh angefangen. So muss sie, die ich kenne, etwa elfjährig gewesen sein, da wurde sie von Bicciclietti-Massimo an die Luft gesetzt, zum Teufel gejagt, weil sie ihm den geforderten Kuss auf die Wange nicht verpassen konnte, aus Ehrfurcht und Respekt vor der Liebe! Dann hing sie hing an Brummbach-Thisli, einem wortkargen, rothaarigen Milchschopf, wie eine immergrüne Frucht, als Lehrer Jimmy-Dean-Beck, der verpatzte Theaterregisseur sie Huckepack nahm wegen einer Bänderzerrung in der Sommerlagernacht. Vierzehnjährig ist man mit dem Paradies noch halbwegs verbandelt.

Dann aber kam einer und küsste sie weichblond und nahm ihr ihre Unschuld, eine Brechtzigarre in der Hand, fünf Jahre später! Er war langhalsig und hämisch wie ein Schwan, schrieb ihr dreizehn Sonette, die einem Shakespeare in nichts nach standen und hatte einen Sprung. „Willst du mit mir gehen?“, fragte er am Freitagabend voller Schmelz und am Montagmorgen grinste er: „Go away!“ Dann ging er selber, doch im Gehen drehte er sich immer wieder nach ihr um und küsste sie, diesmal schluchzend, von Neuem, während er sie gleichzeitig von sich stiess, drei Tage später, indem er sie noch zärtlicher küsste, usw. Schliesslich riss er sich mit Gewalt von ihr los und sie sank nieder. In die Arme eines Frauenverstehers und Gelegenheitskellners von der Grösse eines Jungtännchens. Dieser Frauenversteher war ein Quirl und Lebendigkeitsstich, wie ihn keiner je gesehen. Doch vernachlässigte er sein wirtschaftliches Fortkommen kaltblütig, um Frauen wie sie, die sich bereits mit knapp Zwanzig Jährchen zum Struwwelpeter und Suppentoni runtergeliebt, runtergelitten-, gemagert hatten, weil sie fatal waren, in seinem Bootshäuschen zu päppeln und zu mästen. Diese Liebe verschlang die ich kenne innert Kürze und verdankte es ihm mit einem Gähnen!
Damit war der Höhepunkt erreicht und die Liebe, dieses klare Glas Wasser, aufgetrübt wie schlammiger Sand, brach auf in eine donnernde Klaviatur der Unstimmigkeiten und Ambivalenzen!

Sie war jetzt Vierundzwanzig und stellte in sich fest mehrere Herzen, keines mehr gross genug für den Einen, doch für Diesen und Jenen, für Mehrere 23 gleichzeitig ein Kleines! So sah es in ihrer Brust also aus! Doch zitterte sie mächtig! Glaubte sie doch nun fortan, ein Mann müsse eine Frau nicht nur auf Händen tragen, sondern auch lesen und emotional deuten können wie ein Buch. So nannte sie die Jungs jetzt schwärmerisch: „Herren der Schöpfung“ und wünschte sich an ihrer Seite unbedingt einen Arthur Miller, der ihr die Zeitung vorlas und sie bildete, vielleicht sogar heimlich erzog (?!)(Obschon sie keineswegs die Monroe war!)
Herren der Schöpfung! Stürmchen, bitte laufend nachtragen!, forderte eine ans Kopfende ihres Bettes geheftete Boysliste, genannt „Wehrmachtsbüchlein“, mit der die Fatale sich dazu aufforderte, diese Sache da mit den Jungs doch bitte nicht zu vernachlässigen. Da gab es zum Beispiel einen hoch aufgeschossenen und ausgemergelten, Adonis-ähnlichen Spross mit blauen Mädchenaugen und einer Vorliebe für Rimbauds Saison en Enfer in diesem Wehrmachtsbüchlein, der ihr gerne möglichst viel Alkoholisches einschenkte. Über diesen verlumpten Spross eines ehemaligen Adelsgeschlechts, der sein Dasein mit dem Verfertigen von Schlössern aus Minibabybell-Käse-Hüllen verbrachte, hiess es in der Liste randbemerkt: kann sein, ich liebe ihn, aber wahrscheinlich ein A… sch. Oder da zirkulierte ein Mannsbild namens Lampert Loop, ein aufgeschwemmter, bejahrter König im Stile von Louis Quatorze, der ihr auf dem Dach seines Hauses, nackt unter seinem weiss flatternden Bademantel ein paar verdrückte Erdbeeren unterbreitete, randbemerkt: höllisch charismatisch und so vulgär, mit grösster Wahrscheinlichkeit ein A… sch. Lampert Loop war ein Unikum, dem es zwischen den Grenzen seines bipolaren Spektrums gelungen war, das Hotel Dubai Beach nach dem Schnitt ihres Krinolinennachthemdes in Pappmaché zu entwerfen. Um ungestört mit ihr zusammen zu sein, baute er zwischen sich und die Etage seiner langjährigen Mäzenin, womit natürlich seine Ehefrau gemeint war—- die weiteren Einzelheiten muss ich hier aussparen, da die Betreffenden noch unter den Lebenden weilen, und ich mir keine Scherereien einhandeln möchte. Übrigens: ein grosses
Ehepaar! Ein Mann namens Pflaume, bestangezogener Stein- und Plastikkünstler der Stadt (er besass nur einen einzigen siebzigjährigen Anzug) wurde in der Boysliste der Fatalen als dumpf wie eine alte Schuhsohle und distinguiert wie ein trockener Seeigel bezeichnet, dann aber aus dem Wehrmachtsbüchlein entfernt, nachdem er das Gerücht in der Szenenkneipe gestreut haben soll, dass er beim Verkehr mit ihr eine Harlekin-Maske habe tragen müssen… wahrscheinlich ein A… sch… Liste geschlossen.

Dabei hat sie, die ich kenne, doch kaum oder nur ansatzweise je so etwas schwer in Romantik zu Verkehrendes wie Sexualverkehr mit diesen Männern gehabt, damals. Hat sich die Männer doch nur sehr gut an gesehen und versucht herauszufinden, wo sie mit ihren Augen eigentlich hinschauten, wenn sie, grob kursorisch, doch niemals lang genug, tief genug in die ihren schauten. (und an diesem Punkt kenne ich sie wieder sehr gut!) Konnte sie da allenfalls hinab und hinein in diese Männeraugen, wenn nötig auch ohne eine, für eine solche Intimität unerlässliche, will mal sagen, göttliche Berührung? Das war eine schwierige, aber recht rauschhafte Sache, damals, für die fatale Kleine, Nicht-Sich-Gewordene, so über den Rand dieser mehr oder weniger geschlossenen, verbarrikadierten Männerhüllen hinein zu spähen und sich ihre Berührung, ihr Stücklein Intimität, süss wie Honig, insgeheim einfach zu klauen!
Verbrachte sie die Nächte bei Lampert, Rimbeau-Beau oder Pflaume, trieb es sie anschliessend fort, wie die leichteste Blätterschwebe durch die entleerten Strassen der Stadt auf direktestem Weg zu Till, der um diese Zeit bereits in der Cafeteria der hiesigen Stadtbibliothek über einer Beige Zeitungen hockte.

Wer er war? Nun, ein angehender Geschichtsdoktor, der sich sein Studium mit dem Ausschneiden von Zeitungsaktualitäten für keine geringere, als die Bundesrätin mühevoll finanzierte. Aber im Herzen doch noch etwas ganz Anderes! Offensichtlich war er ein Sammler von He-Man und anderen nacktbrüstigen lanzenbehängten Urhelden von Play-Mobil-Grösse sowie ein leidenschaftlicher Verfasser historisch-fiktionaler Prosa, die sich gerne für Hanf, manchmal für reichlich Lachgummis bezahlt machte. Und auch sonst bestand sein Alltag offenbar nur aus Schlafentzug, Ramschnahrung, Elternpflicht und einem Wald voll Zwängen, durch die er hindurch schritt, wie eine an Fäden geführte, geheimnisvolle Marionette. Die Arbeit war sein Thema, sein Schicksal, fast, wie ihres die Romantik war, damals oder der sprechende Körper, mit dem er übrigens nie ein Problem hatte. Im Gegenteil, dass ihr Körper sprach und Symptome machte, war für ihn nur Ausdruck radikaler Selbstbestimmung (welcher Irrtum von ihm!), und manchmal hätte man denken können, er wünsche sich für sich selbst auch so einen (Körper), nur, um herauskatapultiert zu werden aus der Galeere (wie er seine Arbeit nannte) und mit Rudern fertig zu sein, ein für allemal, heimgesucht von einer grösseren, existenziellen Not.
Wenn sie so den frühen Morgenstunde in die Cafeteria der Stadtbibliothek hereinwehte, wollte Till, der damals im Begriff war, ihr bester Freund zu werden, immer brühwarm informiert werden, welche Erfahrungen sie mit den Herren der Schöpfung wieder gemacht, welche Lapsi sie mit Seinesgleichen wieder auszubaden hatte. Diese Geschichten sog er bis ins Detail ein, kommentierte sie erst einfühlsam, dann belustigt, dann hämisch, aber immer wie eine beste Freundin, ein Kumpel und bester Freund.

„Tschuldige, ich hoffe du hältst mich nicht für eine fatale Frau, wenn ich dich hier bei der Arbeit einfach so anspreche!“ So die, die ich kenne, damals, zu Beginn ihrer Ich-weiss-nicht-wie-soll-ich-sagen-partnernschaft, einmal. „Ich habe dich nämlich beobachtet, und denke, du könntest einer für mich sein. Keine Angst, ich will dich nicht etwa dumm anmachen oder gar zu küssen! Sicher ein bisschen juckt es mich. Aber nicht allzu fest. Sag, möchtest du so etwas Schönes und Kostbares wie mein bester Freund werden?“ Till schaute überrascht von seiner Zeitung auf und räusperte sich: „Das kommt überraschend und tönt verwegen. Kann es sein, dass du ziemlich romantisch bist?“ – „Ich, romantisch? Nicht doch! Ich bin sehr vernünftig! Romantisch… das war ich vielleicht als Schulmädchen, als ich vom ersten Kuss mit Massimo träumte oder vom Batzokakauen mit Lehrer Jimmy-Dean Beck! – „Du wolltest Kaugummikauen mit deinem Lehrer, der aussah wie James Dean? Das muss ein toller Lehrer gewesen sein… “ Till legte seine Zeitung weg. „Ach so, das. Naja, tjein. Eigentlich war er ein durchs Schulzimmer klimpernder, mit Sporen exerzierender Feldherr! ‚Wie ihr mich langweilt!‘, rief er während des Unterrichts oft aus. ‚Keiner von euch leistet Aussergewöhnliches, keiner wird es zu was bringen!’“ Sie, die ich kenne, stellte sich an die Kante des schmuddeligen Cafeteria-Tischchens. „Scheint ein ziemliches Arsch gewesen zu sein. Was passierte dann mit euch zweien, sozusagen auf erotischer Ebene?“, fragte Till weiter. Was sie ihrerseits nun ein wenig überraschte. „Na, nichts! Zudem wechselte ich dann auf die Handelsschule, wo mich einer vom Gymnasium, drüben, mit einer Beichte massiv in seinen Bann zog…“ – „Worin bestand die Beichte? Sag, willst du dich nicht setzen?“ – „Er könne in den absolut ernsten Angelegenheiten des Lebens plötzlich nicht mehr ernst sein, seit er mich kenne! Jede Tätigkeit, die ihm bis zu diesem Tag gefallen habe, komme ihm jetzt geschmacklos und undurchführbar vor. Das Radieren, Musizieren, das Rubbeln. Worauf ich sofort zu seinem Spielball wurde! Ja, doch, keine schlechte Idee!“ – „Hm. Täusche ich mich, oder kann es sein, dass du auf ziemliche Ärsche stehst?“ – „Aber nein! Wo denkst du hin!?“ – „Ein Arsch würde mit mir niemals harmonieren!“ – „Warum nicht?“ – „Naja, sagen wir es mal so: Ich habe vor einiger Zeit festgestellt, dass ich eine Frau bin, die selbst der Mann werden will, den sie immer haben wollte! Und aus diesem Grund kann ich natürlich auch keinen Mann gebrauchen an meiner Seite, mit dem ich harmoniere. Verstehst du, was ich meine?“ Endlich zog sie den Stuhl unter dem Tischchen hervor und liess sich unsanft hineinfallen. „Nicht wirklich.“ – „Macht nichts. Ich bin es mir gewohnt, dass man mich nicht versteht! Ich gestehe, ich verstehe mich ja oft selbst nicht! Besonders dann, wenn es wichtig ist, dass wenigstens ich mich verstehe, merke ich, dass ich mich nicht verstehe. Wenn du mich nicht verstehst, denke ich, macht das nichts, solange du einfach so tust, als würdest du mich verstehen! Das ist mir bei allen Menschen eigentlich sehr wichtig, verstehst du?“ – „Hm. Die Vorstellung, dass du zu dem Mann wirst, der dir offenbar Schmerzen zugefügt hat, irritiert mich ein wenig. Vielleicht hat das aber auch Methode. Im Psychodrama spielt man eine Handlung ja offenbar nach dem Leben nach und gewinnt dadurch so etwas wie Distanz. Wie ging es dann weiter, mit dir und dem Typen? Demjenigen Arsch, der sich wegen dir sogar keinen mehr runter holen konnte…“ – „Ach so! Naja, der liess mich dann mit einer Anderen sitzen. War eine harte Zeit, kannst es mir glauben! Hätte sie kaum überlebt, wäre ich nicht am Tiefpunkt von einem lieben, herzensguten Menschen gerettet worden. Momentchen, ich komme gleich wieder. Hole mir am Automaten nur schnell eine Cola!“ – „Das war kein Mann, nehme ich an…“ – „Natürlich! Warum soll es kein Mann gewesen sein? Ich liebe doch die Herren der Schöpfung! Ich will doch immer ganz das frisch geborene Baby eines Mannes sein!“ – „Hm. Eben wolltest du noch ein männliches Arsch sein. Und jetzt auf einmal ein Kleinkind. Das verstehe ich jetzt nicht!“ – „Aber das macht doch nichts! Überhaupt: sei doch nicht so spitzfindig! Immerhin lebte ich beinahe zwei Jahre mit diesem unwahrscheinlichen Harmoniker zusammen. Bis und mit zum Moment, in dem die Sache mit dem Heiraten anstand!“ – „Du bist verheiratet?!“ Till, der sich unterdessen eine Zigarette angezündet hatte, wirkte erschrocken. „Ich sollte es vielleicht sein, Tillchen, ich sollte es, vielleicht, so heisst du doch, oder?! Aber das ist eine andere, dumme kleine Geschichte.“ – „Ja. Die sind mir oft die liebsten!“ – „Wirklich? Dann hast du es gerade umgekehrt wie ich! Ich mag nämlich am liebsten die grossen. Tragödien, Liebesdramen. Psychologisch fein verästelter Tiefgang!“ – „Du bist eben doch romantisch!“ – „Ich? Vergiss es!“ – „Erzählst du mir deine dumme kleine Geschichte?“ Till hatte hellblaue, gutmütig blickende kleine Augen. „Welche? Ach, so! Aber ich warne dich: Das ist nur mein dummes kleines Leben!“ Ein kurzes Schweigen entstand, ehe sie fortfuhr:

„Also ich war gerade Zwanzig, ich kam gerade von der Schule. Und die Frage der Lebensfinanzierung lag im Prinzip vor mir. Allerdings hatte es gerade einen kleinen Zwischenfall mit einem Arschloch gegeben.“ – „Also doch wieder ein Arschloch!“ – „Ja, mit meinem Arschlochkörper. Du musst wissen: mein Körper spricht. Kauderwelsch, in Symptomen. Wenn du verstehst, was ich meine. „Hm. Diese Sprache kann ich nicht. Was sagte er denn, dein Arschlochkörper?“ – „Er sagte zu mir: Stürmchen, du kratzt gleich ab! Es sei denn, du legst dich sofort ins Bett! Ich lag etwa ein Jahr… “ – „Das ist lange, wenn man gerademal Zwanzig ist…“ – „Ja.“ Sie seufzte. „Aber dann, eines Tages ging es besser. Mit zittrigen Beinen stand ich auf, packte Hammer und Nagel und ging hinab zum Fluss, wo der Fährmann schon im Gras lag mit Blümchen im langen blonden Haar und Muschelketten um den Hals, ein Mondgesicht, so üppig und strahlend obendrauf wie Johnny Depp.“ – „Der Frauenversteher!“ Rief Till erleichtert. „Rief ich dann: ‚He, du, kannst du mich schnell zum Bootshäuschen hinüber rudern?’“ Er, in rosafarbenem Hemdchen, tief ausgeschnitten über der Brust, sprang auf die Beine und spuckte verächtlich ein Stück Kautabak aus. ‚Nichts lieber als das Madame!’ Dann reichte er mir die Hand, damit ich in den Kahn steigen und drüben an der Wand des Bootshäuschens mein Heiratsinseratsinserat hämmern konnte!“ – „Seltsame Lokalität, für eine Offerte. Was hast du geschrieben?“ – „He, was man so schreibt. Dass ich knapp über Zwanzig bin, am Bein muskulös und an der Brust feenhaft gebaut, eine Mischung aus Feldherr Napoleon und der kleinen Piaf. Und dass er, mein Ernährer, das Geld ein wenig gern haben sollte. Ich meine, nicht gerade vergöttern, das ist was Blödes, aber eine Prise davon sollte er schon besitzen!“ – „Dann warst du damals noch nicht der Mann geworden, der du sein willst, nehme ich an…? Was hattest du sonst noch für Erwartungen an die Ehe?“ – „Na, um meine Chancen etwas zu erhöhen, schrieb ich noch: ‚Dieser Pakt ist rein geschäftlich! Gehen wir also mit dem nötigen Vergnügen, der nötigen, spielerischen Distanz an die Arbeit!‘ – „Und? Hat sich einer gemeldet?“ – „Nein, eigentlich nicht. Das heisst, zwei Wochen später wollte ich dann einmal nachsehen, was aus meinem Zettel unten am Fluss so geworden war. Es war ein wüster Tag, der Wind haute mich Binse fast um. ‚Was ist der Stand der Dinge?‘, rief mir der Fährmann, diesmal in einem farbigen Papageienhemdchen, schon von weit her zu. Hüpfte auf die Beine und zog mich ich ins Boot, das davon rutschte, ehe ich ihm die zwei Franken für die Überfahrt in die Hand gedrückt hatte…“ – „Ein symbolischer Lohn… und dann?“ – „Es stürmte also. Und der Fährmann hatte Mühe, das Boot mit der schweren Stange gegen die Strömung zu manövrieren, die ziemlich bewegt daherflutete. Plötzlich, wir waren gerade mitten im Fluss, steigt er mit den glatten Absätzen seiner hoch gebogenen kubanischen Schnabelschuhen gefährlich weit auf die Kante des Kahns hinaus und fällt hinterrücks über Bord. ‚Der Stand der Dinge? Wegen der Heirat?’, rief ich cool, beugte mich vor, weil ich doch einmal sehen wollte, ob er auch schwimmen kann, der Mann. Und in dem Moment griff er nach mir, und ich fiel auch!“ – „Was passierte dann?“ fragte Till und zündete sich eine weitere Zigarette an. „ Klebten und zappelten wir also aneinander, tropfend nass, nicht wissend, ob Fisch oder was Anderes. ‚Also dich würde ich sofort heiraten!’, klapperte es dann durch seine Zähne. Dann robbten wir an Land, das heisst, ich ziemlich leblos in seinem Arm, verschwanden in seinem Bootshäuschen und küssten uns wie die Schwärme sinkender und steigender Vögel fünf Tage und fünf Nächte lang…“ – „Das ist, je nach dem, ziemlich ausdauernd…“ – „Meinst du? Ja, vielleicht waren es auch zwei Monate. Auf alle Fälle, die ersten Herbstblätter zierten schon das Ufer, da überkam mich ein endloses fürchterliches Heulen!“ – „Warum?“ – „Mit mir und Wim war es vorbei, den letzten Kuss konnte ich nicht mehr toppen.“ – „Hm. Ist küssen denn ein Wettstreit? Ich hoffe, deine dumme kleine Geschichte ist hier nicht bereits zu Ende …“ Till tönte enttäuscht. „Leider.“ Sagte sie, die ich kenne grimmig. „Das heisst, ja und nein. Obschon…“ – „Obschon was?“ – „Ist nicht weiter wichtig für die Geschichte. Ändert jetzt nichts mehr an der Sache…“ – „Je nachdem kann ein offenes Ende ganz schön sein.“ – „Meinst du?“ Sie schaute ihn kurz fragend lächelnd an. „Nun, ihm war das ja sowas von piep egal, ob ich ihn noch küssen mochte oder nicht, weißt du.“ – „Ach ja?“ – “Ja, er sagte zu mir: ‚Geh du nur weiter, ich bleibe,‘ und: ‚ich habe dich geküsst. Dies reicht mir für ein Leben.‘ – „Hm. Das verstehe ich jetzt nicht. War seine Liebe für dich denn platonisch?“ – „Aber, nein, red kein Blech!“ Nun war es an der kleinen Fatalen, erschrocken zu sein. „Wir hatten ausgeküsst, unsere Beziehung war fertig. Auf jeden Fall, fast…“ – „Fast?“ – „Naja, weisst du. Ich war ja schon auch ein wenig erleichtert, dass ihm das völlig schnuppe war mit dem Küssen. So kriegte ich nämlich gleich noch einmal Lust, ihn zu küssen, aber nur noch aus Lust am Küssen, aus niedriger Lust, also, sozusagen… “ – „Hm. Das wusste ich nicht, dass es eine höhere und niedere Lust am Küssen gibt…“ – „Dochdoch, das gibt es! Tillchen! Aber macht nichts, wenn es dir neu ist. Kannst auch nicht alles wissen. Fakt ist: nun passierte etwas Einschneidendes…“ – „Was?“ – „Es wurde Herbst und die Mäuse schlüpften durch die löchrigen Zwischenwände des Bootshäuschens und krabbelten über das feuchte Laken. Eines Morgens stand auf der andern Flussseite der Vermieter der Kanugesellschaft und rief mit drohender Stimme zu uns herüber: ‚Du Nichtsnutz, dort, Morgen um Acht fordere ich meinen Mietzins ein!’ Und eine sonore wohlklingende Stimme rief zurück: ‚Ja klar, Morgen hast du dein Geld!’ Doch nichts hat sich getan. Er war ja Fährmann und Kellner! Aber servieren in der Säuferkneipe oben in der Stadt war er seit unserer Bekanntschaft nicht mehr gegangen.“ – „Er ging nicht mehr zur Arbeit, das ist mutig von ihm. Warum nicht?“ – „Naja, er bediente mich von hinten und von vorne!“ – „ Bitte?!“ – „Neinein, nicht so wie du denkst, Mensch, Mann! Aber mit Knoblauchbroten, Fischaufläufen, goldenen Knöpfen, verwegenen Seemannsliedern, würzigen Grogs und Goldwasser aus Transsibieren, mit Ausflügen auf seiner Vespa, mit Anlegen seiner riesigen Hand an mein Herz, das Tage- und Nächtelang raste, als ob mein Körper jeden Augenblick zerspringen wollte… “ – „Verstehe nicht ganz. Kehrte seine Arbeitsmoral dann wieder einmal zurück?“ – „’Du, willst du nicht mal wieder zur Arbeit gehen?’, fragte ich ihn einmal, anfangs November. ‚Du bist doch der beliebteste und nachgiebigste Kellner der ganzen Stadt! Du kannst doch mit zehn Weingläsern in den Ellbogen jonglieren?! Dir werfen sie das Trinkgeld doch nur so nach, weil du ihnen schon ab dem dritten Schnaps nichts mehr verrechnest! Wenn du erst wieder Kellner bist und auch wieder deinen Lohn hast, mietest du dir damit ein neues, solideres Lotterhäuschen!’ All das und mehr sagte ich, weißt du…“ – „Und? Lenkte er ein?“ – „Er schüttelte nur den Kopf und wurde alles in allem ziemlich melodramatisch: ‚Geh du ruhig weiter! Ich bleibe und bewahre unsere gemeinsame Zeit, hier!’ So sagte er. Und er umsorgte und bediente mich einen weiteren ziemlich nassen Winter und einen weiteren Frühling lang von Oben bis Unten. Ein neuer Sommer stand schon vor der Tür, und auf einmal wusste ich nicht mehr, war das nun eine Hinfälligkeit aus einer hinfälligen Laune heraus, bei mir, dass ich mich so bedienen liess. Oder weil er mich zu fest liebte, dass mein Körper auf einmal wieder so eindeutig kauderwelsch sprach! Oder war es am Ende ganz einfach, weil ich es selbst nicht kann…“ – „Weil du was nicht kannst?“ – „“Na, lieben, der es auch verdient!“ Die Fatale rief auf. „Ach, verdient hat das zum Glück keiner!“ In Tills Stimme schwang Erleichterung mit. „Du schon!“ Jubilierte sie. „Weisst du, wie ich dich beobachtet habe, in der Bibliothek, all die Tage, da habe ich mir gleich gedacht: der könnte einer für mich sein! Mein Zeitungsvorkauer und mein Leser! Wie gesagt, ich will dich nicht blöd anmachen oder gerade küssen, schon gar nicht, weil…“ – „Weil was?“ – „Naja, ich muss dir nämlich gestehen, aktuell glaube ich, ich liebe einen!“ – Ahh!“ – „Zumindest, das heisst: fast! Er heisst Rimbaud-Beau…“ – „Und liebt er dich auch, fast, dieser Rimbeau-Beau?“ – „Naja, besuche ich ihn, füllt er mich am liebsten mit Rotem ab. Er lebt wie ein Mönch, nur von Reis und von Wein. Fast fällt er von den Kleidern. Dabei redet er in Weltschmerz und zynischen Sprüchen, zärtlich über böse Philosophen und verachtend über schwangere Frauen. Aber immer mit so zuckerblauen runden Augen.“ – „Und auf so einen Arsch stehst du?“ – „Aber nein doch. Oder vielleicht, theoretisch. Ein bisschen, aber doch nicht wirklich! Du musst wissen: so einem Eisigkalten kann ich mich praktisch nicht hingeben, ohne zu zerbrechen! So einen Heisskalten kann ich nicht küssen, real, ohne dass mir ein anderer, ein Warmer, dabei hilft, nachher, wieder auf die Beine zu kommen im irrealen Leben!“ – „ Aha!“ – „Im Übrigen habe ich es schon getan!“ – „Was?“ – „Ich bin zerbrochen.“ – „Schade… “ – „Und weisst du, was er jetzt dafür verlangt?“ – „Verlangt, wofür? Dass du mit ihm geschlafen hast?“ – „Aber nein! Dafür, dass ich ihn geliebt hab!“ – „Ach so!“ – „Ja! Eine Quittung! Eine Bestätigung, einen grausamen Beweis, für etwas, das nachträglich niemals quittiert werden kann! Kann Liebe denn in so etwas Kleines wie Worte gegossen werden, das frag ich dich? Kann man sie fangen und anbinden an Worte, Tillchen?!“ – „Vielleicht will er einfach wissen, woran er bei dir ist?“ – „Woran er bei mir ist? Nun kommt es noch besser! Nur, weil er es nicht fühlen kann?“ Sie schnaubte. „Also du würdest das nie wissen wollen, woran du bei mir bist. Das läge gar nicht erst in deinem Interesse. Wie du überhaupt kein Verlangen hättest, insgesamt, irgendetwas weit daher Geholtes wie einen Beweis von mir zu verlangen! Sag, willst du so etwas alltägliches Kleines und aussergewöhnlich Grosses wie mein bester Freund werden?“ – „Ich glaube, du überschätzt mich.“ – „Nein, es bist du, der sich unterschätzt. Und ich finde das süss. Keine Angst, ich werde dich nicht überfallen! Du gefällst mir nicht so, dass ich für dich oder mich unsere beiden Leben in Gefahr bringen würde. Aber ein klein wenig, das muss ich zugeben, lockt es mich doch, ich könnte dich machen, ich könnte Pech und Schwefel und Gold in die hinunter lassen, und du würdest mich nicht aufhören, zu lesen, versuchen, mich zu verstehen …“ – „Jetzt doch?! Küssen? Obwohl ich dir nicht unbedingt gefalle? Ist das nicht ein Widerspruch? Also das verstehe ich jetzt nicht!“ – „Aber das macht doch nichts! Ist doch auch nicht dein Fachgebiet, dein Thema. Schwebst quasi über den Sachen, wie ein Herr der Schöpfung über den Sachen schwebt! Kannst dein eigenes Leben auf eine schnurgerade Linie zurückführen, dein Kleines, das vom Inneren abstammt, vom Grossen, historischen logisch ableiten, was? Ich aber habe nichts zum Ableiten! Verstehe mich ja selbst nicht! Drum versprich mir nur eins! Sollte ich den dummen Versuch machen, dich in einem unüberlegten Moment zu küssen…“ – „Ich gebe ungern Versprechen ab…“

Und so ging es weiter, in diesem Takt. Ich will das jetzt nicht weiter ausführen. Wie gesagt, ich war damals noch nicht ich geworden. Eine, die ich kenne, hat ihn geküsst, Dummerchen. Ich an ihrer Stelle hätte es nicht getan. But I say Amen to that. Kenne ich sie wirklich?

(ich kenne eine, kap.2, Glaubenssatz, ca. 2010 gelebt ca 2014 gestorben. Was meine ich damit? Dass ein Text für einen Autor nicht ewig lebt. Normalerweise löst sich der Autor von seinem Text, wenn er diesen publiziert, meistens bei einem Verlag. Ist dies nicht möglich, wie bei mir, ist es schwierig, sich von einem Text zu lösen, besonders, wenn der Text Teil eines grösseren Ganzen sein soll, das noch gar nicht ganz da ist. So sterben Teile eines „Romans“, während andere noch leben. Einige Teile gehören nicht mehr zu mir, sind lange schon vorbie, während ich in andern noch lebe, meistens in jenen, die noch in Arbeit sind. Aber das sind ebenfalls Teile, die kein Leben haben können, da nur ein fertiger, publizierter und in Buchform umgestaltete Arbeit ein Leben bekommt, jenseits des Virtuellen.)

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