Glaubenssatz, Blindbewerbung (das Filmbuch)

(17.10.21)

‚Guten Tag, haben Sie Lust, eine knappe Mitdreissigerin für zirka vierzehn Stunden pro Woche bei sich einzustellen? Ich will gleich zur Sache kommen, und nicht lang um den heissen Brei reden: am besten bieten Sie mir eine Arbeit, die ich mit Lust verrichten kann. Mich einzuschätzen fällt mir nicht schwer, denn ich habe lange über mich nachgedacht. So würde ich mich als eigenwillige und ehrgeizige Persönlichkeit mit guter Präsenz, aber kläglicher Konstitution beschreiben. Meine Menschenkenntnis ist fein, mein Erscheinung sauber, und mein Allgemeinwissen könnte ausgebaut werden, mit anderen Worten: ich kann sehr gewinnend sein! Würde ich zu Übertreibungen neigen, könnte ich spontan sagen: Fördern Sie diesen verschlossenen menschlichen Tresor auf eine sensible und unbezahlbare Art, und Sie werden es nicht bereuen! Meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es klappt, kann ich natürlich trotzdem nicht. Erstens bin ich auch nur ein Mensch, und zweitens bringe ich ja die nötigen Problemchen mit. Warum sonst würde ich mich hier bewerben? Dies ist eine Stelle für Leute mit Handikapé, und bei einer Anstellung ergibt sich für Sie daraus ein finanzieller Vorteil. Ich schlage daher vor, dass sie mich am besten persönlich einladen, falls Sie Lust haben, mich kennenzulernen. Denn wenn Sie versuchen, mein Vertrauen billig zu erkaufen, handeln sich womöglich nur ambivalentes Verhalten und Ungewissheit ein. Gewinnen Sie mein Vertrauen mit Hartnäckigkeit und Geduld, in Ruhe, und Sie gewinnen auch einen Menschen! Natürlich haben Sie es letztlich auf meine Produktionskraft abgesehen. Meiner Meinung nach können Sie diese bei mir aber nur anzapfen und gewinnen, wenn Sie mich zuerst als Mensch gewinnen. Gelingt Ihnen das nicht, bin ich eher nicht fähig, meinen eigenen
Menschen hinter mir zu lassen und mich in den Dienst des Erwerbs zu stellen. Mein eigenes Menschsein stellt sich mir dann in den Weg, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wie bereits angedeutet, wurden bei mir Abweichungen von der Norm vorgefunden, die man dann durch ein Rentenverfahren in zwei separaten Diagnosen psychiatrisch verschlüsselte. Angelegt wurden diese Abweichungen meiner Meinung nach aber wahrscheinlich schon viel früher; und zwar unter anderem in fixen, unumstösslichen Bildern, die ich mir als Kind von meinem Leben machte, im Austausch mit der Welt, in die ich ganz zufälligerweise hinein wuchs: „Ich will später einmal etwas Grosses, Ureigenes tun! Etwas, von dem nur ich weiss, wie es geht, so dass mich keiner in meiner Arbeit bewerten kann!“ So meine Überzeugung als Kind. Gleichzeitig verschwendete ich als junges Mädchen an meine berufliche Zukunft, als es soweit war, auch nicht einen einzigen Gedanken zuviel. „Zur Not“, fand ich, „…bin ich durchaus auch etwas ohne Beruf oder aber mit einem dummen kleinen Aushilfsjob, allein dadurch, dass ich bin!“

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein kleines, hoch feinfühliges Schulmädchen mit schlechten Schulnoten und null Selbstbewusstsein. Immer wieder sagt man Ihnen dass nur ein Job im untersten Erwerbssektor, ein dummer kleiner Job also, für Sie zukünftig zur Auswahl steht. Sie aber, und das ist die Krux, glauben, Sie sind einmal dazu berufen, etwas Ureigenes zu tun und eine andere, bessere Arbeit zu verrichten, als einen dummen kleinen Job. Diese fixe Idee haben Sie, ja, Sie werden durch diese fixe Idee regelrecht verhext! Und wie das bei fixen, verhexenden Ideen so ist, ziehen diese nach und nach einen Rattenschwanz weiterer fixer Ideen nach sich. Haben Sie all das verinnerlicht, nennt man das Glaubenssatz.

Ich fühlte mich zu einem x-beliebigen Brotjob nicht berufen, weil ich der tiefen Überzeugung war, dass ein Anderer den Job an meiner Stelle viel besser macht. Es liegt doch auf der Hand, so meine damalige Logik, dass ein Anderer, der sich zu einem x-beliebigen Job schliesslich berufen fühlt, mich, die ich meine Berufung in einem x-beliebigen Job nicht erkennen kann, konkurrenzmässig ausschaltet! Der Andere sieht in der Erwerbsarbeit mit grösster Wahrscheinlichkeit den ganzen Sinn seines Lebens, ergo macht er diese Arbeit auch viel besser, als ich, eben, weil es in meinem Leben noch etwas Anderes gibt, als nur den Job. Kann sein, dass es sich bei diesem Andern auch um eine Tätigkeit und somit gemeinhin auch um Arbeit handelt; mit dem kleinen Unterschied dass man diese wegen fehlender Wirtschaftlichkeit nicht als solche bewertet. Nur: und damit komme ich wieder auf die reguläre Arbeit zurück; warum soll eine Arbeitnehmende und also ich einen Job, der ein Anderer spielend macht, überhaupt erst machen, wenn ich diese Arbeit ja doch viel schlechter mache, während sie mich gleichzeitig auch noch viel mehr Kraft kostet?! Das macht ja keinen Sinn! So meine damalige Logik respektive Glaubenssatz. Ich bin ja nicht unersetzbar! Die Antwort lautet: weil ich muss!
Wenn Sie dieses Müssen jetzt so transportieren, dass es als einladendes Dürfen daherkommt, stehen Ihre Chance, mich für sich zu gewinnen, nicht schlecht. Erwecken Sie bei mir durch eine kluge Taktik den Eindruck, dass Sie mir eine Arbeit bieten, die ich genauso gut auf freiwilliger Basis verrichten könnte, weil sie unbedingt, unabhängig von jeglicher Entlöhnung, gemacht werden muss. Ich weiss schon, die meisten Arbeitnehmer benötigen einen gewissen Druck, damit sie ihre Arbeit gut und effizient machen. Bei vielen hilft sogar ein gehöriger Tritt in den Hintern! Unterlassen Sie diese Massnahme bei mir. Sie handeln sich damit nur Ärger ein und erreichen die nötigen Resultate doch nicht. Ich bin nicht fähig, eine Tätigkeit zufriedenstellend zu erledigen, wenn man mir dabei pedantisch auf die Finger blickt oder mich sogar in den Hintern tritt, damit ich meine Arbeit noch besser und effizienter mache. Genausowenig sollte man mir sagen, wenn ich eine Tätigkeit schlecht oder aber, was durchaus gelegentlich der Fall sein kann, gut mache. Dies führt bei mir in der Regel nur dazu, dass ich meine Arbeit, die ich manchmal, unter grosser Anstrengung,
durchaus mittelmässig mache, hauptsächlich, schlechter mache, besonders, wenn die allgemeine Erwartung besteht, dass ich meine Arbeit ansatzweise ganz gut mache. Mache ich meine Arbeit aber schlecht, was vorkommen kann, streicht man mir das am besten gar nicht erst unter die Nase. Niemand weiss nämlich so gut wie ich selbst, wenn meine Leistung bei einer Arbeit nicht genügt. Ich will es nicht nötig haben, dass man meine Arbeit bewertet! Selbstverständlich muss ein Arbeitgeber seinen Arbeitnehmer auf seine Fehler aufmerksam machen. Ich ziehe es aber vor, so unbemerkt wie möglich durch eine Hintertür zu verschwinden, wenn Sie mir sagen, meine Arbeit sei schlecht. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man meine Leistung nie direkt mit der Leistung eines Andern vergleicht. Und zwar unabhängig davon, ob ich die Aufgabe lösen kann oder nicht, mich dazu eigne oder nicht, begabt bin darin oder unbegabt. Die Aussichten auf ein akzeptables Resultat stehen bei mir im Schnitt sicher höher, wenn ich für die gestellte Aufgabe unbegabt bin als begabt, oder als wenn ich sogar heimlich glaube, ich wäre vielleicht dafür begabt, ein Irrtum von dem ich spätestens seit meinem schulischen Auftritt als König Belsazar kuriert bin. Das kam so: damals (etwa in der achten Klasse) wollte ich einen extravaganten, fantastischen König Belsazar abgeben, ja, ich wollte alle andern dreiundzwanzig Belsazar-Könige auf der Bühne schlagen, gab aber einen grotesken, wenn nicht sogar: den lächerlichsten aller Babylonienkönige ab! So kam es, dass ich immer weniger (Bühnen)Talent besass und mit der Zeit überhaupt keine mimischen und musischen Begabungen mehr, aus Angst vor dem Zusammenbrechen und Versagen. Was insgesamt ziemlich blöd ist, ich meine; den Ernst des Lebens mit einem Wettbewerb zu verwechseln…!

Aber sagen Sie das mal einem Kind! Nehmen wir mich, das Jeannekind. Als Jeannekind zur Welt schlüpfte, wollte sie dieses Leben mit viel Verspieltheit angehen. Doch die Erwachsenen, Lehrer, Erzieher, Eltern usw., wollten, dass Jeannekind dieses Leben bierernst angehe. So nahm der tödliche Ernst von Jeannekind mit jedem Jahr zu, während Jeannekind ihre heilige Leichtigkeit und
kindliche Verspieltheit mit jedem Jahr etwas mehr verlor. Jeannekind war schon ganz verstockt und verstört von all dem Überbiss, Bierernst, ja, Jeannekind hatte den poetischen, kreativen Umgang mit dem Leben schon fast ganz verloren, da trat etwas Unerwartetes ein: Jeannekind verlor zum ganzen falschen Ernst hinzu ihr körperliches Gleichgewicht an den Aberwitz der Symptome!
Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Leben; eines, in dem Sie bis zur Gurgel existieren und in dem Ihnen keiner sagt, dass Sie auch einen Körper haben, untendran, ein Umstand, der Sie möglicherweise betrifft, wenn sie in den technischen Achtzigerjahren gross geworden sind. Sowie ein anderes Leben, ein zweites, in dem Sie wieder sterblich sind, und in dem es für Sie vielleicht bereits für Alles zu spät ist. Beim ersten Leben sind Sie ein Kind, und es ist Ihnen die Unschuld des Blicks und der Wahrnehmung geschenkt, beim zweiten Leben sind Sie ein Erwachsener, und Sie kriegen Ihre Sterblichkeit wieder, verfrüht, vielleicht, aber gegen ein kleines Stückchen Freiheit respektive Unschuld Ihres ersten Lebens. Aber, so müssen Sie sich im Lauf der Jahre Ihres Zweitlebens fragen, was ist das für eine Freiheit, die Sie dazu zwingt, nach und nach alle Stressoren aus Ihrem Leben zu verbannen, Wettkämpfe nur noch per Fernseher zu schauen, doch sogar dabei gerät Ihr Herz, die dumme kleine Pumpe und eigentliche Voraussetzung für jede Ihrer Bewegungen aus dem Takt?! Sicher, Sie sind jetzt, als Vierunddreissigjährige, wieder sterblich, im Gegensatz zu Zeiten des Kinderernstes, Sie können jetzt den dummen kleinen Witz des Lebens wieder sehen! Sie wissen das Leben jetzt wieder zu nehmen und zu schätzen, als das, was es ursprünglich war: ein dummes kleines Spiel, ein vergnüglicher Zeitvertreib, weiter nichts! Da sitzen Sie mit Ihren knappen vierunddreissig Jahren, der wieder gewonnenen, richtigen Glaubenseinstellung, den selbstgebastelten Glaubenssätzen, mit ihrer F.45.0 und ihrer F.60.31nach dem ICD-Katalog berentet allein daheim und wollen sich mit ein bisschen künstlicher Aufregung, Vierschanzenspringen, Olympiade, Vancouver, vielleicht nur ein klein wenig auf Ihren ereignislosen Tag als Rentnerin einspielen…! Als es, gleich bei der Startnummer Zehn der letzten zehn Besten, passiert respektive kracht: ein Bigeminus! Vielleicht sogar ein Trigeminus! Ihr Herz fällt massiv aus dem Takt!—

Aber natürlich behauptet Ihr Hausarzt, Doktor Schlappach, zu dem Sie wohl oder übel laufen müssen, zwei Häuserreihen weiter, Ihr Herz sei wegen dem Vierschanzenspringen, namentlich; den olympischen Winterspielen in Vancouver so aus dem Takt! Und also wegen Ihrer Wettbewerbsangst im Rahmen Ihrer Diagnosen F.45.0 respektive F.60.31! So wimmelt Ihr Hausarzt, Doktor Schappach, zu dem Sie seit zehn Jahren wohl oder übel jeden zweiten Tag laufen müssen, versteht sich, Ihr Hausarztpapi, Ihre Bitte nach einem Termin in der kardiologischen Sprechstunde einfach ab. Und er rät Ihnen stattdessen, Ihre Wettkampfangst doch noch einmal mit Ihrem ehemaligen Therapeuten und also Ex-Shrink fürs Seelenheil, Flottmann Rambo, zu bereden. Was Sie aber für einen dummen Rat halten, weil Sie Ihrer Meinung nach diese Wettkampfangst ja gar nicht mehr haben, jetzt, wo sie Rente respektive F.45.0/F.60.31 haben. Die Krux ist; Sie sind als Rentnerin von all Ihrem Stress suspendiert, Sie leben jetzt wieder im bestmögliches Leben, vielleicht sogar in Ihrem ersten und also Kinderleben; mit dem kleinen Unterschied, dass Sie jetzt kein Kind mehr sind, das alles tödlich ernst nimmt, sondern ein Krüppel, geschlagen vom Aberwitz, aber auf der Suche nach dem nötigen, autonomen Seelenfrieden! Und darum (und aus anderen, menschlichen Gründen) sehen Sie auch keinen Grund, noch einmal zu Ihrem ehemaligen Therapeuten, Flottmann, Rambo, zu gehen und Ihre Wettkampfangst noch einmal mit Ihrem Ex-Therapeuten, Flottmann, Rambo, zu bereden! Sollen Sie etwa zu Ihrem ehemaligen Therapeuten gehen respektive Ex-Shrink und mit ihm etwas bereden, das einmal gewesen ist und somit gar nicht mehr existiert in Ihrem Leben?! Das wäre ja nicht sonderlich effizient! Oke, Ihrem Shrink respektive ehemaligen Psychiater macht es vielleicht nichts aus, die Dinge noch einmal nach Lust und Laune zu bereden, für ihn, Ihren Ex-Shrink, ist das Bereden von Problemen gegen Entgelt ja vielleicht nach wie vor nur ein dummes kleines Spiel, etwa so, wie das Vierschanzenspringen in Vancouver, die Olympiade im Fernsehen, für Sie nur ein dummes kleines, einigermassen vergnügliches Spiel ist!

Wie oft habe ich meinen Aberwitz und also meine physischen Symptome mit meinem Ehemaligen-Shrink in den letzten Jahren doch beredet! Suchte, redete, suchte nach den möglichen psychischen Ursachen dieser Symptome! Die Symptome werden verschwinden, so dachte ich lange Zeit sogar, wenn ich nur lange und hartnäckig genug darüber rede. Wenn ich über meine Symptome lange und hartnäckig genug rede, dann ist das wie eine Gehirnwäsche und wäscht meine Symptome einfach weg! So habe ich gedacht. Aber auch dadurch, dass ich ständig über meine Symptome redete, in dem ich mich selbst der Gehirnwäsche versuchte, zu überführen; in der Praxis und bei meinem Ex-Shrink, Rambo Flottmann, sind diese Symptome dann doch niemals verschwunden. Ignorierte ich ergo die Symptome und redete stattdessen einmal über ein anderes Thema während der Praxissitzung, indem ich zum Beispiel über den Mann, meinen Ex, besten Freund, Kumpel, der ja zu all dem hinzu auch meine beste Freundin war, redete, oder sonst über irgend ein Mann, ja, gerade auch da, wenn ich einmal über meinen Platonischen redete und dem Shrink zum Beispiel von meinen kleinen Problemchen erzählte, nämlich; dass ich, statt meines Ex und besten Freundes, meiner besten Freundin etc. respektive meines Platonischen einen ganz andern Mann begehrte; irgendeinen Mann, zum Beispiel; also, wenn es letztendlich thematisch um einen Mann ging: Am Schluss ging es dann doch immer wieder nur um die Symptome! (Tschuldige, dieser Satz ist ziemlich lang, aber nach etlichen misslungenen Entwürfen, sehe ich mich ausserstande, ihn zu kürzen.) Die Krux ist: Verliebte ich mich zum Beispiel in einen Mann, verstärkten die Aufregung und Anziehung durch den Mann bei mir ja doch nur die Symptome!

„Und Sie gehen also nach durchgemachter Nacht in die Stadtbibliothek, nur um ein wenig in der Nähe Ihres Lebenspartners zu sein?“, hat mich Ex-Shrink während einer meiner letzten Therapiestunden gefragt. Ich habe gesagt: „Ja genau! Meistens sitze ich dann an einem kleinen Schmuddeltischchen im Untergeschoss der Cafeteria versteckt hinter einer grossen Zeitung.“ – „Sie warten auf ihn?“, wollte mein Ex-Shrink wissen und kritzelte wie üblich etwas in seine Agenda. „Nein. Ich stelle mir bloss vor, wie er zwei Stockwerke über mir an der Entzifferung eines mehrbändigen, ja, tausendseitigen Geschichtsbuches büffelt und sich seine Augen an einer winzigen Kurrentschrift ruiniert.“ – „Ach so.“ – „Was meinen Sie mit ach so, Herr Flottmann?“ Mein Ex-Shrink legte seinen Stift zur Seite. „Ich meine respektive schliesse aus Ihrer Aussage, dass Sie die Nähe Ihres Partners zwar aufsuchen, ihn aber gleichzeitig auf Distanz halten, in dem sie ihn nicht darüber unterrichten, dass Sie bei ihm sind, warum?“ – „Richtig gemeint, Herr Flottmann!“, triumphierte ich. „Wüsste er nämlich, dass ich in seiner Nähe bin, würde er seine Arbeit sofort liegen lassen und mir unten in der Cafeteria Gesellschaft leisten!“ – „Und das ist Ihnen unangenehm?“ Mein Ex-Shrink überschlug sich die Beine, die wie immer in einer erstklassigen Töffleder-Montur steckten. „Naja, Sie müssen das so verstehen: wenn ich zwischen mir und meinem Ex, der ja gleichzeitig mein bester Freund, mein bester Kumpel und meine einzige Freundin sowie mein ehemaliger Platonischer ist, diese künstliche Distanz erschaffe, mache ich dies nicht aus Spass. Im Gegenteil, ich will damit vermutlich rein unterbewusst testen, ob er nicht doch mal wieder all dem hinzu, was er bereits für mich ist, mein Liebhaber werden könnte! Wir wären uns dann immerhin beide Alles!“ Sagte ich und Flottmann pfiff ein wenig durch die Zähne. „Und Sie glauben nicht, dass Sie Ihrem Partner mit Ihren Spielereien Leiden zufügen?“ – „Meinem Ex, Herr Flottmann!“ – „Ja, Ihrem Ex…“ Er griff wieder nach der Agenda, während ich noch nach einer Erwiderung suchte. „Abgesehen davon sehe ich in dieser künstlichen Distanz, die ich zwischen mir und meinem Ex schaffe auch eine arbeitstechnische Massnahme… und das ist keine alleinige Spielerei. Oder wie sehen Sie das?“ Diese letzte Frage stellte ich ein wenig unterkühlter. Flottmann liess sich dadurch wie üblich nicht aus der Ruhe bringen. „Ich sehe, dass wir es hier mit einem klassischen Nähe-Distanz-Problem zu tun haben. Seit vielen Jahren erzählen Sie mir davon, wie unbedingt Sie Ihren Freund verlassen wollen…“ – „Meinen Ex-, Herr Flottmann, meinen Ex …!“ – „Ja, Ihren Ex, von dem Sie mir gerade sagen, wie gerne Sie mit ihm wieder in einer Liebesbeziehung wären. Wie viele Jahre erzählen Sie mir jetzt schon von Ihrem gemeinsamen Provisorium, in dem allein Sie das Sagen haben, Ihrem treuen Freund nach Lust und Laune mal engere, dann weitere Grenzen stecken, in dem Sie ihn einmal als Platonischen, dann als beste Freundin und schliesslich sogar als Verflossenen bezeichnen. Aber immer sind Sie gerade dabei, ihren Freund zu verlassen…“ – „Ich? Meinen Freund, ähh, Ex-Freund verlassen?“, hab ich ausgerufen. „Wann soll ich gesagt haben, dass ich ihn, meinen besten und treusten Freund, gerade verlasse!? Und habe es auch getan?! Also bisher habe ich ihn noch nie verlassen, das müssten Sie eigentlich wissen! Ich meine, ich verlasse doch einen netten Menschen, der mich liebt, und den ich vor langer Zeit aufgehört habe zu küssen, nicht einfach so und schon gar nicht ein zweites Mal!? Verlassen Sie Ihre geliebte Ex etwa, nur, weil Sie sie nicht mehr, so Gott will, durch allen Äther hindurch schmecken können? Ich bin ein sehr, sehr treuer Mensch, Herr Flottmann!“ – „Nun ja“, meinte Flottmann heiter: „Es gibt natürlich Konflikte in einer Beziehung, die eine Trennung zwischen zwei Menschen zwingend machen. Das von Ihnen erwähnte Beispiel zähle ich nicht unbedingt dazu.“ – „Nicht?! Was denn sonst?“ Flottmann erhob die Stimme. „Von einer Seite ausgehendes, andauerndes fehlendes Vertrauen, zum Beispiel.“ – „Ach so! Also nein, Vertrauen, das hab ich in ihn!“ – „Sind Sie sich da so sicher? Was auch immer Vertrauen für Sie bedeutet: es müsste daran gearbeitet werden, denn Ihr Muster bleibt sich immer dasselbe!“ – „Mein Muster? Ich habe ein Muster? Was wäre das?“ – „Da Sie nicht wissen, was Vertrauen ist, können Sie Ihren Freund respektive Ex-Freund nicht begehren. Sie haben sich ihn ausgesucht, weil er für sie treu wie ein Hund ist. Mit jeder seiner Annäherungen kommt er Ihnen jedoch zu nahe. Denn mit jeder seiner Annäherung erinnern Sie sich daran, dass Sie nicht frei sind, wie Sie es sein möchten, sondern abhängig. Und zwar von Ihrem Freund respektive Ex-Freund. Also machen Sie sich auf die Suche nach anderen Männern, mit Vorliebe nachts und in Spelunken.“ Ich gähnte. „Aber das ist doch längst vorbei, Flottmann! Damals war ich doch noch eine fatale Frau!“ Flottmann überging diese Bemerkung. „Diese Männer wollen Sie nehmen und sich ihnen hingeben, schaffen das aber nicht, da Sie wegen Ihrer Angst vor Nähe und ihrem fundamentalen Mangel an Selbstvertrauen auch keine Nähe zu Männern zulassen, denen Sie vollkommen fremd sind. In solche Männer haben Sie kein Vertrauen. Diese Männer müssten Ihr Vertrauen schon erst durch aufwändiges, hartnäckiges Bemühen gewinnen und immer wieder von Null auf neu unter Beweis stellen. Ohne diese komplette Sicherheit und Hingabe von der Seite eines Mannes können Sie sich nicht mit ihm einlassen, obschon es genau das ist, was Sie sich eigentlich wünschen: sich einem Mann hingeben, der Ihnen genau diese Sicherheit und Hingabe nicht geben kann und den Sie darum verachten…“ – „Sie meinen, es wird nie einen fremden Mann geben, der fähig ist, mir diese Sicherheit und Hingabe zu geben, innerhalb eines Augenblicks, die ich brauche, um mich ihm hinzugeben?!“ Ich war in dem Moment wirklich sehr, sehr zerschlagen. „Sie müssen wissen, es gibt für mich immer nur einen Moment, ein kleines Zeitfenster, in dem sich alles und nichts für mich entscheidet! Im nächsten Augenblick kann es schon vorbei sein, und ich muss Reissaus nehmen wegen der Symptome!“ Rambo Flottmann überkreuzte die Beine und sagte: „Ja, Sie müssen Reissaus nehmen, aber nicht wegen Ihrer Symptome. Ihre Symptome sind nur eine seelische Katharsis, mit denen Sie sich von der Schuld Ihres Lotterlebens befreien. Tief in Ihrem Innern sagen Ihnen die Stimmen Ihres Vater und Grossvaters, zweier grundsolider Menschen, dass Sie etwas Falschen tun, wenn Sie einem abenteuerlichen Spass nachgeben, ohne vorher etwas dafür geleistet zu haben! Auch wissen Sie ganz genau, dass es moralisch nicht richtig ist, Lust ungezügelt nachzugeben!“ Rambo Flottmann, mein Ex-Shrink kam mir etwas altmodisch vor. Da er jetzt auch noch einen Blick auf die Uhr warf, sagte ich scharf: „Interessante Deutung, die Sie da haben! Vieles kann ich nur bejahen, mit Ausnahme des Schlusses. Der Grund, warum ich mich mit diesen fremden, von mir begehrten Männern nicht wirklich einlasse, ist nicht, weil ich einen läppischen Spass, der mich vor Überwältigung zum Weinen bringen würde, nicht verdient habe, sondern weil ich, bevor es dazu kommen könnte, diese verdammten Symptome habe!“ – „Nein! Ihre Symptome haben Sie nur, um sich zu bestrafen!“ – „Bestrafen, mich?!“ Ich muss etwas laut geworden sein. „Jetzt kommt es ja noch besser! Warum sollte ich so blöd sein und mich auch noch bestrafen, wo ich doch bereits durch die Symptome allein genug gestraft bin?! Nein, Herr Flottmann, so lasse ich mich nicht von Ihnen abspeisen. Nicht nach so vielen Jahren! Was steckt Ihrer Meinung nach als geschulter Psychiater wirklich dahinter?“

Da sagte Rambo Flottmann mit unbeteiligter Stimme, eine Diagnose stecke dahinter, und zwar die Diagnose F.45.0 respektive F.60. 31 nach dem ICD-10-Katalog, wobei die F.45.0 im Prinzip aus der F.60. 31 hervorgehe. Die F.45.0, die sogenannte Somatisierungsstörung, erklärte Flottmann sei im Prinzip nur die Folgestörung der primären Störung; namentlich: der Borderline-Persönlichkeitsstörung vom Typ emotionale Instabilität. Beide Störungen aber, die F.45.0, Somatisierungsstörung sowie F.60.31, Persönlichkeitsstörung vom Typ emotionale Instabilität seien im Prinzip ein und dieselbe Störung, und sie würden also direkt aus meiner Persönlichkeit hervorgehen. Aus meinem Fühlen, Denken, Handeln, meiner Art, die Welt zu sehen, aus meinen Glaubenssätzen, kurzum: aus meiner Art, zu sein! Gesetzt aber, dies ist der Fall, folgerte ich, während ich mit dieser Nachricht zum letzten mal von Flottmann abging, dann ist ja an der Art, wie ich fühle, denke, handele, die Welt sehe, an der Art, wie ich bin, etwas falsch! Die Gründe, die zu meinen Symptomen respektive meinen Diagnosen führten, falsche Gefühle, wie die Diagnosen, die zu meiner falschen Persönlichkeit führten, lediglich falsches Verhalten aufgrund falscher Gefühle sind! Die Arrhythmien, Orthosthasen und Synkopen wegen denen ich jahrelang und erst kürzlich Schlappappi aufsuchte ebenso ein falsches Gefühl respektive falsches Verhalten wie auch die Sehstörungen und Taubheiten, wegen denen ich erst gerade neulich den Neurologen dieser Stadt besuchte, ein falsches Gefühl beziehungsweise faules Verhalten wäre!!! Aber und das ist die Krux: geschah es wirklich aus einem falschen Gefühl, dass ich den Neurologen dieser Stadt aufsuchte und ihn bat, er möge doch einmal wieder ein ordentliches Spect Scan von meinem Gehirn machen, neulich? Eine Bitte, die mir mein Neurologe sofort ausschlug, mit der Begründung, übrigens, dass von meinem Gehirn bereits zwei, bis auf einige unerklärliche Läsionen, einwandfreie Tomographien bestünden. Aber ob ich in der letzten Zeit einmal mein Herz untersucht respektive ein Durchblutungsproblem ausgeschlossen hätte? „Mit dem Herz ist leider alles in bester Ordnung!“, pfiff ich da leise und bedeutsam durch die Zähne. Worauf der Neurologe fragte: „Und warum sind Sie sich da so sicher?“ – „Meine Arrhythmien kommen von der Aufregung!“ – „Und welcher Trottel behauptet das?“ – „Mein Hausarzt, Doktor Schlappach!“ An dieser Stelle wandte sich der Neurologe ab und griff zum Telefon. Ich glaube, ich zählte unterdessen hundertzwanzig Pulsschläge an meinem Handgelenk, da war die Rücksprache mit dem Kardiologischen Institut beendet. Ja, mit meinem Herzen sei, einmal abgesehen von ein paar ventrikulären und supraventrikulären Arrhythmien, alles in bester Ordnung, dies könne der Kardiologe am Telefon so bestätigen. Sagte der Neurologe. Der Kardiologe, sagte der Neurologe, aber lasse fragen, ob ich das Schilddrüsenprofil, zu dem mir der Kardiologe noch während der Kardiologischen Sprechstunde riet, nun eigentlich erstellt habe? „Zwecks Ausschluss eines hormonellen Problems soll der Kardiologe Ihnen diese Untersuchung dringend ans Herz gelegt haben!“, zitierte der Neurologe den Kardiologen, worauf er erneut auf seinem Drehstuhl herumsauste. Die riesige Patientendatenbank aufgeklappt, suchte er nach dem endokrinologischen Rapport auf meinen Namen, fand aber stattdessen einen Bericht aus dem Schlaflabor. Die REM-Phasen der Patienten seien auffällig verkürzt, hiess es darin. Das sei aber nicht weiter auffällig, besonders bei Patienten mit psychiatrischen Vorbelastungen komme dies vor, weswegen man am ehesten ein Schlafförderndes Antidepressiva, aber in jedem Fall den Gang zum Psychiater empfehle. „Ach soooooo!“, rief der Neurologe an dieser Stelle erleichtert aus, ergriff meine Hand und wünschte mir für die Zukunft Alles Gute. Ich wäre aber nicht ich, wenn eine solche Sprechstunde einfach auf mir sitzen gelassen hätte. Schnurstracks lief ich zu meinem Hausarzt, der die unauffindbaren endokrinologischen Resultate schliesslich besitzen musste. Sichtlich erfreut, mich so schnell wieder in seiner Praxis anzutreffen, zog er mich in sein Sprechzimmer, bat mich, Platz zu nehmen und wollte wissen, ob ich den grossartigen Siegensprung von Simon Ammann nach dem kleinen Zwischenfall, neulich, noch gesehen hätte. Oh, ja, schwärmte ich da drauf los, während ich beobachtete, wie Schlappach nach meinem fetten Krankendossier griff und langsam eine Seite nach der andern umblätterte. Ich sei gerade aus der Praxis von ihm, Schlappi, gestürzt, erzählte ich, und bei mir daheim im Wohnzimmer angekommen, da habe der Skispringer mit der Startnummer Zehn schon mit schlenkernden Armen in der Luft gehangen. Leise wie Watte habe er seinen Senkflug begonnen, da sei oben beim Starthäuschen schon der nächste Skispringer mit der Startnummer Neun in die Hocke, diesen, den vorhergegangenen Sprung zu überspringen. Immer derjenige Springer, welcher auf den nächsten folgte, sei noch ein bisschen höher, noch ein bisschen weiter gesprungen. Bis am Schluss einer gekommen sei, der Letzte, mit der Startnummer Eins, und der habe sie alle überflogen. Wie er ins Ziel einfuhr, die neongelben Skier wie eine hoch aufgeschossene Geliebte in seinem Arm, und sagte, dass nächste Jahr werde er noch höher, noch weiter springen mit seinen Skiern; raubte ihr dieser Anblick fast den Atem. „Haben Sie meine verdammten Schilddrüsenresultate nun endlich gefunden?!“ – „Welche Resultate?“, wollte Doktor Schlappach sanft wissen. Und weil mein Krankendossier zu diesem Zeitpunkt wirklich schon relativ dick war, flogen durch die Luft auch ein paar Blätter. „Die Resultate des Endokrinologen, zu dem mich der Kardiologe geschickt hat, zu welchem mich der Neurologe schicken wollte, nachdem mich der Endokrinologe zum Somnologen schickte, worauf mich dieser zum Psychiater schickte, folglich ich stattdessen zum Neurologen ging, da ich nicht zum Psychiater gehe, aus Prinzip, weil der mich ja doch nur wieder zu Ihnen schickt, obschon der Neurologe, in dessen Augen Sie ein Trottel sind, haben Sie gehört, Herr Schlappach, das hat er mir gesagt, mich zum Kardiologen schicken will, weil vielleicht mit meinem Herz etwas nicht stimmt!“ – „Ah!“, machte Hausarzt Doktor Schlappach da lachend und faltete über meinem lädierten Krankendossier seine weissen, schmalen Hände. „Daaaas! Ja, mit Ihrem Herzen ist alles in bester Ordnung! Aber Frau Stürmchen, haben Sie meinen Rat nun eigentlich befolgt, und Ihre Beschwerden mit meinem werten Kollegen Flottmann noch mal beredet?“ Und er fing wieder mit der alten Leier an, ich solle doch wieder zu meinem Ex-Shrink gehen und mit ihm meine Leistungsangst im Rahmen der F.60.31 respektive 45.0 noch einmal bereden. Aber das werde ich nicht tun, noch eher mache ich meinen langjährigen Hausarzt Schlappach zu einem Ehemaligen, das schwör’ ich! Habe ich meinen Ex-Shrink und Psychiater, einen ziemlich peppigen Moppel von Mopedzwerg zu einem Ehemaligen gemacht, schaffe ich dasselbe auch noch mit meinem zahmen Hausarztpappischlappi! Besonders, wenn dieser meine Krankengeschichte nicht im Griff hat, was offensichtlich der Fall ist! Ich soll meine fiktive Wettkampfangst noch einmal bereden, nur, weil einer auf Brettern in der Luft hängt! Ein Skispringer namens Ammann hängt auf zwei Brettern in der Luft. Ok. Na und! Ich bin es ja nicht, die da in der Luft hängt! Und darum ist das Vierschanzenspringen für meine Herzrhythmusstörung, ist die Olympiade in Vancouver für meine F.45.0 respektive F.61.30 auch nicht der Grund …! Soll ich etwa zu meinem Ex-Shrink gehen und mit ihm über Probleme reden, die in meinem Leben nur Sekundärprobleme sind?! Wie oft habe ich während der Sitzungen mit meinem Ex-Shrink über meine tiefsten Gefühle und präzisesten Wahrnehmungen geredet. Aber auch da, wenn ich einmal über mich selbst oder sogar meine Obsession, das mir Intimste und
Kostbarste: das Ureigene, die Berufung respektive den Unberuf redete; ging es meinem Ex-Shrink denn überhaupt jemals um meine Probleme? Ging es ihm darum, dass es mir gelingt, auch ohne diese Probleme, von denen ich übrigens irgendwie denke, dass sie das Leben sind, zu leben? Im Endeffekt ging es dem Ex-Shrink ja doch nur darum, dass ich so schnell als möglich wieder in einem Job oder zumindest in einem Nischenjob als versorgtes, sprich: abgetauchtes Mitglied innerhalb dieser Gesellschaft lebe! Während es mir doch darum ging, wie ich ganz einfach in einem Job und also in dieser Gesellschaft, mit dem Ex und dem Mann, der Aufregung durch den Mann, der Berührung durch den Mann, der Berührung durch alle andern sinnlich erfahrbaren Dinge, dem Ureigenen und den Symptomen usw. usf., in dieser Welt lebe!

Ich bin schon eine ziemlich rigorose, jedoch zielstrebige und ehrgeizige Persönlichkeit, finden Sie nicht? Ob das jedoch reicht, sich gegen andere Bewerber durchzusetzen, um mal wieder auf das eigentliche Thema zurückzukommen, kann ich natürlich nicht sagen. Entscheiden Sie sich gegen mich und erteilen mir eine Absage, nehme ich Ihnen dies aber bestimmt nicht persönlich. Schliesslich gibt es immer Tausende und Abertausende, auch unter den Menschen mit sogenanntem Handicapés, die alles besser können, als man selbst. Wenn ich sage, dass ich über eine Jobabsage von Ihnen nicht traurig oder gar verbittert bin, bedeutet das nicht, dass es mir mit der Blindbewerbung nicht ernst gemeint ist oder ich die Niederlagen, die ich im Leben einstecke, aus irgendeinem Grund nicht persönlich nehme. Gerade eine Diagnose wie die F.60. 31, Persönlichkeitsstörung, zum Beispiel, die nehme ich höchst persönlich! Ebenso, wenn mir jemand die Freundschaft quittiert oder Ihnen meine Nase missfällt, obwohl sie eigentlich relativ ansehnlich ist. Okay, ich denke zwar oft, dass diese Nase nicht perfekt ist, denn alles ist relativ, und es kommt immer auf die tägliche Perspektive und andere Faktoren an. Auf alle Fälle gibt es da vorne an der Spitze meiner Nase einen kleinen Buck, von dem ich spüre dass er mich als Ganzes unvollkommen macht. Und das muss ich fühlen! Diese Unvollkommenheit, dieses Urteil trifft mich höchstpersönlich! Aber doch nicht so etwas Unpersönliches und gewissermassen Beliebiges, wie eine Jobabsage!

Der Arbeitnehmer, tschuldige, wenn ich das sage, bindet von einer Bewerberin ja nicht das in seinen Arbeitsprozess ein, was die Bewerberin in Tat und Wahrheit zu bieten hat, ich meine, wenn die Bewerberin Pech hat, sondern er verlangt etwas ganz anderes, das sich jeder Angestellte auf Wunsch des Betriebs zuerst einmal aneignen muss! Früher ja, als ich noch ein Kind und junges Mädchen war, als Jeannekind, da nahm ich eine Absage noch persönlich! Schulberichte trafen mich in meinem ersten Leben, meinem Angstleben, zum Beispiel im Innersten, so sehr besass ich die dumme Angewohnheit, immer alles auf mich zu beziehen. Eine vielleicht nicht mal gerechte oder beliebig daher gesprochene Abweisung aus dem Mund eines Lehrers, Erziehers, Elternteils, Wichtigtuers, Unwissenden usw., all das traf mich höchst persönlich! Wie verhext, dass ich in der Schule alles besser machen wollte, als alle andern, bekanntlich dann alles viel schlechter machte, als jene, die ja alles nur ziemlich gut und meistens mehr oder weniger mittelmässig machten. Die, die alles mittelmässig oder ziemlich gut machten, wurden allgemein von den Mitschülerin und Lehrern für ihre Mittelmässigkeit und ihre Note „ziemlich gut“ geachtet, soviel stand fest. Den Mittelmässigen, damals, war es persönlich meistens ziemlich egal, ob sie eine Sache gut oder mittelmässig machten, es war ihnen nicht ernst damit. Ich aber konnte aus persönlichen Gründen nicht mittelmässig sein, sondern musste, weil ich schlecht war, alles zumindest gleich grossartig machen. Zumindest seit ich wieder sterblich war, und also über mehrere Jugendjahre hinweg, glaubte ich, ich sei etwas Besonderes, weil mein Körper näher am Tod gebaut war, als jener der anderen, die in der Regel wie Maschinen funktionierten, ergo waren sie sind auch nichts Besonderes. Denn wann waren Maschinen jemals etwas Besonderes? So mein Glaubenssatz! Maschinen können nicht verführen. Maschinen können nicht zauberhaft sein. Glaubenssatz! Nicht aus ureigenem Antrieb etwas erschaffen. Glaubenssatz! Maschinen sind unbeseelt, Glaubenssatz, und sie erinnern an die Kraft, die dem Sein das Leben aushaucht: an den Tod. Glaubenssatz. Soviel zu meinen Glaubenssätzen. Und das ist die Krux in meinem Leben gewesen: Ich wollte ein zauberhaftes Leben, wollte selbst zauberhaft sein und in allem, was mir begegnete, etwas Poetisches sehen. Wollte mit Leuten zuerst eine intime, persönliche Erfahrung teilen, dann erst das monotone und ausgelaugte Gefühl des Erwerbslebens! Das ausgelaugte Gefühl des Erwerbslebens, das Erwerbsleben überhaupt, erinnerte mich sonst nur an die physische Brüchigkeit und psychische Wurzellosigkeit des Lebens!

Sie können nicht zugleich arbeiten und den Tod fürchten, darin stimmen Sie sicher mit mir überein. Es sei denn, dass Ihnen die Arbeit mehr Lust, als Schmerz bereitet. Bereitet Ihnen die Arbeit mehr Lust, als dass sie Ihnen Schmerz bereitet, dann ist die Arbeit für Sie möglich. Und der Tod ist vergessen. Zumindest für die mich. Wenn mir die Arbeit aber mehr Schmerz verursacht, als das sie mir Sinn bereitet, dann ist diese Arbeit nicht möglich für mich. Unmöglich kann ich unter solchen Umständen je wieder arbeiten! Ich kann nur arbeiten, wenn die Arbeit für mich einerseits viel Sinn ergibt und mir andrerseits viel Lust bereitet, mir sehr viel Spass macht, mit anderen Worten, aber für mich keinen Sinn macht oder aber mir Schmerzen bereitet, wenn sie mir gleichzeitig wahnsinnig Lust bereitet, auch wenn sie dann keinen Sinn ergibt, aber auch das nur vielleicht. Nur unter diesen Bedingungen und Wechselwirkungen lohnt sich Arbeit für mich als handikapierte, arme teilberentete Bewerberin!
In letzter Zeit aber ist etwas Ungutes passiert und ich habe angefangen, mich in meine Arbeit, die keine ist, zu verbeissen. Eine Sinnkrise hat mich überkommen, weil mir diese Tätigkeit, immer weniger bedeutet. Ich rede übrigens vom Schreiben einer Arbeit mit dem Titel: Curriculum Absurdum, die für mein hiesiges Schreiben, die Blindbewerbung nicht weiter von Bedeutung ist. In dem Sinne kann es sicher nicht schaden, wenn Sie mich für ein paar Stunden pro Woche in einen Job sperren. Nicht zuletzt, werde ich dann wieder einmal spüren, was ich an einem kleinen, selbstverdienten Sackgeld, meiner fast grenzenlosen
Freiheit und meinen persönlichen Glaubenssätzen überhaupt besitze. Die meisten davon, fürchte ich, sind gerade im Begriff, sich aufzulösen. Oder bereits kaputt.
Was man nicht alles tut, um sich zu verkaufen!

Freundliche Grüsse, Jeanne Stürmchen‘
(aus meinem „Glaubenssatz S.38 bis 52, ca. 2014)

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