Glaubenssatz, 2010/12 – 2022

 

Glaubenssatz
MARION JEANNE SUTER (2010/12 – 2022)

 



 

Eins
2011: Intro/Poet Maudit
2010: Curriculum Absurdum

2012: Ich kenne Eine
2014: Blindbewerbung

 

Zwei
2016: Circulus Vitiosus

2018/19: Ende der Homöostase/ Running Gag

 

Drei

2021/22: Lockdown

         

SGME.ch: über Myalgische Encephalomyelitis/Chronic-Fatigue-Syndrom

 Nachwort

 

 

 

 

 

Eins

 

„When we speak the word „life“ it must be understood we are not reffering to life as we know it from its surface of fact, but to the fragile, fluctuating center which forms never reachs.“

Antonin Artaud


Intro/Poet Maudit

 

Mal wieder  beschleicht mich das Gefühl, als hätte mein Leben noch nicht begonnen! Sicher, dieses Gefühl wird verschwinden, wenn ich nur endlich mit meinem Curriculum fertig werde. Ich muss aber auch sagen, dass ich wegen der Arbeitsmassnahmen, die sie da draussen von mir abfordern, mit dem Schreiben nicht recht vorankomme. Knapp drei Jahre ist es nun her, dass ein physischer Zusammenbruch mein kurzes Erwerbsleben als Aushilfskraft bei der Buchhandlung Famulus beendete. Eine Kurzausbildung zur Kosmetikerin und Jobben in der Back- und Falzstube im ZEFA hat leider nicht zum nötigen Erfolg geführt. Seither reite ich zweimal wöchentlich am Zaum Hervars durch den Wald. Ziel und Zweck der Übung ist es, meinen Erdbezug zu festigen und das Vertrauen in meinen Körper zu stärken, so dass ich in absehbarer Zeit wieder regelmässig einer Arbeit ausser Haus nachgehen kann. Zumindest findet das mein Shrink, Rambo Flottmann. Obschon ich täglich ein bis zwei Stunden am Fluss marschiere, führt die zurückgezogene Lebensweise, die ich seit meinem Zusammenbruch pflege, seiner Meinung nach nämlich dazu, dass ich physisch mehr und mehr dekonditioniere. Diese Dekonditionierung hat bei mir offenbar dazu geführt, dass ich soziale Kontakte immer mehr meide und stattdessen daheim in meinen vier Wänden an meinem Curriculum Absurdum schreibe. Ich schreibe übrigens auf einem Servierboy mit goldigen Henkeln und Rollfüssen, auf dem sich schon mein Grossvater väterlicherseits seinen Braten vorfahren liess.

Die Geschichte dazu war so: Mein Grossvater väterlicherseits war von Beruf Buchhalter und halbberuflich Familientyrann. Er hat in zweiter Ehe meine blutjunge Grossmutter als Magd genommen und mit ihr fünf Kinder gezeugt, unter anderem meinen Vater, Hannes Friedrich und seine drei jüngeren Schwestern. Diese vier Kinder, mein Vater und seine Schwestern wurden von Grossvater, dem Tyrann und Buchhalter respektive Magdhalter, vor dem Abendessen jeweils ein wenig gezüchtigt. Wenn es sein musste mit der Rute! Ziel und Zweck der Übung war es, die Kinder, die alle einmal gute und solide Leistungen im Leben erbringen sollten – jedoch nicht zu gute und zu hohe! – an die Pflichten und Tugenden des Lebens zu erinnern: Ora ed labora! Mass und Disziplin! Sei pflichtbewusst und tüchtig! Dann aber, wenn mein Grossvater diese Pflicht erfüllt, die Kinder ausgepeitscht hatte, setzte er sich an seinen Tisch und rief nach seiner Frau und Magd: „Magda! Wo bleibt das Abendessen?! Du bist eine Minute und zwanzig Sekunden zu spät! Das ziehe ich dir vom Küchengeld ab!“ Worauf meine Grossmutter den dampfenden Sonntagsbraten vorfuhr, zwar auf dem Servierboy mit den goldigen Henkeln und Rollfüssen, den nach dem Ableben des H.F. Seniors keiner mehr wollte, wen wundert’s. ‚Willst nicht du“, fragte mich Hannes Friedrich Junior respektive mein Vater ergo, als ich vor neun Jahren in meine spottbillige Dachkammer mit den wurmstichigen Holzsparren zog, „ …den Servierboy mit den goldigen Henkeln solange bei dir als Ablagefläche nutzen, bis du selbst ein gesichertes Einkommen hast, und dir einen echten Tisch dann auch wirklich leisten kannst?“ Gesagt, getan. Schliesslich bin auch ich der Meinung, dass ich mir einen soliden Tisch immer noch anschaffen kann, wenn ich im Leben etwas erreicht habe und etwas aus mir geworden ist. Sowohl mein Vater, Hannes Friedrich Junior, der ETH-Ingenieur, als auch mein Grossvater, Hannes-Friedrich Senior, der Bratenliebhaber und Buchhalter, haben im Leben schliesslich etwas erreicht! Abgesehen davon kann ich mein Curriculum Absurdum ganz gut auch auf einem goldenen Teeservice schreiben, ändert die Unterlage, auf der ich mein Buch schreibe doch nichts an seinem Inhalt. Hauptsache, ich komme nur endlich mit dem Schreiben voran!

Mein Shrink, Rambo Flottmann, ist ja der Meinung, das Gefühl, mein Leben habe noch nicht  begonnen, werde schwinden, sobald ich nur wieder einer sinnvollen Beschäftigung nachgehe. Dazu gehört es jedoch, dass ich erst einmal richtig im Sattel sitze und die Hippotherapie nicht laufend durch sinnlose Märsche unten am Fluss ersetze. Dass ich nicht funktioniere und bei der Arbeit Symptome kriege, liegt seiner Meinung nach nicht an einem gestörten Körper, sondern entspringt in erster Linie einem Trick meines Verhaltens. Vermutlich will ich gar nicht arbeiten, will heissen, erwerben gegen Geld, kann mir das aber ganz einfach nicht eingestehen, weil ich durchaus weiss, was für ein No-Go eine faule Einstellung zur Arbeit da draussen doch ist! Deswegen und um dieses da draussen da vor meiner Einstellung zu bewahren, lasse ich es auf der Arbeit und nach sportlicher Ertüchtigung so aussehen, als wäre mein armer Körper schwach und gestört, was soviel heisst, wie: dekonditioniert!  Und das aber sei die eigentliche Störung, die es zu überwinden gilt.

Wenn ich meine Störung überwinden will, sagt Rambo Flottmann, sodass ich wieder optimal funktionieren kann, bedingt dies zu allererst, dass ich auch wirklich von ganzem Herzen arbeiten will und die Arbeitsmassnahmen zu meiner Wiedereingliederung in den öffentlichen Arbeitsmarkt über alle anderen Belange meines Lebens stelle. So soll ich meinen Schlafwachrhythmus endlich radikal an die Arbeitszeiten anpassen und nicht aus purer Freude wie ein Halbtagsmensch bis mittags im Bett liegen bleiben, eine Behauptung, die ich so nicht teilen kann. Schliesslich liege ich nur aus dem simplen Grund bis um Mittag im Bett, weil ich abends nie einschlafen und also auf Knopfdruck runterfahren kann, dagegen morgens nicht erwachen; sprich: booten und meinen Organismus pünktlich hochfahren kann. Und nicht etwa aus purer Freude an meinem Bett! Wäre ich jedoch so gerne Halbtagsmensch, und würde ich so gerne den ganzen Tag im Bett liegen, dann müsste ich schon ein bisschen weicher liegen, was leider nicht der Fall ist!

Ich will damit nicht sagen, dass ich etwa auf einer Strohbank schlafe, nein. Bei meinem Bett handelt es sich um ein Kajüttenbett, welches wir, H. F. Junior und ich vor einem Vierteljahr einer Frau im Möbelhaus Ikea zu einem Schnäppchenpreis von Fünfzig Franken abgekauft haben. Die Geschichte dazu war so: Der Sohn der Frau war halbwüchsig geworden und weigerte sich standhaft, weiterhin in seinem lottrigen Kajüttenbett aus hohlen Stahlröhrchen zu schlafen, weil er herausgefunden hatte, dass dieses Bett eines für Kinder sei. Die Mutter untersuchte also für ihren zwölfjährigen Knirps hinterteils voran gerade ein grosses französisches Bett, zu dem sich H.F. Junior ein paar präzise Berechnungen in sein Notizheft machte. „Die Matratze ist Zwei Meter Neunzig Höhe auf Zwei Meter Tiefe und hat eine Liegefläche von Soundso … Wenn ich also die oberste Stufe der Wendeltreppe heraussprenge, kann ich das Bett in einem Winkel von …“ Die Frau mit dem Hinterteil wurde auf die Probleme meines Vaters aufmerksam und mischte sich zuvorkommend in unsere Angelegenheit, worauf sich alles auf wundersame Weise ergab. Der Knirps kriegte das französische Bett und ich seine alte Kajütte, die wir zwei Tage später auf dem Dachboden unserer wohlhabenden Geschäftspartnerin eigenhändig zusammen kehrten. Der Knirps trat unterdessen aus seinem Zimmer, dessen Wände mit New-Kids-on-The-Block-Postern eindrücklich zugekleistert waren und rief: „Hey, wenn ihr wollt; könnt ihr noch mein neues Bett sehen!“ Ende der Geschichte.

Mich stört es nicht, dass ich mit meinen neunundzwanzig Jahren in einem Kinderbett schlafe. Muss ich mir selbst und den andern doch in jedem Fall beweisen, dass ich nicht wegen meiner faulen Haltung gegenüber der Arbeit kurz vor Weihnachten hinter dem Kassentisch des Famulus zusammengebrochen bin. Angenommen es ist so wie Flottmann sagt und eine Dekonditionierung nur ein antrainiertes, falsches Verhaltens, sprich: eine ungünstige Verbindung von Synapsen, dann frage ich mich jedoch, warum es mir nicht längst gelungen ist, meine Schlafgewohnheiten zu verändern. Ich sage immer, ein Mensch kann sich glücklich schätzen, wenn er diese On-Off-Probleme beim Schlafen und Aufstehen nicht hat. Mein Platonischer zum Beispiel hat nur die On-Probleme, wogegen er bei mir in der Regel innert zehn Sekunden unter einer Kaskade von Schnappgeräuschen einschläft. Was jetzt, mit der prächtigen Kajütte kein Problem mehr ein sollte, da ich oben schlafe und er unten. Noch als wir in einem einzelnen Bett schliefen, ist es jedoch vorgekommen, dass ich mich nachts manchmal bis zu zwanzigmal an seiner Seite umdrehen musste, allein wegen seiner Raucherlungen-bedingten Schnarcherei und Schnapperei. Schlief ich zum Beispiel mit dem Kopf auf dem Kopfkissen auf Kopfhöhe meines Platonischen ein, wachte ich spätestens fünf Minuten später mit seinem lebensbedrohlichen Schnarchen und Schnappen an meinem Ohr wieder auf. Drehte ich mich dann um und bettete meinen Kopf vorsorglich auf die Bettkante, schlug ich ihm meinen Plattfuss unbeabsichtigt an die Nase. Insgesamt staune ich darüber, dass ich meinen Platonischen, der ja auch mein Ex und bester Freund, meine beste Freundin und mein bester Kumpel ist, doch kein einziges Mal um den Schlaf brachte mit meinen zwangsbedingten Umdrehungen in den ganzen fünfeinhalb Jahren. Dies liegt wohl daran, dass ihm der Schlaf heilig ist, ebenso wie er auch mir heilig ist, zumal es bei uns keine anderen Drehungen mehr gibt, keinen heiligen Flow mehr im Bett, es sei denn in gegenseitiger, ausführlicher Absprache! Und das kann ja wohl nicht der Sinn der Sache sein, oder doch!? Ich glaube, der Schlaf ist meinem Platonischen heilig, weil er sich tagsüber nach wie vor für seinen Chef so kaputt macht. So lässt er sich nebst den Seminarvorlesungen ununterbrochen weitere Aufträge aufhalsen, weil er denkt, dass er am ehesten einmal aufsteigt in der universitären Rangordnung, wenn er für seinen Chef nur lange und schmerzhaft genug den Dienstesel spielt. Es tut mir ehrlich gesagt fast weh, zu sehen, wie sich ein Geisteswissenschaftler für seinen Chef, den Herrn Professor, so abrackert. Wo es sich bei einem Chef, würde ich einmal sagen, wie bei jedem Chef, genaugenommen, um einen x-beliebigen Menschen handelt, wie jeden bei jedem andern auch. Was mich betrifft, so denke ich immer öfters: Bei mir könnte kein X-Beliebiger, kein Unbekannter daherkommen und etwas X-Beliebiges von mir verlangen. Alles passiert doch, wenn nicht auf einem natürlichen Flow, dann freiwillig unter gegenseitiger Absprache! Kann ich denn etwas von ihm verlangen!? Kann mein Platonischer etwas von mir verlangen?! Seit fünfeinhalb Jahren sind wir nun platonisch, vielleicht ein bisschen mehr, je nach Flow. Oke, ich habe das so bestimmt. Mein Platonischer aber möchte vielleicht, dass wir noch ein Liebespaar sind. Aber ändert das etwas an unserer Beziehung? Nein! Mein Platonischer hält sich nach wie vor für den einzigen rechtmässigen Freund in meinem Leben, während ich mich nach wie vor so aufführe, als wäre ich die einzige rechtmässige Freundin im Leben meines Platonischen. Manchmal denke ich, ich bin vielleicht ein Arschloch, dass ich mich von meinem Platonischen so bedingungslos lieben lasse, darum sollte ich ihn jetzt dringend einmal verlassen. Andrerseits könnte mein Platonischer ja auch mich verlassen, wenn er mit den Bedingungen unserer Beziehung oder der Bettaufteilung nicht zufrieden ist. Ich hasse es nun mal auf der unteren Liege zu liegen, zu oft reicht es mir kräftemässig nämlich nicht auf die obere. Besonders, wenn ich nach dem Marschieren unten am Fluss als weitere Trainingseinheit noch die Treppe zur Bundeshausterrasse in meine Märsche einbaue, muss ich danach oft Stundenlang warten, bis ich wieder auf die obere Kajütte klettern kann. Ich bin dann über Stunden oft nicht fähig, mich überhaupt zu rühren, rein kreislaufmässig. Dazu quälen mich Grippesymptome, Sehstörungen und viele andere komische Beschwerden. Aber hält mich die schwache Pumpe oder das lange, verhasste Liegenmüssen, halten mich diese ständigen physischen Zusammenbrüche nach dem Training etwa davon ab, spätestens am übernächsten Tag gleich wieder bergauf zu gehen?! Nein! Um mir meine Kondition anzutrainieren und meine Dekonditionierung abzutrainieren, trainiere ich am nächsten oder übernächsten Tag gleich wieder!    Genaugenommen bedeutet eine Dekonditionierung ja nur, dass eine Fähigkeit, die ich einmal gelernt und beherrscht habe, in meinem Gehirn als neuronale Spur verblasst. Ich muss mein Gehirn ergo lediglich lange genug darauf trimmen, wieder zu funktionieren, dann werde ich die dumme Angewohnheit des Nichtfunktionierens früher oder später wieder verlernen. Das Wichtigste ist dabei, dass ich mit dem Training auch dann nicht aufhöre, wenn ich die Symptome spüre, sondern einfach über diese hinweg schreite, als wäre ich Rambo! Zumindest sagt das mein Shrink, Rambo Flottmann. Wenn ich über meine Symptome hinweg schreite und die Grenze meines inneren Schweinehundes überwinde, kann mein Gehirn nicht nur die richtigen Synapsen bilden, ich zeige damit auch, dass ich wirklich motiviert bin, das Unmögliche zu tun und durch die Wand zu gehen! Die einzige Voraussetzung ist dabei nur, dass ich meine Therapien auch wirklich ernst nehme und vor allem die Hippotherapie nicht immer aufs Neue schwänze. Ich schwänze die Hippotherapie unter dem Vorwand, sagt mein Shrink, indem ich sie durch eine Gehtherapie in Eigenregie unten am Fluss ersetze. Wobei ich eigentlich auch die Gehtherapie unten am Fluss nur vorschiebe, um daheim in meinen vier Wänden an meinem Curriculum Absurdum zu schreiben. Ich sage, ich schreibe einen Lebenslauf, der mir helfen soll, eine Stelle zu finden und mich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sagt mein Shrink. Stattdessen schreibe ich an einem Buch, dem Curriculum Absurdum, in dem nichts wahr und nichts echt ist, weil es darin um nichts geht und das nur der Selbstbespiegelung dient. Gut, genau so würde ich es nicht sagen. Schliesslich soll mir das Schreiben helfen, mich aus meiner Notlage zu befreien und etwas zu werden. Rambo Flottmann ist aber der Meinung, dass das Schreiben, genau wie das Reiten nicht zum Werden, sondern lediglich als Therapie gedacht ist, eine Therapie zwar, die dann wieder wegfällt, sobald mein Erdbezug gefestigt ist, meine Wiedereingliederung in die Marktwirtschaft oder Teilwirtschaft geklappt hat. Wenn ich mir allerdings sage, heute mache ich ein bisschen Schreibtherapie und morgen ein bisschen Gehtherapie, kann eine solche Wiedereingliederung nicht klappen. Ich kann mir die Therapie und sei es eine Schreibtherapie oder Gehtherapie, eine Hippotherapie oder eine Gesprächstherapie (zu der ich ebenfalls einmal wöchentlich gehe), alle Therapie, ja nicht selbst verordnen! Nur ein Therapeut kann das! Und das sagt nicht mein Shrink, das weiss ich selbst! Die Krux ist: nur wenn der Psychiater die Therapie verordnet, ist die Therapie auch Therapie!

Nichtsdestotrotz habe ich Rambo Flottmann vor dem letzten Ausritt gesagt, dass ich der Gehtherapie gegenüber der Schreibtherapie den Vorzug gebe, die Schreibtherapie der Hippotherapie gegenüber aber eindeutig vorziehe. Gut, da ist noch die Gesprächstherapie, die ich bisher ganz vergessen habe, und die mir nicht schlecht gefällt, vor allem weil es mir dabei gestattet ist, ziemlich ausgiebig über mein Problem: die Symptome, zu reden. Sollten diese Symptome durch das lange Reden aber eines Tages verschwinden, werde ich ab sofort zu keiner einzigen Therapie mehr gehen! Das kann ich hier beschwören! Generell habe ich nämlich nicht viel mit Therapie am Hut, besonders die Hippotherapie macht mir zu schaffen. Gegen die Hippotherapie regt sich in mir genaugenommen ein leiser Widerwille. Ist es aber gut, wenn ich weiter zur Hippotherapie gehe und diesen Widerwillen einfach übergehe? Nein, das denke ich nicht! Man soll nie etwas aus Widerwillen tun. Nur, was man mit dem freien Willen tut, kann einem auch wirklich gut tun! Und darum habe ich Rambo Flottmann neulich auch vor vollendete Tatsachen gestellt, und ihm gesagt, dass ich ab sofort mit Reiten aufhöre, Schluss vorbei und basta.

„Und warum?“, wollte Rambo Flottmann überrascht wissen und stiess die Gesässbacke des leicht lahmenden Pferdes zuerst, dann die meine mit seiner Hand leicht an. Es war ein eisigkalter Wintertag, Schneewehen klatschten mir von den Baumwipfeln ins Gesicht, während der allerliebste und störrische Hervar das Halfter alle fünf Meter nach unten zog und mit dem Maul im Schnee nach Würzen buddelte. Kurz darauf gerieten wir in einen eisigen Hohlweg, und das Islandpferd machte keinen Schritt weiter. „Grr, Hervar, grr!“, rief Rambo Flottmann und versuchte Hervar am Halfter herum zu ziehen, während ich aus meinem Handschuh geschlüpft war, um den samtigen Hals des Pferdes zärtlich zu tätscheln. „Jetzt machen wir mal einen flotten Trab! Hüh, Hervar!“ Flötete Rambo Flottmann, der es nach einer Viertelstunde geschafft hatte, mich und das Pferd von hinten den vereisten Hohlweg hinauf zu stemmen, ich weiss auch nicht wie. Oben angekommen galoppierte Hervar auf  jeden Fall plötzlich drauf los, ein kurzer Peitschenhieb aus Flottmanns Hand muss ihn mächtig in Panik versetzt haben.

„Was fühlen Sie? Fühlen Sie den Boden unter Ihren Füssen?“ Während Flottmann, mein Shrink, atemlos neben uns her spurtete, echote seine euphorisierte Stimme durch das Dickicht. „Aber fragen Sie doch das Pferd!“, schrie ich keuchend zurück. „Weil, ehrlich gesagt, ich auf dem Pferd oben kann diesen Bodenkontakt mit den Füssen ja gar nicht fühlen, solange meine Füsse erst noch im Steigbügel sind, rein logisch! Das Pferd kann diesen Kontakt vielleicht fühlen, obwohl mich das wundern würde… “ Ich krallte mich an Hervars Mähne fest, verdrehte den Kopf und sah Rambo, die Arme in die Hüften gestützt, stehen bleiben. Laut schrie er: „Frau Stürmchen! Schliessen Sie die Augen! Pressen Sie das Bein fest gegen die Lende des Tieres! Geben Sie mit dem Absatz die Sporen! Sonst wird es lahmen!“ – „Welche Sporen?“, rief ich versteinert zurück, erhob mich im Steigbügel und hielt allen Ernstes nach Pilzen Ausschau. Ich muss es an dieser Stelle vielleicht noch einmal erwähnen: ich kann unter Stress einfach nicht mehr ordentlich denken. Mein ganzes Fight-and-Flight-System bricht bei Aktionen wie diesen gnadenlos zusammen! Dies ist umso seltsamer, da vieles darauf hin deutet, dass ich seit mehreren Jahren in diesem Fight-and-Flight-Tripp stecken geblieben bin. Aus frühkindlichen respektive schulischen Ängsten, versteht sich. Wobei ein Teil meines Alarmsystems gerade wie ein Pferd dauerhaft durchbrennt, während ein anderer fortwährend bremst. „Aber darf ich jetzt absteigen? Ich glaube nämlich, ich fühle den Boden nicht unter meinen Füssen …! Herr Flottmann …!“ – „Hopphopp, hühü Hervar! Jetzt machen wir noch einen kleinen Galopp!“ Flottmann überhörte meine Not.

Da ging mir auf einmal durch den Kopf, dass ich ja weiter reiten musste und nicht absteigen durfte, weil ich meinen Job im Integrationszentrum ZEFA und vorher den Job im Famulus verloren hatte, weiter reiten und zwar solange, bis ich wieder einen Job in Aussicht hatte. Zurzeit hatte ich aber weder einen Job in Aussicht noch die Absicht, wieder ins ZEFA zurückzukehren, wo ich den lieben langen Tag nur Petit-Beurre gegessen und Mandala ausgefärbt hatte. Also schlüpfte ich aus den Steigbügeln, umfasste mit den Armen das Pferd um den Hals und liess mich seitlich über seinen Rücken zu Boden fallen. Ich landete gut und hatte sofort wieder Boden unter den Füssen, oh Wunder. Doch eine Woche nach diesem Erlebnis bin ich nicht zur Hippotherapie gegangen und auch den letzten und vorletzten Termin liess ich einfach sausen. Ich weiss nicht, wie viele Termine ich schwänzte, aber mit jedem Termin, den ich lustvoll fahren liess, wurde mein schlechtes Gewissen stärker. Ich dachte an meinen Vater, Hannes Friedrich und an das Bildungskonto, das er für mich angelegt hat, und das ich für Druckerpatronen, Brot und Käse sowie Modeschnickschnack so gut wie aufgebraucht habe. Dieses Geld hat einer sauer verdient, der als Kind jeden Freitagabend die Gerte spürte auf seinem Rücken. Einer, der sich darum inbrünstig wünscht, dass ich dereinst ein bisschen höher und weiter komme und nicht ganz nackt da stehe im Leben. Dachte ich mit schlechtem Gewissen. Wenn ich es nur schaffe, mir selbst die nötigen Peitschenhiebe selbst zu geben, zwei, drei, das reicht schon zum Anrollen! So war ich nahe daran, zum Telefon zu greifen, um mich bei Flottmann für meine Schwänzerei zu entschuldigen. Als mir auf einmal einfiel, dass Rambo Flottmann den Platz auf dem Rücken des Pferdes vermutlich bereits durch eine neue Person ersetzt hatte. Einen Arbeitsproblemhaufen, der ebenfalls Zeichen eines Erdbezugmangels aufweist, und der bei der Arbeit darum nicht funktioniert. Arbeitsproblemhaufen, die mit den Füssen nicht bis zum Fussboden gelangen, finden sich schliesslich immer. Doch wer die ganze wirkliche Arbeit macht und all die Last trägt auf seinem alten Rücken und ganz stumpfsinnig und träge geworden ist von all den Arbeitsgängen, daran denkt keiner!

Die Sache mit Hervar ist die: in Tat und Wahrheit will ich ihn gar nicht bereiten, ich will ihn nur streicheln! Ich streichle die Dinge nun mal lieber, als dass ich sie bereite! Ich glaube, zum Streicheln würde ich sofort vom Pferd steigen und weite Strecken zu Fuss gehen, aber nicht um zu bereiten. Weite Strecken zu Fuss gehen würde ich vermutlich für das Meiste ja eventuell sowieso nicht, jedenfalls nicht für irgendeine x-beliebige Arbeit, das ist die Krux. Aber einfach so gehen und spüren, wie die Kraft bei jedem meiner Schritte in meinen Körper zurückfliesst, dafür schon. Dafür würde ich alles tun! Gehen, Streicheln, Schreiben. Oder umgekehrt: Gehen zuerst, dann Schreiben. Dann Streicheln.
Das Problem ist nur, dass ich nicht weiss, wen ich streicheln soll, während ich gleichzeitig mal wieder nicht weiss, was ich in meinem Curriculum Absurdum schreiben soll. Ich schreibe genaugenommen immer nur am Anfang herum. Rambo Flottmann sagt, dass ich vielleicht in siebzig Jahren weiss, worüber ich schreiben will. Also soll ich mit Schreiben noch eine Weile warten. Aber ich kann nicht warten. Ich denke, mein Gefühl, mein Leben habe noch nicht begonnen, wird erst schwinden, sobald ich Dichterin bin, was hoffentlich nächstens der Fall sein wird. Folgendes habe ich bisher im Curriculum Absurdum geschrieben-

(2012)

 

Curriculum Absurdum

Mit Stürmchen beginnen stellt mich vor keine leichte Aufgabe, denn sich mit Stürmchen beschäftigen, heisst, immer zugleich auch irgendwie mit Stürmchen enden. Mitte der Siebziger wurde Stürmchen in einem ländlichen Nest, namens Goldiswald geboren. Ihr Vater, ein feinsinniger, technisch hochbegabter Mann, musste als Kind Knickeboxer tragen, ihre Mutter, eine träumerische blondschöne Frau, Kutteln essen. Beide, Vater und Mutter, hatten sich mit viel Disziplin hochgearbeitet und es zu einem schönen Einfamilienhaus gebracht, direkt über dem Dorf, auf dem bewaldeten Hügel, Sternwarte Nummer Vier, über eine senkrechte Treppe von vierhundert Stufen erreichbar.
Als kleines Mädchen hatte Stürmchen die fetten, würzigen, von der Sonne beschienenen Stämme der Tannen umhalst, wie das feine Hälschen ihrer Mutter. Bereits mit fünf Jahren bestieg sie mit Hannes-Friedrich, ihrem Vater, einem begeisterten Bergsportler und filigranen Militär, die höchsten Firne der Bündner Berge am Seil. Stürmchen lief barfuss, wie eine Binse im Wind, mit hohlem Kreuz und mächtiger Rücklage und soll noch mit vierzehn die absolute Sprintkönigin, die unschlagbare Florence-Griffith-Joyner des Goldiswäldlis gewesen sein.

Neunzehnhundertzweiundachtzig kam Stürmchen in den örtlichen Kindergarten und entwarf in der Malecke innerhalb weniger Wochen eine Sammlung von über Tausend rudimentären Papierköpfen ohne Nasen und Ohren. Diese schleppte sie wöchentlich in prallen Zeichnungsmappen den Hügel auf die obere Sternwarte hinauf, verteilte sie über den langen Gang des oberen Stockwerks bis hinunter in den Heizungsraum und in den anschliessenden Luftschutzbunker. Stürmchen spielte mit ihren Papierköpfen im Vorab den Ernstfall Schule, wobei sie abwechselnd in die Rolle des Lehrers, dann in die von ihr gemalten Lieblingsschülern Jamie Dean, Kim, die Wilde und Anne vom Ponyhof schlüpfte.

„Ich bin der Herbsd. Ich bring den wind. Die Blädder falln ab dem Baum.“ So hiess der erste Satz, den Stürmchen dem pinkig verschnörkelten Freundschaftsbuch von Pultnachbarin Elena in der ersten Klasse anvertraute.

Des ABC’s knapp habhaft, fertigte sie zwei Jahre später ihr erstes und einziges Buch, das sie mit viel Rubber Cement zusammen kleisterte und ebenfalls an Elena gegen einen Stempelabdruck mit den Initialen: Oberst H.F. Stürmchen, dipl. Ing. verlieh.
Zum Inhalt: Kim, die Wilde, wohnhaft auf einer exotischen Insel mit den prächtigsten Palmen, hat eine heimliche, aber verbotene Freude an Jamie Dean, Tunichtgut und Sohn des unbarmherzigen Inselkönigs. Die beiden Kinder lieben es, den ganzen Tag von den Palmweddeln in die Wellen zu springen, was harte Strafen, wie Hunderte von Schlägen mittels Kokosnüssen nach sich zieht. Da der Inselkönig und Barbar die Verbindung seines Sohnes Jamie Dean mit Kim, der Wilden nicht duldet, begeben sich die beiden Kinder auf eine abenteuerliche Flucht. Teils auf Rollschuhen, teils in einer fliegenden Seifenkiste à Langstrumpf durchkämmen sie wüstenhafte Einöden und von Dornen überzogenes Gestrüpp, ehe Jamie Dean, in einem tief verschneiten Wald Alabaskras, gerade auf dem Höhepunkt vor dem ersten frühkindlichen Kuss mit Kim, der Wilden von einem Bären aufgefressen wird!

Neunzehnhundertzweiundachtzig, als Stürmchen in die zweite Klasse kam, ist dann etwas mit ihr passiert. Nicht einfach, zu sagen was, verwechselte sie doch während des Veloparcours auf dem Schulhausplatz noch in der vierten Klasse Rechts die ganze Zeit  mit Links. Worauf der mit vielen Abzeichen geschmückte Verkehrspolizist dem Lehrer schnaufend rapportierte: eine einfache Strasse, immer schön geradeaus, das tue es mit grosser Wahrscheinlichkeit zeitlebens für Stürmchen. Den Zehnerübergang, den die Zweitklässler mit kleinen, farbigen Holzstäbchen übten, schaffte Stürmchen auch in der fünften Klasse noch nicht. Fachpersonal, das man hinzu zog, folgerte, es fehle der Kleinen wahrscheinlich an der rechten, logischen Hirnhälfte, womit im Kopf, wie man heutzutage weiss, weder so richtig dir rechte noch die linke gemeint ist –

Schultechnisch sah das in der Folge etwa so aus, dass Stürmchen am Mittwochnachmittag während des Mathematikunterrichts immer etwas früher nach hause gehen durfte. Das lag sicher an der Grosszügigkeit des Mathematiklehrers Tölz. Leidenschaftlicher Vogelzüchter, Frosch- und Lurchenforscher sowie Gemeindepräsident des Goldiswäldlis, sah er keinen Grund, warum Stürmchen nicht auch in der Biologie, der Chemie, dem technischen Zeichnen und schliesslich auch in der Naturkunde, während der Froschteichausflüge, ein bisschen früher nach hause gehen durfte. Kurzum: in

allen Fächern, bis auf den Sport und die Sprachen. Aber darin unterrichtete sowieso James Beck, ein Unglücksrabe von Lehrer, der gerne Theaterregisseur geworden wäre und seinen Beruf hasste, was er seinen Schülern immer wieder lauthals ins Gesicht hinaus sagte. Stürmchen hat ihn dafür nicht wenig begehrt!

Sprachlich waren Stürmchens Leistungen durchzogen. So hat sie ihren Eltern, Lydia und Hannes in der dritten Klasse Wettervorhersagen und Tagesschau-Imitationen in Kauderwelsch-Englisch-Französisch-Spanisch-Chinesisch präsentiert, über die sich diese jeweils krumm lachten. „Dad, was heisst kissmmi, tatschmi, gifittumi, schoumiurbadi?“, fragte Stürmchen Hannes am Sonntagabend beim Essen manchmal, nachdem sie im Bastelraum vor seinem selbst fabrizierten rauschendem Kofferradio der Hitparade gelauscht hatte. Lydia trug den Apfelkuchen auf, stellte vor Hannes Nasenspitze sanft und bestimmt einen Massbecher Schlagsahne, in die dieser mehrmals den Teigschaber tauchte, ehe es zwischen seinem weiss gesprenkeltem Schnauzer scharf hindurch schoss: „Sie wissen nicht, wie dumm sie noch daher reden wollen!“ Nach dem Essen stellte Stürmchen dann einen Schirmständer auf den Rücken und pries die Nützlichkeit und Schönheit eines herumstehenden billigen Pantoffels oder Hannes Aktions-Thaiti-Dusch-Packungen. Neben diesem, von Stürmchen inszenierten Werbefernsehen zeigte die Tagesschau gerade das Luftbild Planet Erde, unterdessen Hannes und Lydia auf dem Sofapolster, weit voneinander sitzend, den Schnaps aus den Wernli Williamsstengeln süffelten  – „Kissmmitatschmigifittumischoaumiaouuuudiiii!“

Heute ist Stürmchen vielleicht froh, ihre Eltern, die beide ernste und schwere Charaktere sind, mit ihren Kauderwelsch-Vorträgen zum Lachen gebracht zu haben. Besonders ihren Vater, der sich über alles und jedes, aber vor allem über die menschliche Dummheit, ziemlich ärgerte: über die Dummheit des Papstes, die Dummheit der Snobs. Die Dummheit gescheiter dummer Männer in öffentlichen hohen Positionen und Ämtern. Und mehr noch die Dummheit der Frauen, die mit ihrer Gescheitheit den dummen Männern in hohen Positionen mehr und mehr nacheifern oder diese heimlich sogar übertrumpfen!

In Lydia, die von der Unantastbarkeit des Gefühls schwärmte und auch gerne gegen den ordinären rationalen Verstand wetterte, drohte Hannes diesbezüglich milde bis mässige Gefahr. Während Stürmchen gerade in der Schule die dümmsten Antworten immer auf die simpelsten Fragen gab, die gescheiten jedoch fürchtete wie das Weihwasser!
Als Stürmchen in die Pubertät kam, schrieb sie an Gerda Felly von der kreuzbraven Jugendzeitschrift Schweizer Jugend, dass sie ohne einen Jungen namens Massimo nicht leben könne. Sie, Stürmchen, so der Inhalt unter der Rubrik Kummerkiste, sei seit drei Jahren in Massimo verliebt, und Massimo vielleicht auch ein wenig in sie. Doch sobald er sich ihr annähere und sie küssen wolle, erstarre sie zur Salzsäule und kratze sich so lange am Knöchel, bis Blut tropfe. In dem Moment greife Massimo ihren Nacken und presse ihren Kopf mehrere Sekunden mit aller Kraft auf die Stange seines silbrigen Cilo-Rennvelos hinab, was ziemlich schmerzhaft, alles in Allem eine komische Situation sei. An dieser Stelle folgten mehrere hundert Auslasse- und Ausrufezeichen, ehe Stürmchen in Rotschrift weiter schrieb: Es sei nun aber nicht so, dass sie, Jeanne Stürmchen, Massimo nicht küssen wolle! Nein, im Gegenteil, sie, Jeanne, wolle Massimo sehr gern küssen. Und dann verkündete der Übergang in Steilschrift sowie ein erneuter Farbwechsel in pikantes Lila, den alarmierenden Schlusssatz: „LIEBE FRAU FELLI, HABEN SIE JE DAVON GEHÖRT, DASS EIN DREIZEHNJÄHRIGES MÄDCHEN EINEN JUNGEN NICHT KÜSEN KANN, EBEN, WEIL SIE NICHTS LIEBER AUF DER WELT TUN MÖCHTE, ALS IHN KÜSEN? MEIN LEBEN STEHT AUF DER KIPPE ….“ Frau Felly riet Stürmchen postwendend, sich nicht so viel Druck zu machen. Sie schlug ihr vor, Massimo den Konflikt zu unterbreiten oder aber auf einen Jungen zu warten, der sie, Stürmchen, auch verdient habe. Nichts von all dem geschah.

So ab Vierzehn fing Stürmchen an, das Leben für eine faule Angelegenheit zu halten. Da sie nicht mehr schlafen konnte, stand sie nachts auf dem Balkon und spazierte mit dem Feldstecher ihres Vaters den glühenden Merenguekrater des Mondes entlang. Einmal flutschte sie durch die Tiefe des Okulars, wie durch zwei bodenlose schwarze Fässer. Das war der Moment, in dem Stürmchen anfing, alles durch eine Art Mondperspektive zu betrachten: Massimo Pagello, das Spriessen der Akne Conglobata auf ihrem Gesicht, einen schwanzlosen Hund und natürlich die Bank!

Das kam so: Kurz vor Ablauf ihres neunten Schuljahres erzählte Stürmchens Mutter dem Berufsberater von den frühkindlichen Sprachbegabungen ihrer Tochter, worauf der Berufberater zum Telefon griff und Stürmchens prüfungsfreien Übertritt in die Handelsschule inklusive Bankpraktikum mit abschliessendem Praktikumsbericht organisierte:

Hier ein Auszug davon: Banktagebuch der Jeanne Stürmchen, Praktikantin der Kantonalbank von T., Herbst 1994 

  1. September 1994: Liebe Lehrer, schon geht auf der Bank das Gerücht, dass ich Zahlen verdreht und Eurocheck-Anträge falsch ausgefüllt habe. Ich soll ein manipulativer Fuchs, ein ausgefuchster Clown sein. Selbst die Bedienung in der Kantine schöpfte mir heute Mittag nur unwillig zwei Löffelchen Kartoffelstock in den Teller, weil sie glaubt, ich sei für das Ansehen der Bank eine Schande. Apropos Schöpfen, las gestern im Lehrlingsordner etwas Interessantes zum Thema Geldschöpfung, nämlich: Es erblicken in der Minute etwa siebenhundert Münzen das Licht der Welt. Gut. Okay. Sie erblicken das Licht der Welt. Aber was heisst das? Sind das eigentlich Goldschmiede, Roboter oder Pfärrer, die das Geld machen?! Sie stapeln die Rondellen und bugsieren sie nachts in grossen Rucksäcken aus Jute und mit leuchtenden Stirnlampen auf die Bank. Die Bank, von Stiefelrohren durchzogen, ist nachts so schwarz, so still. Liebe Lehrer, wie es sich für einen Lehrling gehört, habe ich nun Fragen!
  2. Oktober 1994: Liebe Lehrer. „Haben Sie noch Eurocheck-Anträge zum Ausfüllen für mich?“, fragte ich heute Morgen den Kartenchef auf der Schwelle zu seinem Büro ziemlich frontal. Der Kartenchef hat die leisesten, grauesten und dynamischen Sohlen der ganzen Bank, überhaupt! So soll er letztes Jahr den Marathon von New York als Fünfzigster abgeschlossen haben! Dieser Mann, der mir vorgestern beigeistert die neuen Kreditkarten in Gold und Silber gezeigt hat, schaute mich an, als könne er sich nicht an mich erinnern. Nach einer Weile sagte er ohne aufzublicken: „Beschäftigen Sie sich doch ein wenig mit dem Lehrlingsprogramm. Das ist eine Arbeit, die sie immer dann tun können, wenn sie gerade nicht an Ihrem Praktikumsbericht arbeiten. Was Sie, wie mir zu Ohren gekommen ist, so gut wie nie tun!“
  3. Oktober: Liebe Lehrer, lese den ganzen Tag im Lehrlingsordner. Habt ihr eigentlich gewusst, dass als Zahlungsmittel einstmals die Stosszähne des Walrosses im Umlauf waren, und dass an der Börse noch um 1880 der Wapitihirschzahn gehandelt wurde?
  4. Oktober: Wieder! Ich soll ein ausgefuchster Clown, ein gewiefter schlauer Fuchs sein! Sass vorgestern ich mit einer Gruppe von Logistik-Leuten bei Kaffee und Kipfel in der Cafeteria, und ich fragte: „Was eigentlich ist die Kaufkraft? Worauf der beliebteste Angestellte mit seinem Löffel gegen das Espressotässchen schlug und verkündete: „Wenn der Mann das Geld nach hause bringt, dann hat die Frau eine Kaufkraft!“ Und alles lachte.
  5. November 1994: Versetzung ins Mahnwesen. Liebe Lehrer, bin seit gestern nun im Mahnwesen, liebe Lehrer, wo die Leute unentwegt völlig ausgelassen schwatzen. Ein zurzeit populärer Hit lief vorhin zum hundertsten Mal im Radio, jemand sang: „It must have been love, but it’s ooooover näu …“ , worauf alles lachte, die Arme vor der Brust verschränkte, Drehstühle, mit öligen Gummirädern bestückt, ungebremst nach hinten rollten, in alle verrückten Richtungen. Kam dann die Abteilungsleiterin vorbei, eine zackige Deutsche, wurde es in einer Sekunde mucksmäuschenstill. Vor einigen Tagen spürte ich ihre Anwesenheit wie das raffelnde Picksen eines Vogels auf meiner Schulter: „Nun, wie kommen Sie mit Ihrem Praktikumsbericht voran?“, raffelte und pickste der Vogel „Es muss.“ Da meinte sie drohend: „Mein Fräulein, Sie scheinen nicht zu wissen, wo Sie hier sind! Junge Dame, wo glauben Sie wohl, wo Sie hier sind?!“
  6. November 1994: Liebe Lehrer. Wurde heute vom Bankdirektor vorsorglich mit einem Goldvrenchen verabschiedet. Das Goldvrenchen lag in einem samtig gepolsterten Etui, wie sonst nur teuerster Schmuck gebettet wird. Die Augenfalten des Direktors versprühten ein herrliches Lachen, als er das Etui über einen mächtigen Eichenholztisch vor mich hin schob. Habt ihr nicht etwas von einem Lohn um die Zweitausend Franken gesagt? Also etwas von einem Lohn in Bargeld, liebe Lehrer? Anyway. Der Direktor ist übrigens ein schlohweisses Mannsbild wie aus dem Denverclan. „Ich habe gehört, dass es mit Ihrem Praktikumsbericht noch nicht so richtig vorangehen will“, sagte er. „Schauen Sie also, dass Sie bis Ende Dezember über die ersten zwei Sätze hinaus sind. Ich schicke Sie hiermit zurück ins Mahnwesen! Dies ist eine Ermahnung!“

Eine Weile zappelte meine Hand in der seinen, als wolle die seine die meine abbeissen.

An der Tür drehte ich mich noch einmal um. „Herr Direktor, was passiert eigentlich, wenn all das Geld verbrennt?“ Diesmal zeigte er eine Reihe tadelloser weisser Berghütchen-Zähne. „Dann stimmt es also, was sie sagen! Endlich hat die Kantonalbank wieder mal einen Clown!“ Ein kleiner Klaps irgendwohin. Ein wirklich beeindruckendes Mannsbild, dieser Herr Direktor, liebe Lehrer!“

Zurück in der Schule wurde der Praktikumsbericht von Jeanne Stürmchen für ungültig erklärt und verlangt, dass sie in ihrer Freizeit noch ein zweites

vierwöchiges Praktikum absolviere. Zur Auswahl stand unter anderem der Schulkiosk, der dem Schulgebäude direkt gegenüber lag. Stürmchen absolvierte dieses Zusatzpraktikum in schwarzen, groben Schnürstiefeln, genannt Docks, die sie sich mit ihrem Lohn von der Bank, dem Umtausch des Goldvrenchens gegen Bares, erstanden hatte. Wenn Stürmchen mit ihren Schulkameradinnen und angehenden Sekretärinnen auf dem Pausenplatz stand, schauten diese auf Stürmchens Schuhe, und Stürmchen bekam heimlich den Übernamen Goldesel. Stürmchen fühlte sich geschmeichelt, dass die Girls etwas zum Schmunzeln hatten, denn alles in allem konnte sie ihren beiläufigen Konversationen und gegenseitigen Charmebekundungen weder folgen noch etwas abgewinnen.

Stürmchen hatte auf der Handelsschule so gut wie keine Freunde, weil sie nur belanglos sein konnte, wenn man ihr vorher erlaubte, tiefsinnig und destruktiv zu sein. Ein spannender Sadist, der ihr das erlaubte, wurde für ein paar Monate ihr erster Liebhaber und verliess sie.

Die Mondperspektive, Stürmchens vorherrschendes Lebensgefühl, wich jetzt einer lähmenden Entfremdung. Jemand, der stumm zu schaut, demonstrativ weg blickt, nie lacht und verheulte Augen hinter gespielter schlechter Laune versteckt. So hätte ein Zeitzeuge Stürmchen zu dieser Zeit unfreiwillig beschrieben. Gegen Ende der Schulzeit, in der sich Stürmchen hauptsächlich von Spargeln ernährte, nahmen ihre Leistungen auf der Aschenbahn rapide ab und ihr Puls wurde immer schneller. Hundertsechzig Schläge zählte sie nicht selten, sobald sie ihren Körper aufrichtete, hundertzwanzig im Liegen. Auch war sie zu einem Strich abgemagert und litt sie unter chronischen Halsschmerzen. Die Abschlussprüfungen der Handelsschule waren bereits im Gange, da lag Stürmchen auf dem Schragen von Schul- und Sportarzt Daumer. Dieser untersuchte sie mit der Sicherheit eines Schlafwandlers und sprach: „Selbstverständlich werde ich Sie mit Verdacht auf ein kardiologisches sowie muskuloskelettales, allenfalls gastrointestinales Geschehen an die zuständigen Spezialisten verweisen. Auch eine neurologische und psychiatrische Abklärung scheint mir unerlässlich. Aber starten Sie um Himmelswillen keine Patientinnenkarriere! Ich weiss von Patientinnen, junge Dame, die nach dem Aufsuchen ihres Hausarztes wegen diffuser Symptome das Abklappern von Spezialisten zu einer eigentlichen Disziplin gemacht, ganze Patientinnenkarrieren gestartet haben! Nein, nein … für Sie und Ihre Zukunft habe ich eine viel bessere Empfehlung: Meiden Sie Stress! Heiraten Sie! Binden Sie sich an jemanden, von dessen gesellschaftlicher Stellung Sie profitieren können und der Ihnen ein schönes Heim bietet. Versüssen Sie ihm das Zuhause durch Ihre Anwesenheit! Wir haben nicht umsonst ein immer noch ausnehmend hohes Bruttosozialprodukt in diesem Land!“ Sagte er’s und sprach’s. Und führte Stürmchen, deren Leben als funktionierender Organismus an dieser Stelle für zuende war, sanft, aber bestimmt zur Türe.

Ich habe hier nicht etwa mit Absicht einen Troll vorgestellt. Dies würde bedeuten, ein knapp zwanzigjähriges, höchst seelenvolles Mädchen zu verkennen, das schlicht noch nicht zur Welt gekommen war.
(2010/2014)

 

  Ich kenne Eine

Ich möchte etwas erzählen über eine, die ich kenne. Sie, die ich kenne, war damals kein Mauerblümchen und auch keine Femme Fatale. Aber eine fatale Frau, doch, doch, das war sie ganz bestimmt! Mit Sicherheit sagen, wer sie war, kann ich nicht. Aber eins weiss ich, so wahr ich ich heisse: Sie, die ich kenne, hat wirklich nur die Romantik im Kopf gehabt. Und weiter nichts!

So muss sie etwa Elfjährig gewesen sein, als sie von Bicciclietti-Massimo an die Luft gesetzt, zum Teufel gejagt wurde, weil sie ihm den geforderten Kuss auf die Wange nicht verpassen konnte, aus Ehrfurcht und Respekt vor der Liebe! Dann hing sie hing an Brummbach-Thisli, einem wortkargen, rothaarigen Milchschopf wie eine immergrüne Frucht, als Lehrer Jimmy-Dean-Beck, der verpatzte Theaterregisseur sie Huckepack nahm wegen einer Bänderzerrung in der Sommerlagernacht. Vierzehnjährig ist man mit dem Paradies noch halbwegs verbandelt. Dann aber kam einer und küsste sie im delikaten Alter von Achtzehn, weichblond und nahm ihr ihre Unschuld, eine Brechtzigarre in der Hand, fünf Jahre später! Er war langhalsig und hämisch wie ein Schwan, schrieb ihr dreizehn Sonetten, die einem Shakespeare in nichts nach standen und hatte einen Sprung. „Willst du mit mir gehen?“, fragte er am Freitagabend voller Schmelz und am Montagmorgen grinste er: „Go away!“ Dann ging er selber, doch im Gehen drehte er sich immer wieder nach ihr um und küsste sie, diesmal schluchzend, von Neuem, während er sie gleichzeitig von sich stiess, drei Tage später, indem er sie noch zärtlicher küsste, usw. Schliesslich riss er sich mit Gewalt von ihr los und sie sank nieder. In die Arme eines Frauenverstehers und Gelegenheitskellners von der Grösse eines Jungtännchens.

Dieser Frauenversteher, das muss gesagt werden, war ein Quirl und Lebendigkeitsstich, wie ihn keiner je gesehen! Doch vernachlässigte er sein wirtschaftliches Fortkommen kaltblütig, um Frauen wie sie, die sich bereits mit knapp Zwanzig Jährchen zum Struwwelpeter runtergeliebt, zum Suppentoni runtergelitten-, gemagert hatten, fatale Frauen also, in seinem Bootshäuschen zu päppeln und zu mästen. Diese Liebe verschlang sie innert Kürze und verdankte es ihm mit einem Gähnen!

Damit war der Höhepunkt erreicht und die Liebe, dieses klare Glas Wasser,  aufgetrübt wie schlammiger Sand, brach auf in eine donnernde Klaviatur der Unstimmigkeiten und Ambivalenzen! Sie war jetzt Vierundzwanzig und stellte in sich fest gleich mehrere Herzen, aber keines mehr gross genug für den Einen, doch für Diesen und Jenen, für Mehrere gleichzeitig ein Kleines! So sah es in ihrer Brust also aus, wie fatal! Doch zitterte sie mächtig! Glaubte sie doch nun fortan, ein Mann müsse eine Frau nicht nur auf Händen tragen, sondern auch lesen und emotional deuten können wie ein Buch. So nannte sie die Jungs jetzt schwärmerisch: „Herren der Schöpfung“ und wünschte sich an ihrer Seite unbedingt einen Arthur Miller, der ihr die Zeitung vorlas und sie bildete, vielleicht sogar heimlich erzog (?!)(Obschon sie keineswegs die Monroe war!)

Herren der Schöpfung! Stürmchen, bitte laufend nachtragen!, forderte eine ans Kopfende ihres Bettes geheftete Boysliste, genannt „Wehrmachtsbüchlein“, mit der die Fatale sich dazu aufforderte, diese Sache mit den Jungs, da, doch bitte nicht so zu vernachlässigen. (so zu vernachlässigen: zum Beispiel wie die Berufsplanung oder Haushaltung.) Da gab es also einen hoch aufgeschossenen und ausgemergelten, Adonis-ähnlichen Spross mit blauen Mädchenaugen und einer Vorliebe für Rimbauds Saison en Enfer in diesem Wehrmachtsbüchlein, der ihr gerne möglichst viel Alkoholisches einschenkte. Über diesen verlumpten Spross eines ehemaligen Adelsgeschlechts, der sein Dasein mit dem Verfertigen von Schlössern aus Minibabybell-Käse-Hüllen verbrachte, hiess es in der Liste randbemerkt: kann sein, ich liebe ihn, aber wahrscheinlich ein A … sch. Oder da zirkulierte ein Mannsbild namens Lampert Loop, ein aufgeschwemmter, bejahrter König im Stile von Louis Quatorze, der ihr auf dem Dach seines Hauses, nackt unter seinem weiss flatternden Bademantel ein paar verdrückte Erdbeeren unterbreitete, randbemerkt: höllisch charismatisch und so vulgär, mit grösster Wahrscheinlichkeit ein A … sch. Lampert Loop war ein Unikum, dem es zwischen den Grenzen seines bipolaren Spektrums gelungen war, das Hotel Dubai Beach nach dem Schnitt ihres Krinolinennachthemdes in Pappmaché zu entwerfen. Um ungestört mit ihr zusammen zu sein, baute er zwischen sich und die Etage seiner langjährigen Mäzenin, womit natürlich seine Ehefrau gemeint war eine schwere betonierte Türe—- die weiteren Einzelheiten muss ich hier aussparen, da die Betreffenden noch unter den Lebenden weilen und ich zu menschscheu bin, um mir irgendwelche Reibereien zu leisten. Übrigens: ein grosses Ehepaar! Ein Mann namens Pflaume, bestangezogener Stein- und Plastikkünstler der Stadt (er besass nur einen einzigen siebzigjährigen Anzug) wurde in der Boysliste der Fatalen als dumpf wie eine alte Schuhsohle und distinguiert wie ein trockener Seeigel bezeichnet, dann aber aus dem Wehrmachtsbüchlein entfernt, nachdem er das Gerücht in der Szenenkneipe gestreut haben soll, dass er beim Verkehr mit ihr eine Harlekin-Maske habe tragen müssen … wahrscheinlich ein A … sch … Liste geschlossen.

Dabei hat sie, die ich kenne, doch kaum oder nur ansatzweise je so etwas schwer in Romantik zu Verkehrendes wie Sexualverkehr mit diesen Männern gehabt, damals. Hat sich die Männer doch nur sehr gut an gesehen und versucht herauszufinden, wo sie mit ihren Augen eigentlich hinschauten, wenn sie, grob kursorisch, doch niemals lang genug, tief genug in die ihren schauten. (Und an diesem Punkt kenne ich sie wieder sehr gut!) Konnte sie da allenfalls hinab und hinein in diese Männeraugen, wenn nötig auch ohne eine, für eine solche Intimität unerlässliche, will mal sagen, göttliche Berührung? Das war eine schwierige, aber recht rauschhafte Sache, damals, für die kleine Fatale, das zarte, sperrige Mauerblümchen, so über den Rand dieser mehr oder weniger geschlossenen, verbarrikadierten Männerhüllen hinein zu spähen und sich ihre Berührung, ihr Stücklein Intimität, süss wie Honig, insgeheim einfach zu klauen!

Verbrachte sie die Nächte bei Lampert, Rimbeau-Beau oder Pflaume, trieb es  sie anschliessend fort, wie die leichteste Blätterschwebe durch die entleerten Strassen der Stadt auf direktestem Weg zu Till, der um diese Zeit bereits in der Cafeteria der hiesigen Stadtbibliothek über einer Beige Zeitungen hockte.

Wer er war? Nun, ein angehender Geschichtsdoktor, der  sich sein Studium mit dem Ausschneiden von Zeitungsaktualitäten für keine geringere, als die Bundesrätin mühevoll finanzierte. Aber im Herzen doch noch etwas ganz Anderes! Offensichtlich war er ein Sammler von He-Man und anderen nacktbrüstigen lanzenbehängten Urhelden von Play-Mobil-Grösse sowie ein leidenschaftlicher Verfasser historisch-fiktionaler Prosa, die sich gerne für Hanf, manchmal für reichlich Lachgummis bezahlt machte. Und auch sonst bestand sein Alltag offenbar nur aus Schlafentzug, Ramschnahrung, Elternpflicht und einem Wald voll Zwängen, durch die er hindurch schritt, wie eine an Fäden geführte, geheimnisvolle Marionette. Die Arbeit war sein Thema, sein Schicksal, fast, wie ihres die Romantik war, damals oder der sprechende Körper, mit dem er übrigens nie ein Problem hatte. Im Gegenteil, dass ihr Körper sprach und Symptome machte, war für ihn nur Ausdruck radikaler Selbstbestimmung (welcher Irrtum von ihm!), und manchmal hätte man denken können, er wünsche sich für sich selbst auch so einen Körper, nur, um herauskatapultiert zu werden aus der Galeere (wie er seine Arbeit nannte) und mit Rudern fertig zu sein, ein für allemal, heimgesucht von einer grösseren, existenzielleren Not.

Wenn sie so in den frühen Morgenstunde in die Cafeteria der Stadtbibliothek hereinwehte, das Make-Up verschmiert, die Kleider verraucht, wollte Till, der damals im Begriff war, ihr bester Freund zu werden, immer brühwarm informiert werden, welche Erfahrungen sie mit den Herren der Schöpfung wieder gemacht, welche Lapsi sie mit Seinesgleichen wieder auszubaden hatte. Diese Geschichten sog er bis ins Detail ein, kommentierte sie erst einfühlsam, dann belustigt, dann hämisch, aber immer wie eine beste Freundin, ein Kumpel und bester Freund. Ich will nicht behaupten, dass sie, die ich kenne, ihn anrempelte. Aber angesprochen, das hat sie ihn schon auf irgendeine Art, wie ich hier erinnere:

„Tschuldige, ich hoffe du hältst mich nicht für schlampig, wenn ich dich hier bei der Arbeit so störe. Aber ich habe dich lange Wochen beobachtet und mir dabei so meine Gedanken gemacht. Und diese Gedanken würde ich dir jetzt brennend gerne mitteilen. Darf ich? Keine Angst, ich will dich nicht etwa dumm anmachen oder gar zu küssen, so sehr gefällst du mir nicht! Sicher ein bisschen juckt es mich schon, aber nicht allzu fest. Du siehst so bleich und ungeküsst aus, das muss ich hier sagen. Ich denke, du könntest einer für mich sein. Ja, ich denke, ich könnte dich machen. Könnte Pech, Schwefel und Gold in dein gutmütiges Gefäss von Mann hinab lassen, und du würdest mich immer verstehen wollen, lesen wollen, gerade so wie deine Zeitung. Sag, möchtest du so etwas Schönes und Kostbares wie mein bester Freund werden?“ Das war ein langes, aber sehr flüssiges Intro gewesen von der Kleinen, Fatalen. Gleichwohl hatte sie gegen Ende des letzten Satzes gegen ein gewisses Hyperventilieren gekämpft. „Das kommt überraschend und tönt verwegen. Und als seiest du ziemlich romantisch … “ Er, den ich hier einmal den Platonischen nenne, schaute freundlich auf. „Ich, romantisch? Ich doch nicht!“, schrie die, die ich kenne, bereits auf. „Ich bin sehr vernünftig! Romantisch … das war ich vielleicht als Schulmädchen, als ich vom ersten Kuss mit Massimo träumte oder vom Batzokakauen mit Lehrer Jimmy-Dean Beck! Gott, was war ich da doch für ein kleiner Fratz!“ – „Du wolltest Kaugummikauen mit deinem Lehrer, der aussah wie James Dean? Das muss ein toller Lehrer gewesen sein … “ Man muss sich das so vorstellen: Sie stand in der Cafeteria und lehnte sich mit ihrem ganzen leichten Fliegengewicht an sein Schmuddeltischchen, das über und über mit Büchern und Kaffeebechern bedeckt war. Gleichwohl wippte sie gefährlich rasant mit der Sohle ihres schwarzen linken Pumps, so als wäre sie auf dem Sprung. „Ach so, das. Naja, tjein. Eigentlich war er ein durchs Schulzimmer exerzierender, mit Sporen klimpernder Feldherr! ‚Wie ihr mich langweilt!‘, rief er während des Unterrichts oft aus. ‚Keiner von euch leistet Aussergewöhnliches, keiner wird es zu was bringen!’“ – „Scheint ein ziemliches Arsch gewesen zu sein, dieser Lehrer. Was passierte dann mit euch zweien, ich meine …“ – „Auf erotischer Ebene?“, fiel sie ihm schnoddrig ins Wort. „Na, nichts! Zudem wechselte ich dann auf die Handelsschule, wo mich einer vom Gymnasium, drüben, mit einer Beichte massiv in seinen Bann zog …“ – „Worin bestand die Beichte?“ Der Platonische fügte hinzu und schaute sie zum ersten Mal direkt an: „Sag, willst du dich nicht setzen?“ Sie überging die Bemerkung und stampfte etwas schneller, diesmal auch mit dem rechten Fuss. „Er könne in den absolut ernsten Angelegenheiten des Lebens plötzlich nicht mehr ernst sein, seit er mich kenne! Jede Tätigkeit, die ihm bis zu diesem Tag gefallen habe, komme ihm jetzt geschmacklos und undurchführbar vor. Das Radieren, Musizieren, das Rubbeln. Worauf ich sofort zu seinem Spielball wurde! Ja, doch, keine schlechte Idee! Ich setze mich neben dich!“ – „Hm. Täusche ich mich, oder kann es sein, dass du auf ziemliche Ärsche stehst?“ Jetzt war es an ihr, entgeistert zu sein. „Aber nein! Wo denkst du hin!?“ – „Ein Arsch würde mit mir niemals harmonieren!“ – „Warum nicht?“ – „Naja, sagen wir es mal so: Ich habe vor einiger Zeit festgestellt, dass ich eine Frau bin, die selbst der Mann werden will, den sie immer haben wollte! Und aus diesem Grund kann ich natürlich auch keinen Mann gebrauchen an meiner Seite, mit dem ich harmoniere. Verstehst du, was ich meine? Okay, ich könnte mich kurz setzen. Warum eigentlich nicht.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, während er den freien Metallstuhl unter dem Tisch hervor zog. „Nicht wirklich.“ Sagte er dann ziemlich verhalten. Es war ihr bereits sonnenenklar: er konnte keiner Fliege was zuleide tun. „Macht nichts. Ich bin es mir gewohnt, dass man mich nicht versteht!“, rief sie begeistert. „Ich gestehe, ich verstehe mich ja oft selbst nicht! Besonders dann, wenn es wichtig ist, dass wenigstens ich mich verstehe, merke ich, dass ich mich nicht verstehe! Wenn du mich nicht verstehst, denke ich grad, macht das nichts, solange du einfach so tust, als würdest du mich verstehen! Das ist mir bei allen Menschen eigentlich sehr wichtig, verstehst du?“ – „Hm.“ Er räusperte sich. „Die Vorstellung, dass du zu dem Mann wirst, der dir offenbar Schmerzen zugefügt hat, irritiert mich ein wenig. Vielleicht hat das aber auch Methode. Im Psychodrama spielt man eine Handlung ja offenbar nach dem Leben nach und gewinnt dadurch so etwas wie Distanz. Wie ging es dann weiter, mit dir und dem Typen? Demjenigen Arsch, der sich wegen dir sogar keinen mehr …“ – „Ach so!“, rief sie aus, als hätte er eben ein neues Thema angeschnitten. „Naja, der liess mich dann mit einer Anderen sitzen. War eine harte Zeit, kannst es mir glauben! Hätte sie kaum überlebt, wäre ich nicht am Tiefpunkt von einem lieben, herzensguten Menschen gerettet worden. Momentchen, ich komme gleich wieder. Hole mir am Automaten nur schnell eine Cola!“ Er war offenbar stark kurzsichtig. Mindestens so kurzsichtig, wie Tony Curtis in Some Like it Hot. Eine Kurzsichtigkeit, übrigens, die sie nicht wenig anzog, wie sie jetzt wieder dachte, während sie auf ihren schwarzen Pumps davon stampfte. Schliesslich, je weniger einer sah, umso genauer schaute er. „Das war kein Mann, nehme ich an …“, bemerkte er, als sie mit einer Cola zurück ans Tischchen kehrte. „Natürlich! Warum soll es kein Mann gewesen sein? Ich liebe doch die Herren der Schöpfung! Ich will doch immer ganz das frisch geborene Baby eines Mannes sein!“ – „Hm. Eben wolltest du noch ein männliches Arsch sein. Und jetzt auf einmal ein Kleinkind. Das verstehe ich jetzt nicht!“ Sie zappelte mit den Beinen und langte mit der Hand in einen klebrigen Colafleck auf dem Tisch. „Aber das macht doch nichts! Überhaupt: sei doch nicht so spitzfindig! Immerhin lebte ich beinahe zwei Jahre mit diesem unwahrscheinlichen Harmoniker zusammen. Bis und mit zum Moment, in dem die Sache mit dem Heiraten anstand!“ Obwohl er im Prinzip kleine Augen hatte, machte er jetzt grosse Augen. „Du bist verheiratet?!“ Sie lachte vergnügt. „Ich sollte es vielleicht sein, Tillchen, ich sollte es, vielleicht, so heisst du doch, oder?! Aber das ist eine andere, dumme kleine Geschichte.“ – „Die sind mir oft die liebsten!“ Nun hörte sie in seiner Stimme etwas Brüchiges mitschwingen. Während auch er an ihr ein kurzes Abflachen der Stimmung bemerkte. „Wirklich? Dann hast du es gerade umgekehrt wie ich! Ich mag nämlich am liebsten die grossen. Tragödien, Liebesdramen. Psychologisch fein verästelter Tiefgang!“ – „Du bist eben doch romantisch!“ – „Ich? Vergiss es!“ Es entstand eine kleine Pause. „Erzählst du mir deine dumme kleine Geschichte?“ – „Welche? Ach, so, diese: ja! Aber ich warne dich: Das ist nur mein dummes kleines Leben!“ Wieder entstand eine kurze Pause. Worauf er fast höflich fragte: „Darf ich kurz eine Zigarette rauchen? Dann möchte ich deine Geschichte hören!“ Sie nickte so unmotiviert wie sie konnte und sah ihm nach, wie er mit einer Packung Zigarette in der Hand nach draussen verschwand. Aus der Ferne beobachtete sie, wie er sich im Hof eine Zigarette anzündete und einen tiefen, fast kontemplativen Zug nahm. Und bei sich dachte sie sich: „Herrgott, ich möchte seine Zigarette sein! Aber nur, wenn er mich so abschätzig und gewöhnlich in sich einzieht, so vertieft und verzückt wie diesen dämlichen Glimmstengel da!“ Der Platonische kehrte zurück. „Und?“, sagte er lächelnd.

„Und? Na also,“, fing sie an, „ich kam gerade von der Schule. Und die Frage der Lebensfinanzierung lag im Prinzip vor mir. Aber das Leben macht manchmal blöde Zwischenfälle. In meinem Fall hat es einen gegeben mit einem Arschloch.“ Das war kein besonderer Auftakt. Sie wusste es und senkte beleidigt die Augen. Doch er rief aus: „Also doch wieder ein Arschloch! Und wer war es diesmal?“ – „Ja, mit meinem Arschlochkörper. Du musst wissen: mein Körper spricht. Kauderwelsch, in Symptomen. Wenn du verstehst, was ich meine. „Hm. Diese Sprache kann ich nicht.“ Sagte er leise. „Was sagte er denn, dein Arschlochkörper?“ – „Er sagte zu mir: Stürmchen, du kratzt gleich ab! Es sei denn, du legst dich sofort ins Bett! Ich lag etwa ein Jahr … “ – „Das ist lange, wenn man gerademal aus der Schule kommt …“ – „Da sagst du was Wahres!“ Zum Sprachfluss gehörte es, dass sie ihn mit dem Schienbein an dieser Stelle relativ unsanft anstupfte. „Aber dann, eines Tages ging es besser. Und ich dachte, wenn ich bis jetzt noch nicht abgekratzt bin an dieser vegetativen Blabla …“ – „An was?“, fuhr er dazwischen. „An dieser vegetativen Blaba … Dystonie … so nennen sie es, den Salat …. dann kann ich ja vielleicht mal wieder einen kleinen Spaziergang versuchen!“ – „Eine schöne Idee.“ – „Ja, finde ich auch! Mit zittrigen Beinen stand ich auf, packte Hammer und Nagel und ging hinab zum Fluss, wo der Fährmann schon im Gras lag mit Blümchen im langen blonden Haar und Muschelketten um den Hals, ein Mondgesicht, so üppig und strahlend obendrauf wie Johnny Depp.“ – „Der Frauenversteher!“, rief Till aus. Und sie, die ich kenne: „Rief ich dann: ‚He, du, kannst du mich schnell zum Bootshäuschen hinüber rudern?’ Er, in rosafarbenem Hemdchen, tief ausgeschnitten über der Brust, sprang auf die Beine und spuckte verächtlich ein Stück Kautabak aus. ‚Nichts lieber als das Madame!’ Dann reichte er mir die Hand, damit ich in den Kahn steigen und drüben an der Wand des Bootshäuschens mein Heiratsinseratsinserat hämmern konnte!“ – „Seltsame Lokalität, für eine Offerte. Was hast du geschrieben?“ – „He, was man so schreibt. Dass ich knapp über Zwanzig bin, am Bein muskulös und an der Brust feenhaft gebaut, eine Mischung aus Feldherr Napoleon und der kleinen Piaf. Und dass er, mein Ernährer, das Geld ein wenig gern haben sollte. Ich meine, nicht gerade vergöttern, das ist was Blödes, aber eine Prise davon sollte er schon besitzen!“ Till schwieg eine Weile. Ehe er bemerkte: „Dann warst du damals noch nicht der Mann geworden, der du sein willst, nehme ich  an …? Was hattest du sonst noch für Erwartungen an die Ehe?“ Beim Wort Ehe lachte sie über alle Backen. „Na, um meine Chancen etwas zu erhöhen, schrieb ich noch: ‚Dieser Pakt ist rein geschäftlich! Gehen wir also mit dem nötigen Vergnügen, der nötigen, spielerischen Distanz an die Arbeit!’ Ob ich noch nicht der Mann geworden war, der … hm …“ Sie schien ernsthaft zu überlegen. „Naja, ein kleines bisschen wollte ich  damals schon auch noch Prinzessin sein, das muss ich zugeben … allerdings nicht die Prinzessin eines Prinzen, wenn du verstehst, was ich meine …“ – „Eines Frosches, vielleicht? Ich kann es nur versuchen!“, antwortete er eine Spur zu keck. Und daraufhin: „Und? Hat sich einer auf deine Annonce am Bootshäuschen gemeldet?“ – „Nein, eigentlich nicht. Das heisst, zwei Wochen später wollte ich dann einmal  nachsehen, was aus meinem Zettel unten am Fluss so geworden war. Es war ein wüster Tag, der Wind haute mich Binse fast um. ‚Was ist der Stand der Dinge?‘, rief mir der Fährmann, diesmal in einem farbigen Papageienhemdchen, schon von weit her zu. Hüpfte auf die Beine und zog mich ich ins Boot, das davon rutschte, ehe ich ihm die zwei Franken für die Überfahrt in die Hand gedrückt hatte …“ – „Ein symbolischer Lohn …“, sagte Till nachdenklich, beinahe abgründig. „Und dann?“ – „Es stürmte also. Und der Fährmann hatte Mühe, das Boot mit der schweren Stange gegen die Strömung zu manövrieren, die ziemlich bewegt daherflutete. Plötzlich, wir waren gerade mitten im Fluss, steigt er mit den glatten Absätzen seiner hoch gebogenen kubanischen Schnabelschuhen gefährlich weit auf die Kante des Kahns hinaus und fällt hinterrücks über Bord. ‚Der Stand der Dinge? Wegen der Heirat?’, rief ich cool, beugte mich vor, weil ich doch einmal  sehen wollte, ob er auch schwimmen kann, der Mann. Und in dem Moment griff er nach mir, und ich fiel  auch!“ – „Hoppla! Was passierte dann?“, fragte Till und trank den Rest seines offenbar dritten Bechers schwarzen Kaffees. „Klebten und zappelten wir also aneinander, tropfend nass, nicht wissend, ob Fisch oder was Anderes. ‚Also dich würde ich sofort heiraten!’, klapperte es dann durch seine Zähne. Dann robbten wir an Land, das heisst, ich ziemlich leblos in seinem Arm, verschwanden in seinem Bootshäuschen und küssten uns wie die Schwärme sinkender und steigender Vögel fünf Tage und fünf Nächte lang …“ – „Das ist, je nach dem, ziemlich ausdauernd …“ – „Meinst du? Ja, vielleicht waren es auch zwei Monate. Auf alle Fälle, die ersten Herbstblätter zierten schon das Ufer, da überkam mich ein endloses fürchterliches Heulen!“ – „Warum denn?“ – „Mit mir und Wim war es vorbei, den letzten Kuss konnte ich nicht mehr toppen.“ – „Hm. Ist Küssen denn ein Wettstreit? Ich hoffe, deine dumme kleine Geschichte ist hier nicht bereits zu Ende …“ Sie, die ich kenne, warf ihm einen herausfordernden Blick zu. „Leider. Das heisst, ja und nein. Obschon …“ – „Obschon was?“ – „Ist nicht weiter wichtig für die Geschichte. Ändert jetzt nichts mehr an der Sache …“ Er bemerkte ihre schlechte Laune. Und sie bemerkte, dass er es bemerkte. „Je nachdem kann ein offenes Ende ganz schön sein.“ Sagte er aufmunternd. „Meinst du?“, sagte sie dumpf, und dabei hüpfte fröhlich ihr Herz. Genauso so zuvorkommend und liebreiziend hatte sie ihn sich nämlich vorgestellt. „Nun ja, ihm war das ja sowas von piep egal, ob ich ihn noch küssen mochte oder nicht, weißt du.“ – „Ach ja?“ – „Ja, er sagte zu mir: ‚Geh du nur weiter, ich bleibe,‘ und: ‚ich habe dich geküsst. Dies reicht mir für ein Leben.’“ – „Hm. Das verstehe ich jetzt nicht. War seine Liebe für dich denn platonisch?“ Fragte Till ahnungslos. Sie, die ich kenne, rief laut auf, fast so, als hätte sie ein Insekt gestochen: „Aber, nein, red kein Blech! Wir hatten ausgeküsst, unsere Beziehung war fertig. Auf jeden Fall, fast …“ – „Fast?“ – „Naja, weisst du. Ich war ja schon auch ein wenig erleichtert, dass ihm das völlig schnuppe war mit dem Küssen. So kriegte ich nämlich gleich noch einmal Lust, ihn zu küssen, aber nur noch aus Lust am Küssen, aus niedriger Lust, also, sozusagen, wenn du verstehst, was ich meine … “ – „Hm. Das wusste ich nicht, dass es eine höhere und niedere Lust am Küssen gibt …“ – „Dochdoch, das gibt es! Tillchen! Aber macht nichts, wenn es dir neu ist. Kannst auch nicht alles wissen. Ist ja nicht dein Gebiet. Nur gut, dass du diesen Unterschied nicht kennst! Tatsache ist: nun passierte etwas Einschneidendes …“ – „Was?“ – „Es wurde Herbst und die Mäuse schlüpften durch die löchrigen Zwischenwände des Bootshäuschens und krabbelten über das feuchte Laken. Eines Morgens stand auf der andern Flussseite der Vermieter der Kanugesellschaft und rief mit drohender Stimme zu uns herüber: ‚Du Nichtsnutz, dort, Morgen um Acht fordere ich meinen Mietzins ein!’ Und eine sonore wohlklingende Stimme rief zurück: ‚Ja klar, Morgen hast du deine Vierhundertfränkli, völlig klar!’ Doch nichts hat sich getan. Er war ja Fährmann und Kellner! Aber servieren in der Säuferkneipe oben in der Stadt war er seit unserer Bekanntschaft nicht mehr gegangen.“ – „Er ging nicht mehr zur Arbeit, das ist mutig von ihm. Warum nicht?“ Tills Stimme zitterte fast. „Naja, er bediente mich von hinten und von vorne!“ – „Was?!“ – „Neinein, nicht so wie du denkst, Mensch, Mann! Aber mit Knoblauchbroten, Fischaufläufen, goldenen Knöpfen, verwegenen Seemannsliedern, würzigen Grogs und Goldwasser aus Transsibieren, mit Ausflügen auf seiner Vespa, mit Anlegen seiner riesigen Hand an mein Herz, das Tage- und Nächtelang raste, als ob mein Körper jeden Augenblick  zerspringen wollte … “ – „Verstehe nicht ganz. Kehrte seine Arbeitsmoral dann wieder einmal zurück?“ – „Du, willst du nicht mal wieder zur Arbeit gehen?’, fragte ich ihn einmal, anfangs November. ‚Du bist doch der beliebteste und nachgiebigste Kellner der ganzen Stadt! Du kannst doch mit zehn Weingläsern in den Ellbogen jonglieren?! Dir werfen sie das Trinkgeld doch nur so nach, weil du ihnen schon ab dem dritten Schnaps nichts mehr verrechnest! Wenn du erst wieder Kellner bist und auch wieder deinen Lohn hast, mietest du dir damit ein neues, solideres Lotterhäuschen!’ All das und mehr sagte ich zu ihm, weißt du …“ – „Und? Lenkte er ein?“ – „Er schüttelte nur den Kopf und wurde alles in allem ziemlich melodramatisch: ‚Geh du ruhig weiter! Ich bleibe und bewahre unsere gemeinsame Zeit, hier!’ So sagte er. Und er umsorgte und bediente mich einen weiteren ziemlich nassen Winter und einen weiteren Frühling lang von Oben bis Unten. Ein neuer Sommer stand schon vor der Tür, und auf einmal wusste ich nicht mehr, war das nun eine Hinfälligkeit aus einer hinfälligen Laune heraus, bei mir, dass ich mich so bedienen liess. Oder weil er mich zu fest liebte, dass mein Körper auf einmal wieder so eindeutig kauderwelsch sprach! Oder war es am Ende ganz einfach, weil ich es selbst  nicht kann …“ – „Weil du was nicht kannst?“  – „“Na, lieben, der es auch verdient!“ – „Ach, verdient hat das doch keiner!“ Wie resigniert er auf einmal klang! Sie hatte nicht schlecht Lust, ihn in die Arme zu schliessen. Vehement rief sie aus: „Du schon! Weisst du, wie ich dich beobachtet habe, in der Bibliothek, all die Tage, da habe ich mir gleich gedacht: der könnte einer für mich sein! Mein sanfter Zeitungsvorkauer, mein nachsichtiger, hartnäckiger Leser! Wie gesagt, ich will dich nicht blöd anmachen oder gerade küssen, schon gar nicht, weil …“ – „Weil was?“ Sie runzelte die Stirn. „Ich muss dir nämlich gestehen, aktuell glaube ich, ich liebe einen!“ – Ahh!“ – „Zumindest, das heisst: fast! Er heisst Rimbaud-Beau …“ – „Und liebt er dich auch, fast, dieser Rimbeau-Beau?“ – „Naja, besuche ich ihn, füllt er mich am liebsten mit Rotem ab. Er lebt wie ein Mönch, nur von Reis und von Wein. Fast fällt er von den Kleidern. Dabei redet er in Weltschmerz und zynischen Sprüchen, zärtlich über böse Philosophen und verachtend über schwangere Frauen. Aber immer mit so zuckerblauen runden Augen.“  – „Und auf so einen Arsch stehst du?“ – „Aber nein doch. Oder vielleicht, theoretisch. Ein bisschen, aber doch nicht wirklich! Du musst wissen: so einem Eisigkalten kann ich mich praktisch nicht hingeben, ohne zu zerbrechen! So einen Heisskalten kann ich nicht küssen, real, ohne dass mir ein anderer, ein Warmer, dabei hilft, nachher, wieder auf die Beine zu kommen im irrealen Leben!“ – „ Ein Lauer? Aha!“ – „Im Übrigen habe ich es schon getan!“ – „Was?“ – „Ich bin zerbrochen.“ – „Schade … “ – „Und weisst du, was er jetzt dafür verlangt?“ – „Verlangt, wofür? Dass du mit ihm geschlafen hast?“ – „Aber nein! Dafür, dass ich ihn geliebt hab!“ Ein paar Gesichter sahen hinter ihren Zeitungen auf und schauten zu ihr hin. „Ach so!“ Sie fühlte sich etwas ungehalten. Wie blind mochte dieses Brillenschlänglein-Lämmlein, bloss sein! „Ja! Eine Quittung! Eine Bestätigung, einen grausamen Beweis, für etwas, das nachträglich niemals quittiert werden kann! Kann man Liebe denn in so etwas Kleines wie Worte giessen, das frag ich dich? Kann man sie fangen und anbinden an stimmige Aussagen, Tillchen?!“ Ihre Stimme war jetzt so laut, dass mehrere Leute in der Cafeteria ihre Zeitungen senken liessen. „Vielleicht will er einfach wissen, woran er bei dir ist?“ –  „Woran er bei mir ist? Nun kommt es noch besser! Nur, weil er es nicht fühlen kann?“ Sie schnaubte. „Also du würdest das nie wissen wollen, woran du bei mir bist! Das läge gar nicht erst in deinem Interesse. Wie du überhaupt kein Verlangen hättest, insgesamt, irgendetwas weit daher Geholtes wie einen Beweis von mir zu verlangen! Sag, willst du so etwas alltägliches Kleines und aussergewöhnlich Grosses wie mein bester Freund werden?“ – „Ich glaube, du überschätzt mich.“ Sagte er traurig. „Nein, es bist du, der sich unterschätzt! Und ich finde das süss. Keine Angst, ich werde dich nicht überfallen! Du gefällst mir nicht so sehr, dass ich für dich oder mich unsere beiden Leben in Gefahr bringen würde. Ich küsse dich nicht. Aber ein klein wenig, das muss ich zugeben, lockt es mich doch …“ – „Jetzt doch?! Küssen? Obwohl ich dir nicht gefalle? Ist das nicht ein Widerspruch? Also das verstehe ich jetzt nicht!“ Till grübelte nach einer Zigarette. „Aber das macht doch nichts! Ist doch auch nicht dein Fachgebiet, dein Thema. Schwebst quasi über den Sachen, wie ein Herr der Schöpfung über den Sachen schwebt, ich meine, den echten Sachen, den Herzenssachen! Abgesehen davon, ich verstehe mich ja selbst nicht! Drum versprich mir nur eins! Sollte ich den dummen Versuch machen, dich in einem unüberlegten Moment zu küssen …“ – „Ich gebe ungern Versprechen ab …“

Und so ging es weiter, in diesem Takt. Sie, die ich kenne, hat mit Till ein Jahr ein Freundschaft gehabt, dann ein Vierteljahr eine Liebesbeziehung. Dann ein Jahr die Hälfte einer Liebesbeziehung, zwei Jahre den Viertel einer Liebesbeziehung, ein weiteres Jahr eine Brosamen-, dann eine Krümmelsbeziehung und sofort. Ich will das jetzt nicht weiter ausführen, denn manchmal ist gerade eine lange, zähe Geschichte zutiefst alltäglich. Sie ergibt kein Drama. Man kann es wenden und drehen, wie man will.

Aber zum Schluss vielleicht noch dies: Eine, die ich kenne, eine Fatale, hat ihn geküsst. Dummerchen. Ich an ihrer Stelle hätte es nicht getan. But I say Amen to that. Kenne ich sie wirklich?
Nur die Romantik im Kopf. Und sonst weiter nichts.
(2012)

 

 

 

Blindbewerbung

 

Guten Tag, haben Sie Lust, eine knappe Mitdreissigerin für zirka vierzehn Stunden pro Woche bei sich einzustellen? Ich will gleich zur Sache kommen und nicht lang um den heissen Brei reden: Vor gut drei Jahren wurde sie mit den Diagnosen F.45.0 und F.60. 31 berentet. Allerdings beträgt ihr Rentengrad zweiundsechzig Prozent, woraus sich eine Erwerbspflicht von achtunddreissig ergibt. Am besten bieten sie ihr eine Arbeit, die sie mit Lust verrichten kann. Sich einzuschätzen fällt ihr nicht schwer, denn während einer krankheitsbedingten Auszeit hat sie lange über sich nachgedacht. So würde sie sich als eigenwillige und ehrgeizige Persönlichkeit mit guter Präsenz, aber auffallend kläglicher Konstitution bezeichnen. Ihre Menschenkenntnis ist fein, auf jeden Fall viel feiner, als es ihr lieb ist. Ihr Erscheinung sauber, sie sieht normal und ordentlich aus und legt auch gerne Wert auf altmodische Verschönerungsmethoden wie Lippenstift, Taillenbetonung und klingende Schuhe. Ihr Allgemeinwissen könnte jedoch ausgebaut werden, mit anderen Worten: sie kann sehr gewinnend sein! Würde ich zu Übertreibungen neigen, könnte ich spontan sagen: Fördern Sie diesen verschlossenen menschlichen Tresor auf eine sensible und unbezahlbare Art, und Sie werden es nicht bereuen. Meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es klappt, kann ich natürlich trotzdem nicht. Erstens bin ich auch nur ein Mensch, und zweitens bringt sie ja die nötigen Problemchen mit. Warum sonst würde sie sich hier bewerben? Dies ist eine Stelle für Leute mit Handikapé, und bei einer Anstellung ergibt sich für Sie daraus ein finanzieller Vorteil. Ich schlage daher vor, dass sie sie am besten persönlich einladen, falls Sie Lust haben, sich ein persönliches Bild über diese mittelgrosse, sprachlich flinke, mimisch irritierende, Frau in den besten Jahren zu machen. Versuchen Sie nicht, ihr Vertrauen billig zu erkaufen, Sie handeln sich damit womöglich nur ambivalentes Verhalten und Ärger ein. Gewinnen Sie ihr Vertrauen viel eher mit Hartnäckigkeit und Geduld, in Ruhe, und Sie gewinnen auch einen Menschen! Natürlich haben Sie es letztlich auf die Produktionskraft der Bewerberin abgesehen. Meiner Meinung nach können Sie diese bei ihr aber nur anzapfen und gewinnen, wenn Sie sie zuerst als Mensch gewinnen. Gelingt Ihnen das nicht, ist die Bewerberin wohl eher nicht fähig, ihren eigenen Menschen hinter sich zu lassen und sich widerstandslos in den Dienst des Erwerbs zu stellen. Ihr eigenes Menschsein stellt sich ihr dann in den Weg, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Wie bereits angedeutet wurden bei ihr psychische Abweichungen von der Norm vorgefunden, die man dann vor knapp drei Jahren durch ein Rentenverfahren in zwei separaten Diagnosen psychiatrisch verschlüsselte. Meiner Meinung nach existieren diese Abweichungen aber schon viel länger; und zwar unter anderem in den fixen, unumstösslichen Bildern, die sie sich als Kind von ihrem Leben machte, im Austausch mit der Welt, in die sie ganz zufälligerweise hinein wuchs: „Ich will später einmal etwas Grosses, Ureigenes tun! Etwas, von dem nur ich weiss, wie es geht, so dass mich keiner in meiner Arbeit bewerten kann!“ So ihre Überzeugung als Kind. Gleichzeitig verschwendete sie als junges Mädchen an ihre berufliche Zukunft, als es soweit war, auch nicht einen einzigen Gedanken zuviel. „Zur Not“, fand sie, „bin ich durchaus auch etwas ohne Beruf oder aber mit einem dummen kleinen Aushilfsjob, allein dadurch, dass ich bin!“

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein kleines, leicht zurück gebliebenes Schulmädchen mit schlechten Schulnoten und null Selbstbewusstsein. Von Anfang an sagt man Ihnen, dass nur ein Job im untersten Erwerbssektor, ein dummer kleiner Job also, für Sie zukünftig zur Auswahl steht. Sie aber, und das ist die Krux, glauben, Sie sind einmal dazu berufen, etwas Ureigenes zu tun und eine andere, bessere Arbeit zu verrichten, als einen dummen kleinen Job. Diese fixe Idee haben Sie, ja, Sie werden durch diese fixe Idee regelrecht verhext! Und wie das bei fixen, verhexenden Ideen so ist, ziehen diese nach und nach einen Rattenschwanz weiterer fixer Ideen nach sich. Haben Sie all das verinnerlicht, nennt man das Glaubenssatz.

Sie, die Frau, die ich hier vorstelle, fühlte sich zu einem x-beliebigen Brotjob nicht berufen, weil sie der Überzeugung war, dass ein Anderer den Job an ihrer Stelle viel besser macht. Es liegt doch auf der Hand, so ihre damalige Logik, dass ein Anderer, der sich zu einem x-beliebigen Job schliesslich berufen fühlt, sie, die sie ihre Berufung in einem x-beliebigen Job nicht erkennen kann, konkurrenzmässig ausschaltet! Der Andere sieht in der Erwerbsarbeit mit grösster Wahrscheinlichkeit den ganzen Sinn seines Lebens, ergo macht er diese Arbeit auch viel besser, als sie, eben, weil es in ihrem Leben noch etwas Anderes gibt, als nur den Job. Kann sein, dass es sich bei diesem Andern auch um eine Tätigkeit und also um eine Arbeit handelt, im engeren Sinne; mit dem kleinen Unterschied, dass man diese wegen fehlender Wirtschaftlichkeit eher als Hobby bezeichnet. Nur: und damit komme ich wieder auf die reguläre Arbeit zurück; warum soll eine Arbeitnehmende einen Job, den ein Anderer spielend macht, überhaupt erst machen, wenn sie diese Arbeit ja doch viel schlechter macht, als der Andere, während sie (die Arbeit) sie gleichzeitig auch noch viel mehr Kraft kostet als jener?! Das macht ja keinen Sinn! So die damalige Logik der Bewerberin respektive Glaubenssatz. Sie ist ja nicht unersetzbar! Die Antwort lautet, wir haben es oben schon gelesen: weil sie muss!

Wenn Sie dieses Müssen jetzt so transportieren, dass es als einladendes Dürfen daherkommt, würde ich einmal sagen! Erwecken Sie bei ihr durch eine kluge Taktik den Eindruck, dass Sie ihr eine Arbeit bieten, die sie genauso gut auf freiwilliger Basis verrichten könnte, weil sie unbedingt, unabhängig von jeglicher Entlöhnung, gemacht werden muss. Ich weiss schon, die meisten Arbeitnehmer benötigen einen gewissen Druck, damit sie ihre Arbeit gut und effizient machen. Bei vielen hilft sogar ein gehöriger Tritt in den Hintern! Tun Sie das nicht bei ihr. Sie handeln sich damit nur Ärger ein und erreichen die nötigen Resultate doch nicht. Die Frau, die ich hier vorstelle, ist nicht fähig, eine Tätigkeit zufriedenstellend zu erledigen, wenn man ihr dabei pedantisch auf die Finger blickt oder ihr sogar in den Hintern tritt, damit sie ihre Arbeit noch besser und effizienter macht. Genausowenig sollte man ihr sagen, wenn sie eine Tätigkeit schlecht oder aber, was durchaus gelegentlich der Fall sein kann, gut macht. Dies führt bei ihr in der Regel nur dazu, dass sie ihre Arbeit, die sie manchmal, unter grosser Anstrengung, durchaus mittelmässig macht, hauptsächlich, schlechter macht, besonders, wenn die allgemeine Erwartung besteht, dass sie ihre Arbeit ansatzweise ganz gut macht. Macht sie ihre Arbeit aber schlecht, was vorkommen kann, streicht man ihr das am besten gar nicht erst unter die Nase. Niemand weiss nämlich so gut wie sie selbst, wenn ihre Leistung bei einer Arbeit nicht genügt. Die Bewerberin will es nicht nötig haben, dass man ihre Arbeit bewertet! Selbstverständlich muss ein Arbeitgeber seinen Arbeitnehmer auf seine Fehler aufmerksam machen. Sie aber zieht es vor, so unbemerkt wie möglich durch eine Hintertür zu verschwinden, wenn Sie ihr sagen, ihre Arbeit sei schlecht. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass man ihre Leistung nie direkt mit der Leistung eines Andern vergleicht. Und zwar unabhängig davon, ob sie die Aufgabe lösen kann oder nicht, sich dazu eignet oder nicht, begabt ist darin oder unbegabt. Die Aussichten auf ein akzeptables Resultat stehen sicher höher, wenn sie für die gestellte Aufgabe unbegabt ist als begabt, oder als wenn sie sogar heimlich glaubt, sie wäre vielleicht dafür begabt, ein Irrtum von dem sie spätestens seit ihrem schulischen Auftritt als König Belsazar kuriert ist.

Die Mitternacht zog ….. näher schon; in stummer R…h l….l….lag Bab …lon.

Nur oben in des Königs Schloss, das fackel…ts, da lärmt des Königs … Königs …. Rross——
Das kam so: damals, etwa in der sechsten Klasse, wollte sie einen extravaganten, fantastischen König Belsazar abgeben, ja, sie wollte alle andern dreiundzwanzig Belsazar-Könige auf der Bühne schlagen, weil sie wusste, dass sie dies konnte, gab aber dann einen grotesken, wenn nicht sogar: den lächerlichsten aller Babylonienkönige ab!

Und der König ergriff mit kecker Hand einen heiligen Becher,

gefüllt bis am Rand. Und er leert ihn hastig bis auf den … Mund

Und er rufet laut mit schäumendem …. Grund:

„Hurra …ähh…hova! Dir künd ich auf ewig …ewig … Hohn –

I……i…..i……i…chhhhhhh ….b..n …. K…ng …vn….B ….len.“
So kam es, dass sie immer weniger (Bühnen)Talent besass und mit der Zeit überhaupt keine mimischen und musischen Begabungen mehr, aus Angst vor dem Zusammenbrechen und Versagen. Was insgesamt ziemlich blöd ist, ich meine; den Ernst des Lebens mit einem Wettbewerb zu verwechseln…! Aber sagen Sie das mal einem Kind!

Nehmen wir sie, das Jeannekind. Als Jeannekind zur Welt schlüpfte, wollte es dieses Leben mit viel Verspieltheit angehen. Doch die Erwachsenen, Lehrer, Erzieher, Eltern usw., wollten, dass Jeannekind dieses Leben bierernst angehe. So nahm der tödliche Ernst von Jeannekind mit jedem Jahr zu, während Jeannekind ihre heilige Leichtigkeit und kindliche Verspieltheit mit jedem Jahr etwas mehr verlor. Jeannekind war schon ganz verstockt und verstört von all dem Überbiss, Bierernst, ja, Jeannekind hatte den poetischen, kreativen Umgang mit dem Leben schon fast ganz verloren, da trat etwas Unerwartetes ein: Jeannekind verlor zum ganzen falschen Ernst hinzu ihr körperliches Gleichgewicht an den Aberwitz der Symptome!

Doch kaum das grause Wort verklang, dem König wards heimlich im Busen bang.
 Stellen Sie sich vor, Sie haben zwei Leben; eines, in dem Sie bis zur Gurgel existieren und in dem Ihnen keiner sagt, dass Sie auch einen Körper haben, untendran, ein Umstand, der Sie möglicherweise betrifft, wenn sie in den technischen Achtzigerjahren gross geworden sind. Sowie ein anderes Leben, ein zweites, in dem Sie wieder sterblich sind, und in dem es für Sie vielleicht bereits für Alles zu spät ist. Beim ersten Leben sind Sie ein Kind, und es ist Ihnen die Unschuld des Blicks und der Wahrnehmung geschenkt, beim zweiten Leben sind Sie ein Erwachsener, und Sie kriegen Ihre Sterblichkeit wieder, verfrüht, vielleicht, aber gegen ein kleines Stückchen Freiheit respektive Unschuld Ihres ersten Lebens. Aber, so müssen Sie sich im Lauf der Jahre Ihres Zweitlebens fragen, was ist das für eine Freiheit, die Sie dazu zwingt, nach und nach alle Stressoren aus Ihrem Leben zu verbannen, Wettkämpfe nur noch per Fernseher zu schauen, doch sogar dabei gerät Ihr Herz, die dumme kleine Pumpe, und eigentliche Voraussetzung für jede Ihrer Bewegungen aus dem Takt?! Sicher, Sie sind jetzt, als Vierunddreissigjährige, wieder sterblich, im Gegensatz zu Zeiten des Kinderernstes! Sie können jetzt den dummen kleinen Witz des Lebens wieder sehen! Sie wissen das Leben jetzt wieder zu nehmen und zu schätzen, als das, was es ursprünglich war: ein dummes kleines Spiel, ein vergnüglicher, gottlos rotierender Zeitvertreib, weiter nichts! Da sitzen Sie mit Ihren knappen vierunddreissig Jahren, der wieder gewonnenen, richtigen Glaubenseinstellung, den selbstgebastelten Glaubenssätzen, mit ihrer F.45.0 und ihrer F.60.31nach dem ICD-Katalog berentet allein daheim und wollen sich mit ein bisschen künstlicher Aufregung, Vierschanzenspringen, Olympiade, Vancouver, vielleicht nur ein klein wenig auf Ihren ereignislosen Tag als Rentnerin einspielen! Als es, gleich bei der Startnummer Zehn der letzten zehn Besten, passiert respektive kracht: eine Kaskade von Ventrikulären! Vielleicht sogar ein Flimmern! Ihr Herz fällt massiv aus dem Takt!—

Aber natürlich behauptet Ihr Hausarzt, Doktor Schlappach, zu dem Sie wohl oder übel laufen müssen, zwei Häuserreihen weiter, Ihr Herz sei wegen dem Vierschanzenspringen, namentlich; den olympischen Winterspielen in Vancouver so aus dem Takt. Und also wegen Ihrer Wettbewerbsangst im Rahmen Ihrer Diagnosen F.45.0 respektive F.60.31! So wimmelt Ihr Hausarzt, Doktor Schappach, zu dem Sie seit zehn Jahren wohl oder übel jeden zweiten Tag laufen müssen, versteht sich, Ihr Hausarztpapi, Ihre Bitte nach einem Termin in der kardiologischen Sprechstunde einfach ab. Und er rät Ihnen stattdessen, Ihre Wettkampfangst doch noch einmal mit Ihrem ehemaligen Therapeuten und also Ex-Shrink fürs Seelenheil, Flottmann Rambo, zu bereden. Was Sie aber für einen dummen Rat halten, weil Sie Ihrer Meinung nach diese Wettkampfangst ja gar nicht mehr haben, jetzt, wo sie  Rente respektive F.45.0/F.60.31 haben. Die Krux ist; Sie sind als Rentnerin von all Ihrem Stress jetzt suspendiert, Sie leben jetzt wieder in Ihrem bestmöglichen Leben, vielleicht sogar in Ihrem ersten und also Kinderleben; mit dem kleinen Unterschied, dass Sie jetzt kein Kind mehr sind, das alles tödlich ernst nimmt, sondern ein Krüppel, geschlagen vom Aberwitz, aber auf der Suche nach dem nötigen, inneren Seelenfrieden! Und darum sehen Sie auch keinen Grund, noch einmal zu Ihrem ehemaligen Therapeuten zu gehen und Ihre Wettkampfangst noch einmal mit Ihrem Ex-Therapeuten zu bereden! Sollen Sie etwa zu Ihrem Ex-Shrink gehen und mit ihm etwas bereden, das einmal gewesen ist und somit gar nicht mehr existiert in Ihrem Leben?! Das wäre ja nicht sonderlich effizient! Oke, Ihrem Shrink respektive ehemaligen Psychiater macht es vielleicht nichts aus, die Dinge noch einmal nach Lust und Laune zu bereden, für ihn, Ihren Ex-Shrink, ist das Bereden von Problemen gegen Entgelt ja vielleicht nach wie vor nur ein dummes kleines Spiel, etwa so, wie das Vierschanzenspringen in Vancouver, die Olympiade im Fernsehen, für Sie nur ein dummes kleines, einigermassen vergnügliches Spiel ist!

Wie oft hat die Bewerberin ihren Aberwitz und also ihre physischen Symptome mit ihrem Ehemaligen-Shrink in den letzten Jahren doch beredet! Suchte, redete, suchte nach den möglichen psychischen Ursachen, den Konflikten für diese Symptome! Die Symptome werden verschwinden, so dachte sie lange Zeit sogar, wenn ich nur lange und hartnäckig genug darüber rede. Wenn ich über meine Symptome lange und hartnäckig genug rede, dann ist das wie eine Gehirnwäsche und wäscht meine Symptome einfach weg! So hat sie gedacht. Aber auch dadurch, dass sie ständig über ihre Symptome redete, in dem sie sich selbst versuchte der Gehirnwäsche zu überführen; in der Praxis (also im praktischen Leben) und bei ihrem  Ex-Shrink Flottmann, sind diese Symptome dann doch niemals verschwunden. Ignorierte die Bewerberin ergo die Symptome und redete stattdessen einmal über ein anderes Thema während der Praxissitzung, indem sie zum Beispiel über den Mann, ihren Ex, besten Freund, Kumpel, der ja zu all dem hinzu auch ihre beste Freundin war, redete, oder sonst über irgend ein Mann, ja, gerade auch da, wenn sie einmal über ihren Platonischen redete und dem Shrink zum Beispiel von ihrem kleinen Problemchen erzählte, nämlich; dass sie, statt ihres Ex und Platonischen einen ganz andern Mann begehrte; irgendeinen Mann, zum Beispiel; also, wenn es letztendlich thematisch um einen Mann ging: Am Schluss ging es dann doch immer wieder nur um die Symptome! (Tschuldige, dieser Satz ist ziemlich lang, aber nach etlichen misslungenen Entwürfen, fühle ich mich ausserstande, ihn zu kürzen.) Die Krux ist: Verliebte sich die Bewerberin zum Beispiel in einen Mann, verstärkten die Aufregung und Anziehung durch den Mann bei ihr ja doch nur die Symptome!

„Und Sie gehen also nach durchgemachter Nacht in die Stadtbibliothek, nur um ein wenig in der Nähe Ihres Freundes zu sein?“, hat der Ex-Shrink sie während einer ihrer letzten Therapiestunden gefragt. Sie hat ihn verbessert: „In der Nähe meines Ex-Freundes, ja genau! Meistens sitze ich dann an einem kleinen Schmuddeltischchen im Untergeschoss der Cafeteria versteckt hinter einer grossen Zeitung.“ – „Sie warten auf ihn?“, wollte der Noch-gerade-nicht-Ex-Shrink wissen und kritzelte wie üblich etwas in seine Agenda. „Nein. Ich stelle mir bloss vor, wie er zwei Stockwerke über mir an der Entzifferung eines mehrbändigen, ja, tausendseitigen Geschichtsbuches büffelt …“ – „Ach so.“ – „Was meinen Sie mit ach so, Herr Flottmann?“ – „Ich meine, ich schliesse aus Ihrer Aussage, dass Sie die Nähe Ihres Partners zwar aufsuchen, ihn aber gleichzeitig auf Distanz halten, in dem sie ihn nicht darüber unterrichten, dass Sie bei ihm sind, warum?“ – „Richtig gemeint, Herr Flottmann!“, triumphierte sie, jetzt wieder im Element als Patientin. „Wüsste er nämlich, dass ich in seiner Nähe bin, würde er seine Arbeit sofort liegen lassen und mir unten in der Cafeteria Gesellschaft leisten!“ – „Und das ist Ihnen unangenehm?“ Der Ex-Shrink überschlug sich die Beine, die wie immer in einer erstklassigen Töffleder-Montur steckten. „Naja, Sie müssen das so verstehen: wenn ich zwischen mir und meinem Ex, der ja gleichzeitig mein bester Freund, mein bester Kumpel und meine einzige Freundin sowie mein ehemaliger Platonischer ist, diese künstliche Distanz erschaffe, mache ich dies nicht aus Spass. Im Gegenteil, ich will damit vermutlich rein unterbewusst testen, ob er nicht doch mal wieder zu all dem hinzu, was er bereits für mich ist, mein Liebhaber werden könnte! Wir wären uns dann immerhin beide Alles!“ Rambo Flottmann lächelte flott. „Und Sie glauben nicht, dass Sie Ihrem Freund mit Ihren Spielereien Schmerzen zufügen? Es ist Ihnen doch hoffentlich klar, dass es Ihr Freund sehr ernst mit Ihnen meint!“ – „Mein Ex, Herr Flottmann, mein Ex!“ – „Ja, Ihr Ex…“ – „Schmerzen? Spielereien?“, fragte die Patientin. „Sie sind so negativ, Herr Doktor! Abgesehen davon sehe ich in dieser künstlichen Distanz, die ich zwischen mir und meinem Ex schaffe auch eine arbeitstechnische Massnahme … und das ist keine alleinige Spielerei, da gehen Sie mit mir doch einig? Oder wie sehen Sie das?“ – „Ich sehe, dass wir es hier mit einem klassischen Nähe-Distanz-Problem zu tun haben. Seit vielen Jahren erzählen Sie mir davon, wie unbedingt Sie Ihren Freund verlassen wollen …“ – „Meinen Ex-Freund, Herr Flottmann, meinen Ex ..!“ Sie hätte grosse Lust gehabt, ihrem Shrink den Schenkel zu klatschen. Aber das wäre dann doch ein klein wenig zu familiär gewesen. „Ja, Ihren Ex, von dem Sie mir gerade sagen, wie gerne Sie mit ihm wieder in einer Liebesbeziehung wären. Wie viele Jahre erzählen Sie mir jetzt schon von Ihrem gemeinsamen Provisorium, in dem allein Sie das Sagen haben, Ihrem treuen Freund nach Lust und Laune mal engere, dann weitere Grenzen stecken, in dem Sie ihn einmal als Platonischen, dann als beste Freundin und schliesslich sogar als Verflossenen bezeichnen. Aber immer sind Sie gerade dabei, Ihren Freund zu verlassen …“ – „Ich? Meinen Freund, ähh, Ex-Freund verlassen?“, rief sie aufgebracht. „Wann soll ich gesagt haben, dass ich ihn, meinen besten und treusten Freund, gerade verlasse!? Und habe es auch getan?! Also bisher habe ich ihn noch nie verlassen, das müssten Sie eigentlich wissen! Ich meine, ich verlasse doch einen netten treuen Menschen, der mich liebt, und den ich vor langer Zeit in Gottes Namen aufgehört habe zu küssen, nicht einfach so und schon gar nicht ein zweites Mal!? Verlassen Sie Ihre geliebte Ex etwa, nur, weil Sie sie nicht mehr, so Gott will …“, die Bewerberin seufzte tief, „… durch allen Äther hindurch schmecken können? Tschuldige, dass ich hier Gott erwähne, aber diese Sache geht mir sehr, sehr nahe!“ – „Nun ja“, meinte Flottmann diplomatisch, „es gibt natürlich Konflikte in einer Beziehung, die eine Trennung zwischen zwei Menschen unumgänglich machen. Das von Ihnen erwähnte Beispiel zähle ich nicht unbedingt dazu.“ – „Nicht?! Was denn sonst?“ – „Von einer Seite ausgehendes, andauerndes fehlendes Vertrauen.“ – „Ach so!“ Die Bewerberin pfiff etwas durch die Zähne. „Also nein, da sind Sie auf dem Holzweg, Herr Flottmann, Vertrauen, das hab ich in ihn!“ – „Sind Sie sich da so sicher? Was auch immer Vertrauen für Sie bedeutet: es müsste daran gearbeitet werden, denn Ihr Muster bleibt sich immer dasselbe!“ – „Mein Muster? Ich habe ein Muster? Was wäre das?“ Sie piff fast durch die Zähne. „Da Sie nicht wissen, was Vertrauen ist, können Sie Ihren Freund respektive Ex-Freund nicht begehren. Sie haben sich ihn ausgesucht, weil er für Sie treu ist wie ein Hund. Weil Sie mit ihm machen können, was Sie wollen, genaugenommen. Sie haben ihn auf sicher. Das sehen Sie als Vorteil. Und doch kommt er Ihnen gerade deswegen mit jeder seiner Annäherung zu nahe. Denn mit jeder seiner Annäherung erinnern Sie sich daran, dass Sie nicht frei sind, wie Sie es sein möchten, sondern abhängig. Und zwar von Ihrem Freund respektive Ex-Freund, seinen Zusprachen und seiner mentalen Unterstützung. Also machen Sie sich auf die Suche nach anderen Männern, mit Vorliebe nachts und in Spelunken.“ Sie gähnte. „Aber das ist doch längst vorbei, Flottmann! Damals war ich doch noch eine fatale Frau!“ Flottmann überging diese Bemerkung. „Diese Männer wollen Sie nehmen und sich ihnen hingeben, schaffen das aber nicht, da Sie wegen Ihrer Angst vor Nähe und Ihrem fundamentalen Mangel an Selbstvertrauen auch keine Nähe zu Männern zulassen, denen Sie vollkommen fremd sind. In solche Männer haben Sie kein Vertrauen. Diese Männer müssten Ihr Vertrauen schon erst durch aufwändiges, hartnäckiges Bemühen gewinnen und immer wieder von Null auf neu unter Beweis stellen. Ohne diese komplette Sicherheit und Hingabe von der Seite eines Mannes können Sie sich nicht mit ihm einlassen, obschon es genau das ist, was Sie sich eigentlich wünschen: sich einem Mann hingeben, der Ihnen genau diese Sicherheit und Hingabe nicht geben kann und den Sie darum verachten …“ – „Sie meinen, es wird nie einen fremden Mann geben, der fähig ist, mir diese Sicherheit und Hingabe zu geben, innerhalb eines Augenblicks, in dem ich es brauche, mich ihm hinzugeben?!“ Sie war in dem Moment wirklich sehr, sehr zerschlagen. Niedergeschlagen sagte sie: „Ich gebe zu, dass es mir bisher nicht gelungen ist, der Mann zu werden, den Sie gerade beschrieben haben; sozusagen ein fremder, ein kaltblütiger Mann! Ich will immer noch die Dompteuse, das Kind und Problemkind des Mannes sein. Ich will für den Mann kein erwachsener Mensch sein! Dumm, ich muss es sagen, so was! Abgesehen davon gibt es für mich immer nur einen Moment, ein kleines Zeitfenster, in dem ich physisch etwas anreissen kann, sich alles und nichts für mich entscheidet! Im nächsten Augenblick kann es schon vorbei sein, und ich muss Reissaus nehmen wegen der Symptome!“ Rambo Flottmann  widersprach: „Ja, Sie müssen Reissaus nehmen, aber nicht wegen Ihrer Symptome. Ihre Symptome sind nur eine seelische Katharsis, mit denen Sie sich von der Schuld Ihres Lotterlebens befreien. Tief in Ihrem Innern sagen Ihnen die Stimmen Ihres Vater und Grossvaters, zweier grundsolider Menschen, dass Sie etwas Falsches tun, wenn Sie einem abenteuerlichen Spass nachgeben, ohne vorher etwas dafür geleistet zu haben. Auch wissen Sie ganz genau, dass es moralisch nicht richtig ist, Lust ungezügelt nachzugeben!“ Rambo Flottmann kam ihr mit dieser Bemerkung etwas altmodisch vor. Sie sagte schnippisch: „Interessante Deutung, die Sie da haben! Vieles kann ich nur bejahen, mit Ausnahme des Schlusses. Aber wie gesagt: der Grund, warum ich mich mit diesen fremden und von mir, wie Sie behaupten, begehrten, verachteten Männern nicht wirklich einlasse, ist nicht, weil ich einen läppischen Spass, der mich vor Überwältigung zum Weinen bringen würde, nicht verdient habe, sondern weil ich, bevor es dazu kommen könnte, diese verdammten Symptome habe!“ – „Nein! Ihre Symptome haben Sie nur, um sich zu bestrafen!“ – „Bestrafen, mich?! Jetzt kommt es ja noch besser!“, rief sie aus. „Warum sollte ich so blöd sein und mich auch noch bestrafen, wo ich doch weder so was wie Sitte und Moral noch eine Schuld habe und nur durch die Symptome und also durch diesen Körper allein genug gestraft bin?! Nein, Herr Flottmann, so lasse ich mich nicht von Ihnen abspeisen. Nicht nach so vielen Jahren! Was steckt Ihrer Meinung wirklich dahinter?“

Da sagte Rambo Flottmann mit unbeteiligter Stimme und verstärktem Grinsen, eine Diagnose stecke dahinter und zwar die Diagnose F.45.0 respektive F.60. 31 nach dem ICD-10-Katalog. Wobei die F.45.0 im Prinzip aus der F.60. 31 hervorgehe. Die F.45.0, die sogenannte Somatisierungsstörung, erklärte Flottmann, sei im Prinzip nur die Folgestörung der primären Störung; namentlich: der Borderline-Persönlichkeitsstörung vom Typ emotionale Instabilität. Beide Störungen aber, die F.45.0, Somatisierungsstörung sowie F.60.31, Persönlichkeitsstörung vom Typ emotionale Instabilität, seien im Prinzip ein und dieselbe Störung, und sie würden also direkt aus der Persönlichkeit der Bewerberin hervorgehen. Aus ihrem Fühlen, Denken, Handeln, ihrer Art, die Welt zu sehen, aus ihren Glaubenssätzen, kurzum: aus ihrer Art, zu sein! Gesetzt aber, dies ist der Fall, folgerte die Bewerberin, während sie mit dieser Nachricht zum letzten mal von Flottmann abzottelte, ihren Flottmann jetzt zum Ex machte, versteht sich, dann ist ja an der Art, wie ich fühle, denke, handle, die Welt sehe, an der Art, wie ich bin, etwas falsch! Die Gründe, die zu meinen Symptomen respektive meinen Diagnosen führten, falsche Gefühle, wie die Diagnosen, die zu meiner falschen Persönlichkeit führten, lediglich falsches Verhalten aufgrund falscher Gefühle sind! Die Arrhythmien, Orthosthasen und Synkopen wegen denen ich jahrelang und erst kürzlich Schlapppapi aufsuchte ebenso ein falsches Gefühl respektive falsches Verhalten wie auch die Sehstörungen und Taubheiten, wegen denen ich erst gerade neulich den Neurologen dieser Stadt besuchte, ein falsches Gefühl beziehungsweise faules Verhalten wäre! Aber und das ist die Krux: geschah es wirklich aus einem falschen Gefühl, dass ich den Neurologen dieser Stadt aufsuchte und ihn bat, er möge doch einmal wieder ein ordentliches Spect Scan von meinem Gehirn machen, neulich? Eine Bitte, die mir mein Neurologe übrigens sofort ausschlug, mit der Begründung, dass von meinem Gehirn bereits zwei, bis auf einige unerklärliche Läsionen, einwandfreie Tomographien bestünden. Aber ob ich in der letzten Zeit einmal mein Herz untersucht respektive ein Durchblutungsproblem ausgeschlossen hätte? „Mit dem Herz ist leider alles in bester Ordnung!“, pfiff sie da lässig durch die Zähne. Worauf der Neurologe fragte: „Und warum sind Sie sich da so sicher?“ – „Meine Arrhythmien kommen von der Aufregung!“ – „Und welcher Trottel behauptet das?“ – „Mein Hausarzt, Doktor Schlappach!“ An dieser Stelle wandte sich der Neurologe ab und griff zum Telefon. Ja, mit dem Herzen der Patientin sei, einmal abgesehen von den sechstausend ventrikulären und supraventrikulären Arrhythmien, täglich, alles in bester Ordnung, dies könne der Kardiologe am Telefon so bestätigen. Sagte der Neurologe dann. Der Kardiologe, sagte der Neurologe, aber lasse fragen, ob die Patientin das Schilddrüsenprofil, zu dem ihr der Kardiologe noch während der Kardiologischen Sprechstunde riet, nun eigentlich erstellt habe. „Zwecks Ausschluss eines hormonellen Problems soll der Kardiologe Ihnen diese Untersuchung dringend ans Herz gelegt haben!“, zitierte der Neurologe den Kardiologen, worauf er erneut auf seinem Drehstuhl herumsauste. Die riesige Patientendatenbank aufgeklappt, suchte er nach dem endokrinologischen Rapport auf den Namen der Patientin, fand aber stattdessen einen Bericht aus dem Schlaflabor, darin es hiess, die REM-Phasen der Patientin seien auffällig verkürzt. Das sei aber nicht weiter auffällig, besonders bei Patienten mit psychiatrischen Vorbelastungen komme dies vor, weswegen man am ehesten ein Schlafförderndes Antidepressiva, aber in jedem Fall den Gang zum Psychiater empfehle. Akte geschlossen. „Ach sooooooooooooooo!“, rief der Neurologe an dieser Stelle, als habe er über seinem goldenen Diplom eben den Heiligen Soundso erblickt, ergriff  ihre Hand und wünschte ihr für die Zukunft Alles Gute.

Mit diesen Glückwünschen gesegnet, trottete sie aus der Sprechstunde der universitären medizinischen Dienste und schnurstracks, dreimal darf man raten: ja, zu ihrem Hausarzt! Wenn jemand die unauffindbaren endokrinologischen Resultate besitzen musste, so dachte sie, dann in Gottes Namen er, bei  einem Hausarzt liefen schliesslich alle Fäden zusammen. Doktor Schlappach war wie immer sichtlich erfreut, die, wie meistens so vitale Patientin so schnell wieder in seiner Praxis anzutreffen. Zuvorkommend zog er sie in sein Sprechzimmer, wies auf den Stuhl und wollte wissen, ob sie den grossartigen Siegensprung von Simon Ammann nach dem kleinen Zwischenfall, neulich, noch gesehen hätte. Oh, ja, schwärmte sie da drauf los, während sie beobachtete, wie er nach ihrem fetten Krankendossier griff und langsam eine Seite nach der andern umblätterte. Sie sei, so erzählte sie, gerade aus der Praxis von ihm, Doktor Schlappach, gestürzt und bei sich daheim im Wohnzimmer angekommen, da habe der Skispringer mit der Startnummer Zehn schon mit schlenkernden Armen in der Luft gehangen. Leise wie Watte habe er seinen Senkflug begonnen, da sei oben beim Starthäuschen schon der nächste Skispringer mit der Startnummer Neun in die Hocke, diesen, den vorhergegangenen Sprung zu überspringen. Immer derjenige Springer, welcher auf den nächsten folgte, sei noch ein bisschen höher, noch ein bisschen weiter gesprungen. Bis am Schluss einer gekommen sei, der Letzte, mit der Startnummer Eins, und der habe sie alle überflogen. Wie er ins Ziel einfuhr, die neongelben Skier wie eine hoch aufgeschossene Geliebte in seinem Arm, und sagte, dass nächste Jahr werde er noch höher, noch weiter springen mit seinen Skiern; raubte ihr dieser Anblick fast den Atem. „HABEN SIE MEINE VERDAMMTEN SCHILDDRÜSENRESULTATE NUN ENDLICH GEFUNDEN?!“ – „Welche Resultate?“, wollte Schlapppapi sanft wissen. Und weil ihr Krankendossier zu diesem Zeitpunkt wirklich schon relativ dick war, flogen durch die Luft auch ein paar Blätter. „DIE RESULTATE DES ENDOKRINOLOGEN, ZU DEM MICH DER KARDIOLOGE GESCHICHT HAT, ZU WELCHEM MICH DER NEUROLOGE SCHICKEN WOLLTE, NACHDEM MICH DER ENDOKRINOLOGE ZUM SOMNOLOGEN SCHICKTE, WORAUF MICH DIESER ZUM PSYCHIATER SCHICKTE, STATTDESSEN ICH ZUM NEUROLOGEN GING, DA ICH NICHT ZUM PSYCHIATER GEHE, AUS PRINZIP, WEIL DER MICH JA DOCH NUR WIEDER ZU IHNEN SCHICKT, OBSCHON DER NEUROLOGE, IN DESSEN AUGEN SIE EIN TROTTEL SIND, HABEN SIE GEHÖRT, HERR SCHLAPPACH, DAS HAT ER MIR GESAGT, MICH ZUM KARDIOLOGEN SCHICKTE, WEIL VIELLEICHT MIT MEINEM HERZEN ETWAS NICHT STIMMT!“ Sie rang nach Luft. „Ah!“, machte Hausarzt Doktor Schlappach da lachend und faltete über dem lädierten Krankendossier seiner Patientin die weissen, schmalen Hände. „Daaaas! Ja, mit Ihrem Herzen ist alles in bester Ordnung! Aber Frau Stürmchen, haben Sie meinen Rat nun eigentlich befolgt und Ihre Beschwerden mit meinem werten Kollegen Flottmann noch mal beredet?“

Und er fing wieder mit der alten Leier an, sie solle doch wieder zu ihrem Ex-Shrink gehen und mit ihm ihre Leistungsangst im Rahmen der F.60.31 respektive 45.0 noch einmal bereden. Aber das wird sie nicht tun, noch eher macht sie ihren langjährigen Hausarzt Schlappach zu einem Ehemaligen, das schwör’ ich! Hat sie ihren Ex-Shrink und Psychiater, einen ziemlich peppigen Moppel von Mopedzwerg, zu einem Ehemaligen gemacht, schafft sie dasselbe auch noch mit ihrem zahmen Hausarzt. Ihr Hausarzt ist zwar so etwas wie ihr Vaterersatz, doch darauf muss sie jetzt halt verzichten, wenn dieser ihre Krankengeschichte nicht im Griff hat. Dies versteht sich von selbst! Ihr eigener Vater würde sich eine so lasche Arbeitsmoral schliesslich niemals durchgehen lassen wie dieser gutmütige, faule Schlafbär von Hausarzt! Sie, die Patientin, soll ihre fiktive Wettkampfangst noch einmal bereden, sagt der Lappi, nur, weil einer auf Brettern in der Luft hängt! Ein Skispringer namens Ammann hängt auf zwei Brettern in der Luft. Ok. Na und! Sie ist es ja nicht, die da in der Luft hängt! Und darum ist das Vierschanzenspringen für ihre Herzrhythmusstörung, ist die Olympiade in Vancouver für ihre F.45.0 respektive F.61.31 auch nicht der Grund …!  Soll sie etwa zu ihrem Ex-Shrink gehen und mit ihm über Probleme reden, die in ihrem Leben nur Sekundärprobleme sind?! Wie oft hat sie während der Sitzungen mit ihrem Ex-Shrink über ihre tiefsten Gefühle und präzisesten Wahrnehmungen geredet! Aber auch da, wenn sie einmal über sich selbst oder sogar ihre Obsession redete, das ihr Intimste und Kostbarste: das Ureigene, die Berufung respektive den Unberuf, darüber, dass sie Dichterin sein will, aber, in Gottes Namen, immer noch nicht Dichterin ist, so ohne Geschichte und nur mit einem schäbigen Curriculum Absurdum; ging es ihrem Ex-Shrink denn überhaupt jemals um ihre Probleme? Ging es ihm darum, dass es ihr, seiner Patientin, gelingt, auch ohne diese Probleme, von denen ich übrigens irgendwie denke, dass sie das Leben sind, zu überleben? Nein! Im Endeffekt ging es dem Ex-Shrink ja doch nur darum, dass seine Patientin so schnell als möglich wieder in einem Job oder zumindest in einem Nischenjob als versorgtes, sprich: abgetauchtes Mitglied innerhalb dieser Gesellschaft lebe! Während es ihr doch darum ging, wie sie ganz einfach in einem Job und also in dieser Gesellschaft, mit dem Ex und dem Mann, der Aufregung durch den Mann, der Berührung durch den Mann, der Berührung durch alle andern sinnlich erfahrbaren Dinge, dem Ureigenen und den Symptomen, die nie aufhören werden, wenn sie nicht Dichterin werden kann, auf jeden Fall nicht bessern können sie dann, wenn sie nichts werden kann, undsoweiterundsofort, so ihr Glaubenssatz, in dieser Welt lebe!

Vielleicht halten Sie die Bewerberin ja für eine rigorose, zielstrebige oder sogar versteckt ehrgeizige Person. Ob das jedoch reicht, dass sie sich gegen andere Bewerber durchsetzt, um mal wieder auf das eigentliche Thema zurückzukommen, kann ich natürlich nicht sagen. Diese Entscheidung liegt allein bei Ihnen. Entscheiden Sie sich gegen die Bewerberin und erteilen ihr eine Absage, nimmt sie Ihnen dies aber bestimmt nicht persönlich. Schliesslich gibt es immer Tausende und Abertausende, auch unter den Menschen mit sogenanntem Handicapés, die alles besser können, als man selbst. Wenn ich sage, dass die Bewerberin über eine Jobabsage von Ihnen nicht traurig oder gar verbittert ist, bedeutet das nicht, dass es ihr mit der Blindbewerbung nicht ernst gemeint ist oder sie die Niederlagen, die sie im Leben einsteckt, aus irgendeinem Grund nicht persönlich nimmt. Gerade eine Diagnose wie die F.60. 31, Persönlichkeitsstörung, zum Beispiel, die nimmt die Bewerberin höchst persönlich! Ebenso, wenn ihr jemand die Freundschaft quittiert oder Ihnen ihre Nase missfällt, obwohl sie eigentlich relativ ansehnlich ist. Okay, sie denkt zwar oft, dass diese Nase nicht perfekt ist, denn alles ist ja relativ, und es kommt immer auf die tägliche Perspektive und andere Faktoren an. Auf alle Fälle gibt es da vorne an der Spitze ihrer Nase einen kleinen Buck, von dem sie spürt, dass er sie als Ganzes unvollkommen macht. Und das muss sie fühlen! Diese Unvollkommenheit trifft sie höchstpersönlich! Aber doch nicht so etwas Unpersönliches und gewissermassen Beliebiges, wie eine Jobabsage! Der Arbeitnehmer, tschuldige, wenn ich das mal so sage, bindet von einer Bewerberin ja nicht das in seinen Arbeitsprozess ein, was die Bewerberin in Tat und Wahrheit zu bieten hat, ich meine, wenn die Bewerberin Pech hat, sondern er verlangt etwas ganz anderes, das sich jeder Angestellte auf Wunsch des Betriebs zuerst einmal aneignen muss! Früher ja, als die Bewerberin noch ein Kind und junges Mädchen war, als Jeannekind, da nahm sie eine Absage noch persönlich! Schulberichte trafen sie in ihrem ersten Leben, ihrem Angstleben, zum Beispiel im Innersten, so sehr besass sie die dumme Angewohnheit, immer alles auf sich zu beziehen. Eine vielleicht nicht mal gerechte oder beliebig daher gesprochene Abweisung aus dem Mund eines Lehrers, Erziehers, Elternteils, Wichtigtuers, Unwissenden undsoweiter; all das traf sie höchst persönlich! Wie verhext, dass sie in der Schule alles besser machen wollte, als alle andern, bekanntlich dann alles viel schlechter machte, als jene, die ja alles nur ziemlich gut und meistens mehr oder weniger mittelmässig, mit Links, machten. Die, die alles mittelmässig oder ziemlich gut machten, wurden allgemein von den Mitschülerin und Lehrern für ihre Mittelmässigkeit und ihre Note „ziemlich gut“ geachtet, soviel stand fest. Den Mittelmässigen, damals, war es persönlich meistens ziemlich egal, ob sie eine Sache gut oder mittelmässig machten, es war ihnen nicht ernst damit. Sie aber  konnte aus persönlichen Gründen nicht mittelmässig sein, sondern musste, weil sie schlecht war, alles zumindest gleich grossartig machen.

Die Krux ist, zumindest seit sie wieder sterblich war und also über mehrere Jugendjahre hinweg, fing sie an, zu glauben, sie sei etwas Besonderes, weil ihr Körper näher am Tod gebaut war, als jener der anderen, die in der Regel wie Maschinen funktionierten, ergo waren sie auch nichts Besonderes. Denn wann waren Maschinen jemals etwas Besonderes? So ihr damaliger Glaubenssatz. Maschinen können nicht verführen. Maschinen können nicht zauberhaft sein. So ihr damaliger Glaubenssatz! Nicht aus ureigenem Antrieb etwas erschaffen. Glaubenssatz! Maschinen sind unbeseelt, erinnern an die Kraft, die dem Sein das Leben aushaucht: an den Tod. Glaubenssatz! Und das ist die Krux, zumindest gewesen im Leben der Bewerberin: Sie wollte ein zauberhaftes Leben, wollte selbst zauberhaft sein und in allem, was ihr begegnete, etwas Poetisches sehen. Wollte mit Leuten zuerst eine intime, persönliche Erfahrung teilen, dann erst das monotone und ausgelaugte Gefühl des Erwerbslebens! Das ausgelaugte Gefühl des Erwerbslebens, das Erwerbsleben überhaupt, erinnerte sie, bei der es sich wohl um einen ganz normalen Menschen handelt, sonst nur an die physische Brüchigkeit und psychische Wurzellosigkeit des Lebens! So ihr Glaubenssatz.

Sie können nicht zugleich arbeiten und den Tod fürchten, sei es, dass Sie real oder auch nur in Ihrer Vorstellung von ihm bedroht werden! Darin stimmen Sie sicher mit mir überein. Sie können nur gute Arbeit leisten, wenn Sie durch nichts anderes von dieser Arbeit absorbiert werden, und also: wenn Ihnen die Arbeit mehr Lust, als Schmerz bereitet. Bereitet Ihnen die Arbeit mehr Lust, als dass sie Ihnen Schmerz bereitet, dann ist die Arbeit für Sie möglich. Und der Tod ist vergessen. Zumindest für sie, die ich hier vorstelle, ist das so. Wenn ihr die Arbeit aber mehr Schmerz verursacht, als das sie ihr Sinn bereitet, dann ist diese Arbeit für eine wie sie nicht möglich. Unmöglich kann sie unter solchen Umständen je wieder arbeiten! Sie kann nur arbeiten, wenn die Arbeit für sie einerseits viel Sinn ergibt und ihr andrerseits viel Lust bereitet, ihr sehr viel Spass macht, mit anderen Worten, aber, wie das bei spassigen Arbeiten oft der Fall ist, keinen Sinn macht oder aber ihr Schmerzen bereitet, wenn sie ihr gleichzeitig wahnsinnige Lust bereitet, auch wenn sie dann wohl ebenfalls keinen Sinn ergibt, aber auch das nur vielleicht! Nur unter diesen Bedingungen und Wechselwirkungen lohnt sich für diese arme, handikapierte, weltabgewandte, nicht sehr nervenstarke und von unsäglichen, rätselhaften Symptomen geplagte Bewerberin Arbeit!

In letzter Zeit aber ist etwas Ungutes passiert und sie hat angefangen, sich in ihre Arbeit, die keine ist, ihre Ureigene, zu verbeissen. Eine Sinnkrise hat sie überkommen, weil ihr ihr Curriculum Absurdum auf einmal so absurd vor kommt. Es ginge jetzt zu weit, wollte ich dies ausführen. Sicher kann es sicher nicht schaden, wenn Sie die Bewerberin für ein paar Stunden pro Woche in einen Job sperren. Stellen Sie sie ein, und sie wird spüren, was sie an einem kleinen, selbstverdienten Sackgeld, ihrer fast grenzenlosen Freiheit und ihren persönlichen Glaubenssätzen überhaupt besitzt. Die meisten, so fühlt sie, sind bereits tot oder gerade dabei, sich in Luft aufzulösen.

Was man nicht alles tut, um sich zu verkaufen!

Freundliche Grüsse, Eine Namenlose.

(2014)

 

 

 

Zwei

 

„… doch statt den Versuch zu machen, die Andersartigen auszumerzen oder zu unterdrücken, wie es eine Tyrannei der Mehrheit entspräche, treibt der Individualismus Menschen, die sich angegriffen fühlen, noch tiefer in sich selbst hinein, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie sich wohlfühlen können.“

( Richard Sennett in „Zusammenarbeit“)

 

Circulus Vitiosus

Kurz vor meinem achtunddreissigsten Geburtstag überkam mich eine so paradoxe unbegründete Angst, dass ich mir wünschte, verrückt zu werden. Ich wollte nicht eigentlich debil sein, aber wenn ich genügend verrückt sein würde,

wäre es mir vielleicht möglich, meinen Körper nicht mehr zu spüren.  Mein Körper war mit meinem Gehirn über eine Schnittsstelle, genannt Bewusstsein, verbunden, das mir ununterbrochen die miesesten, alarmierendsten Vorgänge zuschaltete. Die Angst war von einem physischen Reflex nicht zu unterscheiden, doch ich war mir ihr bewusst, weswegen ich sie gedanklich um ein Vielfaches steigern konnte. Ich wollte aus meinem Körper hinaus laufen, denn physisch war ich entschieden nicht stark genug für einen solchen Exzess. Allerdings war Rauslaufen keine Option, da ich den Tod immer mehr gefürchtet habe als das Leben. Ja, das Leben selbst war das Problem meines Todes. Zumindest aus der Perspektive Todes. Und welche andere Perspektive gab es, als den singulären und seltensten Zufall der Liebe?
Sechs Wochen später nachdem sich dieser paradoxe Zustand automatisiert hatte, erschütterte mich ein heftiges Poltern an der Türe bis ins Mark. Sofort überkam mich die Lust, mir mein Bewusstsein weg zu schiessen. Zwar lag ich in einem fremden Bett, an fremdem Ort, doch war ich immer noch in meinem Körper gefangen. Die Zimmertemperatur betrug etwa zwölf Grad, weswegen ich den Kragen meines alten Schafspelzmantels (der noch Wim gehört hatte) hoch geschlagen und mich zusätzlich wie ein Würstchen in die viel zu kurze, fremd duftende Decke gewickelt hatte. Durch einen winzigen Luftschlitz meiner Wärmeschichten sah ich, wie Pfleger Hackl quer durchs Zimmer stürmte und sich mit einem lauten „Tagwacht!“ vor dem Bett meiner Nachbarin, der Gruber, aufstellte. In dem Moment, in dem der Hackl der Gruber die Decke vom Körper riss, sprang ich auf, huschte ins Männerbad und versuchte mich zu übergeben. Aber so sehr ich auch versuchte, etwas aus meinem Körper herauf zu pressen; es kam nichts. Diese Übelkeit strangulierte mich seit Wochen. Sie war schon immer ein fleissiger Begleiter meines Lebens gewesen, doch nun reichten  bereits Gefühle und blosse Gedanken, um einen Würgreiz auszulösen. Mein Körper schien in eine so überwache Anspannung versetzt, dass ich ununterbrochen zitterte, während ich gleichzeitig höllisch auf der Hut sein musste, dass ich nicht vor Schwäche zusammen brach. Diese Kombination aus einem Maximum an nervlicher Erregung bei maximaler physischer Kraftlosigkeit, hat es tatsächlich in sich. Ich auf jeden Fall fühlte mich wie ein Leintuch, an dem unentwegt von zwei Seiten gerissen wird. Dass ich im Leben physisch (und dadurch auch psychisch) nichts mehr vertrug, war übrigens seltsam. Eigentlich war in meinem Leben ja längst so gut wie nichts mehr passiert! Mein letztes nennenswertes Ereignis hatte in der Anschaffung eines Katers vor gut sechs Jahren bestanden sowie eines grossen Bettes zu meinem Fünfunddreissigsten, vier Wochen nach meinem Umzug in die Zweizimmerwohnung an der Hildanusstrasse.

Nachdem ich einen letzten tiefen Atemzug aus der vom Urinstein braun eingefärbten Kloschüssel eingesogen hatte, hievte ich mich an den militärgrünen Klowänden hoch und schlich zurück ins Bett. Hastig zog ich die Wollstrumpfhosen bis unter die Achseln, wickelte mich wieder in Wims Schafspelz und schlüpfte mit dem Kopf seitlich bibbernd unter das Kissen. Obschon ich nie ohne Ohrstöpsel schlief, stanzten mir die Geräusche auf der Abteilung pausenlos winzige Stiche in die Haut, gerade so, als wären meine Poren wie Tausende kleiner Ohren über meinen ganzen Körper verteilt. Mir gegenüber in unserem Sechsbett-Zimmer lag die Hoppe vierundzwanzig Stunden lang in einem komatösen Wachzustand. Ergänzt wurde ihr Schnarchen und Grunzen vom Quietschen und Brabbeln der Merola, die ihre lebhaften Schlafgeräusche im Prinzip nur für die drei täglichen Mahlzeiten einstellte. Die Merola benutzte für die Ablage ihres Kopfes üblicherweise die metallene Kopfleiste ihres Bettes, wobei sie ihr Haupt nicht selten in mehrmaligen Hieben dagegen schlug. Neben der Merola lag, zu äusserst am Fenster, in Embryo-Haltung am unteren Ende ihres Bettes, tief versunken in die musikalischen Kehrreime ihres Handyplayers, die junge Elmer. Die Kehrreime waren vermutlich das Resultat von etwas, das ursprünglich als Weckfunktion hätte dienen sollen, doch manchmal erfüllt eine Funktion eben nicht ihren Zweck. Die Elmer erschien nie zu den Mahlzeiten. Aber davon vielleicht später.

Obschon das Prozedere: „Tagwacht!“ jeden Morgen das gleiche war, hatte von meinen vier Zimmernachbarinnen in den letzten acht Wochen keine einzige auf Hackls Eindringen in unseren Schlafraum auch nur mit einem Pieps reagiert, an keinem Tag. Und auch heute dachte niemand auch nur im Traum daran, aufzustehen. Ich weiss nicht,  wie viel Zeit vergangen war, aber als der Hackl zum zweiten Mal das Zimmer stürmte, schaute ich mechanisch zum Bett der Gruber hinüber, von der nur ein paar hochhackige Schuhe mit Keilabsatz über den Lattenrost hinab baumelten. Die Gruber lag unbedeckt und platt auf dem Bauch wie ein Pfannkuchen da, doch kam es mir vor, als hätte ihr der Hackl die Haut vom Körper gerissen. Obschon der Heizkörper, wie gesagt, seit Tagen kalt war, rannen mir Schweissfäden das Brustbein hinunter, so, als wären es eiskalte Messerscheiden. Es kam mir schon seit mehreren Monaten vor, ich sei im Dauerfieber. Langsam versackte ich wieder in einem oberflächlichen Schlaf, als der Hinterkopf der Merola gegen die metallene Kopfleiste knallte, und die Realität erneut in Form des Zynikers Hackls über uns herein brach. Diesmal bekickte er das lottrige Bett der Gruber mit dem Fuss mehrfach von unten. Und zwar so lange, bis die bläuliche Dämmerung hinter dem Fenster durch eine milchig gräuliche Suppe abgelöst wurde. Ich schätzte es auf etwa Neun Uhr, als sich der Schuh vom Fuss der Gruber löste und mit einem dumpfen Knall auf den Boden fiel. Nach diesem Ereignis, das wie ein Steinbruch in meinem Solarplexus nachhallte, passierte an diesem Morgen nichts mehr. Die Merola und die Hoppe schnarchten, die Elmer lag verkrümmt, die Gruber wie nackt, mit Gesicht nach unten, da, ähnlich wie ein Pfannkuchen. Irgendwann, ich weiss nicht, wie viel Zeit vergangen war, stiess jemand die Türe auf und rief: „Mittagessen!“ Worauf die Merola und die Hoppe wie aufgezogene Uhrwerke aus den Betten stürzten und auf dem Flur hinter der Zimmertür verschwanden, während ich, die Hoppe und die Elmer wie tote Fliegen liegen blieben. Mit einem Blick durch meine zu kurze Bettwurst, die ich oben beim Kopf durch Wims Schafsfell zu einem Schlitz abdichtete, stellte ich fest, dass es hinter den grossen Fensterscheiben endgültig Tag geworden war. Genaugenommen war die Hälfte davon zum Glück vorbei, und mit dem Morgen verbanden mich nur noch ein paar zerstückelte, grauenhafte Erinnerungen. Allerdings war ich mir im Klaren darüber, dass mein Bewusstsein trotz relativ hoher Mengen Seroquase immer noch intakt war; mein Temperaturempfinden, mein Herzkreislaufsystem und vor allem meine Gedärme erinnerten mich jede Sekunde daran.

Wer einmal für eine Operation im Spital war, weiss, dass da die Decken immer  zu dünn sind. Liegt man jedoch in einem Spital aus eigener „Schuld“, sind die Decken dazu noch im Minimum zehn Zentimeter zu kurz. Über diese „Schuld“ oder Eigenverantwortung dachte ich gerade mal wieder ein wenig nach, als Grigory wie üblich um Vierzehn Uhr sein Besengerät durch unser Zimmer schob.
Ja, was war denn passiert? In den letzten Jahren war ich innerlich eigentlich schon so gut wie tot gewesen. Um das fragile Gleichgewicht meiner  schwachen Konstitution nicht zu verlieren, hatte ich den Schauplatz meines Lebens von der Aussenwelt immer mehr auf die Innenwelt verlegt, tat genaugenommen nur, was mir gefiel und bin doch physisch immer schwächer geworden. Schliesslich konnte ich aus dem Stand auch in Ruhe keine tänzerische Halbdrehung mehr machen, ohne, dass ich sofort zu zittern begann und das Gleichgewicht verlor, notabene vor Schwäche. Mit der Begründung, meine Persönlichkeitsstörung sei exazerbiert, wurde meine Rente auf Hundert aufgestockt und ich somit von der Erwerbspflicht entbunden. Endlich liess mich die Aussenwelt in Frieden. Diese Aussenwelt, zwar, die ich in meiner Naivität immer irgendwie hatte „zurückernähren“ wollen mit einer lächerlich kleinen Phantasie, meinem Schreiben, und ich schuldeten einander nichts mehr, so viel stellte ich fest. Doch die neu erworbene Freiheit hatte meine Innenwelt nicht weiter erwärmt und belebt, stattdessen blutete ich von Innen her immer mehr aus. Die unzähligen Dysautonomien, die mich seit dem Zwanzigsten Lebensjahr plagten, wurden auf einmal von einem gespenstischen physischen Kraftverlust ergänzt, meine disziplinierten Märsche am Fluss wurden kürzer, ich schaffte den Aufstieg zur Bundeshaustreppe nicht mehr nicht mehr. Meine Pulse verschwanden auf unerklärliche Weise.
„Meine Damen, in genau fünf Minuten findet im Osttrakt die Perkussionsrunde statt! Bitte stehen Sie auf und nehmen an der Gruppentherapie teil!“ Grigory pfiff fröhlich durch die Zähne. Es war nicht zu übersehen, dass ihm der Anblick von vier Frauen in desolatem hygienischen Zustand, deren Schmutz er wohl oder übel seit Jahren für wenig Geld aufwischen musste, ein gewisses Vergnügen bereitete. Aus meinem Schafskissenwinkel sah ich, wie er zur Elmer ein paar Sprüche machte, nachdem er unter ihrem Bett eine Gebrauchtbinde hervor gefischt hatte. Mir fiel auf, dass die leicht sirrenden Schleichgeräusche des Besenwagens den endlos wiederkehrenden Schlaufen ähnelten, die aus Elmers Kopfhörern rieselten. Auch der Besenwagen knisterte und spulte vor sich her, während er in tuckernden Slalombewegungen auf das Bett der Hoppe zu kehrte, die kurz mit Schnarchen inne hielt, sobald das Besengerät ihren Bettpfosten rammte. Erstaunt stellte ich fest, dass sich die Schnarchgeräusche der Hoppe erst wieder normalisierten und in das übliche Grunzen übergingen, als sich der Putzwagen von ihrem Bett entfernte. Von der Regelmässigkeit der Schnarchgeräusche kombiniert mit den Geräuschen des Besenwagens ging eine düstere Monotonie aus, die mich vor innerer Höchstanspannung beinahe lähmte. Obwohl ich die Ohrenstöpsel tief im Gehörgang trug, spürte ich auf einmal eine Erschütterung und realisierte fern, dass sich der Besenwagen in diesem Moment vermutlich den Schuh der Gruber geschnappt hatte, den pompösen Keilschuh zwar, der dort seit dem Morgen immer noch frei herum lag! Wieder musste ich an die „Schuld“ der viel zu kurzen und dünnen Decke denken. So wie ich von der Gruber in Erfahrung gebracht hatte, sah sie keinen Sinn darin, ihre Strassenkleidung jeden Abend durch einen Pyjama zu ersetzen. Diese Gewohnheit war ihr bereits vor Jahren zu einer solchen Strapaze geworden, dass sie sich mehrfach versucht hatte, die Pulsadern aufzuschneiden, um ihr (der Strapaze) zu entgehen. Ich konnte das bis zu einem gewissen Grad verstehen. Der Umstand, sich jeden Abend für einen natürlichen wetter-bedingten Automatismus von Dunkel zu Hell oder Hell zu Dunkel umzukleiden, war paradox. Und es war auf jeden Fall natürlicher, wenn sich im Innern der Gruber gegen diesen Umstand ein Widerstand hegte, als wenn er es nicht getan hätte. Bei mir aber lag die Situation trotzdem anders: Die Sinnlosigkeit der Gewohnheiten und im Übrigen vieler Regeln, die mich früher bis zur Bewegungsunfähigkeit befremdet oder einfach nur unberührt gelassen hatten, stressten mich nicht mehr. Im Gegenteil, sie waren für mich alte Vertraute. Ich wollte mich nicht etwa töten, weil es keinen Sinn machte, sich für die Übergänge von Hell und Dunkel umzukleiden, ganz im Gegenteil! Ich hatte Angst, mich töten zu müssen, weil der Tod das einzige und letzte Ereignis in meinem Leben war, nebst der sinnlichen Liebe, die weit zurück lag, das ich nicht für sinnlos, paradox oder aber in höchstem Masse physisch schmerzhaft erklären konnte. Der Tod war eine grosse Phantasie, unfassbar am Ende eines Körpers, der mich wie ein Presslufthammer behämmerte, dreist, unverwüstlich und jenseits der Logik, aus einem absoluten Dunkel heraus. Der Tod sagte es mir unentwegt: dein Körper ist unfassbar! Dein Körper ist nicht du! Wäre er du, würde er dich halten! Dann wärst du frei! So spielte er sich auf, während mein Leben im Sande verlief, während nichts mehr passierte, dass seiner Kraft, der Kraft des Todes ebenbürtig war. Einer Kraft überdies, die solange Phantasie blieb, bis sie den Körper spürbar vernichtet hatte. Es war lächerlich!
Ich sagte mir, diese Angst ist paradox und es gibt für sie keinen Grund, bis auf den Tod selbst. Gleichzeitig spürte ich, wie diese Angst unter diesen Beschwichtigungen noch stärker wurde, weil sie meinen Körper, der eine ganz und gar andere Sprache sprach, weiter schwächte, wodurch ich mich gleich wieder dem einzigen sinnvollen Grund für diese Angst, sprich: dem Tod in die Hände spielte. Mit anderen Worten, ich war in einem mächtigen Teufelskreis gefangen und hatte ein Problem!
In dem Moment, in dem das unheimlich leise Besengerät auf mich zukam, packte ich meine Deckenwurst und sprang laut fluchend aus dem Zimmer geradewegs in die Arme von Nuri.
Mit „Hello!“ und „I love you!“ war Nuris deutscher Wortschatz nicht besonders gross, aber universell und somit ziemlich bewundernswert. Dies galt zumindest für einen Ort, wo keiner dem andern zuhörte oder gar mit einem Verstehen von professioneller Seite her – Assistenzarzt Bianchi ausgenommen – rechnen konnte. Ob man respektive frau sogenannte körperliche Übergriffe ebenfalls als universellen Ausdruck deuten sollte, wenn sie von einem offensichtlich kriegsverwundeten Kind aus einem anderen Kulturkreis stammten, wusste ich nicht. Darüber dachte ich gerade mal wieder nach, als Nuri einen Ein-Euro-Ring aus seiner Jeanstasche hervor holte und ihn mir mit unverhohlener Freude über den Mittelfinger zu streifen versuchte. Zweifellos war es ein Fake-Ring, zwischen dessen Spalten noch der Kleber hervor quoll, und der aus der naheliegenden Drogerie Müller stammte, wo ich mir fast jede Woche für mehrere Hundert Franken Proteinstengel für Leistungssportler besorgte. „Do you love me?“, wollte Nuri wissen. „Like a mother.“  Weil ich nicht zusehen wollte, wie ich immerhin beinahe vierzigjährige alte Tante mich vor dem jungen Mann etwa noch durch Koketterie blamierte, stand ich auf und lief mechanisch durch den Flur, ihm davon. Die  nächstbeste Seitentüre führte ins Treppenhaus, ein Abseits, in das ich mich eigentlich nicht hatte abdrängen wollen, von Niemandem. Doch nun war es zu spät, Nuri folgte mir auf den Fersen.
Um in den Osttrakt der Klinik zu gelangen, kann man entweder den Fussweg übers Areal nehmen oder aber die viel kürzere Abkürzung durch das U-Geschoss einschlagen. Durch dieses riesige, undurchlässige Verliess mit unzähligen labyrinthischen Gängen und Verzweigungen hastete ich nun. In die dicken Mauern waren nummerierte kleine Betonzellen eingebracht, die, sollte es einmal Krieg geben, die ganze Belegschaft der Klinik inklusive Kochmannschaft beherbergten. Affektiv kranke und psychotische Menschen würden im Falle einer kriegerischen Bedrohung hier im Verliess mit dem üblichen Medikamentencocktail versorgt und ruhig gestellt werden, während man darüber, und also über dem Erdboden, mit relativ fein eingestellten Waffen und sublimen Tischkonferenzen bei destilliertem Mineralwasser einen Ressourcenkampf veranstaltete, wozu es vermutlich gehörte, einen Grossteil dieser Ressourcen zu zerstören. Usw. Solchen Gedanken hing ich kurz nach, liess sie dann aber fallen. Sie erschienen mir zu absurd. Was hatte eine solche Situation mit mir zu tun? Natürlich, mir wurde immer mal wieder gesagt, angesichts von Krieg sei mein Problem ein Luxusproblem. Alle Probleme, die wir hier im Westen hätten, seien mehr oder wenig Luxusprobleme. Aber warum, fragte ich mich; waren die Menschen hier im Grossen und Ganzen dann so unfröhlich, so lebensfeindlich? Konnte es sein, dass keine Perspektive oder ein Problem, das keins war, bei genauer Betrachtung, ein unlösbares Problem also, die Menschen unglücklicher machte, als alles andere? Nur eine müssige  Überlegung.
Während ich den gelben Pfeilern entlang durch die Gänge lief, kam es mir vor, als würde ich immer tiefer und tiefer in einen Tunell eindringen. Von allen Seiten her und über mir drängten dicke, blubberlose Heizungsrohre und zwängten mich ein. Kein Zweifel, ich war in einem Schacht, jenseits aller Musikalität angelangt, in dem die massiven Betonwände jeden menschlichen Schrei im Keim erstickten. Ich gehe und gehe, immer gerade aus eine unendlich lange Strasse entlang! Hatte nicht einmal der Verkehrspolizist in der dritten Klasse gesagt, eine gerade Strasse, immer gerade aus, tue es wahrscheinlich zeitlebens für mich? Ging es mir durch den Kopf. Leicht panisch versuchte ich in einen Laufschritt überzutreten. Dabei fiel mir auf, dass ich mein rechtes Bein ein wenig nachzog. Es war seit Jahren immer wieder für Wochen oder Monate nicht richtig inkarniert. Auf alle Fälle war das eine von mir gewählte farbige Ausdrucksweise auf die ich gerne zurück griff, um eines meiner Symptome zu beschreiben, und die ich mir (die farbige Beschreibung von Symptomen, meine ich) im Prinzip nicht mehr leisten konnte. (Ich hatte damals aber noch keine wissenschaftlichen Erklärungen für meine Symptome und wusste daher auch nicht, dass diese wissenschaftlichen Umschreibungen, sobald ich sie einmal hatte, ebenso nutzlos waren wie die subjektiven, übertragenen!)
Kurz bevor ich den Aufgang zum Osttrakt B erreicht hatte, wurde ich von Nuri eingeholt und liess mir widerstandslos den Ring über den Finger streifen. Noch während seine Hand unter meinen Bettumhang kroch und einmal meine linke, dann meine rechte Brust kräftig drückte, ertappte ich mich erneut beim Gedanken, wie ich mich in Bezug aufs Nuris Übergriffe am besten verhalten sollte. Nuris psychische Integrität war durch die Brandwunden, die seinen Körper komplett übersäten, zweifellos für immer zerstört. Ich hatte wenig Ahnung, was in seinem Land oder besser gesagt unter den verschiedenen Ethnien seines Landes vor sich ging. Auf alle Fälle wirkten meine erzieherischen und kumpelhaften Verwarnungen, die auch dem Personal nicht entgingen, irgendwie doof. Zum Glück überraschte uns in diesem Augenblick die Hoppe. Sie trug eine Plastiktüte voller Essresten bei sich. Und als Nuri den Braten roch, liess er nullkommaplötzlich von mir ab.

Ich wollte aus dem Problem also kein Problem machen. Seit Jahren hatte ich nämlich gelernt, aus einem Problem, das direkt meinen Körper betraf, und das sich also physisch manifestierte, kein Problem zu machen. Auf jeden Fall kein physisches, aber eigentlich auch kein psychisches. Jahrelang hatte ich aus einem physischen Problem ein psychisches Problem gemacht,  in dem ich mich innerlich dazu hatte überreden lassen, ich hätte eines! Redete ich mir ein, ich hätte ein psychisches Problem oder ich sei sogar im klassischen Sinne verrückt, konnte ich immerhin mit ein bisschen Aufmerksamkeit rechnen! Nicht, dass ich mir auf die F.45.0 und vor allem auf die F.60. 31 etwas einbildete, aber immerhin waren die F.45.0 und die F.60.31 zwei Ziffern, die irgendeine Idee, einen Zustand oder interpretierbares Zeichen bei Menschen (und somit mir) festmachten. Aber diese Idee, dieses Zeichen, war nicht der Punkt respektive mein ursächliches Problem! Alles in Allem hatte ich bereits drei universitäre stationäre psychiatrische Aufenthalte in eben diesem Gebäude mit dem unterirdischen Bunker hinter mir, die mich jedes Mal psychisch und physisch so sehr gefordert, im Endeffekt physisch aber Wochen bis Monate geschwächt hatten. Irgendwann würde ein Aufenthalt in dieser Institution die letzte sein, so viel stand fest, und ich würde physisch gar nicht mehr hochkommen! Als mich meine Vernichtungsangst diesmal packte, kurz vor meinem achtunddreissigsten Geburtstag, zweifelte ich aus diesem Grund stärker denn je daran, ob ich einen weiteren Gang in die Psychiatrie vor meinem Gewissen verantworten konnte. „Geh bloss nicht wieder in die Psychiatrie!“, redete ich mir ins Gewissen, als mein Presslufthammer mich behämmerte, damals vor knapp drei Jahren, Tag und Nacht. Und ging doch wieder in die Psychiatrie. „Du weißt, sie können dir in der Psychiatrie mit deinem Problem nicht helfen! Du bist nicht verrückt!“, versuchte ich mich von dem Fehler, wieder in die Psychiatrie zu gehen und mich mit meiner F.60. 31 zu brüsten, übertrieben gesagt, abzubringen. Und ich versuchte mein Problem zu lösen, so, wie ich es gelernt und nie gelöst habe: indem ich doch wieder in die Psychiatrie ging. Sicher, warum bin ich denn eigentlich überhaupt erst in die Psychiatrie gegangen? Könnte man fragen. Ist das nicht ein Paradox? Wenn ich doch wusste, dass sie mir in der Psychiatrie nicht helfen konnten, weil mein Problem ursächlich nicht psychiatrisch war?! Glaubte ich etwa immer noch daran, ich könnte meine physische Ursache durch eine psychische Behandlung heilen oder zumindest verbessern, weil die ursächliche Ursache, die Ursache vor der physischen Ursache – oder sollte man das Trigger nennen? Ich bin mir nicht ganz sicher – vielleicht psychisch oder multifaktoriell war? Die psychische Ursache war bei mir Geschichte, so viel stand fest, die psychische Schwäche, falls sie denn einmal ursächlich gewesen war für die physische Schwäche, nur noch sekundär. Und doch stimmt auch das nicht. Eine psychische Erregung und somit eine zu starke Psyche konnte einen Körper töten, wenn er gewisse physische Voraussetzungen erfüllte. Ich ahnte respektive fürchtete und verdrängte dies. Ich hatte im Prinzip eine klare messerscharfe Vorstellung von den Wechselwirkungen dessen, was man ursächlich als psychisch und ursächlich als physisch benannte. An meinem eigenen Leibe erfuhr ich Ganzheit! Aber da draussen, in meiner Umgebung konnte ich davon allerdings nicht viel sehen! Und das ist mein Wahnsinn! Nicht die psychischen Dämonen. Psychische Dämonen sind alle überwindbar. Und trotzdem konnte ich die Hoffnung, ich könnte vielleicht doch wieder nur verrückt sein, als ich doch wieder in die Psychiatrie ging, einfach nicht aufgeben.

Eine von Hoppes Angewohnheiten war es, dass sie alle Essresten, die sie tagsüber auf der Abteilung fand, laufend einsammelte und in einem durchsichtigen Plastikbeutel verstaute, um in jeder Minute, besonders aber nachts daraus zu mampfen. Diesmal waren es ganz offensichtlich mehrere Becher Neonpudding vermischt unter einen Klumpen Älplermakkaronen. Während ich täglich an meinem Proteinstengel würgte, konnte die Kredenz einer kunterbunten ungekühlten Mischung unterschiedlichster Fressalien den Heisshunger der Hoppe nicht bändigen. Für die fresssüchtige Hoppe kam es einem Lottosechser gleich, dass ausgerechnet ihre Bettnachbarin, die Elmer, seit vierzig Tagen jede feste Nahrung verweigerte und ihre Mahlzeiten ausnahmslos der Hoppe überliess, um sich mit Nahrungsentzug zu strafen, wie sie mit eigenen Worten überall verächtlich frisch und frei ausplauderte. Wenn die Elmer mit ihrer Nasensonde durch den Gang huschte und lachend ihre Selbstbestrafungsmethoden verkündete, imponierte mir dies nicht wenig! Der psychische Dämon Anorexie ist seltsam für jemanden, der gegen Untergewicht kämpft, schlicht, weil er über Wochen und Monate (grundlos) respektive aus physischer Schwäche nichts runter bringt.
Im Musikraum des Osttrakts, gab Streik hinter der grossen Stehtrommel den Auftakt! Er war ein glatzköpfiger Mann, der seine mit Muskel bepackten, tätowierten Armen auch bei Minustemperaturen durch das Tragen ärmelloser T-Shirts zur Geltung brachte. Jetzt, aus der Ferne wirkten diese Arme beinahe schwarz. Nach und nach schlugen etwa sechzehn Bongo-Spieler zaghaft auf ihre Cemballos ein, und es entspann sich ein etwas schläfriger monotoner Grundrhythmus. Es war der Rhythmus medikamentös sedierter Psychiatriepatienten, die den Tag vorwiegend friedlich unter einer Glocke ihrer Psychosen zubrachten. Manchmal wurde der eine oder andere von ihnen auch aggressiv, so wie Streik, der jetzt für einen etwas schnelleren und lauteren Schlag sorgte. Konnte es sein, dass er die andern damit ansteckte? Wie aus einem Regenguss prasselten die Hände der Perkussionisten auf die Trommelhäute hinab und erzeugten damit eine weitere Beschleunigung. Kraft wurde freigesetzt!
Mir gegenüber sass Cem Bülüm. Er war ein Mensch, der eine so seltene  innere Freiheit und Lebenskraft besass, dass die Gesellschaft mit ihm regelmässig nicht fertig wurde. Immer wieder lief er während musikalischen Veranstaltungen mitten auf die Bühne, rannte tagelang ohne Schuhe mit seiner Geige am Bahnhof herum und pöbelte alle Menschen an. „Jeanne, ich sehe deinen Heiligenschein!“, hatte mir Cem manchmal zugerufen, wenn ich mich während meines ersten stationären Aufenthalts nach dem Tanzen, Singen oder Malen atemlos auf dem Fussboden ausgestreckt hatte. (Ich hatte damals noch diese Anfälle verzweifelter Kraft). Es war ein farbiger Regenbogen, der mir nach der Verausgabung im Augenblick der Selbstvergessenheit als Schweif, zumindest in Cems psychotischer Hellsichtigkeit, um die Stirn schwirrte. Derselbe Cem hielt es nun auf seinem Stuhl nicht mehr aus und fing an, mit wallenden Tüchern durch den Raum zu tanzen. Dabei gab er gutturale Laute von sich, die den sensiblen Streik offenbar provozierten. Wütend schlug er seinen Holzstab auf die Stehtrommel nieder, das Tempo stieg an und der Geräuschpegel der Formation staute sich vor einem fulminanten Höhepunkt…
„Komm Jeanne, tanz! Ich will deinen Heiligenschein sehen!“ Aber Cem Bülüm: sah er denn nicht, dass es diese Kraft in mir nicht mehr gab, die er als meinen Astralkörper um mich rumflirren gesehen hatte?!
Angst (um noch einmal davon zu sprechen) ist die Kraft, die einen Organismus erstarren lässt, wenn sein Träger auf lange Zeit keine Fluchtmöglichkeiten sieht. Aber Angst ist auch eine Gegenkraft, die den betroffenen Organismus in Brand setzt und ihn mitsamt den Flammen zwingt, nach vorne zu stürmen und sich von ihr zu befreien! Ich sagte mir, diese Angst ist nur ein lückenloser physischer Reflex und also eine Fehlinterpretation meines Gehirns! Und ich hatte doch den Eindruck, ich müsse aus meinem Körper rennen! Ich sagte mir, diese Angst ist eine filigrane Ausbuchtung meines überwachen, einmaligen Bewusstseins, sie täuscht mir nur etwas vor! Aber dann überkam mich doch wieder eine solche Angst aus dem Nichts – paradox – weil ich doch spürte, dass es nicht wahr war respektive wahr war, was ich instinktiv fühlte: mein Körper ging tatsächlich vor die Hunde, in meinem Körper geschah seit Jahren etwas systematisch Pathologisches …
Mit leisen erstickten Schreien, die Hände an die Brust gepresst, ohnmächtig, stolperte ich quer übers Areal, wo sich Adi, wie jeden Tag um fünfzehn Uhr vor den eingefrorenen Schneeblöcken im Gras bekreuzigte. Ich erkannte weder ihn noch die Beweggründe seines religiösen Wahnsinns. Ebenso wenig erkannte ich die drohenden Konsequenzen meiner physischen Entkräftung und dauerhaften Dysautonomien. (ich wusste noch nicht, dass die Konsequenzen eine irreversible Verschlimmerung bedeuteten konnte, ausgelöst durch jedwede Aktivität.)  Das Ganze war nach einem Erstausbruch so schleichend, über Jahre gekommen, dass ich mich nach und nach daran gewöhnt hatte. Ich konnte nun einmal nur einen Halbtag oder einen Vierteltag durchstehen, ohne zusammenzubrechen, das war mir nun einmal eigen.

Die Trommelschläge hatten sich in meinem Zellkörper verharkt. Nun blähte sich mein Gehör wie bei einem Taucher, der absinkt, kurz, bevor sein Kopf unter den Druckverhältnissen zerplatzt.
„Woher kommen Sie? Sie haben keinen Freigang!“, spürte ich Hackls Paukenhieb-Stimme, als ich endlich drüben auf der Station ankam und offensichtlich wie eine Irre klingelte. Ich gab keine Antwort. Mein Puls war rasend schnell, aber verschwindend klein geworden. Zehn Meter waren es noch, die ich zurück legen musste, ehe ich das Stationszimmer erreicht haben würde, wo man mich vor dem Kollaps auffangen und in ein echtes Spital, ein Spital für körperlich Kranke, bringen würde.
Ich hatte den Türrahmen gerade erreicht, da stiess ich mit dem Knie gegen etwas Weiches. Es war die Elmer, die sich an meinem Bein hochzuziehen versuchte und mehrfach absackte. „Police, Police!“ Nuri der ebenfalls im Gang herumlungerte, zeigte immer wieder auf die sperrangelweit geöffnete Türe des Stationszimmers, wo das von ihm als Polizei betitelte Pflegepersonal gelangweilt über seinen Unterlagen, Kuchen und Tablets hockte. Ein Mann namens De Agostini rammte mit blitzschnellen Judogriffen die Schiebevorrichtungen eines Fensters, unmittelbar hinter dem Stationszimmer in der Essnische. „Verdammter Schwuchtelverein! Wer unter euch weissen Hurensöhnen wagt es, eine einzige afrikanische Schlampe zu Tode zu ficken? Der soll sich gefälligst mit mir anlegen…“, rief er. Dabei griff er demonstrativ über den armen Siebenthal hinweg, der dort, wie üblich, seit dem Morgenessen am langen Esstisch unter dem Schiebefenster sass und darauf wartete, dass man ihn vom geöffneten Stationszimmer aus entdeckte. Siebenthal hatte keinen Eigenwillen mehr (oder nie gehabt) und musste vom Pflegepersonal den lieben langen Tag Anweisungen bekommen, wann er duschen, essen, ins Bett gehen oder auf die Toilette gehen sollte. „Habe mein Mineralwasser ausgetrunken. Es kommt nichts mehr. Was tun?“, rapportierte er jetzt zunehmend erregt und wich voller Angst unter De Agostinis Anabolika-Korpus zurück. Dieser liess plötzlich vom Fenster ab, und nun ging alles ganz schnell: Streik, der mit ein paar Teilnehmern aus der Perkussion zurück kam und die letzte Bemerkung gehört hatte, ging sofort auf De Agostini los. Noch von seiner Drogenvergangenheit aus dem Gefängnis trug De Agostini offensichtlich ein Messer bei sich, denn innert weniger Sekunden quoll hinter dem Ohr Streiks Blut hervor und überschwemmte den Gangboden, wovon auch Siebenthals Pantoffel nicht verschont blieb. Was bei dem infantilen Siebenthal sofort zu einem Anfall führte. Nun konnte nur noch Grigory eingreifen! Wie immer, wenn es irgendwo brannte, liess er sein Besengerät stehen und ging nun, seinerseits ein Bodybuilder und ehemaliger Strafwächter, zwischen die beiden Hahnenkämpfe dazwischen. Offenbar war er für die Station wichtiger als die windigen Therapeuten oder Pflegepersonen, bei denen der Piepser am Ende doch noch los ging. De Agostini wurde vier Minuten später von zwei Polizisten in Handschellen abgeführt. Endlich ging sein Wunsch in Erfüllung, und er konnte zurück in den Knast, wo ihm eine straffe Tagesstruktur Halt gab. De Agostini hatte sich während seines hiesigen Aufenthalts nämlich oft beklagt, dass er im Knast ein richtig geiles Freizeitprogramm bekomme, während man sich in der bescheuerten Klapse ja doch nur an den Durchfütterungsauftrag halte!
„Können Sie Frau Elmer bitte vom Boden aufhelfen?“ Keine Reaktion. Ich wiederholte meine Frage ausdrücklicher. Das Personal sass wieder über seinen Akten und Kuchentellern. „Eine Patientin von Ihnen liegt vor Ihren Augen auf dem Fussboden und kann nicht aufstehen! Können Sie ihr bitte aufhelfen!“ Nichts. „Kann mal jemand bitte Frau Elmer auf einen Stuhl oder ins Bett helfen?! Kann mal jemand… bitte… Hören Sie mir gefälligst zu, wenn ich mit Ihnen rede!!!!“ Wie aus der Ferne spürte ich, wie mir jemand zwischen die Beine griff. „Hello, I love you! You love me?“ – „Yes, I love you. But don’t touch me between my legs! Okay?!“ Dicht in meinem Rücken passierte das Besengerät wie ein Luftzug, während sich links und rechts von mir mehrere Insassen neugierig versammelten. Augenpaare so unerschütterlich und argwöhnisch wie träge Teiche verfolgten meine Bewegungen, mit denen ich einen Proteinriegel aus der Hosentasche zog und hinein biss. In dem Moment, in dem mich der zu starke Geschmack des Riegels strangulierte, wurde ich nullkommaplötzlich schwach und mein Blutdruck schien abzusacken. Sofort mobilisierte ich allen inneren Gegendruck, um physisch dagegen zu halten, und mein Blutdruck stieg wohl in die Gegenrichtung und wurde als heftiger Druck und körperliche Bedrohung an meine Schnittstelle, mein Bewusstsein, übermittelt, von wo aus Todesangst den Körper flutete und wie ein Wellenbrecher wieder an die Schnittstelle zurück schwappte.
„Geht nicht weg! Bleibt hier! Schaut mich an, während ich esse!“, flehte ich die Augenpaare an.
Eine halbe Stunde später, nachdem ich diese, meine erste kleine Mahlzeit über die Bühne gebracht hatte und noch vor der Arztvisite wurde auch schon der Esswagen hereingefahren. Es war kurz vor halb Fünf und hinter den Fensterscheiben wie jeden Tag um diese Zeit bereits komplett dunkel. Die Gruber hatte sich bisher keinen einzigen Moment blicken lassen. Auch die Merola, die Hoppe und ich lagen wieder in den Betten, während die Elmer immer noch im Flur Richtung Zimmer kroch. Was sie zu Fall gebracht hatte, und wie viele Tage sie schon auf dem Boden kroch, wusste ich im dem Moment nicht. Vielleicht war sie nach vierzig Tag Nahrungsentzug nicht mehr fähig, aufrecht zu gehen. Oder der Kriechgang war ein weiterer demonstrativer Selbstbestrafungsvollzug. Ich wusste, dass ich der siebzehnjährigen Elmer nicht einfach sagen konnte: „Komm, iss! Und alles ist wieder gut! Wieviel würde ich dafür geben, wenn ich einen echten psychischen Dämon bekämpfen könnte!“
Da sie keine öffentliche Gefahr bedeuten sind weibliche Patienten auf der geschlossenen Abteilung einer öffentlichen Psychiatrieanstalt in der Regel Durchgangspatienten. Viele neigen, wenn überhaupt, zu autoaggressivem Verhalten, weswegen sie auf einer Station, die vorwiegend Auffangbecken für deliquente Männer ist, schlichtweg untergehen. Mehrere Frauen waren während meines Aufenthalts stark sediert bereits nach wenigen Stunden auf eine offene Stationen verlegt worden. Und auch ich sollte auf eine Station mit vernünftigem Therapieplan umsiedeln. Eine Station mit vernünftigem Therapieplan bedeutete schliesslich, dass einem ein Leben in der Gesellschaft von Behörde und Institution noch zugemutet wurde.
Schade, dass ich es wegen meiner lachhaften und irgendwie suspekt empfundenen Körperneurosen, die man hier wie überall nicht ernst nehmen konnte geschweige denn einordnen, nicht mal an den Morgenappell schaffte. Dies war etwas, das sogar Cem während seiner Halluzinationen oder Siebenthal gelang, der manchmal nicht einmal mehr seinen eigenen Namen wusste. Was war ich doch seit Jahren für ein Freak! Verrückt war ich auch in der achten Woche auf Marbach noch nicht geworden.

 

‚Ist denn ein Leidender verrückt? Ein Verrückter einer, der leidet? Aber nur wenn ihm dies bewusst ist! Die Merola, zum Beispiel; seit acht Wochen liegt sie nun da, mit dem Kopf auf der Metallkante, ohne etwas über ihren Schmerz zu sagen. Ihre Hemden sind fein säuberlich geordnet, jede Socke in ihrem Koffer einzeln gefaltet! Sie scheint etwa sechzig Jahre alt zu sein und noch bei ihrer Mutter zu leben, soviel zeigt mir das in Gold gerahmte Portrait auf ihrer ansonsten leeren Nachtischkommode. Einmal hat mich die Merola ins Kellergeschoss begleitet und mir die Bedienung der Waschmaschine gezeigt. Vorher hat sie wieder im Schlaf gequietscht, und ich habe sie gefragt: „Du, was hast du? Woran leidest du? Was ist mit dir los?“ Aber darauf hat sie überhaupt nichts gesagt. Die Frage nach dem, was mit ihr los ist und in ihr vorgeht hat die Merola gar nicht interessiert, im Gegenteil, es kommt mir sogar vor, als hätte sie sich gerade, als ich ihr diese Frage gestellt habe, mit ihrem Bewusstsein davon losgesagt. Also hab ich schnell das Thema gewechselt und ihre reinliche Kommode, ihre ständig frisch duftende Kleidung gelobt. Da ist so etwas wie ein Blitz durch die Merola gefahren, und sie hat halbwegs erschrocken, halbwegs bebend ausgerufen: „Du willst waschen?! Komm, ich zeige dir, wie die Maschine funktioniert!“ Das Thema Waschtemperatur hat die Merola erweckt, fast ergriffen. Ihr Leiden hat sie jedoch so wenig berührt, als würde sie dieses gar nicht betreffen.’

Aus meinem Kissenwinkel hörte ich, wie Assistenzarzt Bianchi drüben am Bett der Merola stand und ihr mit lakonischer Stimme Alles Gute für die Zukunft wünschte. Es war Rapportzeit und der sechsköpfige Trupp wandte sich wellenförmig von dem feinsäuberlichen Einzugsgebiet der Merola ab und dem schmuddeligen der Hoppe zu. ‚Oh, die Hoppe! Kann es sein, dass sich die Hoppe letzte Nacht wieder einmal im Bett aufgesetzt und sich in einer Art Wachtraum über ihre Fresstüten hergemacht hat? Es muss so gegen Vier gewesen sein, ich wollte unter einer Dosis von fünfundsiebzig Milligramm Seroquase gerade doch noch  einschlafen, als ich von einem leisen regelmässigen Knacken geweckt wurde. Da sah ich bei der Hoppe drüben das fahle, hellgräuliche Licht einer Taschenlampe brennen, und in diesem Licht die Hoppe wie ein riesiges schattenhaftes Geisterschiff einmal vor und zurück wippen. Kein Zweifel! Es waren Wursthäute, die die Hoppe mit ihren Zähnen zerknackte!’ Aus meinem Kissenwinkel hörte ich, wie sich Assistenzarzt Bianchi bei der Hoppe mit sanfter Stimme nach ihrem Befinden erkundigte, worauf diese mit einem mechanischen „Super!“, aus dem Schlaf fuhr. ‚Zuerst habe ich gemeint, Essen sei neben Schlafen die einzige Aktivität, die die Hoppe auch innerlich noch bewegt, ja, ergreift. Dabei sehe ich, dass die Hoppe die Frage nach ihrem Befinden ausnahmslos mit „Super“ beantwortet. Mir kommt es fast vor, als ob sie die Frage nach ihrem Befinden genau so schnell und reibungslos in sich hineinstopft wie sie auch die drei übrig gebliebenen Mahlzeiten der Elmer Tag für Tag in sich entsorgt. Je mehr Energie die Hoppe in sich schaufelt, umso schneller tritt diese auf ihrer Rückseite, da, wo man einen unsichtbaren, bewusstlosen Bug vermutet, wieder aus, so kommt es mir vor! Vielleicht ist die Ausbeute ihrer Fressattacken ja nährstoffarm, und die Hoppe kommt mit ihrer Hamsterei irgendwie gerademal auf denselben Nenner wie mit ihrem leeren Kalorienzählen die Elmer.’
Aus meinem Kissenwinkel sah ich, wie das sechsköpfige Team das leere Bett der Elmer umstand. Die Aussprache mit der Hoppe hatte wie immer keine zwei Minuten gedauert, wobei Oberarzt Fensel zwei Mal gegähnt hatte. Man habe die Elmer auf die Isolierstation gebracht, informierte Assistenzarzt Bianchi diesen mit seiner lakonischen Stimme. Nur so könne man den nötigen Druck ausüben, und die letzte Option einer intravenösen Ernährung umgehen. Oberarzt Fensel erwiderte nichts. Wie üblich beim Rapport galt seine Aufmerksamkeit hauptsächlich seiner Uhr. Es war eine grosse, goldene, die man nicht übersehen konnte. Pflegerin Miloradovic stand in gebeugter Haltung an einem fahrenden Stehpult. Ihre Finger glitten rasend schnell über die Tastatur eines Laptops, in dem alle Rapporte laufend festgehalten wurden. In dem Moment, in dem Bianchis Stimme betroffen abbrach, versandeten nullkommaplötzlich auch die Geräusche der Tastatur.

‚Sie haben die Elmer heute Nachmittag kriechen lassen, um sie vor allen Augen zu entblössen. So wie sie der Gruber die Bettdecke gestohlen haben, um sie zu entmündigen, letzte Nacht. Ich weiss nicht, was mit der Elmer los ist, aber offenbar wechselt sie bereits seit ihrem vierzehnten Lebensjahr von einer Klinik zur nächsten, obschon daheim in der Villa ihrer Eltern ein wunderschönes rosafarbenes Zimmer voller Plüsch auf sie wartet.’ „Frau Gruber … hören Sie mich? Frau Gruber? Wir haben Ihre Medikamente umgestellt! Haben Sie noch Fragen? Hören Sie mich? Frau Gruber, wo ist Ihre Decke?!“
Die Gruber war eine Königin im sich tot stellen. ‚Jetzt haben sie der Gruber ein Antriebs steigerndes Antidepressiva verordnet! Und jetzt verordnet ihr Fensel auch noch die doppelte Dosis eines Antipsychotikas, Zyprexa …  das die Antriebs steigernde Wirkung des neu verordneten Antidepressivas, Venaflaxin … dämpfen soll. Auf die Nacht hin werden die acht Milligramm Lorazepam beibehalten!’ Durch meine Oropax hindurch hörte ich, wie Oberarzt Fensel Assistenzarzt Bianchi etwas zuflüsterte. Es war nicht zu übersehen, Fensel musste fort und die Fortführung des Rapports wie immer seinem gutmütigen dicken Assistenten überlassen. Aus meinem Kissenwinkel sah ich, wie er (Fensel) einen nervösen Blick auf die Uhr warf und mit klappernden Schritten aus dem Zimmer rauschte. Gerettet.

„Und also holt mich meine Mutter morgen wirklich ab? Sie holt mich ab?“
Es stimmte also: die Merola hatte acht Wochen lang mehrheitlich geschwiegen, doch nun, wo ihr Klinikaustritt bevor stand, mischte sich in ihre Stimme lauthals qualvolle Sorge. Bis auf das gerahmte Bild einer etwa achtzigjährigen Frau, das ganz offensichtlich die Mutter und Wohnpartnerin der Merola darstellte, hatte sie alle Kleidungstücke fein säuberlich gepackt. Aus meinem Kissenwinkel sah ich, wie sich Assistenzarzt Bianchi leicht vorbeugte und der Merola sanft, wie in Zeitlupe, die Hand drückte. In dem Moment, in dem Bianchi seine Hand der Merola entzog und sich abdrehte, liess diese ihren Hinterkopf schmetternd auf die Metallleiste zurückfallen, worauf die Gruber laut aufstöhnte, sich auf meine Seite umdrehte und die Augen aufschlug. Ich spürte, wie mich ihr glühender und verzehrender Blick durchdrang. Für den Augenblick einiger Sekunden sah ich darin jemanden, der fuchsteufelswild war, aber gleichzeitig litt.

‚Die Merola leidet vielleicht, die Hoppe spaltet ihr Leiden durch Essen und Schlaf bis zur Bewusstlosigkeit einfach ab, sie ist vielleicht verrückt. Aber bei der Gruber bin ich mir nicht sicher. Tagsüber ist sie vielleicht von ihrem Bewusstsein abgetrennt und verrückt. Doch nachts, wenn sie mit mir redet, während ich meinen Riegel esse, während sie sich auf ihrem Bettrand aufsetzt und in ihren Keilschuh schlüpft, der immer wieder umkippt, der kippt und kippt, ist sie es nicht! Gestern hat sie mich wieder so angeschaut, mit dieser schamlosen, neugierigen, vollkommen irisierenden Kraft im Blick. Eigenartig, kraft dieses Blicks gelingt es mir immer zu essen! Die Gruber bleibt mit diesem Blick solange bei mir, bis ich mein Essen geschluckt habe! Ohne diese seltsame Verbindung mit mir zu kappen. Ihre brutale Wuchtigkeit lässt mich den zu starken Reiz der Nahrung jede Nacht einfach vergessen. Sie alle lassen mich die Welt da draussen im Prinzip vergessen… Und doch muss ich diesen Ort jetzt verlassen. Weil ich immer noch nicht verrückt bin, sondern mir nur bewusst!  Dabei kommt mir diese Welt da draussen doch wie ein nährstoffarmes Rinnsal vor oder wie ein künstlicher Schönheitsfehler, verglichen mit diesem Ort hier! Dieser Ort hier ist grausam, er bewahrt in seiner Geschlossenheit eine Grausamkeit, für die es keine heissen Tränen mehr gibt. Und doch ist er irgendwie der offenere Ort, und der Ort da draussen ist der geschlossenere Ort. Was verbindet mich denn noch mit dem Ort da draussen, der mir ferner denn je ist, seit ich hier bin? Sind nicht alle spontanen und unmittelbaren Anknüpfungspunkte und sozialen Interaktionen zwischen den Menschen da draussen irgendwie künstlich, unnormal, verkappt? Ja, so kommt es mir gerade vor! Wie oft habe ich da draussen Begegnungen gesucht und doch fast immer nur Begegnungsabbrüche und verpasste Möglichkeiten gefunden! Vereinbarte soziale Kontakte pflegte ich mit der Zeit kaum noch, doch je weniger ich diese pflegte, umso weniger gefielen sie mir. Eines Tages stellte ich fest, dass es seit Jahren keinen einzigen Menschen gab, der in mir so etwas wie einen leisen Zauber auslöste. Gleichzeitig war es mir offensichtlich seit Monaten oder ebenfalls Jahren nicht mehr gelungen, auch nur einen einzigen Menschen an mich zu ziehen und zu verzaubern. Da draussen, in dieser zauberlosen, zauberlosen Welt!

Aber diese Menschen hier waren im Gegensatz zu denen da draussen keine Begegnungsabbrüchige, sie schauten mich an und redeten mit mir, so wie sie untereinander redeten, natürlich. Im Gegensatz zu draussen, der gesunden Welt, schien ich hier, in der kranken Klapsenwelt, eindeutig zu existieren. Wer weiss, ob nicht diese Welt da draussen der kranke, abgewürgte Ort ist, wenn sie  Menschen wie die Merola, die Hoppe, die Elmer, die Gruber und Cem Bülüm, einfach wegsperrt, Menschen allesamt, die sozial ungezwungen und untereinander eindeutig natürlicher als die da draussen interagieren!?

Die Merola, die Gruber, die Hoppe, die Elmer und sie alle sind vielleicht verrückt, dies kann schon sein, ja, zeitweilig sind sie sogar richtig am Durchdrehen. Aber weil sie am Durchdrehen sind, sind sie sich dessen nicht bewusst. Wissen Sie denn, die Merola, die Gruber, die Hoppe, die Elmer, Cem Bülüm, woran sie leiden, und woher ihr Durchdrehen herrührt? Wenn sie dies wüssten, würde ihnen vielleicht klar, dass ihr Leiden nicht allein von Innen und schon gar nicht allein von ihrem Selbst her kommt, sondern in einer direkten Wechselwirkung mit dem Draussen besteht. Sie könnten dann hinausgehen und ihr Leiden dort, im Draussen, überwinden und lösen, allein mit ihrem Lebenswillen, mit ihrem Kopf! Aber wenn sie dies könnten, dann wären sich ja nicht verrückt, sondern sich ihrer Lage bewusst! Nicht?

Ich aber bin mir meiner Lage bewusst, und kann meine Lage trotzdem nicht überwinden! Ich kann nicht mal durchdrehen und leide nur, ich bin mir meinem Leiden lediglich bewusst! Wenn ich nur wüsste, was diese Schnittstelle ist, die mein Bewusstsein mit dem Körper verbindet! Und ob diese Schnittstelle irgendetwas mit meiner physischen Wahrnehmung zu tun hat. Ein Gehirnforscher würde mir der Einfachheit halber vielleicht sagen, Bewusstsein sei eine Art chemisch gebautes, tief verästeltes Stromnetz. Aber was ist chemisch? Was ist Stromnetz? Ein neuronales Stromnetz ist nichts! Und doch muss ich sagen, dieses Stromnetz bin ich! Was bleibt mir denn anderes übrig? Mein Körper scheint autonom zu agieren, man sollte ihn endlich in ein künstliches Koma versetzen! Mein Körper hält mein Bewusstsein nur gefangen! Und doch, was wäre ich denn, wenn ich kein Körper mehr wäre, nur noch Bewusstsein? Ich wäre nicht ich! Und das ist vermutlich auch der Grund, warum ich nicht verrückt werden kann. Obwohl ich in diesem Körper nicht leben kann, kann ich schlichtweg nicht aufhören, Ich zu sein.’

… Aus meinem Kissenwinkel sah ich die kugelige, bleiche Gestalt Bianchis. Offenbar suchte er die Decke der Gruber, denn sein hundeartiger Blick schaute sich verloren im Zimmer um. In dem Augenblick, in dem sich unsere Augen trafen, überkam ihn ein Gähnen, das er im gleichen Moment unterdrückte. Zu spät. Ich hatte ihn ertappt und lachte. Obwohl er den Blick verlegen senkte, liess ich ihn nicht aus den Augen, worauf er meinen lachenden Blick erwiderte, das Blau seiner Augen wirkte so durchscheinend wie übernächtigt. „Wie geht es Ihnen?“, fragte er zögernd. „Holen Sie Doktor Fensel! Sie wissen genau, dass es mir nicht gut tut mit Ihnen reden. Acht Wochen lang habe ich verlangt, dass ausschliesslich Doktor Fensel die Arztvisite mit mir abhalten soll …  zum Schutz meiner Gesundheit, versteht sich. Warum, Doktor Bianchi, werden meine Forderungen einfach übergangen?“ Ich griff nach der Brechschale, die unter meinem Bett lag. „Aber dies hatten wir doch schon … “, sagte Bianchi traurig. Er sass neben meinem Bett auf einem mit Kleidern überworfenen Stuhl und hatte die weissen, schlanken Hände über dem Ansatz seines Bäuchleins gefaltet. „Sie sind für mich ein zu starker Reiz …“ Leise sagte er: „Dies scheint mir kein physisches Problem zu sein!“ Das Strahlen auf meinem Gesicht erstarb. „Wenn Sie nicht wollen, dass mein Körper Sie wieder ankotzt, so, wie die ganzen letzten acht Wochen, dann holen Sie Fensel trotzdem!“ – „Warum liegt Ihnen eigentlich so viel daran, Körper und Psyche zu trennen? Doktor Fensel sagt doch, dass sich Ihre Symptomatik fast prozentual mit der Zunahme Ihrer sozialen und beruflichen Perspektivlosigkeit verschlimmert hat, dies geht doch eins zu eins aus Ihren Akten hervor!“ Bianchi befühlte einen störenden Gegenstand unter seinem Gesäss und klaubte einen zerquetschen Proteinstengel hervor, was seine Miene sofort wieder erhellte. „Sie glauben doch nicht, dass jemand diese Akten jemals gelesen hat, bis auf mich?!“, fragte ich hart. „Ich habe Ihre Akten schon gelesen. Und ich glaube, dass Sie sich durch Ihre verzehrte Körperwahrnehmung um ein erfülltes, schönes Leben bringen … Und dies macht mich persönlich sehr traurig!“ Bianchi verstummte. Auf einmal kämpfte ich gegen einen hysterischen Lachanfall. Gleichzeitig spürte ich das gefährliche Ansteigen einer vitalisierenden, gesunden Kraft in meinem Körper. Genaugenommen war es die Kraft, aus der das Leben gemacht ist, die Kraft jenseits der Depression, die Kraft jenseits meines Problems! „Und was wäre das, was mich in diesem Leben so erfüllen würde?“, wollte ich wissen und strahlte Bianchi ein letztes Mal grosszügig an. „Sie dürfen den Proteinriegel ruhig später essen.“ – „Sie könnten berufliche Herausforderungen in Angriff nehmen, in den Ausgang gehen und sich vergnügen, wie alle gesunden jungen Menschen …“ Beim Wort „Vergnügen“ durchlief mich endgültig ein heftiges minutenlanges Schlottern, das mir ein wenig peinlich war. Zwei drei Mal würgte ich mich trocken in meine Brechschale, während mir ein paar Tränen seitlich aus den Augenwinkeln kullerten, ich muss zugeben, gepaart mit fetten Schweisstropfen.  „Wegen Ihrer Frage von vorhin …“ Ich rang nach Luft. „… Wissen Sie, ich glaube, ich habe gar keine Psyche. Auf jeden Fall keine mehr. Und darum kann ich Körper und Psyche auch nicht trennen. Wenn Sie verstehen möchten, was ich meine … “ – „Das sagen Sie mir nun.“ Bianchi wirkte verstört durch sein Lächeln. „Beim Aufnahmegespräch vor acht Wochen haben Sie mir gesagt, dass Sie Todesangst haben. Sie verlauteten, dass es so gut wie noch keinen Tag gegeben hat, in Ihrem Leben, seit Sie ein Kind gewesen sind und von Ihrer Mutter getrennt wurden, in dem Sie sie sicher gefühlt haben. Das habe ich so protokolliert. Sie haben mir gesagt: „’Herr Bianchi, ich bin ohne Wurzeln. Ich spüre kein Vertrauen. Weder in mich, meinen Körper, noch in Gott, die Erde oder andere Menschen. Das einzige, was mir etwas Boden gibt, ist das Schreiben … warum eigentlich tun Sie es nicht wieder?“ – „Weil es sinnlos ist.“ Ich verstummte. „Am Anfang unserer Begegnung haben Sie mir einen Text von sich zum Lesen gegeben und mir versprochen, dass wir noch darüber reden.“ – „Es ist sinnlos, Herr Doktor.“ – „Warum ist es sinnlos?“ Fasziniert schaute ich zu, wie die kleinen rosenblättrigen Lippen des Assistenzarztes ein Stück des Proteinstengels abbrachen. Offenbar hatte Bianchi auch noch einen ziemlich zerknüllten A-4-Seiten-Ausdruck bei sich, denn er grübelte etwas aus der Hosentasche. Kauend fragte er: „Darf ich Ihnen ein Stück aus Ihrem Curriculum Absurdum vorlesen?“ Ich verzog keine Miene. „Wie gesagt, Ihre Stimme ist zu schön und also ein zu grosser Reiz für mich. Meinen Sie, ich könne mich in diesem Zustand und wenn ich einen so herrlichen Anblick vor mir habe, auch noch auf mein Gekritzel konzentrieren? Wollen Sie mir wieder und wieder beim Würgen zusehen? Haben Sie denn kein Herz?“ – „Aber das hatten wir doch schon! Ich bin sicher, dass dieser Reflex einmal aufhört, wenn wir nur oft genug üben … und wenn Sie von einer Sache so eingenommen werden, dass Sie diesen Reflex vergessen.“ Bianchi faltete das Papier auseinander:

„An Tagen, an denen sie schreibt, ist alles gut, aber an Tagen, an denen sie nicht schreibt, weint sie. Es ist, weil sie immer noch keinen Faden hat. Aber heute ist etwas passiert: Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Jeanne Stürmchen das Gefühl, dass sie ihre Geschichte gefunden hat. Es ist eine Geschichte über ein Leben, das in die Sackgasse führt, aber diese Sackgasse ist für Jeanne Stürmchen lange nicht sichtbar gewesen. Für Jeanne Stürmchen ist der Faden einer Geschichte der Nabel zu ihrer Identität, und darum war das Schreiben einer Geschichte für Jeanne Stürmchen so wichtig. Solange sich aus Jeannes Leben aber keine Geschichte ergab, ergab sich für Jeanne auch keine Identität, denn Jeanne, das ist das Fatale, kann nicht über irgendetwas, sondern nur über sich selbst schreiben. Arme, gefangene, kleine, absurde, widersinnige Jeanne! Heute, wo sie zum ersten Mal glaubt, dass sie eine Geschichte hat, bedeutet es ihr nicht mehr viel, diese Geschichte zu schreiben. Das Schreiben und die Verwirklichung, die sie darin verzweifelt gesucht hat, kommt Jeanne auf einmal sinnlos vor. Den Anfang, den sie immer schon gehabt hat, will sie in ihrer Geschichte jetzt nicht mehr haben, er, der den Weg in die Sackgasse ebnete, kommt ihr jetzt fake vor. Eigentlich müsste Jeanne ihre Geschichte jetzt rückwärts, also von hinten nach vorne noch einmal erzählen. Sie müsste sie neu erzählen. Jeanne Stürmchen, die dabei ist, ihre Identität über kurz oder lang zu finden, könnte jetzt vielleicht anfangen, endlich ein Buch über sich selbst zu schreiben. Aber für Jeanne Stürmchen kommt jede Geschichte jetzt zu spät … – „Und was sagen Sie als Autorin dazu?“ – „Ich habe es bereits gesagt: Schreiben ist sinnlos, besonders als Selbstausdruck. Es führt nur dazu, dass man dauerhaft implodiert und schliesslich erstickt.“ Sagte ich hart. „Abgesehen davon habe ich nicht zugehört, da ich mit Wichtigerem beschäftigt bin …“ Meine Hand wanderte an meinen Solarplexus, so, als könnte ich damit die messerscharfen Nadelstiche abdämpfen. „Womit meinen Sie? Mit Ihrem Körper?“ Bianchis Stimme wurde leise, fast schleppend. „Wissen Sie, ich lese in diesem Text, dass Sie, als Autorin und Mensch dringend neue Inspiration benötigen. Und wir können Ihnen dabei helfen, herauszufinden, wo Sie diese Inspiration finden. Ich persönlich glaube nicht, dass Sie Ihre Kreativität ausschliesslich aus Ihrem Körper schöpfen sollten. Auch sollten Sie von Marbach auf eine Station wechseln, wo Sie Menschen begegnen, mit denen Sie sich richtig unterhalten können. Das ist hier nicht gegeben. Die Menschen, die hier sind, sind psychisch in einem schlechten Zustand, kaputt. Sie aber haben gesunde Ressourcen …“

Obschon ich vor Anstrengung fast wieder kotzte, stellte ich mir vor,  Assistenzarzt Bianchi mit den Händen am Nacken zu packen, sein schweres Gewicht auf das steril duftende Totenbett hinab zu ziehen und sanft in seine Lippen zu beissen. Genaugenommen hatte ich noch viele andere Vorstellungen in diese Richtung. Und einen Moment lang kämpfte ich gegen den ulkigen Versuch an, dem Arzt meine Gedanken brühwarm mitzuteilen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ich so etwas getan hätte. Als Fatale hatte ich solche Dinge noch oft getan, allein nur, um wenigstens meinen kleinen Spass an der Sache zu haben. Aber jetzt fiel mir ein, dass ich ja Patientin einer psychiatrischen Anstalt war, keine freie Frau, sondern verstrubbelt, verkotzt und Schweissgebadet. Allerdings machte ich mir keine Illusionen. Einer wie Assistenzarzt Bianchi würde auch auf freier Wildbahn nicht mit mir fliehen. Ich war definitiv zu irr, ich hatte ein Dossier. Jammerschade. Es war zu spät. Für alles.

Eine halbe Stunde später nach der Arztvisite mit Bianchi trat ein nervöser Oberarzt Fensel an mein Bett. Wie üblich schaute er mich nicht direkt an, ich glaube, er gehörte zu den Oberärzten, die fürchten, man könne sich an der Persönlichkeit psychisch kranker Menschen infizieren: „Ich habe von Doktor Bianchi erfahren, was Sie Absurdes zu ihm gesagt haben wegen der Psyche. Dass es keine Psyche gibt undsoweiter.“ Fensel sprach gestresst und in abgehackten Sätzen. Dabei strich er sich mehrmals seinen Nadelstreifenanzug glatt. „Da wir eine psychiatrische Klinik sind, bitte ich Sie um Verständnis, dass ich Sie unter diesen Umständen nicht länger therapieren kann. Ich möchte meine Arbeit nicht an seelenlose Menschen verschwenden.“ Ich nickte nur. Die leibhaftige Begegnung mit Bianchi hatte mich mal wieder komplett fertig gemacht. Ich spürte eine gewisse Erleichterung.

Irgendwann gegen Mitternacht setzte sich die Gruber auf dem Bettrand auf und tappte mit ihrem Fuss vergeblich nach dem verschwundenen Keilschuh. „Ich habe bei der Arztvisite heute doch nichts verpasst?“, fragte sie schläfrig. „Nur, dass sie deine Medikamente umgestellt haben …“ – „Ach so, das.  Ja, das habe ich mitgekriegt.“ Die Gruber schlich in den abgedunkelten Flur und kehrte mit einem grossen Brotlaib zurück. Ich fand noch ein paar herumliegende Bütterchen und setzte mich ihr in der Patientenküche gegenüber. Es war meine erste richtige Mahlzeit seit vier Wochen. Die Gruber verschlang das halbe Brot, während ich sie unverhohlen anstarrte.
„Ich bin schon ein Jahr hier und werde nie mehr herauskommen. Sie sagen, Sie haben mir mein Kind weggenommen. Aber das sagen sie mir nur, weil sie mir nicht verraten wollen, dass ich es getötet habe. Und du; wie geht es mit dir jetzt weiter?“, fragte mich die Gruber niedergeschlagen. Ich blieb äusserlich völlig reglos. „Ich weiss nicht. Aber ich glaube, sie würden es dir sagen, wenn du dein Kind getötet hättest. Ich denke, man hat es dir zum Schutz vorübergehend weggenommen. Du hast es nicht getötet. Und du wirst hier sicher eines Tages wieder raus kommen.“

Am nächsten Tag sah ich, dass die Koffer der Merola wieder ausgepackt waren. Sie selbst lag mit dem Kopf auf der Metalleiste und starrte mit ausdruckslosen Augen zur Decke. Meine Neugier, was mit der Merola los war, war immer noch nicht gestillt. Offenbar war das Leben, das sie draussen erwartete keine Alternative für einen von grässlichen und zugleich anonymen Bildern überfrachteten Aufenthalt in der Klapse. Ständig passierten schlimme Dinge, niemals konnte man sich abschirmen. Und doch waren all diese Schrecken der surrealen Einsamkeit und den bohrenden Qualen, die man daheim in seinen vier Wänden erlebte, unter Umständen vorzuziehen. Die Klapse war ein guter, ja, ein christlicher Ort. Denn wohin konnte man sonst gehen, wenn es einem länger als zwei Tage wirklich gar nicht mehr gut ging, da draussen? Sicher nicht zu Freunden oder Angehörigen. Die hatten generell einen läppisch geringen langen Atem. So dachte ich unter anderem über meine Erfahrungen sowie die Merola.

Was mich betraf; hatte ich zwar keine Pläne und Ideen für mein weiteres Leben, aber eine ziemlich genau Ahnung von dem, was mir bevorstand: mein zelluläres Gedächtnis würde fortan Gefriergeschockt sein, mein Stoffwechsel mehr und mehr erstarren. Vermutlich würde ich niemals herausfinden, wieso.

Kurz bevor ich ging, warf ich meine viel zu kurze Decke von mir ab und legte sie vorsichtig auf den schon wieder unbedeckten Körper der Gruber.
(2015)

 

Ende der Homöostase (Running Gag?)

 

Du träumst gerade, du kannst aus einem Alptraum nicht erwachen. Du schreist deinen Namen, doch hörst du deine Stimme nicht. Offenbar befindest du dich in einem Sportstadion und ein beleibter Mann mit aufgequollenen Wangen und einer Pudelperücke beugt sich über einen Sessel zu dir herab. „Dann können Sie also beschwören, dass Sie die letzten fünf Jahre bis zu vierundzwanzig Stunden liegend verbracht haben?“ – „Ich schwöre es.“ – „Dann heben Sie bitte den rechten Arm.“ Dein rechter Arm fährt in die Höhe. Der Mann fragt: „In meinen Unterlagen heisst es, dass Sie im Schnitt Zweihundertfünfzig Gramm pro Arm heben können, Sie aber behaupten, dass Ihnen nach dem Tragen einer Handtasche manchmal über Stunden das Atmen schwerfällt. Ist das so?“ – „Das ist so.“ – „Können Sie das beweisen?“ – „Kollegen!“, interveniert an dieser Stelle ein Mann, der hinter dem Pudelkopf auf der Tribüne sitzt. „Wir müssen diese Frau von der Befragung ausschliessen, es bestehen bei ihr nachgewiesene psychiatrische Störungen.“ – „Sie wissen genau, dass man durchaus von Flöhen und Läusen befallen sein kann, Kollege“, sagt ein weiterer Mann in grauem Sacko. „Ich mache mal ein Beispiel. Sagen wir, an unserem Herrn Kollegen, da! Nicht? Das darf ich doch? Nehmen wir also an, unser Freund …“, der Mann zeigt mit dem Finger von der Tribüne aus auf den Mann mit der Pudelperücke, „ …leidet an Bluthochdruck. Zufälligerweise schadet ein hoher Blutdruck unserem Herzkreislaufsystem auf Dauer sehr. Immerhin hat dieses Problem unserem Kollegen hier drei Bypässe beschert. Drei Bypässe, die er natürlich alle bravourös und mit bester Gesundheit überlebt hat. Dank uns versteht sich, haha!  Aber glauben Sie im Ernst, dass dieser Blutdruck nicht existiert, sobald man bei unserem Freund auch noch eine zusätzliche Halluzination diagnostiziert? Eine kleine Müdigkeit, die den Durchschnitt des Normalbürgers nach seinen Höchstleistungen gut schlafen lässt, während einige Abweichler in diesem physiologisch natürlichen Körpervorgang unbedingt etwas Krankhaftes sehen wollen?!“ – „Sie haben Recht“,  erwidert der Angesprochene, „dass mit dem Ausschluss physisch nachweisbarer Krankheiten die Lügenhaftigkeit unserer Fälle noch nicht bewiesen ist. Umgekehrt können wir aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass das Vorhandensein einer psychiatrischen Störung das Beschwerdebild, von dem wir hier sprechen, ausschliesst, solange wir nicht wissen, was es verursacht. Sie haben sich doch im Voraus über dieses umstrittene Krankheitsbild informiert, oder etwa nicht? Wenn ja, dann sollten Sie auch die Unterlagen des aktuellen Falles präsent haben. Die Frau verfügt über eine komplexe, jahrzehntelange psychiatrische Vorgeschichte. Darum noch einmal: ich bin für einen Ausschluss …“ An dieser Stelle schalten sich weitere Personen, fast alles Männer, von der Tribüne zu. Sie diskutieren darüber, ob es vernünftig ist, eine Krankheit, die labordiagnostisch nicht nachweisbar ist, oder die man mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht diagnostizieren kann (oder will?), als eine Ausschlussdiagnose zu bezeichnen. Das ist der Streitpunkt. Eine Ausschlussdiagnose, so behaupten sie, kommt erst zustande, wenn man sicher sein kann, alle diagnostizierbaren Krankheiten ausgeschlossen zu haben. Es ist die Krankheit respektive das Beschwerdebild, das im Prinzip als Letztes übrig bleibt, wenn man keine diagnostisch messbare Krankheit nachweisen kann. Da man jedoch nie alle diagnostizierbaren Krankheiten nachweisen und somit ausschliessen kann, gestaltet sich die Suche nach einer diagnostizierbaren Krankheit im Prinzip endlos. Dies wiederum ist ein Problem, das die Diskutierenden für unvernünftig, da kostenintensiv erachten.

Du stehst dem Mann im Sessel gegenüber und hast das dringende Bedürfnis, dich an seinem Pult abzustützen. Du bist durstig und hättest viel für ein Glas Leitungswasser gegeben. So wie es aussieht, bist du zu Fuss hierher ins Stadion gekommen und hast unterwegs ziemlich geschwitzt. Aus Angst, zu spät zum Termin zu erscheinen, hat sich dein Denken auf dem Weg dahin um den Termin gekrallt, aber dir ist nicht klar geworden, worum es dabei eigentlich geht. Jetzt kehrt dein Denken auf einmal zurück, und du siehst klar. Ach so! Geht es dir durch den Kopf. Ich bin hier vor einer Art Gremium, um die Beweise für meine Krankheit gerade selbst zu erbringen! Aber warum nur …? Wie eigenartig.

Die Stimmen der Personen, vor allem jene des Pudelkopfs, reissen dich  aus deinen Gedanken. Offenbar ist man sich uneinig, ob du aus der Befragung ausgeschlossen werden sollst oder nicht. Schliesslich entscheidet man sich dagegen. Stattdessen sollst du zuerst einmal deine physische Kondition unter Beweis stellen. Dazu sollst du hinunter auf den Sportplatz gehen und an der Sprossenwand zehn Klimmzüge absolvieren. Du tust, wie dir geheissen, drehst dich mit dem Rücken gegen die Sprossenwand und steigst mit den Fersen auf die unterste Sprosse. Ziemlich mühselig langst du mit den ausgestreckten Armen hinter deinen Kopf und ergreifst die oberste Leiste. Aber bereits nach dem ersten Klimmzug spürst du, wie dich das Gewicht deines Körpers nach unten zieht und deine Hände die oberste Sprosse los lassen. Du sackst hinab auf den Boden.

Einige der Personen haben sich aus der Tribüne gelöst und bilden um dich einen Halbkreis. Ein Mann in einer Wächter-Uniform kommt mit einem Messband auf dich zu und rollt dir den Pullover zurück: „Das sind stattliche Arme. Sie zeigen keinerlei Anzeichen von Muskelschwund!“, verkündet er und verschwindet in einem Geräteraum. Wenig später raubt dir der Schlag eines ledernen Medizinballs gegen die Brust kurz den Atem. Deine Aufgabe ist es, mit dem Medizinball hinter dem Kopf auszuholen und ihn mindestens zehnmal an die Tapete unterhalb der Sprossenwand zu klatschen. Leider schlüpft dir der Ball bereits beim Ausholen aus den Händen, deine Finger sind abgeknickt und nicht kräftig genug, ihn zu halten.  „Los! Das können Sie besser!“, ruft der Mann mit der Pudelperücke durch ein Megaphon von der Tribüne herab. „Wer so gut fabulieren kann, kann auch ein paar Bälle an die Wand schmeissen!“ Erneut holst du hinter deinem Kopf aus und spannst mit aller Kraft die Muskeln deiner Körpermitte an. Obwohl du den Ball erst wenige Millimeter vom Boden abgehoben hast, zittern deine Bauchmuskeln aber derart, dass du zurück auf den Boden klatschst. Der Ball rollt hinter deinem Kopf davon.

Nun kannst du zusehen, wie ein paar Stadionwächter das Reck und die Kletterstangen aufstellen. In einer letzten Übung sollst du einen zehnminütigen Parcours inklusive Springseil durchlaufen und damit beweisen, dass du physische Ausdauer besitzt. Du liegst auf dem Turnplatz und überlegst, wie du wieder auf die Beine kommen sollst, über die linke oder rechte Seite, als dich das Piepsen einer Stoppuhr zusammen zucken lässt. Langsam wie ein Dromedar torkelst du in die Höhe und stampfst los. Doch schon nach wenigen Metern verringert sich dein Tempo, du bückst dich umständlich nach dem Springseil und verhedderst dich darin mit dem angehobenen Fuss. „Los! Springen Sie! Eins, zwei, drei … !“ Du wirfst einen verbissenen Blick in die Richtung des Megaphons. Dann greifst du erneut nach den Enden der Springseile, doch diesmal hältst du sie zu fest umklammert und deine Hände krampfen. Du schüttelst sie heftig, und du kannst sehen, wie das Springseil zu Boden gleitet. „Los! Kindchen! Springen Sie noch zehnmal! Das können Sie doch bestimmt besser! Eins … zwei … drei … los, weiter! Zählen Sie laut mit mir mit!“ – „Vier … fünf … sechs!“ Du versuchst es erneut, stolperst, lahmst und spürst, wie sich dein Blick nach Innen kehrt. Zwar stehst du noch auf deinen zwei Beinen, benötigst aber alle Konzentration, um nicht in die Knie zu gehen.

„Und? Sie können Ihre ach so schwachen Muskeln also nicht bewegen? Ihr armes Herzkreislaufsystem ist also dermassen am Anschlag, dass Sie seit bald zehn Jahren nur noch im Bett und auf dem Sofa liegen können, habe ich Recht?!“ Du willst etwas  erwidern, doch das Problem deiner Kurzatmigkeit erschwert dies. Schnell legst du dich flach auf den Rücken und ringst nach Luft. Der Sauerstoff scheint deine Zielorgane nicht zu erreichen, wodurch du schneller und heftiger atmest. Schliesslich hyperventilierst du. Dann wird dir schwarz.

„Gut. Fangen wir nochmals an! Sie schwören also, dass Sie die Wahrheit sagen und nichts als die Wahrheit?“ Du stehst mittlerweile wieder auf dem kleinen Podium dem Pudelkopf gegenüber. „Ich schwöre es.“ – „Gut. Dann heben Sie bitte den rechten Arm!“ Du hebst deinen rechten Arm leicht an. „Höher! Und Länger!“, ruft der Pudelkopf. „Entschuldigen Sie, aber ich kann den rechten Arm nicht länger hoch heben.“ – „Wie bitte?!“ – „Es ist kaum mehr Kraft mehr drin, seit ich den Medizinball gestemmt habe …“ – „Was soll das heissen?!“ Ein Schwindel erfasst dich. Es fällt dir schwer, den Blick deines Gesprächspartners zu fokussieren. Also fixierst du den kleinen Bronzehammer, der vor ihm auf dem Pult liegt. „Ja, tut mir leid, der Arm ist schwerer als ein Zementsack … aber ich könnte den rechten Arm vielleicht mit dem linken Arm anheben, darin habe ich noch etwas Kraft. Wäre das ok.?“ Der Pudelkopf verliert zum ersten Mal die Fassung: „Wollen Sie mich für dumm verkaufen?! Sie stemmen keine zweimal einen Ball in die Luft und sagen mir dann, Sie können den rechten Arm nicht mehr heben?! Könnten diesen Arm, einen stattlichen Frauenarm, wie uns der Herr Kollege eben sagte, aber anheben, indem Sie den linken Arm zum Hochstemmen des rechten Arms zur Hilfe nehmen?! Meine Herren, haben Sie das gerade gehört?!“ Der Pudelkopf dreht sich in die Richtung der Tribüne, wo ihm relativ ausdruckslose, tief gelangweilte, aber auch einige belustigte Gesichter entgegenblicken. „Ja natürlich sind wir im Bild“, sagt ein Mann in einem mausgrauen Kittel. „Wir haben hier eine Frau vor uns, die behauptet, dass sie nicht stehen kann. Aber sie steht! Wir haben eine Frau vor uns, die behauptet, sie könne nicht atmen, ihre respiratorischen Muskeln seien dazu zu schwach. Aber sie atmet, wie wir sehen! Eine Frau steht hier vor uns, die innerhalb von dreiundzwanzig Jahren kein halbes Jahr erwerbstätig war und mit knapp Fünfundzwanzig bereits dreihundertundsiebzig Arztpraxen aufgesucht haben soll. Zweitausendunddrei wurde sie teilberentet, doch das hinderte die Betroffene nicht, unsere Krankenkassen weiterhin mit gewaltiger Motivation zu belasten. Täuscht mein Eindruck oder liess es sich das junge Fräulein damals trotz des subjektiv lautstark beklagten Leidensdruck durchaus erstaunlich gut gehen?“ Jemand nuschelt in seinen Papieren. „Der Integrationswille der Person war bei Frau Stürmchen mässig vorhanden, obschon es nicht an Möglichkeiten gefehlt hat. Meines Wissens war sie in ihren Jugendjahren in ihrem Umkreis als Flaneurin, Brecherin von Männerherzen und Möchtegerndichterin bekannt.“ Die letzten Bemerkungen führen bei den gelangweilten Tribünenhockern zu verstärktem Gähnen. Erneut meldet sich der Redner, der deinen Ausschluss gefordert hat zu Wort. „Ich möchte der Betroffenen an dieser Stelle eine kleine Frage stellen … ich möchte wissen, wie Sie, Frau Stürmchen, hierher, an den Ort dieser Befragung gelangt sind? Aus unseren Angaben geht hervor, dass sich Ihr Domizil an der Hildanusstrasse 18 in Bern West befindet. Das sind meines Wissens gut zweikommaacht Kilometer vom Befragungsort entfernt …“ Du spürst, wie dir das Blut mehr und mehr aus den Muskeln weicht, die Bauchmitte ertaubt. „Mit dem Taxi bin ich gekommen. Und die letzten zwanzig Meter zu Fuss.“ – „Na, sehen Sie!“ In der Stimme des Redenden schwingt ein verachtender Ton mit. „Aus Ihrer eigenen Aussage geht hervor, dass Sie durchaus marschieren können, wenn Sie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein müssen! Wenn Sie nur müssen respektive wollen! Das deckt sich mit den Angaben, die sich uns durch das Studium Ihrer Unterlagen ergeben.“ – „Ich …“ Erneut überkommt dich das Gefühl, zu versacken. Es fühlt sich so an, als wäre dein ganzer Organismus inklusive Gehirn damit beschäftigt, die Blutzirkulation aufrechtzuhalten. Du kannst dich nicht mehr auf den Beinen halten, verdrängst die Wahrnehmung des drohenden Kollapses jedoch. In einem jahrelangen Prozess hast du nämlich gelernt, alle physischen Warnzeichen, die dich dazu zwingen, dich hinzulegen, bis zum letzten Augenblick zu übergehen. Sogar als die meiste Zeit Bettlägerige in den letzten drei Jahren hieltest du es immer noch für die grösste und famoseste Leistung, wenn du es schafftest, deine körperlichen Notsignale zu ignorieren. „Es ist wahr, dass ich meinen Beinen in bestimmten Situationen immer noch Muskelkraft abgewinnen kann“, sagst du mit etwas sicherer Stimme. „Diese Kraft hält beim Gehen manchmal sogar zwischen fünf bis zwanzig Minuten am Stück an. Aber sobald ich länger gehe, fühle ich mich rapide schwächer werden. Und je schwächer ich werde desto weniger wird mein Gehirn mit den Bewegungen meines Körpers fertig. Tatsächlich fühlt sich ab einem bestimmten Zeitpunkt meiner Entkräftung jede physische Bewegung wie ein Schlag gegen mein Gehirn, wie ein nicht zu verarbeitender Reiz an! Ich muss mich dann sofort hinlegen. Es fühlt sich so an, als würden alle Bewegungen, auch emotionale und mentale ungefiltert durch mich, meine Haut, meine Nerven, ja, meine Zellen hindurchgehen.“

Auf der Tribüne ertönt vereinzeltes Hüsteln. Ein Mann wendet ein, dass es nicht klug ist, wenn man einem einzelnen Fall so viel Sprechzeit einräumt, man hat schliesslich, jeder hier im Raum, noch andere, weit wichtigere Termine.

Du drehst dich um und wirfst einen Blick auf den Rasen unter dir. Erst jetzt entdeckst du die vielen Menschen, die auf dem Stadiongrund herumliegen oder sich langsam auf zwei unterschiedliche Ausgänge zu bewegen. Einer dieser Ausgänge befindet sich im rechten unteren Teil des Stadions und ist mit der Aufschrift: *Exit A/GET gekenntzeichnet. Der andere Ausgang ist auf der gegenüberliegenden Seite und heisst: *Exit B/Failed. Du siehst ein paar Personen, die sich diesem Ausgang schleppen, einige kriechen. Eine junge Frau mit einem Gesicht, das so leinenweiss ist, als hätte es noch nie Tageslicht gesehen, krampft.

„Merken Sie nicht,“ holt dich die Stimme des Pudelkopf zurück, „wie Sie sich mit Ihren unlogischen Antworten um die eigene Glaubwürdigkeit bringen?! Ganz offensichtlich sind Sie fähig, weite Strecken auf Ihren Beinen zurückzulegen, schaffen es aber nicht, den rechten Arm auf Verlangen in die Luft zu heben. Wir glauben Ihnen kein Wort!“ – „Ich … mir ist nicht gut … ich muss mich kurz setzen.“ Schnell legst du dich auf den Boden und schliesst die Augen. Ein verärgertes Raunen geht durch die Tribüne. „Meine Herren, warum schaffen wir nicht endlich einen Rollstuhl herbei?“, schlägt jemand vor. Dieser Vorschlag wird etwa eine halbe Stunde kontrovers diskutiert. Sollen Leute, die so verrückt spielen, dass sie die ganze Zeit umfallen oder liegen müssen, die Gelegenheit haben, bei ihrer Anhörung zu sitzen? Die meisten Anwesenden auf der Tribüne sind entschieden dagegen, einige aber sprechen sich dafür aus, aus Zeitgründen. Da sie untereinander nicht einig werden, was mit der am Boden Liegenden zu tun ist, entscheiden sie sich, vorerst mit den Befragungen anderer Personen weiterzumachen.

Du bist mit dem Kopf halbwegs unter das Podiumstischchen gerutscht, und kannst sehen, wie ein Mann um die Fünfzig  mühevoll die Treppe besteigt. Er trägt eine Aktentasche bei sich, aus der er ein mehrfach kopiertes Dossier nimmt, das er an den Pudelkopf und das Kollegium verteilt. „Dreissig Jahre war ich in einer fabelhaften beruflichen Stellung.“ Beginnt dieser Mann. „Ich war sportlich und habe mich sozial sehr engagiert. Vor knapp einem Jahr bin ich dann am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt. Ab dann wurde alles anders. Die Grippesymptome sind nicht mehr weggegangen, im Gegenteil, laufend sind neue Beschwerden dazu gekommen. Vor zwei Monaten wurden bei mir durch den Genetikspezialisten Professor Harrer mehrere Gendefekte und Enzymblockaden festgestellt. Er sagt, dass sie in meinem Fall die Krankheit vermutlich erklären.“ – „Ah, Anton Harrer, haben wir den hier?“, hörst du den Pudelkopf von unter der Tischplatte her bewundernd ausrufen. Offenbar erläutert der Arzt im mausgrauen Kittel dem Unkundigen einige medizinische Parameter des Vorgestellten. Die meisten Anwesenden auf der Tribüne zeigen daran ein kurzes, flüchtiges Interesse, worauf sie wieder gelangweilt vor sich hin starren. „Sie können gehen!“, sagt dann der Pudelkopf mit gedämpft launiger Stimme und verweist den Mann mit dem Aktenkoffer auf den Ausgang mit der Aufschrift Exit B/failed. Der Mann ist froh, dass er nicht die Aktivierungstherapie muss, bedankt sich erleichtert und überquert den Rasen, als er noch einmal zurückgerufen wird. „Halt! Bevor ich es vergesse: wären Sie bereit, für uns noch zehn Klimmzüge an der Sprossenwand zu absolvieren?“ Der Mann kehrt zurück und greift mit den Armen nach der obersten Sprosse. Während er die vorgegebenen zehn Klimmzüge relativ mühevoll absolviert, blicken seine Geschlechtsgenossen auf der Tribüne mit eindrücklicher Hartnäckigkeit zur Seite.

„Und Sie glauben also, dass Sie an dieser Krankheit leiden, weil sie von  Erschöpfung, Schwäche und chronischen Schmerzen geplagt werden, die Sie seit über sieben Jahren mit exzessivem Morphiumkonsum betäuben?“, fragt der Pudelkopf mit säuselnder Stimme eine ausnehmend hübsche junge Frau. Die junge Frau erscheint am Arm eines Mannes und kann sich kaum auf den Beinen halten. „Ja.“ – „Ja? Was heisst das? Sie glauben es also nur? Dann könnte es sein, dass diese Schmerzen auch nur bei besonders anstrengenden Arbeiten wie Fensterputzen oder Treppenreinigung auftreten?“ Die junge Frau schweigt konsterniert. „Ihr Mann, Madame, hat uns nämlich darüber informiert, dass Ihr Verhaltensmuster im Bezug auf Ihre Schmerzen wechselt. Oder sagen wir es so, es ist für ihn und uns nicht gänzlich logisch erklärbar. Wenn wir Ihren Akten Glauben schenken wollen“, der Pudelkopf wedelt an dieser Stelle mit einem Papierbündel in die Luft, „sind Sie trotz Ihrer Beschwerden fähig, durchaus oft und lange ausgedehnte Telefonate mit Freundinnen zu führen …“ Aus deiner Liegeperspektive siehst du, wie die Beine der jungen Frau heftig zittern. Sie hängt mit ihrem ganzen Körpergewicht an ihrem Partner. Dieser stellt sich jetzt als ihr Ehemann vor, worauf der belustigte Ton in der Stimme des Pudelkopfs nullkommaplötzlich verschwindet. Alle Personen auf der Tribüne sind sich einig, dass man die Frau so schnell als möglich aus ihrem gewohnten Umfeld wegbringen soll. Neben einer längerfristigen Graded Exercise Therapy, einer aufbauenden körperlichen Aktivierungstherapie, soll die junge Frau zudem unbedingt an einer gruppentherapeutischen Sitzung für Schmerzpatienten teilnehmen. Bei den Schmerzen, an denen die Frau leidet, so erklärt jemand dem Ehemann in sachlichem Tonfall, handelt es sich lediglich um ein übersteigertes Reizempfinden im Bereich der Schmerzrezeptoren im Gehirn. Auch nach sieben Jahren seien diese Beschwerden nicht irreversibel. Die Frau müsse nur einen vernünftigen Umgang damit finden.

„Nicht wahr, Sie hören am besten noch heute auf, Ihre Schmerzen zu katastrophisieren?!“, übersetzt der Pudelkopf die besprochenen Lösungen für die irritierte junge Frau. Diese flüstert ihrem Ehemann etwas ins Ohr. Offenbar ist sie in grosser Sorge, dass sie den langen Weg von der Tribüne zum Stadionausgang A/Get nicht schaffen könnte. Der Ehemann schlägt diese Sorge unter den Augen der Zuschauer verlegen aus, worauf zwischen den Eheleuten ein kurzer Streit entbrennt. Da passiert etwas Unerhörtes, und der Mann lässt den Arm der Frau einfach los, läuft die Treppenstufen ins Stadion hinab und macht sich aus dem Staub.

Von den vielen Frauen und vereinzelten Männern, die die Befragungen hinter sich haben, werden alle an die Sprossenwand geschickt, wo sie allesamt miserabel abschneiden. Da sie auch mit dem Medizinball unglaublich katastrophale Resultate erzielen, hat jemand die Idee, die Prüflinge sollen die Übung mit einem kleinen Tennisball wiederholen. Einige Frauen sorgen mit dieser Übung für ziemliche Lacher. Die meisten schaffen es aber auch mit einem kleinen Ball nicht, ihre Oberkörper im Liegen anzuheben, was schon erstaunlich ist.

Du bist mittlerweile soweit unter das Pult gerutscht, dass dein Scheitel fast auf dem Schuh des Pudelkopfs liegt. Während der Pudelkopf den Namen der Frau mit dem leinenweissen Gesicht durchs Megaphon schreit, zieht er seinen Fuss unter deinem Kopf hervor und du spürst, wie ein Gewicht dein Gesicht mehrmals abdrückt. Unter dem Geschrei durchs Megaphon, schrumpft dein Körper zu einer winzigen, pulsierenden Faust.

„Machen wir weiter, Frau … Stürmchen. Ich hoffe, Sie wenigstens verschonen uns jetzt mit Unannehmlichkeiten. Können Sie bitte aufstehen und vor mich treten? Bitte schwören Sie für mich doch noch einmal die Wahrheit, indem Sie den rechten Arm weit und sichtbar in die Höhe heben.“ Du hebst den rechten Arm kurz in die Luft. „Länger! Und höher, bitte!“ – „Ich kann den rechten Arm nicht höher und vor allem nicht länger heben!“ – „Warum nicht?“ – „Ich habe es Ihnen schon gesagt, es ist keine Kraft drin.“ Der Pudelkopf pfeift durch die Zähne. „Ach ja, Sie sind ja so kraftlos und können Ihren Arm aus mangelnder Kraft nicht heben! Wie konnte ich das vergessen! Dann schwören Sie, dass Sie den rechten Arm nicht heben können, seit dreiundzwanzig Jahren, nicht nicht, weil Sie ihn nicht heben wollen, um zu schwören, weil sie im Grunde die Unwahrheit erzählen, sondern weil die Energiezufuhr zu diesem Arm tatsächlich unterdrückt ist?“ – „Wie bitte?“ Du spürst, wie deine Augen unkoordiniert flattern. „Ach so, ja, ich schwöre das. Wobei ich sagen muss, dass ich den rechten Arm erst seit ungefähr zwei Jahren nach einer Belastung nicht mehr heben kann. In den einundzwanzig Jahren zuvor … war meine Muskelschwäche noch nicht ausgeprägt, und ich konnte den Arm noch heben, mehrheitlich, sofern ich die betroffenen Muskelgruppen nicht zu stark betätigte, versteht sich. Aber in den letzten zwei, drei Jahren hat sich die Schwäche dann verschlimmert. Sobald ich einen schweren Gegenstand heben oder eine Einkaufstasche tragen musste, konnte ich den Arm danach zuerst für Stunden nur noch kurz, später für Wochen nur noch kurz und schliesslich …“ – „Kommen Sie zur Sache!“ – „Nein, ich hebe den rechten Arm nicht nicht, weil ich nicht schwören will, da ich im Grunde die Unwahrheit erzähle und dadurch nicht schwören kann, dass ich nicht die Wahrheit erzähle, denn was hätte ich davon, wenn ich nicht die Wahrheit erzählte?! Was würde es mir bringen, nachdem ich dreiundzwanzig Jahre lang mit dieser Krankheit gelebt habe und es nicht geschafft habe, so zu tun, als würde es diese Krankheit, zuerst in mir nicht und nun auch in andern nicht geben?! Ich wünschte mir, ich wüsste nicht, dass sie existiert.“ Der Pudelkopf lehnt sich in seinem Sessel zurück und mustert dich belustigt von Kopf bis Fuss. „Nichts einfacher als das, meine Liebe! So wie ich das bisher beurteilen kann, gibt es keine Beweise, dass diese Krankheit existiert. Also, warum tun sie nicht einfach wieder so, als existierte diese Krankheit nicht, hä? Wären da nicht alle Probleme mit einem Schlag gelöst?“

Erneut spürst du, wie eine Ohnmacht über dich kommt. Schnell legst du dich mich flach auf den Boden und schliesst die Augen. „Wo bleibt der Rollstuhl!? Und was mich betrifft; so hätte ich gerne endlich mal was Ordentliches zu trinken!“ Ein paar Minuten verstreichen. Dann wird ein Rollstuhl herein gefahren und akkurat neben dir abgestellt. Der Pudelkopf nippt an einem Glas Bordeaux.

„Gut, danke für diese prompte Intervention. Machen wir also weiter. Mein Problemfall! Jetzt, wo Sie so weich und bequem sitzen: Sie haben doch nicht gerade das Bewusstsein verloren?“ – „Ich fürchte, ich war kurz weg  doch … und doch danke ich Ihnen für die Sitzgelegenheit.“ Der Pudelkopf übergeht deine Bemerkung. Stattdessen sagt er: „Heben Sie für mich doch bitte einmal den Arm in die Höhe!“ Dein rechter Arm geht in die Luft. In dem Moment, in dem er zu Zittern anfängt, nimmst du den linken Arm zur Hilfe, indem du den rechten Arm mit dem linken stützt. Etwa zwei Minuten verstreichen. „Nein, halten Sie den rechten Arm in die Höhe, ohne mit dem linken Arm nachzuhelfen!“ – „Das kann ich kaum. Glauben Sie mir!“ – „Ihnen glauben? Das fehlte gerade noch! In Ihren Akten  heisst es …“ Der Pudelkopf leert sein Weinglas und wühlt in seinem Papierkram. „In Ihren Akten heisst es, dass Sie seit zwanzig Jahren fast jeden Tag unter einer Übelkeit, Würgen und Erbrechen leiden. Sie behaupten, dass diese Beschwerden einem Vergiftungsgefühl von mindestens, man höre, fünf Whiskeygläsern auf puren Magen gleichkommen! Hahaha!“ – „Eindrückliche blumige Dramatik, ich muss schon sagen!“, ruft ein Mann von der Tribüne herab. „Könnte ein Hypochonder nicht besser und malerischer beschreiben!“ Auf der Tribüne beklagen sich ein paar Personen in theatralischem Ton über ihr Los, sich mit lauem Mineralwasser begnügen zu müssen, da habe es der Kollege da vorne doch gleich viel besser. Der Pudelkopf übergeht auch diese Bemerkung, während er sich durch sein Getränk mehr und mehr entspannt. „Also, Frau Stürmchen, haben Sie auf Ihrem schönen Spaziergang durchs Leben jemals fünf Glas Whiskey getrunken, ja oder nein?“ Gekicher. „Ach so, ja. Das heisst nein. Das heisst, ja.“ Trotz deiner sitzenden Position kannst du dich immer weniger konzentrieren. Dir ist jetzt richtig schlecht. „Nicht jeden Tag in all den Jahren meiner Symptome habe ich unter dieser Übelkeit und diesem Katergefühl gelitten. Aber in den letzten drei Jahren erwachte ich jeden Tag mit diesem fiebrigen Katergefühl, es ging nie mehr weg, bis spät abends …“ – „Dann ist diese Übelkeit kein Trick, den Sie anwenden, um den gewöhnlichen Herausforderungen des Lebens, die Ihnen ganz offensichtlich nichts bedeuten, wenn ich Ihre Akte durchlese, zu umgehen?“ – „Diese Übelkeit ist kein Trick, den ich anwende, um den gewöhnlichen H…h…r …s…f…r…d…un…g .. des Lebens, die mir ni…t…s b…b…b…aus…zu w w…w…w… ich glaube, ich muss kotzen!“ – „Dieses ewige Kollabieren verleidet mir langsam! Würden die Ärzte bitte dafür sorgen, dass diese Anhörungen etwas reibungsloser über die Bühne gehen?!  Wie wäre es übrigens mit einem amphetaminhaltigen Mittel?“ Jemand antwortet leicht entschuldigend: „Eine Anhörung im Sitzen ist bei ausgeprägten schweren Fällen mit diesen Beschwerden leider problematisch. Die Menschen mit diesem, ich will es mal so formulieren: Krankheitssyndrom, scheinen die aufgerichtete Position schlecht zu tolerieren, was wir auch bei dieser Patientin in Form von Synkopen, starkem Blutdruckabfall oder umgekehrt; eklatantem Brutdruckanstieg sehen. Im Prinzip rate ich zu einer Anhörung in horizontaler Position …“ – „Sie meinen, Sie wollen, dass wir diese Leute da alle im Bett verhören?!“, ruft der Pudelkopf schrill. „Es kann nicht Sinn und Zweck sein, den Bedürfnissen dieser Menschen beim kleinsten Pieps nachzugeben“, wirft nun eine weitere Männerstimme in die Runde. „Gerade bei einer Patientengruppe, die für ihre mangelnde Disziplin und Kooperationsbereitschaft unter den Ärzten seit langem bekannt ist.“  Auf der Tribüne wird darüber diskutiert, inwieweit die kategorisch ablehnende Haltung eines Patienten gegenüber physischem Training seinen Heilungsprozess behindere. So meint der Mann, der ein „Nachgeben beim kleinsten Pieps“ für ungünstig hält, dass ein Kranker seinen Zustand aktiv verbessern kann, ganz egal, an was für einer Krankheit er leidet. Wichtig ist lediglich, dass er motiviert ist und an Besserung glaubt. Dies ist ein allgemeiner Grundsatz. Unvernünftig ist es, wenn dieser Grundsatz ausgerechnet für eine Patientengruppe nicht gelten soll, die für sich allein in Anspruch nehme, körperliche Aktivität verschlimmere ihre Beschwerden oder führe sogar zu irreversiblen, neurologischen Schäden. Der andere Arzt, der das Problem der Synkopen „bei Menschen mit diesem Krankheitssyndrom“ angesprochen hat, pflichtet bei. Bei der Entstehung und Chronifizierung von Krankheit sei die Einstellung sicher entscheidend. Allerdings habe man es eben trotzdem mit  Menschen zu tun, bei denen die Selbstheilungsprozesse versagten, sonst bräuchte es ja keinen Arzt, und es gäbe keine physischen Krankheiten, die Realität könne man daher nicht leugnen, usw.

„Tschuldige, ich kann meinen Kopf mit den Halsmuskeln nicht länger tragen. Würde mich gerne wieder auf den Boden legen …“ Erstaunlich rasch wird dir nach dieser Bitte eine Zervikalorthese um den Hals gebunden. Du sagst schwach, dass du kaum Berührung am Hals vertragen kannst und schon gar keine Orthese. Doch dein Nacken wird jetzt genau durch eine solche: verlängerte Kunststofforthese, gestützt, so dass du deinen Kopf weder nach rechts noch links bewegen kannst. Auch ist dir von einem Securitaswächter eine Spritze in die rechte Armvene gegeben worden. Der Pudelkopf wirkt befriedigt.

„Gut. Machen wir weiter. Wir geben nicht auf, was? Hier in meinen Akten steht, dass Sie an Lymphknotenschmerzen, kappenartigem Kopfdruck, ständigem leichten Fieber leiden, Ihre Pupillen im Spiegel nicht mehr fokussieren können, zwitschernde Vögel bei Ihnen Myoklonien auslösen und unzählige weiterer solcher haarsträubender Geschichten. Die ganze Symptomatik wird für Sie von einer nobel ausgedrückten Fatigue, begleitet, die sich für Sie anfühlt, als hätten Sie seit Jahren nicht mehr geschlafen. Stimmt das?“ – „Dies stimmt, ja.“ – „Dann täuschen Sie diese Symptome nicht vor, weil es sich dabei im Grunde um eine frei flottierende, aber tief sitzende Angst handelt, die Sie seit Ihrer Kindheit plagt …“, der Pudelkopf zeigt mit dem Finger auf deine Akte, die unter ihm liegt, „… die Sie jedoch aus gutem Grund vor sich und den Augen der Welt verstecken, weil Sie nicht hinter Ihren psychischen Problemen stehen und glauben, Sie könnten durch das Vorgeben physischer Symptome in den Augen Ihres Umfelds besser dastehen?“ – „Ich täusche nicht vor, dass ich diese Symptome in ihrer Vielzahl habe, mittlerweile, ja.“ – „Mittlerweile?“ Der Pudelkopf interveniert. „Heisst das, dass es einmal eine Zeit gab, in der Sie diese Symptome erlebten, weil Sie vor etwas grosse Angst hatten?“ – „Hm. Ich denke nicht.“ – „Bitte beantworten Sie meine Frage!“ – „Richter“, sagst du mit gläserner Stimme, „diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Ich denke, dass es sich bei diesen Symptomen um biochemische Fehlreaktionen meines Immunsystems, meiner Muskeln, meines Gehirns, meines endokrinologischen Systems, meines ganzen Stoffwechsels, sogar, handelt. All diese Symptome sind miteinander verlinkt und verkettet, das denke ich, da bin ich mir sogar sicher! Aber wo sie entspringen, das weiss ich nicht. Nein, ich denke nicht, dass ich diese Symptome vortäusche, um eine tiefgreifende Angst zu verstecken, weil ich finde, dass ich damit in den Augen der Welt besser dastehe, als wenn diese Symptome, wie Sie sagen, psychisch wären …“ Deine Schnappatmung beginnt wieder. „Und doch habe ich am Anfang, als ich zum ersten Mal diese Symptome erlebte, und diese Symptome auf mehreren Ebenen gleichzeitig ausbrachen, eine unbeschreiblich starke Angst erlebt.  Stellen Sie sich vor, Sie richten sich auf und bemerken, wie Ihr Herz dabei rast, Ihnen die Sicht verschwimmt, Ihre Kraft auf eine geheimnisvolle Weise dauerhaft aus Ihrem Körper verschwindet, wie Sie bei allem, was Sie tun, an die Grenze eines physischen Kollapses geraten. Ihr Körper ist nur noch mit dem Feststellen und Verarbeiten von körperlicher Bedrohung beschäftigt. Sie sind so schwach, dass Sie nicht mehr wissen, wie Sie sich schützen können vor weiterer Schwächung. Sie sind im Zustand kompletter physischer Hilflosigkeit … Ist es da verwunderlich, wenn Sie genau in dem Zustand richtig fest Angst kriegen? Meine Angst trat damals so übereinstimmend, so früh und so lange gleichzeitig mit den Symptomen auf, dass es mir heute, nach so vielen Jahren, nicht mehr möglich ist, diese Angst, die mir sozusagen einverleibt wurde durch die Symptome vor dreiundzwanzig Jahren, von den Symptomen selbst in jedem Moment wirklich genau abzutrennen. Ich habe kein Umfeld, Herr Richter. Ergo muss ich nirgendwo gut da stehen.“ – „Dann machen Ihnen Ihre körperlichen Symptome in diesem Moment also Angst? Habe ich Recht? Kindchen, wovor fürchten Sie sich?“, fragt der Pudelkopf beinahe loyal. „Ich bin dreiundvierzig Jahre alt. Entschuldigen Sie mich, ich muss mich übergeben! Mir dreht sich alles!“ Du spürst ein feines Zittern und wie sich dein Blick nach Innen kehrt. „Bitte beantworten Sie meine Frage und kotzen später! Ich habe Ihre Akte gelesen! Es heisst, dass Sie nicht gelernt haben, angemessen auf Erwartungen zu reagieren! Es heisst, dass Sie, statt mit einer psychisch normalen Reaktion, mit Herzrasen, Fieber oder Arrhythmien auf Herausforderungen reagieren, weil Sie mit dem kleinsten Wettbewerbsdruck nicht klar kommen! Das alles, weil sie psychisch nicht gesund sind! Zeigen Sie Grösse, und beschwören Sie dies?!“ – „Ich kann beschwören, dass ich mit Druck, den ich seit jeher als physisch erlebe, nicht umgehen kann, bei meinem Leibe … kann ich das beschwören!“, wimmerst du. „Und doch kann ich leider nicht später kotzen, da es mir genau jetzt, in diesem Augenblick himmelelend übel ist! Sie machen sich keine Vorstellung, wie übel und elend mir ist! Sie alle! Alle Sie! Ich könnte die ganze Welt ankotzen und überkotzen, so übel ist mir! Ich wünsche mir wirklich, dass Sie mir die steife Halskrause wieder abnehmen, damit ich meinen Kopf zum Würgen … wenigstens … in die Armbeuge … “ – „Mein Gott, was haben Sie der Person denn eigentlich gespritzt? Geben Sie der Frau ein Beruhigungsmedikament!“ – „Sie haben mich dazu angewiesen, der Patientin ein amphetaminhaltiges Medikament zu verabreichen. Dies hat bei der Patientin offenbar zu einer sofortigen Überstimulation geführt, eine Reaktion, die ich so noch nie …“ – „Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe!“

– „Wenn ich an dieser Stelle meinen Senf dazu geben könnte …“ Ein kleiner Mann mit einem breiten, vampirartigen Grinsen tritt aus der Sitzbank hervor.  „Ich weiss, unter Ihnen sind viele hochdotierte Fachmänner und sehr versierte Internisten … und ich bin nur ein einfacher Seelenklempner, ja, das bin ich! Trotzdem bin ich nicht auf den Kopf gefallen …“ Der Mann lacht und steckt sich die Hände in die Hosentaschen seiner markanten schwarzen Lederhose. „Was meinen Sie damit?“, fragt der Pudelkopf ziemlich unmotiviert. „Naja“, meint der Shrink cool, „so wie ich es verstehe, wird in vielen Fällen, die wir hier mehr schlecht als recht beurteilen, versucht, eine physische Ursache gegenüber einer psychischen Ursache auszuspielen. Ich glaube aber, dass wir mit der Dualität von Körper und Geist einen grossen Fehler gemacht haben, und dass uns der liebe Herr Descartes damit eine grosse Knacknuss hinterlassen hat!“ Einige Personen auf der Tribüne gähnen. „Wie gesagt, ich bin nur diplomierter Psychiater und als Psychiater seit dreissig Jahren spezialisiert auf junge, widerspenstige, unzugängliche Frauen …“ Der Kobold lacht über alle Backen. „Jaja, das gibt es, liebe Kollegen. Sie glauben vielleicht, wir kennen nur den männlichen Typus der Asozialität, aber es gibt diese Störung auch bei Frauen. Als Psychiater habe ich den Fall, wie Sie meine ehemalige Patientin da vorne nennen, über mehrere Jahre begleitet … Seit sie denken kann, fühlt sich diese Frau von ihrem körperlichen Dasein, der Materie als solches abgetrennt. Ich habe das Dilemma bereits in einem hoch logischen, rationalen, emotional abwesenden Vater und einer emotional schwächelnden, kaum durchsetzungsfähigen, melancholischen Mutter erkannt. So hielt ich den anfänglich infantilen Drang meiner Patientin, sich selbst künstlerisch zu verwirklichen für einen Selbstheilungsversuch und liess sie in ihrer andauernden Vogelfreiheit vermeintlich frisch und fröhlich dahinleben! Ähnlich einem Tier, dem man eine Schonfrist erlaubt, bevor man es doch noch erlegt …  zum Wohle der Gesellschaft … manche Leute haben es wie Käse: sie brauchen ein bisschen länger zum Reifen!“ Mehrere Personen stehen auf und verlassen die Tribüne. „Was wollen Sie damit sagen?“, fragt der Pudelkopf misstrauisch. „Dass ich der Patientin die Chance gab, ihre Anpassungsfunktionen doch noch in Gang zu setzen und die innere Abwehrhaltung gegenüber einem normalen angepassten Leben und der Ausübung einer regulären Arbeit aufzugeben, beispielweise …“ – „Und warum gelang das nicht?“ – „Das kann ich Ihnen nicht sagen. Vielleicht war das tiefe Misstrauen, das die Frau gegenüber ihrer Stofflichkeit hegte, zu gross, und es konnte einfach kein sicheres Selbst mehr entstehen! Sie versuchen hier die direkten Affektkorrelate bei meiner Patientin herauszufiltern, aber wenn Sie gut zugehört haben, hat die Patientin bereits gestanden, dass es diese bei ihr seit langem nicht mehr gibt.“ – „Was soll das heissen? Bitte verschonen Sie uns mit ausführlichem Psychojargon!“ Der kleine Kobold zeigt grinsend eine Reihe stark ausgeprägter, gelber Zähne. Wieselflink tritt er aus seiner Bank hervor und stellt sich hinter die Sessellehne des Pudelkopfs. „Das erklär ich dir gerne, Kollege! Angenommen ich behaupte, Du hast da eine hässliche ekelhafte Spinne im Nacken deiner oppulenten Perücke… “ Der Psychiater klaubt eine kleine Gummispinne aus seiner Hosentasche und lässt sie an einem Beinchen in den Nacken des Pudelkopfs hinab baumeln. „Eine Spinne?!“ – „Haha! Siehst du, Kollege!“ Der Pudelkopf langt sich mit der Hand in seine Perücke, während der Psychiater die Plastikspinne zurück in seine Hosentasche stopft. „Du hast da keine Spinne! Trotzdem kräuselt und beisst es dich dahinten im Nacken so komisch! So einfach ist das! Aus irgendeinem Grund und unter besonderen Umständen können Menschen die Ungeheuer in Ihrem Hinterkopf nicht vergessen! Die Personen, die hier antraben, besitzen alle die spezifische Veranlagung, dass sie unlösbare Konflikte vom Unterbewusstsein abziehen und an den Körper delegieren. Diese Beschwerden, die sie empfinden, manifestieren sich nicht an den Organen. Und doch sind als Qualia irgendwie vorhanden. Der Ursprung ist ein organisches Ungleichgewicht, an dem wir nicht so unschuldig sind, da wir die Voraussetzungen für ein ausgeglichenes Leben mit einem gesunden Zusammenspiel von Körper und Psyche noch fördern oder beachten …“ Wieder erheben sich mehrere Personen und verschwinden durch einen Tribünenausgang. „Führen wir die Disziplinen von Körper und Geist doch wieder näher zusammen. Räumen wir dem Denken weniger Macht und dem Gefühl und der Intuition mehr Kraft ein. Ich bin überzeugt, dass solche Beschwerden, wie Sie in der Regel bei Frauen gehäuft auftreten und für die man früher den guten alten Begriff Hysterie anwendete, wieder zurückgehen, wenn wir wieder ganzheitlicher leben.“ – „Sind Sie fertig mit dem psychologischen Geschwurbel?!“ Die Tribüne hat sich um die Hälfte der Anwesenden dezimiert.

„Ich kann dir, Rambo, in einigen Punkten nur zustimmen. In anderen jedoch nicht.“ Dieser Einwand kommt von einem älteren, schlohweissen Mann, der den Psychiater offensichtlich gut kennt. „Wie du weißt, betrachte ich das Ganze aus meiner Sicht als Hausarzt etwas pragmatischer. Seit mehreren Jahren stelle ich fest, dass heute viele Patienten eine übersteigerte Vorstellung von Gesundheit haben. Sie kommen in meine Praxis und erwähnen medizinische Fachbegriffe und Beschwerden, die ich nicht einmal kenne. Jeder von Ihnen kann sich heute mithilfe des Netzes selbst Diagnosen zulegen respektive einen ganzen Strauss an Symptomen sammeln, von denen Sie und ich noch nichts gehört haben. Dabei handelt es sich wie üblich nur um ein Geschäft, das von schlauen und dubiosen Verkäufern einschlägiger Medizin gemacht wird, leider gerade mit solchen Leuten, die sich von ihren irrealen Ansprüchen und grossen Erwartungen an ihre Gesundheit ins Boxhorn jagen lassen. Sie glauben an die Fitness ihres Körpers und halten ihn hoch wie die letzte verbliebene göttliche Bastion. Die Folge davon ist es, dass viele Menschen ihren Körper rund um die Uhr auf die kleinsten Anzeichen harmloser Veränderungen abchecken. Der Körper muss unter allen Umständen optimiert werden, und wer zu den Fitten gehört, der wird mit gesellschaftlichen Bonussen belohnt. Ein solches System schafft aber auch viele Kranke, mehr als das, es ist ein System, das aus gesunden Patienten erst Kranke macht. Wenn ich merke, dass es sich bei einem meiner Patienten um einen Cyberchonder handelt, versuche ich seine Sorgen zu zerstreuen und rate ihm, mit dem Googlen von Beschwerden aufzuhören. Bei Frau Stürmchen ist mir das leider nicht gelungen. Kaum hatte ich sie von der übermässigen Sorge um ein  Symptom befreit, schlug die Cyberchondrie schon wieder zu und sorgte bei ihr für ein weiteres und wieder neues Beschwerdebild. Es war für mich traurig anzusehen, wie diese freundliche, lebensfrohe Patientin immer öfters mit abstrusen medizinischen Forderungen auf mich zukam, wie sie mit wissenschaftlichen Begriffen und Zusammenhängen, die sie in einschlägigen Foren zusammengetragen hatte, Druck auf mich ausübte. Frau Stürmchen litt an harmlosen vegetativen Störungen, doch leider leitete sie aus ihren Symptomen eine Krankheit ab und aus der Krankheit ein Sektierertum. Nach jahrelangem Suchen hatte sie ihre vermisste Krankheit schliesslich gefunden, gerade so, als handelte es sich dabei um eine persönliche Auszeichnung oder schlimmer: einen Teil ihrer Identität! Wie aber, und damit gebe ich den Ball jetzt eigentlich wieder an dich zurück, lieber Rambo, soll jemand seine Beschwerden loswerden, wenn er von ihnen lebt und sie Teil seiner Identifikation geworden sind?“ Der gelockte  gutmütig wirkende Mann macht eine Pause, ehe er mit melancholischer, aber bestimmter Stimme fort fährt: „Wer mich kennt, weiss, dass ich mit radikalem Fanatismus nichts anfangen kann, gleich auf welchem Gebiet er sich abspielt. Dieses neue Auftreten meiner Patientin stand dem religiösen Fanatismus jedoch in nichts nach. So sollte ich für diese Krankheit Partei ergreifen und all die medizinischen Unterlagen und englischen Fachberichte studieren, die die Patientin dazu mappenweise in meine Praxis schleppte. Es kam mir vor, als hätte ich nur zwei Möglichkeiten: entweder ich legte ein Glaubensbekenntnis ab für diese Krankheit und gab zu, dass mit der systematischen Ignoranz dieser Krankheit einer ganze Patientengruppe global seit Jahrzehnten ein fürchterliches Unrecht geschieht. Oder aber ich sollte mit dem Feind, womit der Rest der medizinischen Welt gemeint ist, zur Hölle fahren …“ Jemand unterbricht. „Ihre Einstellung als Arzt kann ich zu Hundertprozent nachvollziehen, Herr Doktor. Was Ihre Äusserungen bezüglich der Existenz dieser Krankheit betrifft, möchte ich aber von Ihnen wissen: bejahen Sie diese in irgendeiner Form? Sie reden darüber so, als verfügten Sie über ein Insiderwissen, das mir – ich bin ebenfalls Hausarzt, pensionierter, allerdings – völlig abgeht. Gibt es diese Krankheit Ihrer Meinung nach tatsächlich, oder ist sie, wie Sie so schön sagen eine Cyberchondrie, eine Modeerscheinung und also sozusagen ein Label unter dem sich unzählige Wehwehchen unserer Zeit versammeln?“ Der Allgemeinpraktiker räuspert sich in seiner diskreten Art. „Ob es diese Krankheit gibt oder nicht; dazu möchte ich lieber nichts sagen. Aber schauen Sie: was hätte es gebracht, wenn ich der Patientin Zugeständnisse gemacht hätte? Wenn ich bejaht hätte, ja, diese Krankheit ist keine Hippie-Flu, keine Islandgrippe, keine Massenhysterie, wie man noch vor fünfzig Jahren glaubte. Es gibt genug wissenschaftliche Erkenntnisse und historische Dokumente, gerade aus der Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts sowie den Achtzigerjahren, die beweisen, dass es sich um eine neurologische und wahrscheinlich autoimmune, multisystemische Erkrankung und Entzündung des Zentralnervensystems handelt. Was hätte meine Patientin jedoch für einen Nutzen davon gehabt, wenn ich eingestimmt hätte und gesagt hätte; ja, diese Krankheit gibt es, und sie ist seit über sechs Jahrzehnten bei der Weltgesundheitsorganisation als neurologische Krankheit verschlüsselt und abgelegt, nur wird sie aus relativ eigennützigen Gründen von den Verfechtern des biopsychosozialen Modells torpediert und nicht in unseren Lehrbüchern geführt. Das alles hat die Patientin selbst erkannt. Das Krankheitsbild ist schwer und beeinträchtigt das Leben der Betroffenen wie keine andere chronische Krankheit. Trotzdem gibt es bisher keine Möglichkeit, den Betroffenen zu helfen. Darum frage ich Sie: warum hätte ich meiner Patientin meine teilweise Befürchtung, dass es sich bei ihren Beschwerden um diese unheilbare Krankheit handeln könnte, offenlegen sollen? Was hätte ihr dieses Wissen genützt? Es gibt Situationen, da verschone ich meine Patienten lieber mit der Wahrheit, besonders, wenn es sich um unheilbare Beschwerden handelt oder um Patienten, die emotional nicht sehr stabil sind, so wie Frau Stürmchen…“ – „Augenblick mal!“

An dieser Stelle wird dein ehemaliger Hausarzt, der nach dieser Rede um nochmals Jahre gealtert wirkt, unterbrochen. Unten im Stadiongrund haben Stadionwächter angefangen, einige der Herumliegenden an Händen und Füssen zu den jeweiligen Ausgängen zu schleppen. Die Frau mit der leinenweissen Haut hat sich langsam auf die Seite gerollt. Ihre dunklen Augen sind geöffnet und wandern langsam durch die einzelnen, auf der Tribüne verbliebenen Personen. „Ist es möglich, dass diese Person versteht, was wir von ihr verlangen, aber nicht reagieren kann?“, fragt der Pudelkopf. Er hat die junge Frau ein weiteres Mal vergeblich durch sein Megaphon aufgerufen. Man zieht aus ihrem Verhalten den Schluss, dass sie in einer klassischen Dissoziation feststeckt, ausgelöst wahrscheinlich durch die stressreiche Situation. Der Shrink läuft auf den Rasen hinab und steckt der jungen Frau eine kleine rote Schote in den Mund. Als diese Methode nicht wirkt, bittet man die Frau, das Team schriftlich davon überzeugen, was mit ihr los ist. Schliesslich will man ihr nicht die Chance nehmen, sich doch noch zu ihrem sonderbaren Verhalten zu äussern. Papier und Filzstift werden beschafft und neben dem reglosen Körper ins Gras gelegt.

„Gut, machen wir fertig! Mir scheint, wir wissen jetzt genug. Problemfall Stürmchen, mein Lö…blingsfall …“, beginnt der Pudelkopf wieder. „Wir haben jetzt so einiges über Sie gehört. Unter anderem auch, dass Ihnen immer wieder ärztliche Hilfe angeboten wurde. Gleich von mehreren Seiten hat man Ihnen Grosszügigkeit und verständige Anteilnahme entgegengebracht. Diese haben Sie, wie das mein Kollege vorhin eindrücklich schilderte, hartnäckig zurückgewiesen. Ist das so? Wieso?“ – „Ich möchte gehen, ich bin elend!“ Die Dosis des gespritzten Beruhigungsmittels war offensichtlich zu hoch. Dir ist ausserordentlich schwummrig zumute. „Und wie lange geht das schon so?“ – „Seit über zwanzig Jahren.“ – „Sind Sie sicher?“ – „Was, Herr Richter?“, stammelst du. „Dass Sie über einen so langen Zeitraum hinweg elend gewesen sind? – „Ja. Beinahe.“ – „Dann sind Sie nie mehr wohl gewesen in Ihrem tadellosen, einwandfrei funktionierenden Körper?“ Der Pudelkopf lallt jetzt ein klein wenig. „Nein, zumindest seit sich die Krankheit verschlechtert hat, vor zirka fünf Jahren, nie mehr.“ – „Wenn Sie seit so vielen Jahren so elend sind, wie Sie es vor uns darstellen, warum haben Sie sich dann nicht längst das Leben genommen? Es ist nicht realistisch, dass man mit solchen Beschwerden das Leben dem Tod vorzieht.“ – „Ich …“ – „Gut. Ich sehe, dass Sie nicht mehr fähig sind, sich länger auf Ihre Ausflüchte zu stützen.“ Der Pudelkopf fixiert auf einmal den kleinen Bronzehammer vor sich auf dem Tisch. „Bevor ich Sie hier aus der Befragung ausschliesse, weil Ihre Antworten inadäquat, Ihr Benehmen auffällig ist und Ihre Persönlichkeitsstörung mehrfach erwiesen, möchte ich, dass Sie mir noch einmal nachsprechen: Ich schwöre, dass ich die Wahrheit sage, wenn ich behaupte, dass ich nie mehr wohl gewesen bin, seit fast zwanzig Jahren in meinem tadellosen Körper, obwohl man mir ärztliche Hilfe bot, noch und noch, die ich allesamt zurück wies, nur um im Recht zu sein und mich bei meinem Umfeld mit meiner Ansicht, wichtig zu machen und die nötige Aufmerksamkeit für mich selbst zu kriegen sowie nicht arbeiten zu müsssen, wie jeder normale Mensch, indem ich behaupte, dass mit meinem Körper, der einwandfrei funktioniert, etwas nicht funktioniert, wozu es keinerlei stichhaltige Beweise gibt, denn wenn es so wäre, wie ich es behaupte und die Lügen, die ich meinem Umfeld über meinen Körper erzähle, glaubwürdig wären, ich mir dann längst das Leben genommen hätte, weil wären diese Beschwerden realistisch und nicht gelogen: keiner könnte damit auf Dauer überleben.“ – „Richter … ich … dieser Satz ist sehr lang … und… wie soll ich ihn beschwören? Man kann nicht wohl sein in einem Körper, der in einem so starken Ausmass nicht funktioniert und gleichzeitig tadellos funktionieren darin! Mindestens zwei Aussagen in Ihrem Satz stimmen nicht überein. Also kann es nicht die Wahrheit sein … ich kann sie nicht beschwören.“ – „Schau her! Da werden wir frech, was!? Es ist ganz einfach: entweder beschwören Sie oder Sie gehen in die Graded Exercise Therapy!“ Die Hand des Richters mit dem Hammer geht langsam in die Luft. Da die Graded  Exercise Therapy vermutlich dein Tod sein würde, zumindest zum jetztigen Zeitpunkt deiner Erkrankung, aber nicht der Tod, den du dir für dich wünschst, sagst du: „Ich schwöre, dass ich die Wahrheit sage, wenn ich sage, dass ich nie mehr wohl gewesen bin, seit zwanzig Jahren, seit Ausbruch meiner Krankheit … in meinem ta … tad … el ….“ – „Sprechen Sie weiter …! Heben Sie bitte die rechte Hand in die Höhe!“ – „Ich kann nicht!“ – „Heben Sie die Hand trotzdem!“ Durch einen Schleier von Tränen siehst du, wie der bronzene Hammer langsam steigt. In dem Augenblick, in dem er auf der Tischfläche aufschlägt, öffnest du die Augen.

Ich habe hier keinen Alptraum geschildert, sondern die Realität. In einer extra wenig unterhaltsamen Fiktion, für die mich keiner belangen kann. Goddamn.

(2018/19)

 

 

 

Drei
„… aber dieses Gesicht hatte die Farbe der Sonne und des Begehrens gehabt.“

(Mersault im Gefängnis, wartend auf seine  Verurteilung oder Begnadigung, als ihm der Antstaltsgeistliche sagt, alle Gefangenen hätten hinter den Mauern irgendwann das Antlitz Gottes erfahren.)

 

 

Lockdown

 

Gestern war Doktor Maus da. Er ist seit mehreren Wochen nicht mehr da gewesen. In letzter Zeit hat Doktor Maus meine Mails nur noch spärlich beantwortet.

Ich habe Doktor Maus meine Situation vorab ausführlich geschildert. Dass ich wieder in mein Schwarzweissdenken zurückgefallen bin. Dass sich meine physische Bewegungsfreiheit auf die Fingerkuppen konzentriert. Und dass ich nicht mehr in einer Welt leben kann, in der Thanatos Eros laufend besiegt.

Dummerweise wirkte ich während des Gesprächs wieder zu vital, und darüber ärgerte ich mich nachträglich. Aber das war gar nicht nötig.
Doktor Maus machte in Allem einen Rückzieher. Ich sei sowieso chancenlos! Rief er aus. Dann drohte er mir, dass ich endlich seine Team interne Heilpraktikerin aufsuchen soll. Allenfalls könne es zwischen uns keine Zusammenarbeit mehr geben.

Ich setzte mich im Bett auf und wiedergab mit seinen Worten, Doktor Maus’ Worten: Ein wacher Geist, gefangen in einem invaliden Körper, dies über Jahre, ist sehr zermürbend. Unter allen Umständen muss das Leben nicht ewig dauern. Dass er mir Hoffnung gemacht und ein falsches Interesse geheuchelt hat, hielt ich ihm vor. Warum er mir diese Hoffnung nun wieder nimmt? Doktor Maus nuschelte. Seiner Meinung nach hat er nie behauptet, dass er diesen Weg bei mir befürwortet. Nicht, dass er es sich nicht vorstellen kann. Er sagt nur, dass es nicht viel bringt. Auch erwähnte er mein Curriculum Absurdum und andere frühe Texte, die ich ihm vor einiger Zeit zuschickte. Aus diesen Texten geht meine Affinität zur Krankheit nicht nur hervor, schon seit früher Kindheit. Nein, ich kultiviere sie auch, indem ich seit vielen Jahren darüber schreibe. Ob er jetzt die Maske ausziehen dürfe?

Ich sah, wie sich Doktor Maus mechanisch ins Gesicht langte. Und verneinte. Ich nehme nicht an, dass er mir ein Attest ausstellt, falls es, aufgrund der äusserst angespannten Lage, da draussen, zu einer Triage kommt. Äusserte ich mich spitzig. Doktor Maus antwortete lapidar: Dass er nicht weiss, was das bringen soll. Ich wusste meinerseits nicht, was ich auf diese unfassbare Bemerkung erwidern soll. Das Gespräch stockte.

Nachdem Doktor Maus gegangen war, dachte ich: Es ist wirklich alles zum Kotzen! Und die Situation da draussen ist mittlerweile richtig vertrackt. Immer, wenn ich mich zu diesem Problem da draussen äussere, kommt es mir vor, als rede ich über einen schlechten Film. Einen Blockbuster, den ich weder gesehen habe noch in dem ich selbst irgendwie vorkomme.

Eine Weile schaute ich aus dem Fenster. Auf der Terrasse reflektierte helles Tageslicht ein Schäumchen Schnee. Hatte es also endlich geschneit. Sekundenlang überschwemmte mich eine siedend heisse Freude. Ich wollte sofort spazieren gehen. Da dies nicht möglich war, öffnete ich die Terrassentüre und liess Mogli ins Freie. Dann legte ich mich zurück ins Bett.
Eigentlich war es nun Zeit für meine Henkersmahlzeit, den Griessbrei. Stattdessen schlief ich wieder ein. Als ich das nächste oder übernächste Mal aufwachte, drang durch die Terrassentüre ein leises Nieseln. Es war bereits am Eindämmern. Erstarrt stellte ich fest, dass Mogli eine Maus vor mich hingelegt hatte und mich mit goldgelben Augen hypnotisierte.

Die Maus war winzig! Sicher nicht grösser als eine grosse Sun-Queen-Dattel! Sie stand auf drei Beinchen, wogegen der zweite Hinterlauf leicht abgedreht unter dem Körper der Maus heraus baumelte. Aufgesperrt und ängstlich wirkten ihre stecknadelgrossen schwarzen Augen. Ich nahm ein Haushaltspapier und zog es irgendwie unter dem Mäusekörper hindurch. Dann warf ich Papier und Maus in eine kleine Kartonschachtel, ehe ich das Ganze neben der Terrasse in den Rasen kippte. Der Schnee war mittlerweile komplett verschwunden.

Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass das Mäuschen so schnell wie möglich die Flucht ergreift. Das war aber nicht so. Als ich eine halbe Stunde später auf die Terrasse trat, war die Maus immer noch da. Tatsächlich konnte ich beobachten, wie sie ein paar Schritte ging und ihren Körper dann gegen eine Vertiefung in der Erde presste, wieder und wieder. Handelte es sich bei der Maus etwa um eine Wühlmaus? Wegen ihrer Grösse war ich eher von einer Zwergmaus ausgegangen.

Zwei Stunden später hatte der Eisregen das Fell der Maus völlig verklumpt. Dazwischen sah ich die weisse Haut schimmern, unbehaart und ungeschützt. Immer noch bohrte die Maus ihren Körper gegen die Erde und zwar kopfsvoran. Mir fiel ein Sprichwort ein: Mit dem Kopf durch die Wand wollen. Gleichzeitig war ich aufgelöst. In meinen Augen hatte nicht der Regen, sondern eine böswilligere Katastrophe die Maus völlig zugerichtet.
Diesmal unterlegte ich den Boden der Schachtel mit Moos, Löwenzahn und Käse. Dabei kam ich mir etwas lächerlich vor. Dann barg ich die Maus erneut, stellte die Kiste neben die Heizung ins Bad und legte mich zurück ins Bett.
Aber sicher alle zehn Minuten huschte ich ins Bad, um zu sehen, ob sich am Aussehen und Verhalten der Maus etwas verändert hat. Einmal sah ich, wie sie sich mit den Händen mehrmals über das Gesicht strich. Diese Geste hat etwas so Menschliches gehabt, dass ich überrascht aufschrie. Ich griff in die Kiste und hielt der Maus das kleine Stück Käse in greifbare Nähe. Zwei überdimensioniert grosse Hände mit langen, gekrümmten Fingern umfingen ihn und hielten ihn wie eine Trophäe. Das Stück Käse war so gross, dass man das Köpfchen der Maus dahinter nicht mehr sah. Wieder überschwemmte mich eine Freude, die so schnell aufstieg und verschwand wie eine Sternschnuppe. Die Maus würde vielleicht überleben. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich lehnte die Badezimmertür leicht an. Mit einem Blick auf den Handywecker neben mir auf dem Bettkissen sah ich, dass es bereits Mitternacht war. Ich wusste nicht, wann und wie die Zeit vergangen war. Ein funktionierender Körper gleitet durch die Zeit wie ein Skifahrer, ein sehr kranker hüpft von Insel zu Insel und kann selbst dann noch das Ticken der Uhr hören. Normalerweise gleitet meine Zeit uferlos und still dahin, doch manchmal steht sie auch wirklich still, auf jeden Fall, beinahe. Als Pinson mich verliess, war dies der Fall. Oder als wir Neunzehnneunundachtzig an der Costa de Sol gegen die Flut anschwammen, meine Schwester und ich; ich mit bleiernen Armen.

Eine Weile dachte ich an die goldene Kuckucksuhr im Schlafzimmer meiner Grosseltern, vor dreissig Jahren. Kaum sassen wir im gepolsterten Blumensofa, hörten wir auch schon das alles durchdringende Geräusch des zirpenden Zeigers. In höchster Geschwindigkeit umrundete er das altmodische Zifferblatt, während mein Vater innert fünf Minuten einnickte, das Plappern der Grossmutter unermüdlich vor sich hinplätscherte. Die Fahrt zu meinen Grosseltern dauerte  fast drei Stunden, und immer, wenn wir dort ankamen, fühlte ich mich hundemüde. Stundenlang starrte ich auf den Zeiger der goldenen Kuckucksuhr, der so brechend laut und gleichmässig federte, dass ich ihn am liebsten aus der Uhr reissen wollte. Doch gleichzeitig überkam mich eine seltsame innere Erregung, wenn ich an mein Leben ausserhalb der grossmütterlichen Stube dachte:

Wie würde dieses Leben noch werden? Ein grosser Teil, wenn nicht fast der grösste Teil davon, lag noch vor mir!  Wo würde ich am nächsten Samstagabend tanzen? Mit welchem Lachen im Gesicht? Welchen Menschen würde ich zufällig hallo sagen? Und: würde dieses Leben eines Tages auch wirklich beginnen? Die Gedanken an meine Zukunft sorgten dafür, dass ich im Sofa bei meinen Grosseltern niemals einschlief, sondern ein unglaubliches Prickeln, eine starke, nie empfundene Vorfreude fühlte.

Ein Geräusch holte mich zurück in die Gegenwart. Ich dachte an die Maus hinter meiner Wand. Ich war mir nicht sicher, ob sie sich bewegt hatte, aber durch das Geräusch kam es mir plötzlich vor, als teilte ich mit der Maus ein wenig Bewusstsein. So wie man mit seinem Wohnpartner ein Stück Brot oder einen Gedanken teilt. Auf einmal dachte ich, dass die Maus und ich vielleicht heimliche Kombattantinnen waren, Verbündete. Unsere Situationen waren sich sicherlich nicht unähnlich.

Aber dann hatte ich mich doch wieder getäuscht. Gegen Drei Uhr morgens wirkte das Tier sonderbar apathisch. Viele Minuten lang kauerte ich vor der Schachtel und wartete vergeblich darauf, dass es sich wieder putzte. Seit Mogli die Maus vor mich hingelegt hatte, befand ich mich in einer aufgekratzten, ängstlichen Stimmung. Obwohl meine inneren Monologe selten abbrechen, hatte ich offenbar fast ununterbrochen auf die Maus eingeredet.

„Meine kleine liebe Sun-Queen-Dattel, da bist du, ja? Du magst etwas Käse, ja? Nimm ruhig von diesem Wasser im Untersatz, komm! Nein, ich will dich nicht zwingen, weißt du! Ich weiss nur nicht, was ich mit dir anfangen soll! Was möchtest du denn?“ Ich streckte den Finger aus und fuhr der Maus kurz über das Fell. „Jetzt habe ich dich gestreichelt, und nichts ist mir passiert! Obschon ich diese Phobie habe, immer hatte; Mäusephobie nennt sich das! Angst, Angst, weißt du! Wovor? Na, vor deinen langen gekrümmten Füsschen, deinem insektenhaften Blick. Aber warum rührt mich dann dein Anblick? Du kommst mir sogar so vor, als müsste man dich beschützen. Verzeih mir, dass ich nichts, aber auch gar nichts von Tierpsychologie verstehe! Aber iss doch auch was! Komm, du musst dich nicht verstecken, nicht vor mir! Ja, ich bin nur ein falscher Jäger, ein untätiger Bär und Riese der Gattung Hominiden dem das Herz in die Hose gefallen ist. Ich stecke hier auch fest in einer vertieften Mulde, musst du wissen! Ich kann hier auch nicht weg … bin ja erst gerade hier her zurückgekehrt. Noch im letzten Sommer lag ich in Pinsons Paradiesgarten flach ausgestreckt unter dem uralten Baum. Das wäre was für dich gewesen, meine kleine Sun-Queen-Dattel!

Habe durch die geflochtenen Ritzen des Sonnenhuts das Sonnenlicht in mich eingetrunken. Wohnte in diesem Sonnenhut wie in einer kleinen Feuerhöhle. Sternenförmiger Lichtregen tropfte an den Umrissen des Baums herab, der mir mit seiner Üppigkeit Schatten spendete. Ein Myriaden-Fuss aus verwachsenen Würzen. Die Arme schwer beladen, junge und alte Triebe ineinander verkeilt wie Tintenfische. Von Moos umgarnt der breitgefächerte Stamm. Und in der Mitte ein Efeuherz, in dem unzählige Vögel ihren hellsten, zwitschernden Ton ausbrüteten. Pinsons Ton, verstehst du! Pinsons Gräser, Pinsons Gümper, Pinsons Sonne … die meinen Zellkern erreichte!

Ich will nicht sagen, dass die Sonne hier anders scheint, dass die Bäume, hier … neinein … Ich meine, es war ja nicht gerade Sommer, als ich hier wieder angekrochen kam. Auf allen Vieren beinahe, in der Tasche nach einem von sechs neuen Schlüsseln wühlte, ihn an den Screen hielt neben der Eingangstür, schwarz glasiert. Zum zweiten Eingang hoppelte. Nach einem zweiten Schlüssel wühlte und diesen an den Screen hielt. Watschelte durch einen langen schwarz betonieren Gang. Rollbahnen für die Gehmobile, seitlich mit Lichtbändern geziert. Studio Nummer Zwölf, wieder eine Türe. Und während ich nach einem Schlüssel wühlte, fielen mir alle sechs Schlüssel aus der Hand, aber folgende Schlüsselszene, oh, meine kleine Sun-Queen-Dattel, ging mir einfach nicht aus dem Kopf:

„Du gibst mir also meinen Schlüssel zurück? Was willst du mir damit sagen?“ – „Nur damit du nicht angst hast, ich könnte unerwünscht zur Tür herein kommen!“ – „Aber ich WILL nicht, dass du mir den Schlüssel zurückgibst, Pinson! Hör auf, dein Herz vor mir zu hüten! Liebe muss reden! A: oder b: sich wieder wortlos nehmen! Warum willst du zwischen uns dieses künstliche Schloss? Hast du nicht gesagt, meine Türe ist immer offen für dich?!“ Schlüsselszene geschlossen.

Dabei habe ich es ihm doch gleich gesagt, gleich am Anfang: „Pinson, hör’ mir zu! Versuche nicht, mich zu heilen, auch nicht in deiner Hoffnung; ich werde immer so krank sein. Ich bin playing-dead. Aber in den Momenten, in denen du mich berührst, leide ich nicht. Und ist das nicht etwas, sag!?“ Ob ihn mein Anblick dann doch zum Teufel jagte? Was meinst du? Dieser Anblick einer Horizontale mit einer Untoten mittendrin. Der Hinterkopf auf dem Kissen, das Kinn durchgestreckt. (Man könnte einen Winkel darunter legen.) Pinson stand vielleicht am unteren Leistenrand und schüttelte über mir die Decken aus. Dann legte er sie über mich; die erste, die zweite. (Manchmal die dritte!). Und noch während er das tat, versuchte ich ihn mit den Augen auf mich herab zu ziehen, ihn einzuschleusen in eine zauberhafte, versponnerere Welt …

Ich musste für ihn scheinen, musste ihn einfach einfangen in meinem Netz, damit ich keine Untote werde für ihn! Kannst du das verstehen?! Glaube, Liebe, Hoffnung; diese Drei, sind es. Durch diese leben wir, bewegen uns wir. Aber ich war ja Liebe, ohne Glaube, war Liebe ohne Hoffnung, war Liebe ohne Tod, wenn ich mit Pinson war! Und wenn ich nicht mit Pinson war, so war ich nicht. Dann war ich die Untote! So funktioniere ich, playing-dead. So habe ich mit Pinson Liebe gemacht! Und bin dabei doch jedes Mal ein wenig gestorben! Weil jedes Mal, wenn du aktiv bist, es dich ein klein wenig tötet, playing-dead. Immer ein bisschen mehr. Bis du es nicht mehr schaffst, dich zu einer weiteren kleinen Bewegung zu überlisten, playing-dead. Das kleine, schwarze Vogerl sitzt immer auf deiner Schulter, weißt du. Das kleine, schwarze Vogerl, das jetzt auf einmal lose ist, auf unzähligen Schultern landet, beinahe grassiert: auch da draussen. Ist es etwa zweifach übergesprungen auf ihn, meinen kleinen, tapferen Lieutnant? Diese zarte, versponnene Mimose! Habe seine raue, weiss aufgeschürfte Haut so gerne gestreichelt! Aber ich musste immer höflich fragen, ob ich auch darf, weißt du. Nähe ist eine komplizierte, eine gewaltige Sache, nicht nur für die Playing-Deads, auch für die Bordis, haha! Und vielleicht sogar für die, die bis an die Hautgrenze fühlen, und nicht weiter. Spüren, wo der eigene Organismus aufhört und anfängt der Andere zu sein. Oder anders, wie ich; nicht genug haben können vom Andern, nicht genug nah in ihn rein können, wie damals, in den ersten Jahren; als ich immer zurück in den roten Mutterbauch wollte, weil ich ihn noch an mir hatte, für eine lange Zeit.

Schau Mäuschen: zuerst wollte ich zurück in den Mutterbauch, dann in den Bauch eines Pinsons. Schliesslich in den Bauch Moglis. Und dann noch einmal; oje: Rückfall; zurück in den Bauch eines Pinsons! Als könnte ich wieder nicht mehr, irgendwie so: nackt, so frei leben … als wollte ich meinen Körper endgültig hergeben im Tausch für einen grösseren Schutz, eine zuverlässigere, angenehmere Geborgenheit. Ich meine, ich frage dich jetzt etwas Kompliziertes, dich, Dattel, in dieser Schachtel: ist es nicht komisch, wenn dein kleiner Pinson deine Nähe genau in dem Moment nicht mehr erträgt, in dem eine neue, unartikulierbare Angst den globalen Körper aufbricht? Als hätte etwas inwendig in den Menschen schon geschlummert, gegärt?! Ihre Schutzhülle ganz langsam ausgedünnt, eine allgemeine Immunität schleichend reduziert!?

Zumindest mein kleiner Pinson, meine Liebe, war auf einmal komplett allergisch gegen mich! Schrieb mir in einer Whatsapp, wie viele Meter ich mich ihm noch nähern darf. Wie viele seinem Hund. So ging ich dann, in meinem schwarzen Poppins-Rock an der Autobahn entlang, wo sie mit der Lärmschutzwand begonnen hatten, anfangs Herbst, ausgerechnet. Und musste immer auf der Hut sein; dass ich rechtzeitig davonlaufe und mich verstecke, wenn er kommt. Es war die Strecke, die er mit dem Hund ging und die auch wir zu zweit mit dem Hund gegangen waren. Was, wenn der Hund mich entdeckte? Oh Schreck! Er würde auf mich zuzulaufen, mein Gesicht mit üppigen Zungenschlägen abschlecken, so, als gäbe es nicht plötzlich diese verdammte Wand, das Rattern der Bohrer anstelle unserer zärtlichen Gesten und Gespräche. Aufgespitztes Schweigen, mir aufgedrängt! Ich hab mich umgedreht, bin davon gerannt und versteckte mich im Wald.

Ob ich geglaubt habe, ich könne den Kontinent für die Liebe so spät, so krank, doch noch einmal überqueren? Wie Emma, Anna oder Adele, die Liebenden, die so real geliebt haben, so echt, weil entstanden in Büchern und Filmen!? Oder gerade darum?! Ob ich geglaubt habe, dass ich nicht ertrinke, im Ozean dazwischen? Der Ozean, der die Kontinente verbindet, aber auch die Wasser unterteilt, in die Gefühle und die Umstände.

Diese Umstände. Haben mich vielleicht verwandelt von einer lächelnden Penelope, die Gestrüpp bindet wie Blumen, zu einer Tyrannin der Liebe? Zu einer Rechnungsstellerin, die über den Wärmegrad des Lieutnants Buch führt, wie über die Wahl seiner Worte, die Sauberkeit seiner Gesten? Und dabei dem Geliebten nicht explizit genug dafür dankt, dass er über der Kranken die Decken glättet, sondern appelliert an seinen Liebesehrgeiz?! Irgendwie so. Er nannte mich also eine Egoistin, Dattel! Ein Pinson, der deine Seeleniris ins kalte Wasser stösst, weil er sie (seine Seele?) halt doch am liebsten zwischen das Kissen deiner Brüste bettet. Mit geschlossenen Augen. So stampfte ich dann durch mein Ideal der Liebe verdorben aus der oberen Wohnung, Flüche gegen Natur ausstossend wie Napoleon, beleidigt, wie als Kind, als Mutter mich vom Schoss putzte, weil ich in die Schule musste. Und er, Pinson, schloss wieder hinter mir die Tür. Diesmal zwei-, nein- sogar zweieinhalb mal. Ich hörte, wie das Metall im Schloss anschlug. Dachte an das Glashaus ohne Wände, in dem ich leben will, ohne Geheimnisse. Machte kehrt. Und lauschte einer fremden Stimme.

Schlüsselszene: „Pinson, ich liebe dich! Pinson, Liebe muss reden! Entweder in einem Satz! Oder sich nehmen! Das ist eine Geste! Pinson, öffne mir dein Herz! Pinson, ich habe keinen Streit mit dir, aber du, du hast einen Streit mit mir! In dir! Du erträgst mich nicht mehr, weil ich immer im Bett liege?“ Zittern, furchtbares Zittern. „Ist es das? Weil ich playing-dead bin, nicht wahr? Weil meine Liebe zu dir das hoffnungslose Bild, das ich abgebe, nicht übertreffen kann?“ – „Dass du playing-dead bist macht mir nichts aus. Was ich nicht ertrage, ist dein Borderline!“ – „Mein … was?!“ Aber er war ja selber einer …

Ja, was hast du dir denn gedacht! Menschen tun sich nun mal mit Menschen zusammen, immer unter einer Voraussetzung: um gemeinsam zu hoffen! Nicht, um einander zu zeigen, wie stark sie sein können im Gegenteil! Verzweifeln, pessimistisch sein, die Not zur Tugend erheben, weil die reale Situation keine Zuversicht zulässt. Sagen wir, dass sich die Umstände morgen ändern; sagen wir: wir können wieder hüpfen; dies nach zwanzig Jahren; wird aus uns Mäusen, die wir den Pessimismus gelernt haben, um besser zu überleben, ohne Hoffnung auf eine Änderung der Umstände, auf einmal ein fröhlicher Hüpfer?
Ich bin dann heimgekehrt, zurück nach Ghost City, Ort der Vergespensteten und derjenigen, die es noch werden wollen, verstehst du! Ort, der hageren, aber soliden Bäume. War physisch runtergewirtschaftet, wie mich zeitlebens ja doch nur durch ein Lieutnant Pinson dermassen runterwirtschaften konnte. Bezeichnenderweise. Nicht mehr sicher, ob ich es schaffe, mich noch selber zu pflegen, wurde mir eine Spitex zugesprochen, die ich dann kein einziges Mal empfing. Mich weigerte, bis es wieder selber ging, das Haarewaschen. Dann, während der Weihnachtstage, wühlte ich mich tief in die Laken, doch fand ich in meinem Bett keine geborgene Stelle. Sah keine Menschenseele, auch nicht an Neujahr. Wollte mich nur vergraben, doch fand keinen Ort zum Warmhaben, genau wie du heute. Das einzige Licht, das etwas Wärme abstrahlte hinter der schwarz verschleierten Fensterscheibe, war der Bildschirm meines Computers. Mehrmals bin ich aufs Netz und googelte ein paar Hufeisennasen, von denen es anfänglich hiess, sie seien für die Probleme, da draussen, verantwortlich. Ich kannte dieses Wort nicht einmal: Hufeisennasen. Aber ein bisschen gespenstisch sind sie schon. Erinnerst du dich, wie ich durch den rabenschwarzen Fledermaustunnel des freiburgischen Papilloramas rannte, vor Jahren, zusammen mit meiner kleinen Nichte Lillie? Wie wir kreischten, weil uns diese Tiere einbeinig über den Köpfen hingen? Sie waren uns fremd und unheimlich, so, wie du mir, meine kleine Sun-Queen-Dattel! Mäuse wie du! Nur beflügelt, hihi! Aber dann, als sie wieder diese Särge einblendeten auf allen News-Seiten gleichzeitig, jede Nacht, und ich hier immer noch immer keine Menschenseele gesichtet hatte, in diesem schwarz polierten, barrierefreien Haus, fragte ich mich dann doch, was das soll. Wird in dieser Welt, da draussen, vielleicht gestorben? Oder ist das vielleicht nur eine gut eingespielte Putzaktion? Es kam mir vor, als wollten sie mir mit diesem makabren Blockbuster-Spektakel etwas zeigen. Aber gleichzeitig nahmen sie die Bilder auch wieder zurück, löschten die Spuren, wenn ich versuchte, ihnen auf die Schliche zu kommen. Ich meine, Mausi, was kann ich vom Spalt meiner Heiligen Jungfrau aus, da draussen, schon sehen?

Die dreiteilige Fensterscheibe von Studio Nummer Zwölf zeigt die kleine Terrasse mit dem Liegestuhl, auf dem ich mich so gerne sonne, ein paar Pflanzen sowie die Wiese mit den Schafen auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Gut, manchmal sausen auch Scooter, Kleinmobile und andere ergonomische Wunder an Beinersatz daran vorbei. Mit einem langgezogenen Sssss, wie schwimmende Schiffe, mintblaue Segel voran. Das Haus ist rollstuhlgängig, angeschlossen an das Wohnheim für Körperbehinderte. Anwohnergebiet, mit Betax Taxi, Easy Cab oder Rotkreuz erreichbar. Eine Dusche ohne Leiste, dafür Lift und Bodenheizung.

Warum haben mir diese Sicherheiten eigentlich nie etwas bedeutet? Wollte oder konnte ich denn immer nur im Pullisack eines Pinson überleben, generell?! Diese soliden Sicherheiten, die es neben dem Märchen und Fluch Pinson auf der Welt auch noch gibt? Dass ich jetzt wieder ein solides Dach über dem Kopf habe, wie gesagt, die Möglichkeit, Essen im Heim zu beziehen und Türen, die sich per Batch öffnen. Da staunst du, was!? Hier, in Ghost City haben sie nun Etwas gemein: diese kleine, zittrige Restportion Autonomie, an der sie hängen, da draussen. Alle sterblich, wir hier, alle handikapé! Und darum verlegt an den Rand der Stadt! Beamtenstadt! Solider grüner Backstein, Strassen in gutem Zustand. Bezirk des verlorenen Eros’. Ort, stolzer Beziehungslosigkeit, fast gar. Wo man zurück kehrt, wenn man Beziehungsdenken nicht gelernt hat. Nur Liebe. Und wenn der Hunger nach dieser Liebe zu einer leichten oder schwereren Form von Autismus führte! Oder halt zum Bordi! Diese Symbolik des ambivalenten Pendels, das fein ist wie ein Mensch, aber, wenn alles falsch läuft, ausschlägt, drein haut wie ein Menschentier! Guck dir nur die Pinsons auf der Welt an, die Pinsons in der Historie! Pinson I, II, III, V, Pinson Soundso und Pinson der ↁ (Tausendste)!

Das geht so von Grosspinson über Mittelpinson, bis hin zu Kleinpinson; immer gibt es da eine Raumforderung im Aussen, die weg strebt vom eigenen, privaten Körper. Und fällt er, der Körper, fällt er, Pinson, zurück auf seinen privaten Körper, dann gibt es da nur noch die private Scham oder die Ämter.

Alters- und Hinterlassenenversicherung, Rentenanstalt sowie Einwohneramt. Was das alles heisst auf Mäusedeutsch? Das kann ich dir unmöglich heute noch sagen. Aber was wir an sicheren, an haltbaren Personendaten noch haben, von mir, amtlich: Stürmchen, nach wie vor keine Änderung, Zivilstand: ledig. Geschlecht: ich bin meine Biologie, (sorry, Butler). Konfession: eigentlich Abbild agnostischer Gottesfürchtigkeit. Ach ja, bei Geburt Zweikiloeinhundert. Und als Folge: kein Gefühl für die Hautgrenze. Keine Immunisierung! Zu früh und zu komisch geboren. Bordi-Teen. Inwendiger Sturm an zuviel Fragen. Nicht Ritzen oder Schneiden, oh nein, Verzweifeln am zu Abstrakten, am zu Fernen, bis es weh tut: Fragen, Hinterfragen. Nur das Paradies wollen! Und doch noch nicht nach Aussen gedrungen. Äusserlich: ein bisschen Glitter. Glatt. Und dann mutiert als junges Fräulein zum Gänschen, der fatalen Frau. Die zusammen mit den Lieutnants Pinsons dieser Welt über ihre Schwächen und Schrullen halt lacht. Hab gewusst, Mäuschen, hellsichtig, wie ich war: etwas anderes als so ein gemeinsames Schmunzeln unter die Gürtellinie kann es für mich nie geben! Also nehme ich es als Kompliment. Früh genug ist die Frau alt, krank, hässlich und dick. Fünfundvierzig und keinen gemeinsamen Joke mehr wert! Keine Lüge mehr.

Weil, schau; ich will es kurz machen: zuerst bin ich es nur alle achtundzwanzig Tage für vierzehn Tage. Was bin ich? Naja: alte Geschichte; KÖPRPERLICH krank! (Körperlich krank, gross geschrieben!) Und sie sagen: das ist bloss ein funktioneller Prozess. Dann bin ich es alle achtundzwanzig Tage für zweiundzwanzig Tage. Was bin ich, KÖRPERLICH krank! (Körperlich krank: gross geschrieben!) Und sie sagen: das ist nur ein funktioneller Prozess. Dann bin ich es alle achtundzwanzig Tage für achtundzwanzig Tage. Was bin ich? Ja, aber hallo! Neinein, es geht nicht um meine Tage. Ich bin Frozen! Im State des Hibernate! Und sie sagen- Aber nein, sie sagen nichts mehr! Sie haben sich abgewandt! Haben noch meine Daten und halten sie unter Verschluss, solange sie ihre eigenen Probleme aufschieben! Solange sie ihre eigenen Probleme unter Verschluss halten, solange werden auch meine Probleme bestehen. Haben sie da draussen denn nicht irgendwie die Zeit angehalten? Und: versuchen sie nicht, ein ernsthaftes Problem in einem Erreger zu stunden? Wie sie es nennen: Lockdown! Sie, die auch in ihrem eigenen Käfig von Kopf bis Fuss, von den Kapillaren bis in die Fingerspitzen hinaus noch funktionieren! Fliessen! Fast tönt dieser Begriff aus ihrem Mund für mich wie … Gotteslästerung …! Kannst du das verstehen? Als hätten sie mir und all den andern physiologisch Eingefrorenen diesen Begriff gestohlen! Siebzehn Millionen etwa, Playing-Deads, deren Radius auf ein Bett geschrumpft ist, lebenslänglich, davon, shit, zirka achtzig Prozent Frauen. Shit, weil: fast lockt es mich, wieder damit zu beginnen. Womit? Na, mit dem Bordi-Sein! Dem Schwarzweiss-Denken und dem Vereinfachen! Hätte ich denn nicht einen triftigen Grund, den Teil der Mäuseheit zu verachten, den ich lange so idealisierte?! Vergötterte! Den ich sogar imitierte, als fatale Frau?! Schau mir also bitte gut auf die Finger, meine kleine Sun-Queen-Dattel! Stoppe mich, wenn ich nicht mehr differenziere! Es besteht die Gefahr, dass ich komplexe Sachlagen hinunter breche auf eine Mischung aus Primitivsatz und Kinderwahrheit. Ich könnte dann Götter in blosse Sprücheklopfer verwandeln, emsige Weisskittel in blasierte Besserwisser, verantwortungsvolle Weltkarten-Pinsons in F.61.31-Arschlöcher und eben insgesamt alles in Allem meine Umgebung in die Farben Schwarz und Weiss! Aber das darf ich nicht! Ich darf nie wieder primärprimitiv denken! Wenn ich alles auf Schwarzweiss herunter breche, wieder dieser Versuchung erliege; dann werde ich wieder Bordi sein, werde nur wieder an einer Symbolik kranken! Warum aber sollte ich denn krank sein an einer Metapher, die mir nicht weh tut? Warum mein Gutachten auf einer Störung aufbauen, an der ich nicht mal leide?

Ich hielt inne. Was hört eine Maus, wenn sie eine Menschenstimme vernimmt? Kakophonie? Ein Dröhnen? Wenn sie Schmerzen litt, dann stresste sie eine menschliche Stimme womöglich. Die Apathie der Maus konnte ein Zeichen dafür sein. Ich redete und redete auf die kleine Maus ein, ohne Unterbruch. Dabei musste ich sie endlich in Ruhe lassen. Will nicht auch ich in Ruhe gelassen werden, wenn der Schwächeschmerz so gross ist, dass er keine Gefühle und Gedanken mehr zulässt? Ich denke an die Stunden, in denen die physische Bedrängnis so gross ist, dass ich auf der Stelle verschwunden sein will. In denen mir das, was mein Schicksal ist, nämlich: unsichtbar zu sein, auf einmal genehm ist. Als wäre dieses Hinabfallen in den Brunnen des Nimmerwiedersehens kein physiologischer oder genetischer Zufall, sondern eine logische Folge. Es gibt vielleicht eine Stelle im Leben, wo man es nicht mehr schafft, mit sich selbst Fühlung aufzunehmen, ich meine, wenn man physisch so schwach ist. Man will sich verstecken und verkriechen und findet doch keinen Schutz vor den niederschwelligsten Reizen: Geräusch, Berührung, ein Gefühl, ein Geruch. Vielleicht war da mal ein Zuviel an immunologischer Abwehr, mit der man in den ersten Jahren des Lebens dagegen hielt, eine Hautbarriere, die einem Schutz nach Aussen suggerierte. Zellen, die das Abspiel der Organfunktionen gewährleisteten und so die tägliche Homöostase ermöglichten; das Gefühl von Identität. Was denkst du, Maus, wer du bist; in diesen Stunden der Agonie?
Zuerst bist du vielleicht nur einmal in dieser Situation. Dann ein zweites und drittes Mal. Schliesslich häufen sich diese Stunden, und du realisierst: die Biografie ist ein Faden, den du verlieren kannst, lange bevor deine körperlichen Funktionen ihre Arbeit einstellen. Als ich dies begriff, habe ich mich bei den Engelhändlern gemeldet und mit dem Berater ein Gespräch geführt, das wieder so komisch war, so absurd. Der Berater hat gleich zu Beginn gesagt:

‚„Aber bauen Sie Ihr Gutachten um Himmelswillen bloss

nicht auf falschen Tatsachen auf! Warum sollten Sie es mit einem Syndrom versuchen, für welches es weit und breit keinerlei offizielle Anerkennung gibt?! Sie leiden doch an einer rechtlich anerkannten Störung!?“ – „Meine Borderlinestörung!?“ Oh, diese Hitze, die sich bereits in diesem Moment zwischen meinem Ohr und dem Nokia Lumia ausbreitete! „Ja, die gibt es. Aber an dieser Störung leide ich nicht.“ Der am anderen Ende des Apparats triumphierte. „Na, sehen Sie! Dann ist ja alles ganz einfach! Diese Schiene müssen Sie dann fahren! Es ist völlig unwichtig, was Ihre Beschwerden tatsächlich verursacht. Was zählt, ist allein die offizielle Störung, für die Sie Ihre Rente kriegen!“ – „Meine Rente? Die kriege ich nicht für mein Leiden, auf alle Fälle nicht für das Leiden, das mich behindert …“ – „Nicht? Ja, wofür kriegen Sie sie dann?! Ausschlaggebend ist allein die objektive Störung und nicht das Beschwerdebild, unter dem Sie subjektiv leiden!“ – „Subjektiv?!“ Ich fühlte mich jetzt wieder wie die rigorose altjüngferliche Rottenmeier, hässlich genug, um zumindest etwas böse wirken. „Natürlich leide ich subjektiv…!“, rief die Rottenmeier aus. „Wie sollte ich denn objektiv leiden?! Haben Sie schon mal gehört, dass ein Kranker objektiv leidet?! Aber wer das Leiden dann objektivieren muss, das wäre dann der Mediziner!“ Vielleicht sprach auch der junge, dynamische Herr Oberst durch mich hindurch, das kleine flinke Pinsonlein, Hannes Stürmchen. Durch mich, das ebenfalls kleine, zu zarte, kaum lebensfähige Mäuschen. (Was sagst du? Dieses Mäuschen hat fünfundvierzig Jahre gelebt?! Warum also setzt es jetzt seine Schwäche ein, um dieses letzte Spiel zu gewinnen? Hat es alle vorherigen Spiele verloren, warum sollte es dann dieses gewinnen, ausgerechnet?! Natürlich, Mäuschen, du hättest Recht, angenommen, dies wäre deine Überlegung. Ich, ohne meinen Körper; das ist nur der Schein einer Rottenmeier, der Abglanz einer pinson’schen Wut, ja, sogar nur die Light-Version eines Bordis!) Ich sagte also zum Beamten der Sterbefirma: „Offenbar machen Sie keinen Unterschied zwischen einer objektiven Störung und dem subjektiven Leiden. Sollten Sie aber. Dann könnten Sie nachvollziehen, dass ich dieses Gutachten wegen den  Lebenseinschränkungen anstrebe, die sich mir durch die physischen Einschränkungen aufzwingen sowie um einer gewissen Absicherung wegen, falls der Tag kommt, an dem ich mich nicht mehr im Bett umdrehen kann. Nicht wegen einer psychiatrischen Störung, die man mir von weit Aussen fahrlässig aufbrummte. Eine Störung, die zudem nur eine Metapher oder Ausrede ist für … für….“ Der Beamte wäffelte ebenso: „Ich kann Ihnen nur sagen, dass Sie mit dem Vorgebrachten bei uns keine Chance haben. Da müssen Sie schon an die Charité reisen und sich dort eine offizielle Diagnose ausstellen lassen.“ Ich konterte: „Die zuständige Abteilung der Charité behandelt nur noch Leute aus ihrem eigenen Bundesland.“ – „Da sehen Sie!“ Der am anderen Draht triumphierte wieder. „Die Umstände vereinfachen doch nur die Ausgangslage!“ – „Wollen Sie damit etwa behaupten …“, donnerte ich … „wollen Sie etwa behaupten, dass ein Betroffener mit meiner Krankheit von Ihrem Angebot keinen Gebrauch machen kann aufgrund der Krankheit, an der er tatsächlich leidet, wenn er die falsche Nationalität hat?! Dies im Land, in dem Sie Ihren Sitz haben, was zufälligerweise … zufälligerweise …“ Immer, wenn ich in Rage komme, tendiere ich zu Schachtelsätzen,  … ,„mein  vr… vr … d … es Vater… Vter … land ist?!“ Ich fühlte, wie mein Körper unter meiner Wut davon schwamm. Das Telefonat würde einen saftigen neuroimmunen Crash nach sich ziehen. Die vorgebrachte Ausganglage kam mir mal wieder so falsch vor, so fake, dass ich einen Moment lang dachte: vielleicht doch besser, ich tue es selbst. Ja, ich muss es selbst tun, fertig, Punkt, Schluss.

Aber dann habe ich doch wieder gedacht, dass man das in diesem Fall nicht tun darf, weil wir Playing-Deads ja dazu gezwungen sind, effektiv, es zu tun. Ihre Verweigerung, da draussen, uns medizinisch zu helfen, zielt ja gerade darauf ab, dass wir diese Konsequenz zumindest erwägen. Und darum darf man es nicht tun!

Unbeweglich kauerte die Maus in ihrer Ecke. Sie machte keine Anstalten mehr, sich zu rühren. Nachdem ich vielleicht etwa eine Stunde auf sie eingeredet hatte, stand ich auf und ging in die Küche. Es war nun unbedingt an der Zeit, das Griess aufzuwärmen und meine Henkersmahlzeit zu verdrücken. Stattdessen knabberte ich lediglich eine halbe Banane und dachte eine Weile über dieses geniale Nahrungsmittel nach, das mir schon so viele Jahre über die Runden geholfen hat. Sollte ich der Maus etwa ein wenig von der Banane geben? Aber nein!

Gegen Morgen habe ich die Idee gehabt, mich auf einem Tierfreund-Forum einzuloggen. Ich bin gleich zur Sache gekommen: „Mein Kater hat gestern Nachmittag eine Maus heimgebracht. Soll ich die Maus der Katze zum Spielen hin schmeissen und sie töten lassen?“, fragte ich.  „Ich meine natürlich die Katze von der Maus, ähh …. sorry, ich bin etwas übermüdet, die Maus von der Katze? Ich kann aber leider nicht versichern, dass ich die Katze dazu bringe, dass sie die Maus auch wirklich tötet! Ich muss schon sagen, das Verhalten meiner Katze ist mehr als bizarr, sie zeigt gar kein Interesse mehr am Mausen …“ Innert fünf Minuten erhielt ich mehrere aufgebrachte Kommentare, fast alle von Frauen. Wie ich es wagen könne, ein Tier so viele Stunden leiden zu lassen?! Die Maus gehöre dringend in ärztliche Behandlung, brauche Infusionen gegen Sepsis, brauche Medizin, mit anderen Worten: ich sollte sofort mit ihr zu einem Tierarzt gehen. „Hast du denn kein Herz?“, schrieb jemand, ein Satz, der mich ziemlich beeindruckte. (vielleicht, weil ich die Antwort darauf nicht weiss.) Es war klar, dass ich auf dem Tierforum nicht weiterkam, also meldete ich mich stattdessen auf Gutefrage.net. an. Dort stellte ich fest, dass mein Problem nicht unbekannt war, es gab sogar unzählig viele Tipps dazu. Ein User, der besonders viel Kenntnis auf dem Gebiet Katz/Maus zu haben schien, schrieb: „Wenn die Maus bereits in den Fängen der Katze gewesen ist, „bleibt eigentlich nur noch eins: du musst die Maus mit einem Schlag auf den Hinterkopf töten.“ – „Das kann ich nicht!“, erwiderte das digitale Gegenüber. Worauf der Kenner/die Kennerin meinte, die Maus zu töten sei der einzige humane Weg. „Wenn du dir eine Katze anschaffst, dann musst du damit rechnen, dass sie sich hin und wieder wie ein Raubtier verhält. Dieser Jagdtrieb gehört nun mal zum Tier dazu. Erträgst du dies nicht, verkennst du die Natur. Und du solltest dir kein Haustier anschaffen.“
Schliesslich wählte ich die Nummer einer Tiernotzentrale. „Soll ich mit der verletzten Maus zum Tierarzt, ja oder nein?“ fragte ich, überrascht, dass um diese Zeit, es war etwa halb Sechs, jemand an den Apparat ging. Nein, das sei ganz ausgeschlossen, sagte die Person am Apparat. Der Tierarzt mache keine medizinische Behandlung an Wildtieren. Dies sei gesetzlich verboten. Handle es sich beim verletzten Tier um ein grösseres Tier wie ein Reh, sei der Wildhüter oder die Feuerwehr dafür verantwortlich. Diese könnten das Tier dann im Notfall auch erlegen. Kleinere Tiere wie Igel oder Vögel könne man auf die Auffangstation für verletzte und verwaiste Tiere bringen. „Aber Mäuse?“ Meine Stimme zitterte leicht. „Nein, mit Wildmäusen macht man so etwas nicht! Stellen Sie sich das mal vor! All die wilden Feldmäuse, die man da zu verarzten hätte!!! “ – „Verstehe. Mäuse haben nicht den Status eines Vogels … einer Schwalbe oder eines Buntspechts … sie sind im Prinzip … Ungeziefer?!“ – „Richtig!“, sagte die Stimme am Apparat erleichtert. „Zudem, überlegen Sie, wüsste man gar nicht, wie man die Maus medizinisch versorgen soll. Einmal angefallen, überlebt eine Maus ihre Verletzungen in ihrer angestammten freien Wildbahn oder sie stirbt eben. Eine Alternative gibt es nicht. Abgesehen davon ist es verboten ein Wildtier zu halten. Die Maus wird bei Ihnen nicht länger als zwei Tage überleben.“ – „Verstehe. Dann soll ich die Maus raus bringen und also … frei lassen?“ – „Richtig.“

Ich lief mit dem  Zuber über die Strasse, kletterte über den Zaun und warf den Zuber in einem Anflug von Irrsinn in die Luft. Dicke Schneeflocken rieselten jetzt wieder am Himmel durcheinander. Ja, war es denn möglich?! Die Maus kauerte angeklebt in der Ecke des Zubers, der unbeschadet auf dem Erdboden gelandet war.

Ich griff nach dem Haushaltspapier, das ich dem Zuber unterlegt hatte und hob das kleine Mäusegewicht ins Gras. Obwohl ich die Maus nicht berührte, schauderte es mich. Es kam es mir vor, als spürte ich das wenige Leben der Maus, ihre Wärme, ihr Elend wie ein Abdruck auf meiner Epidermis. Tränen liefen mir plötzlich übers Gesicht. Ich war so dämlich durchlässig und musste dringend etwas essen. Langsam schlenderte Mogli auf uns zu und betrachtete sein Spielzeug mit gelangweilter Ambivalenz. Würde er das Mäuschen töten oder sich mit ihm zu Tode vergnügen, ich wollte nichts mehr damit zu tun haben. Was sollte ich ihr nochmals versuchen, ein Nest zu bauen!? Eben hatte man mir von der Tiernotzentrale erklärt, eine Maus, einmal angegriffen von der Katze, gehöre der Katze! Oder aber dem Schicksal! Sicher nicht dem Menschen! Für diesen ist die Maus nur ein Ungeziefer, ein Räuber auf dem Feld, ein Verursacher von Pandemien und vielleicht noch ein Übername für einen fleissigen, aber grauen Menschen.

„Eine graue Maus. Das bedeutet unter uns Menschen, wenn eine Person unscheinbar ist, weißt du.“ Fing ich stotternd wieder an. „Wenig vorlaut, die nirgendwo auffällt, sich duckt. Dann gibt es noch die Maus als Kosenamen für eine liebe, aber leicht beschränkte Frau. Auch ich wurde vom einen oder andern Pinson mit diesem Kosenamen beehrt. Und dann, Liebes: die vielen Versuchsmäuse! Denke! Millionen davon, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Von ihnen wird angenommen, dass sie nur grau fühlen, weil sie in den Augen der Menschen alle gleich aussehen, auch von Aussen; grau. Ich meine, ja: wer weiss schon, was so eine Maus in ihrem Innern fühlt! Also ich weiss es nicht. Ich glaube, in deine stecknadelgrossen Augen Furcht zu sehen. Aber wer sagt mir, ob das nicht meine eigene Furcht ist, die ich da auf dich übertrage? Wir sind beide in einer ähnlichen Lage. Obwohl ich vielleicht diesen künstlichen Schutz habe, als Wilde in einer geschützten Wildnis, geht es doch uns beiden an den Kragen!

Sicher, sie sagen, dass sie sich um die Schwachen sorgen, ja, gerade in dieser speziellen Situation, da draussen. Sie sagen: zum Schutz der Schwächsten, deswegen haben sie die Grenzen ihres sozialen Käfigs nun so eng gezogen. Glaubst du das denn, Sun-Queen? Weil ich, ich habe eine Frage an dich, Kleines! Eine Frage, die kannst du mir vielleicht noch beantworten, ehe dich Mogli ins Nirvana befördert:  Angenommen wir haben da einen Baum. Er ist aussergewöhnlich alt und üppig. Er beherbergt Vögel und andere Kleintiere wie Mäuse, Eichhörnchen und sogar Marder. Doch trägt er auch eine kleine faule Stelle an sich, die eventuell wachsen könnte; muss man nun alle üppigen, langlebigen Bäume zurückschneiden wegen der Gefahr, die von dieser einen faulen Stelle ausgeht? Was meinst du? Sind die gesunden Arme eines solchen Baums nicht stark genug, um die kranken Arme zu tragen? Die kranken Arme könnten in den gesunden Armen verschlungen sein, wie umgekehrt, die gesunden Arme ihre Perspektive und Position den kranken Armen verdanken, die sie flankieren. Ich meine, die gesunden Arme sind in der Überzahl, sie brauchen sich nicht zu fürchten vor den kranken und schwachen Armen, sie brauchen sie nicht zu bekämpfen. Oder sehe ich da etwas falsch?

Weil im November sind sie gekommen und haben den Baum bis auf sein Skelett zurück geschnitten, fast. Ich bin dann raus und auf den riesigen Berg an Ästen und Kleinholz gestiegen, die den mächtigen, kahlen Stamm umgaben wie ein Kranz. Ich sammelte möglichst viele Äste ein, von denen mir einige in den Händen zerbröselten. Andere waren stämmig, mit Moos bewachsen, überzogen mit Flechten und Misteln. Tannzäpfchen hingen in einigen drin wie Trauben, jeglichen Alters: hellbraune, noch frisch und verschlossen, überwinterte und mehrjährige, spröd wie dunkelbraunes Laub. Solche mit einer grünen und weissen Schicht überzogen, Faule und Verpuppte. Ich habe mit den Ästen die Möbel in meiner Wohnung belegt, in der ich jetzt eine Fremde war, seit Pinson mich weghaben wollte. Ich musste da raus, aus dieser Wohnung, dies nur nebenbei, doch wusste ich nicht wie, denn ich bin ja immobil. Und als Immobile gelangt man nicht so einfach von A nach B.

Mein A befand sich zum Beispiel im Schlafzimmer und mein B im Wohnzimmer. Und so bin ich nachts und in den frühen Morgenstunden mit den Decken über den Schultern vom Schlafzimmer A in die entferntere Stube B und wieder zurück. Die Oropax tief im Gehörgang, eine Gefangene in meinem eigenen Haus. Das kein Leben mehr gehabt hat, ohne seine  leichtsinnige, immer brüchige, rätselhafte und kindlich verspielte Hinwendung zu mir. Dass kein Leben mehr gehabt hat durch diese Zurückweisung, ohne seine Anrufung und wie er meinen Namen gerufen hat, den es zu diesem Zeitpunkt ja schon seit vielen Jahren nicht mehr gab, da draussen; hell, verwundert, schnoddrig, knabenhaft: „ Jeanne!“ – „Pinson! Komm an meine Decken heran! So nahe du kannst! Und lass mich dich anschauen und trinken, was ich Bezauberndes sehe: Samtlippen, die aufeinanderliegen wie die geschwungenen Blumen und fülligsten Kissen, Augen moosdunkel, Wangen voller Bogen und dieses weisse, kleine Stück Haut, winterlich, aus der Schneeglöckchen spriessen mit der frühlingshaften Feuchtigkeit. Was für ein Genuss, dich anzuschauen! Doch wären da nur nicht diese dämlichen Buchstaben! Diese dummen, ergründenden Diskussionen, die er abwehren und hassen muss, währen ich auch diese liebe, ich auch vom Reden, Ergründen, Disputieren nicht genug haben kann! Und so die Mimose sich schloss. Blödsinn! Es gibt da ein Missverständnis: ich bin kein Haarspalter der Worte, nicht dort, wo ich reden kann mit Augen, Lippen, Händen, Gesten! Liebe redet Magie. Das hab ich wirklich geglaubt! Vor dem Reden noch! Das war mein Glaubenssystem! Liebe machen, nicht Beziehungsdenken! Liebe machen und Liebe reden! Reden, um sich näher zu kommen, noch näher, nicht um zu reden! Reden nur ein Mittel zu Zweck: um noch besser zu lieben! Aber herrgottnochmal, wer kommt schon gegen eine solche Lärmschutzwand an?! Wer versteht schon das unbegreifliche Abstraktum, das deine einfachen Mittel mehr und mehr bricht? Das Aufspitzen des Betons war jetzt so stark, dass ich die Erschütterungen in den Zwischenräumen meines entkräfteten Solarplexus spürte. Aber noch mehr erschütterte mich jetzt die nackte Todesangst. Pinsons Abkehr, obschon er physisch so nah war! So nah, dass ich ihn noch an meinem Körper, in meinen Zellen spüren konnte. Diese kaputten, winzigen Smarties, die jetzt schrien, weil sie wie Schnittwunden ausliefen. Mein Freund: so nah und doch nicht mehr erreichbar! Nun hab ich mir auf einmal gewünscht, die Hausmauern unseres Sozialbaus wären aus Zement! Stattdessen kam es mir vor, als hätte der Block überhaupt keine Wände mehr! Mit meinen Decken in der Wohnung auf und ab gehend, hörte ich das Klatschen der gläsernen Eingangstüre. Das Kommen und Gehen der Schritte, als passierten sie meinen inwendigen Körper, der im Sturm offen stand. Auf einmal fing ich an zu lauschen und ergründen: welches ist Pinsons Schritt? Und welches … der ihrige!? Oh Gott, Sun-Queen, Schritte passierten zu Zweit, zu Dritt meine mit Wachs abgedichteten Ohren, aber ich konnte die Schritte nicht zuordnen. Ich machte ein Durcheinander daraus. Und dass ich Pinsons Fuss nicht erkannte, schien mir wie ein Zeichen dafür, dass ich Pinson nicht mehr kenne. Ihn vielleicht nie gekannt hatte!

Ja, habe ich ihn denn jemals gekannt? Hab ihn doch nur um den Hals gegriffen und auf das zerbrechlich quietschende Kinderbett herab gezogen, damals, im Elternhaus. Als mich meine alten Eltern wieder aufpäppeln mussten, wie so oft, daheim im Kinderzimmer. Ich war krank, Influenza Zweitausendsiebzehn. Aber eigentlich war ich ja gar nicht wegen der Influenza krank, sondern wegen der Naturgewalt, die das Erlebnis Pinson in meinem vor Schwelgen übergeschnappten Körper anrichtete. Warst du einmal verliebt, Maus? Hat dich das Gefühl einmal an den physischen Rand gebracht? Immer, ja, schon bevor ich in den Hypometabolismus verfiel, habe ich davon eine Existenzfrage abgeleitet, habe die Schwere gefühlt, als ginge es dabei um Leben und Tod und nicht um die Schönste Sache auf Erden: Kann er damit umgehen, dass er mich jetzt, am Anfang unserer Begegnung noch krank macht? Wird er bei mir bleiben und meine Liebe erwidern, solange, bis mich das naturgewaltige Ereignis des Verliebtseins nicht mehr krank macht, sondern … gesund? Haha! Meine Sun-Queen! Glaube, Liebe, Hoffnung, diese Drei … und ich, die Hochstaplerin des Todes, die ich einmal etwas vom Leben ganz sicher haben wollte: mit ihm, Pinson, aus diesem Chaos hervorgehen! Mit Pinson gemeinsam leben, Pinson behalten! Aber da habe ich nicht mit den Gefühlen meines Gegenübers gerechnet, und dass die Magie für den einen sterben kann an den Umständen, während der andere an ihnen (den Umständen) wachsen will, gemeinsam. Fazit: Gibt es also nur die Magie in  …  der endlosen Weite der ungestümen und unbeständigsten Natur? Ach, Maus! Pinson, der Wortarme, schickte mir täglich kleine symbolische Zeichnungen. Er ging mit mir über die dreimonatige Phase des Kotzens hinaus, haarscharf. Ich spürte, wie auch er kämpfte mit sich selbst, wie er an mir und an sich selbst zweifelte. War ich endlich dort, bei ihm im Paradiesgarten angelangt; wich er zurück.

Ja, dachte ich denn, ich könnte den Kontinent so krank noch einmal überqueren, wie Emma, Anna oder Adèle?! Achtzehnhundertfünfzig, zur Zeit der Postkutsche und des Schiffs folgte Adèle Hugo ihrem Lieutnant Pinson von Guersney, einer Insel zwischen England und Frankreich nach Halifax, Kanada. Lieutnant Pinson war mit dem Segen der Garnison gut verheiratet, aber weil ihm eine junge Frau hartnäckig nachstellte; Adèle, wurde er kurzerhand aus seiner Garnison entfernt und auf Barbados versetzt. Stelle dir das einmal vor: eine alleinstehende Frau, zufälligerweise die Tochter des berühmten französischen Dichters, stellt einem uniformierten Offizier hartnäckig nach. Sie belästigt ihn mit nichts als ihrer Liebe! In Männerkleidern sucht sie ihn auf Bällen auf, klettert über Hausfassaden, um ihn in noblen Hinterzimmern mit leichten Frauen zu ertappen. Sie ist wütend und verzweifelt, glaubt, sie könne den Geliebten zur Liebe zwingen. Zwar hat Pinson ihr kurz den Hof gemacht. Ja, aber was bedeutet das? Er steckt sich  seinen Säbel also zurück in die Rocktasche und wird von seinem Chef ins Büro gerufen. Er reist ab. Wegen seines geschädigten Rufs durch diese verrückte „Frau, da“! Weil der Ruf eines Offiziers, ja, die Moral eines ganzen Batallions gefährdet ist durch die Liebe einer Freien, Adèle! Oh, mein Mäuschen! Welche Verhältnismässigkeit, nicht?! Aber die Geschichte hat was! Lieutnant Pinson ist also auf Barbados versetzt, um seine Immunität gegen so etwas Wuchtiges und Vulnerables wiederherzustellen wie die Liebe einer Frau, stell dir das mal vor, meine kleine Sun-Queen-Dattel! Hach. Diese hat bereits einen Kontinent aus Sand und Meer überquert. Ist es da also so erstaunlich, dass sie ihm ein zweitesmal folgt, nur, um in seiner Nähe zu sein, fern ab der Gespenster des unbeseelten Daseins!? Bald leidet sie an nervösen Störungen, ihre Mähne verfilzt zusehends. Sie lässt sich gehen. Wandelt umher in einem schwarzen Kleid mit einem zerrissenen Schleier. Den sie meterlang durch die staubigen Strassen von Barbados hinter sich her zieht. Hörst du das Geräusch, das dieser Schleier auf der staubigen Strasse verursacht? Man kann es heute noch hören … Da endlich wird Adèle von Pinson entdeckt. Und Pinson, der innerlich erzittert, will sie stellen. Doch weicht er im letzten Moment zurück! Adèle schaut durch ihn hindurch, als wäre er durchsichtig, sie erkennt ihn nicht! Was ist da passiert? Victor Hugo, wer sonst, natürlich, schreibt das Ende dieser tragischen Geschichte. Er hat die Adresse seiner Tochter endlich ausfindig gemacht, lässt sie nach Guersney heimbringen und in eine Anstalt bringen. Wo sie nun die restlichen fünfzig Jahre lebt, unsichtbar und abgeschirmt von der Welt. Zur Strafe für ein disziplinarisches Vergehen, das sie zusammen mit Emma, Anna, Beth und wie sie alle heissen, begangen hat. Preis für eine Pinson-Vergötterung, an der, wer-weiss-woher-sie-stammt, auch fünfzig, ja, sogar hundert Jahre später Frauen noch zum Opfer fallen: Meine Grossmutter! Meine Mutter! Ich, Jeanne Stürmchen, offiziell, sogar! Haha, zwei Meter seinem Hund und keinen Meter näher. Bleibt mir nun keine Wahl, kann mich nicht vergraben, kein Pinsonkörper zum Verschlüpfen mehr da. Aus, vorbei, Schluss.

Die Mutter besitzt das Vermögen, dem Kind eine unauslöschliche Erfahrung von Reichtum einzuprägen.’“ Zitierte ich kläglich. „Sie hat ihre Eier zuerst in ein Nest gelegt, aber dann das Nest in ihr Inneres geholt. Stell dir vor! Der Mutterleib ist der sicherste aller Orte! Warum nur ist es ihnen bloss nicht gelungen, da draussen, diesen Ort in die Fremde zu übertragen? Ist eure Welt, die Mäusewelt eine wohlige, sag? Über zehn Stunden dauert dein Überlebenskampf jetzt schon an! Wie lange soll das bloss noch so weiter gehen? Weil ich …“ Ich bückte mich,  … kann dir wirklich nicht helfen, dich nicht töten … sowenig wie ich meinen Körper töten kann. Nicht wegen meinem Körper, ach woher! Nein: wegen mir! Verstehst du! Sich selbst tötet man nur ein—-

Mensch, Mogli, hast du immer noch nicht zugeschlagen?!“ Ich sah, wie Mogli seine Pfote leicht anhob und damit den Körper der Maus vorsichtig betippte. „Einfach nur lächerlich! Bist du etwa kein richtiger Kater? Hab ich dich etwa zu einer solchen Memme erzogen oder wer war das?! Mit einer Maus spielen und sie dann nicht töten! Willst dir wohl nicht die Pfoten schmutzig machen, was?! Schaust lieber weg! Sehr elegant, wirklich, fast schon wie ein Doktor Maus, ich muss es sagen! Kommt also alle drei Monate einmal vorbei, der Herr, schaut mich kaum an und urteilt von Aussen: er hält mich für zu vital! Er hält mich für frei! Ja, es ist wahr, es gibt eine Freiheit die man nicht wählen kann. Das ist der Raum, in dem ich lebte und noch lebe, schlüssellos und furchtlos, immer bedroht, direkt von Innen. Doch Zeugen dafür habe ich keinen! Drum schau: wer mir begegnet, der kann mir nur glauben. Hat er mir geglaubt, so kann er dem schwarzen Vogerl begegnen. Und ist er mit dem schwarzen Vogerl begegnet, dann kann er mit mir leben! Aber freiwillig will dies keiner; ich meine, leben mit jemandem, der schwer krank ist, der untot lebt. Und schon gar nicht, wenn da draussen auf einmal noch ein zusätzliches Vogerl rumgeistert. So ein einzelnes schwarzes Vogerl allein auf der Schulter kann ein Mensch, so ein Lieutnant Pinson, zum Beispiel, vielleicht noch gerade stemmen, für kurze Zeit. Aber ein zweites, ein drittes?“

Die Schneeflocken waren auf einmal so gross wie kleine Untertassen! Sie landeten auf dem Rücken der Maus, deckten ihren Körper allmählich zu. „Wenn Mogli jetzt nicht eingreift, werden die Schneeflocken dich einschneien! Wäre das nicht ein schönes und sanftes Grab, Sun-Qeen?“, sagte ich bibbernd.

„Du musst es dir nur vorstellen: Da lag ich also und wartete auf zwei Dinge: meine Abreise und ihrer beiden Schritte, hielt den Schlüssel in meiner Hand und träumte davon, wie der Schnee mich und meine Wohnung langsam zuschneit. Komm, hau ab Mogli! Du bist hier nur im Weg, bist zu spät, hau ab! Und nun fühlst du, wie der Schnee langsam steigt und sich an die Mauern deines Hauses schmiegt. Wie er die Luken, Ritzen und Löcher deines brüchigen Nestes auffüllt mit Stille. Einem Frieden! Fühlst du es? Dass du weder Hitze leidest noch Kälte fühlst? Du bist zugeschneit. Aber das ist nicht schlimm, gell? Denn alles ist friedlich. Der Schnee macht warm. Er nimmt deinem Körper die Wände und schenkt ihm den Schlaf. Es gibt keine Lärmschutzwand mehr.“

Da wo die Maus gewesen war, war nur noch eine kleine, weisse Erhöhung. Ich wagte nicht, nachzusehen, ob sie tot war. Ihr Geist, ihre Augen waren überall. Der ganze, von Schneegestöber verstopfte Himmel war voll davon. Wo ich hinblickte, in welches Wolkenloch: ich sah und fühlte nur Maus, Maus, Maus!

Zudem war  ich jetzt so fertig und kaputt wie nach einem Marathon. Eins stand fest: ich musste mir jetzt dringend eine Portion Griess kochen. Und dieses Griess anschliessend auch essen.

Noch während ich den dampfenden Teller neben mir auf die Nachtischkommode stellte, versuchte ich nicht an meine Aufgabe zu denken. Stattdessen rückte ich soweit auf die andere Seite des Bettes, wie ich nur konnte. Und schaute aus dem Fenster.

Als Kind habe ich von der Stube aus oft stundenlang dem Schneetreiben hinter den grossen Fenstern zugeschaut. Manchmal waren es so viele Flocken, dass ich mit Schauen gar nicht nachkam. Mein Ziel war es, jede einzelne Flocke mit dem Auge zu greifen, keine einzige Flocke sollte mir entwischen. Irgendwann wirbelten meine Augen durcheinander wie die Flocken selbst und ich sah nur noch in Frau Holles Flausenmeer. „Aber woher kommen die Schneeflocken denn?“, fragte ich meine Mutter einmal, als es stark schneite. „Na, aus der Wolke.“ Rief meine Mutter aus der Küche. „Und warum hat die Wolke so viele Flocken?“ – „Das ist der Kreislauf der steigenden Feuchtigkeit in der Atmosphäre.“ – „Atmosphäre? Ist das eine Wolke?!“ Meine Mutter war beschäftigt, doch ich doppelte nach. „Wie lange muss die Wolke Schneeflocken ausschütteln, Mama, bis sie selbst runter kommt? Wenn sie keine Flocken mehr hat, dann ist doch auch die Wolke nicht mehr, oder? Maaaamaaaaa!“ – „Das ist eben der Kreislauf der steigenden und sinkenden Feuchtigkeit in der Atmosphäre! Frage Papi, wenn du Genaueres wissen willst.“ – „Bei Papi komme ich nie draus. Und dann wird er wütend. Also Mama! Schau mal zum Fenster raus! Wenn es so weiter schneit kommt die Atmosfähre sicher bald runter, meinst du nicht?“ – „Ich denke nicht.“ – „Ich hoffe nur, das tut dann nicht weh, wenn so was runter kommt. Weißt du das?“ – „Nein. Aber frag doch deinen Onkel. Golo hat eine andere Erklärung für diese Dinge als Hannes. Er erklärt sie nicht wie ein Spezialist oder Lehrer. Nicht rational. Vielleicht verstehst du das besser.“ – „Du meinst, dass Onkel Golo nicht dasselbe weiss wie mein Vater?“ Meine Stimme wurde misstrauisch. „Er hat einen anderen Ansatz …“ – „Dann hat Golo sicher nicht Recht … Und beide Recht haben, das geht nicht. Mama, was heisst rational?“ – „Es bedeutet, dass eine Antwort oder Handlung mit der Vernunft gesteuert wird.“ – „Tust du darum so wenig Zucker in den Kuchen, weil du den Kuchen mit Vernunft steuerst?“ Usw. (So konnte ich Fragen stellen ohne Ende.)

Zu meinem siebten Geburtstag schickte mir Golo dann prompt ein kleines Bilderbuch. Der Titel dieses Buches hiess: „Danke Gott, für das Wasser!“ Und der Inhalt des Buches ging etwa so: ein Bub trank ein Glas Wasser und sagte: „Danke für das Wasser, mein Glas Wasser! Und das Glas mit dem süssen Sprudel drin, Sprudel und Bub beides neben dem Text bebildert, zum Bub: „Du musst nicht mir danken! Es kommt nicht von mir. Danke dem Regen für das Wasser!“ Der weissblonde Bub sprang durch den Regen, legte die Handflächen nach oben und rief: „Danke für das Wasser, lieber Regen! Dank dir habe ich zu trinken! Und das nicht zu knapp!“ Und der Regen sagte: „Du musst nicht mir danken, Bub. Es ist nett, dass du mir danke sagst. Aber danke dem Himmel für das Wasser!“ Der Bub blickte in den Himmel, der ebenso blau leuchtete wie der Ozean sowie seine Augen, und der Bub sagte: „Danke für den Regen, dir, dem blauen Himmel, dass ich ein Glas Wasser trinken kann! Der Regen hat es mir gesagt! Danke tausendmal!“ – „Du musst nicht mir danken. Das Wasser kommt nicht von mir. Danke Gott für das Wasser!“

Dieses Büchlein übte eine starke Anziehungskraft auf mich aus. Ich habe es sicher fünfzig Mal gelesen, blieb dabei aber immer bei der Schlussstelle stecken. „Jetzt hat der Junge dem Regen für das Wasser gedankt, dem Himmel für den Regen, Gott für den Himmel, den Regen und das Wasser. Mama! Und wem soll er nun für Gott danken?!“ – „Ach, stelle deine Fragen doch direkt dem Onkel. Er hat dir ja das Büchlein geschenkt! Hast du ihm überhaupt dafür danke gesagt?“
Tatsächlich ging es eine Weile, bis Golo uns mal wieder besuchte. Da er immer gerne mit mir und meiner Schwester gespielt hat, zog ich ihn in mein Zimmer und fingerte das Bilderbuch unter meinem Kopfkissen hervor. „Du Golo, danke für das Buch“, fing ich an, „ich bin gut draus gekommen und weiss jetzt, dass das Wasser nicht aus dem Regen kommt. Darum muss ich auch nicht dem Regen für das Wasser danken. Überhaupt muss ich Gott für das Wasser danken. Aber bei wem muss ich mich dann für Gott bedanken? Bei dir, Golo?“ Golo lachte etwas verlegen, wurde aber sogleich wieder ernst. „Gott ist der Schöpfer von Allem und es gibt nichts Grösseres als ihn! Er kann durch sich selbst existieren. Daher bedanke dich bei Gott dafür, dass es ihn gibt, für alles, was er dir gibt. Und stelle keine weiteren Fragen!“ Ich hütete mich davor, weitere Fragen zu stellen, zumindest nicht Golo. Aber als ich meinem Vater davon erzählte, sagte dieser, Golo sei ein Dummkopf, es gäbe auf alles eine rationale Antwort. Ich nickte stumm, nahm all meinen Mut zusammen und murmelte: „Ja, ich weiss nicht … Sein Buch gefällt mir zwar, aber wer hat es gesteuert und wie?“
Mogli kratzte an die Fensterscheibe. Ich schaffte es nicht, aufzustehen und ihn herein zulassen. Allmählich fühlte ich, dass sich die Maus nicht mehr in meiner Wohnung aufhielt, dass ihr Wesen mich nicht mehr vollständig umgab. Die Zeit wurde wieder langsam und schleppend.

Seltsam, dass ich fünfundvierzig Jahre gelebt habe, ohne, dass die Zeit je aufgehört hat, zu sein. Immer habe ich es geglaubt, sie würde es tun, aber dann war es doch nie der Fall. Zum Beispiel damals an der Costa del Sol war es unser Überlebenswille gewesen, der die Zeit am Stillstehen hinderte. Die Flut hatte mich und meine Schwester überrascht, das Ufer mit unseren beiden nichtsahnenden Eltern schmolz zu einem winzigen Punkt. In dem Moment, in dem wir uns unserer Lage bewusst waren, gefroren mir meine Arme und Glieder. Ich schwamm, ja, doch, ich kämpfte gegen die Zeit, aber wie in Zeitlupe. Statt auf die Todesgefahr mit Flucht zu reagieren, war ich gelähmt. Erst, als meine Schwester hundert Meter vor mir Boden unter den Füssen hatte und ich sah, wie sie ihren Arm nach mir ausstreckte, löste sich mein Krampf und die Zeit setzte wieder ein. Dann gab es aber auch diese Zeit der Leere, in der sich der Uhrzeiger verlangsamte. Viele, viele Stunden davon. In all den Stunden, in den kein Pinson zum Lieben da war. (und das waren doch fast alle Stunden meines Lebens.) Wenn ich wieder Gerstenkörner aus meinen Augen operieren lassen musste. Und immer in den letzten Minuten vor Mittag oder über den Mittag, während des Chorsingens, wenn ich vor Hunger und Erschöpfung nicht mehr stehen konnte, geschweige denn singen, zum Beispiel. Vielleicht war ich damals, gegen Ende der Hauptschulzeit, schon krank. Wer weiss, vielleicht hatte ein viraler Erreger oder eine genetische Vorbedingung die Krankheit schon ausgelöst. Sie schlummerte bereits in mir. Und ich hielt sie fälschlicherweise für eine unbestimmte Angst, vielleicht. Das schwarze Vogerl sass auf meiner Schulter und trieb mich hinauf ins obere Stockwerk ins Elternschlafzimmer, Nacht für Nacht, da war ich schon ein Teen. Nächtelang hing ich dort am sperrangelweit geöffneten Fenster, presste mich am warmen Radiator herum, wie an einem Bug. Wie viele Jahre? Ich sah dieses schwarze Vogerl! Konnte es nicht formulieren! Die Nacht verging nicht, meine Eltern, zwei schwarze Schatten, schnarchten in ihren Betten wie über einer toten Stunde, die niemals verging. Irgendwann hob einer der beiden doch noch seufzend die Decke und ich legte mich in die Mitte, den Spalt zwischen ihren zwei Matratzen. Manchmal hatte Lydia Nachtschicht, und ihr Bett blieb bis Morgen leer. Oft, wenn sie aus dem Spital zurückkam, erzählte sie beim Frühstück von den Kranken, die sich an Leberwurst vergiftet hatten, innert Wochen aufs Skelett abgemagert waren, ganz gelb wurden im Gesicht. Mutter erzählte lauter solche Anekdoten, völlig unbeteiligt, doch mir brannte sich jede einzelne dieser Anekdoten mit einem Grauen ein. Ich spürte, ich lebte in einem physischen Schein, in einer Art Vakuum aus brüchiger Normalität. Doch dahinter klaffte ein Abgrund, den ich nicht sehen oder greifen konnte. Aber weil niemand mit mir darüber sprach, spülte es mich unwillkürlich auf diesen Abgrund zu, näher und näher. Es gab kein Entkommen, weil niemand sich mit mir auseinandersetzte. Ich fiel in den Abgrund hinein, weil sie gleichgültig waren, mir, aber vielleicht auch sich selbst gegenüber. Sie alle. Mieden das Prekäre, das Schwache und Randständige. Mich zog es an.

Eine Zeitlang wollte ich unbedingt wissen, wie es sich anfühlt, gelähmte Beine zu haben, und ich erschuf mir einen lahmen Freund. Ich setzte ihn in den Leiterwagen in der Garage, liess die Beine über den Rand hinab baumeln und stellte mir vor, ich selbst sei mein lahmer Freund, aber gleichzeitig auch mich. Als mich zog ich meinen lahmen Freund herum und stellte ihn auf die Beine, wenn ich dies wollte. Es war ein Genuss, ihn in einen Gelähmten zu verwandeln und dann wieder in einen Gehenden: „So, nun warst du genug krank! Komm geh! Jetzt zeig du mir die Welt!“ Es gab auch eine Zeit, da habe ich mir aus Klarsichtmappen lauter Zahnspangen gemacht sowie lauter Brillen aus Draht. Da war ich etwa Sieben oder Acht. Die Vorstellung, blind zu sein oder aber die Macht zu besitzen, jemandem mit einer physischen Schwäche auszustatten, ihn wieder davon zu befreien, faszinierte mich.

Dies habe ich Doktor Maus offenbar einmal erzählt, und dabei habe ich nicht daran gedacht, was für Schlüsse Doktor Maus daraus zieht: Affinität zum Kranksein. Späterer sekundärer Krankheitsgewinn. Krankheit, die ich für mein Curriculum Absurdum benötige! Ja, glaubt er denn, glaubt diese graue Maus, dass ich die Themen für mein Curriculum Absurdum denn frei gewählt habe?! Idiot, ehrlich!

Die Begegnung mit Doktor Maus liegt jetzt zwanzig Stunden zurück. Mir aber kommt es vor, als wären seither mehrere Wochen vergangen.

Als ich Doktor Maus kennengelernt habe, hier in Ghost City, fühlte ich mich erleichtert. Er ist der interne Arzt des angegliederten Heims für Körperbehinderte und macht dort wöchentliche Heimbesuche. Ich schrieb ihn an und war erfreut, dass er auch mich besucht, einmal im Monat. Er kann sich gut vorstellen, dass er meinen Antrag für die Engelhändler ausstellt, sobald er mich etwas besser kennt. Versicherte er mir bereits bei der zweiten Begegnung. Er hat Schmerzpatienten ohne Hoffnung bei den Engelhändlern untergebracht, mit Erfolg. Ich frohlockte: endlich ein Arzt, der kein Stein in der Brust hat, sondern ein Herz! Und nun das! Ich kann es noch fast nicht glauben! Eine brüske Umkehr? Oder erwischte er bloss einen schlechten Tag?!

„Darf ich jetzt die Maske abnehmen?“ – „Nein! Die Maske müssen Sie heute anbehalten! Tut mir leid!“

Ja, ich meine nur. Bitte um Entschuldigung, aber mich kann man nicht glauben lassen, der Körper sei unversehrt und geschützt, solange man ihn nur den undurchsichtigen Absichten Anderer überlässt!  Ich kenne und bestätige die Ausnahme von der Regel, ich weiss, dass die Ausnahme in einer Datenerhebung nicht erfasst wird, sondern höchstens als Kollateralschaden randvermerkt vergessen geht.

Sicher, die Lage da Draussen ist noch schlimmer, als vor einem Jahr. Sagen sie. Trotzdem haben sie die Infrastruktur, die es braucht, um die schwerst Erkrankten zu pflegen, abgebaut, im letzten Jahr, hier in Ghost City. Sie sagen, es droht der nächste Lockdown, aber der Lockdown, in dem sie sich befinden, erfasst nicht die Gesamtsituation, nicht die Ursache. Die Ursache dafür, dass die Lage so prekär ist! Ist dieses Problem bei ihnen denn vielleicht auch nur ein funktionelles Syndrom, ein psychosomatisches Leiden, das jene Pathologie unterdrückt, die sie nicht wahrhaben wollen? Genauso wie meine physiologische Erkrankung nur ein funktionelles Syndrom ist, ihrer Meinung nach, das ihre eigene Abwehr gegenüber dem Tod und den Abgrund widerspiegelt, vielleicht in mir? Ihre eigene Vermurkstheit! Ich meine, einmal ehrlich: was machen sie denn den ganzen Tag mit ihrem Körper, dem stupenden, magnetischen Heiligtum?! Gott, ich darf nicht dran denken, wie sie ihn sausen lassen und geheiligte Energie verschleudern für dieses blutige, grenzenlose Wachstum!

Also behalten Sie Ihre Maske halt an, und lassen Sie sich von Ihrer Maske unter Verschluss halten, solange bis sie das Problem, da draussen, gelöst haben! Das Problem hinter dem Problem hinter dem Problem. Das kann unter Umständen lange dauern. Vielleicht so lange, wie sie mir unterstellt haben, dass ich krank bin, weil ich krank sein will. Aber im Unterschied zu ihnen, erwuchs mein Lockdown aus dem Stillstand eines Körpers, eines echten, physischen Körpers! Und im Gegensatz zu ihnen und wie sie den Begriff nutzen, beschreibt mein Lockdown meine wahrhaftige Gefangenschaft durch den physischen Hypometabolismus!
Dass er mein Gutachten nicht schreiben kann. Hat Doktor Maus gesagt. Und ich: Warum jetzt auf einmal nicht? Vor einem Monat hat er es noch gekonnt. Doktor Maus wirkte ungehalten, schroff. Dass das ja doch ein Psychiater erstellen muss. Er nicht weiss, was er darin schreiben soll. Wenn es nur das ist … da kann ich ihm ja ein wenig nachhelfen. Habe ich gesagt und setzte mich in meinem Bett auf. Alles was er tun muss, ist, meine körperliche Unheilbarkeit in eine psychische uminterpretieren! Die Tatsachen professionell verdrehen! Ob man das so schwer versteht? Ob das so schwierig ist, haha? Die unwissenschaftliche Annahme vom Körper, der als Konfliktbühne für Unterbewusstes hinhält, ist noch lange nicht aus der Welt. Er, Doktor Maus, kann schreiben: es ist ihm schleierhaft, wie er mit einer so exazerbierten Persönlichkeit, wie sie Frau Stürmchen aufweist, überhaupt arbeiten sollen. Doktor Maus nuschelte wieder. Er weiss nicht, wie all diese Symptome einordnen. Sagte er. Ich hab verstanden. Aber er kann sie ja nur abschreiben. Von meinem Fragebogen, dem Primer von Fatigatio! Habe ich ausgerufen. Was kann er da schon falsch machen?! Man wird ja nicht mal hinterfragen, ob diese Symptome tatsächlich mit dem Primer für die Krankheit übereinstimmen. Sowas interessiert hier niemanden. Hier geht es nicht um Wissenschaft, nicht um Wahrheit. (denn Wissenschaft ist nach Luhmann Wahrheit) Hier geht es um Stümperei, verstanden? Ja und? Hat Doktor Maus gesagt. Was: „Ja und?“ Habe ich ungeduldig ausgerufen. Und auf einmal kam ich in Rage. „Gottverdammt! Ich bin austherapiert!“, rief ich und sprang (also fast und natürlich nicht ohne grässliche Ohnmacht) vom Bett auf. „Schreiben Sie: die Patientin kann aufgrund ihrer Immobilität keine therapeutischen Termine ausser Haus mehr wahrnehmen. Sie hat unzählige Therapien von Gesprächstherapie über CBT bis zu Graded Exercise Therapy gemacht, die nichts an ihrer hartnäckigen Anpassungsstörung verändern konnten. Auch das Weltbild der reiferen Patientin entspricht ganz der Borderline Persönlichkeitsstörung vom Typ emotionale Instabilität: krankhafter Selbstbezug, Impulsivität, kindliche Abhängigkeit und primitives Schwarz-Weiss-Denken. Sie können schreiben: Obschon sie zwischenzeitlich in der Selbstreflektion eine gewisse Verbesserung erzielte, ist die Patientin seit einigen Jahren wieder in ihr altes primär-primitives Denkmuster des Schwarzweiss zurückgefallen und fühlt sich, trotz all der Hilfestellungen, die man ihr über die vielen Jahre bot, nur in ihrer narzisstisch empfundenen Kränkung bestätigt; von allen abgelehnt worden zu sein. Das könnten Sie doch schreiben, oder?“ Ich fing an, in meinem Schlafzimmer im Kreis zu gehen. Dabei blickte ich ab und zu nach Doktor Maus, der apathisch auf dem Stuhl sass und nur traurig mit den Schultern zuckte. Ich hätte ihn echt gerne geohrfeigt. „Nana! Schreiben Sie doch, dass die Patientin aufgehört hat, sämtliche Autoritäten zu respektieren und dementsprechend, gemäss ihrem vereinfachten Weltbild, für ihr eigenes schulisches, berufliches und künstlerisches Versagen einen Sündenbock sucht! Und auf dieser Suche nach einem Sündenbock ist ihr jedes Mittel Recht! Am ehesten aber heisst dieser Sündenbock Mann! Er ist es, der die zeitlebens leistungsschwache und hinfällige Frau dazu gezwungen hat, nach den kulturellen Spielregeln und Maximen eines kalten Autokraten zu tanzen. Dieser Autokrat ist ein Mann und Barbar, doch war er einmal ein Gott, der die Frau auf Händen trug und ihr alle praktischen und lösungsorientierten Probleme abnahm, damit sie sich auf ihre Lieblingsbeschäftigung, die Hingabe an ihn und das schöne Nichtstun konzentrieren konnte. So verdrehte und verdreht die Patientin noch heute die Tatsachen nach ihrem Gutdünken. Schreiben Sie! Der Plan ging jedoch schief …“ Ich ging im Kreis, hielt inne, warf einen Blick auf Maus und hielt den Finger in die Höhe: „Schief!“, rief ich zornig. „Und seither degradiert die Patientin ihren Ernährer als blossen Sprücheklopfer und gefühlsmässig verkappten Neanderthaler. Sie fühlt sich als Opfer par Excellence eines patriarchalischen Herrschaftssystems, das es bei uns nicht mehr gibt. Und hält gleichzeitig an einer überalterten Frauenrolle fest, die sich schamlos Privilegien herausnimmt. Extrawürste, sozusagen. So ist Frau Stürmchen eine hochsensible Frau, mit einem zu zarten Sensorium für diese Welt ausgestattet, die ihr hässlich und ohne Verlockungen vorkommt, genaugenommen fühlt sie sich wie eine Perle, die man vor die Säue geworfen hat, ohne die Einsicht, dass es die Säue sind, dank der die Perle Perle sein kann. Oh, leistungsverblödete, phallozentristische Welt, du hast mich verloren! Schreiben Sie: Wegen ihres niedrigen IQs und der Unfähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu verstehen, sind Menschen mit dieser Störung anfällig für krude Verschwörungen, Radikalisierungen, Pauschalurteile und jede Form von Extremismus. Dies kann einem Therapeuten die Arbeit mit den Patienten verunmöglichen und ihn soweit an den Rand bringen, dass er den Patienten aufgeben muss. Schreiben Sie:“ Ich nahm den Befehlston eines Oberst Pinson an: „Ich sehe diese Patientin, als aufgegeben. Für die Misserfolge, die sie sich selbst eingebrockt hat, gibt die Patientin fadenscheinige Gründe an. Schreiben Sie:“ Ich streckte wieder den Zeigefinger aus. „Sie kann nicht länger leben in einer Welt, in der Thanatos Eros laufend besiegt. So wälzt sie ihre Suizidalität in einer Ausrede auf Andere ab, stellt ihre körperliche Nichtlebensfähigkeit als unumstössliches Faktum, als Drama dar: So ist der Finger das einzige Glied, dass die Patienten noch aktiv bewegen kann, eine Tatsache, die so nicht stimmen kann, wenn man bedenkt, dass sie gerade jetzt, in diesem Augenblick wie Kaiser Napoleon durch ihre Schlafstube geht. Schreiben Sie: Die Übertreibung und Verkennung der Realität bezieht sich bei dieser Störung auf das Selbstbild, das Fremdbild und den Körper. Leute mit dieser Störung fühlen sich von aller Welt verarscht und spielen das verletzte Kind mit aller Überzeugungskraft, weil sie auch wirklich davon überzeugt sind, dass Andere für ihre Verletzungen zuständig sind und das Versagen nicht in ihren eigenen fehlenden Anpassungsleistungen gründet. Denn wie Sie wissen: nichts kann ein Borderliner schlechter tolerieren, als die Feststellung, dass seine Vorstellungen und Ideale die Welt einen Dreck bedeuten. Dass niemand auf seine Ideale wartet. Schreiben Sie: Wie alle Borderliner glaubt auch die alternde Patientin, sie sei auf der Welt, um geliebt zu werden. Wie ein Baby im Körper eines Erwachsenen, kann der Borderliner mit der Tatsache nicht umgehen, dass die Liebe des erwachsenen Menschen auf Kompromissen, Arbeit und Selbstaufgabe beruht. Schreiben Sie: Der Borderliner glaubt, dass man ihn in der Welt mit offenen Armen empfängt, dass man ihm diese Geste schuldet. Und als es nicht so ist, schwört er teuflische Rache. Denn wenn der Borderliner einmal erkennt, dass keiner ihn liebt, so wie er ist, befeuert ihn das nicht, sich zu bessern und seine liebenswerten Seiten mit andern Menschen zu tauschen, die hässlichen aber fallen zu lassen, sondern es stürzt sein ganzes Selbstbild. Also statt sich um diese Liebe verdient zu machen, wie jedermann, hasst und entwertet der Borderliner nun alles. Auch das, was er liebt. Und hört doch nicht auf, das entwertete Objekt zu begehren, zu beneiden. Ihm nachzueifern. Usw. Schreiben Sie: Wir alle wollen geliebt werden. Sind wir nicht alle so, was meinen Sie?“ Ich lachte auf und sah wie Doktor Maus zusammen zuckte. Der arme Doktor Maus! Ob er jemand hatte, der ihn liebte? Mit einem Begehren liebte!? Pfhhhh! „Doch der Boderliner, und das geht nun halt aus seiner Störung hervor: will es mehr! Sein Hunger nach bedingungsloser Liebe, nach Bewunderung ist unstillbar! Wenn er sich jetzt nicht ununterbrochen selbst verletzt,  indem er die verrücktesten Symptome macht, stirbt er wahrscheinlich. Ich schätze die Prognosen meiner Patientin als schlecht ein. Schreiben Sie: Obwohl der Leidensdruck sicher vorhanden ist, rechtfertigt die Situation bei weitem nicht die Zustimmung eines solchen Unterfangens. Sicher bestehen Einschränkungen, aber es sind keine Einschränkungen, die einen geistig gesunden Menschen zu einem solchen Wunsch veranlassen. Im Gegenteil, die Art, wie das Anliegen vorgebracht wird, das Insistieren und die Streitbarkeit, mit der die Patientin den Wunsch kommuniziert, muss Zweifel aufwerfen, ob es ihr wirklich um das geht, worum es hier gehen soll. Wird hier etwa unterbewusst wieder etwas Krankhaftes zum Ausdruck gebracht? Kann es sein, dass die Patientin ihr Leben gar nicht beenden will, auf jeden Fall nicht konkret? Sondern will sie nur darüber reden, ihr Leben zu beenden, wieder und wieder? Will sie es nur wieder und wieder androhen und damit unter uns für Stunk sorgen, für ein schlechtes Gewissen? Wenn dies der Fall ist, wird die Patientin damit keinen Erfolg haben, denn wir sind und bleiben rechtschaffene und fehlerlose Wohltäter! Wir durchkreuzen die billige und bequeme Idee der Patientin, sie könne so einfach und schmerzlos aus der Welt gehen. Ausgerechnet sie. Oder graut Ihnen etwa davor, solche halbwahren Märchen zu erzählen?“

Doktor Maus schlurfte benommen aus dem Raum. Sein Bedürfnis nach Ruhe und Schlaf war wohl wie bei den meisten überlasteten Hausärzten riesig. Schade, ich hatte ihn nicht mal gut unterhalten.
Und jetzt muss ich wirklich mein Griess essen, jetzt gibt’s kein Entkommen mehr! Erkaltet und zu einem festen Klumpen verformt, greife ich nach dem Teller und lege ihn mir in den Schoss. Meine Hand greift nach dem Löffel, bricht damit ein kleines Klümpchen Griess ab und führt den Löffel zum Mund. Komm, schlucke! Schlucke runter, Stürmchen! Neeein, halte den Breikloss nicht so lange in deinem Mund gefangen, bevor du ihn schluckst! Gott, ja! Ich muss ihn vorher schlucken! Sonst verschlucke ich mich noch! Gott, verdammt! Wie recht du wieder hast! (Ich muss wieder mit mir selbst reden, jetzt, wo das Mäuschen gegangen ist.) Am besten schlucke ich den Löffel Griess hinunter, bevor der Geschmack auf meinen Rezeptoren angekommen ist! Gute Idee! Wenn ich dich nicht hätte! Nehme ich also einen Löffel, normal gefüllt, oder sagen wir, ein bisschen über die Hälfte voll, führe ihn in den hinteren Gaumenraum, so, genau, dann: schlucke, Stürmchen! Das ist ein Befehl! So! Die Kehle hinab das, ohne, dass ich spüre was! Was ich da konsumiere? Aber Herrgottnochmal, ich spüre es doch! Griessbrei ist es! Meine Henkersmahlzeit! Griessbrei für eine Griessbreikrankheit! Oh, nein, nicht schon wieder! Aber ich weiss, ich weiss, es bleibt mir keine Alternative als dies: Griess runterzudrücken oder aber noch schlimmere Schwächezustände! Und schlimmere Schwächezustände heisst schlimmere Nausea! Und schlimmere Nausea heisst: Ich halte es in meinem Körper nicht mehr aus, ich finde keine Liegeposition mehr, die mich nicht schmerzt, Herr Maus! Also Stürmchen: gehorche und schlucke diesen Graus! Andere müssen auch mannigfach ihren Körper vergewaltigen, ihr Selbst kasteien! Dies ist unser christliches Erbe, blabla! Auf Befehl! Gehorche! Jeetzt! Ein Löffelchen Griess für Mama! Mich schaudert. Ein Löffelchen für Papa! Ich kann nicht. Ein Löffelchen für Lieutnant Pinson. Tränen schiessen aus meinen Augen, laufen in Bächen über meine Lippen und Wangen hinunter ins Griess. Nun gut, ein bisschen Salz, vielleicht geht es so besser. Achtung: tief Atem holen: Ich schluuuucke …

Und doch, wer weiss. Vielleicht wird es Krankheit ja einmal nicht mehr geben. Krankheit in dieser Form, die den Menschen so elendlich Preis gibt und foltert. In der Welt Elron Musks, vielleicht, auf dem neuen Mond der Gesunden und Ewigstarken, der grauen Mäuse, die zusammen mit den geschmeidig antiken Leoparden ihre guten Gene weiter verschleudern. In Jagden, wie früher Katzen Mäuse jagten. Und es noch Jäger und die Gejagten gab, die Geliebten und die Liebenden, Frau und Mann, die sich lieben, weil sie sich nicht verstehen. Andere. Auf der alten Erde.
Die Mutter bewahrt sich vielleicht ein Andenken an ihr schräg gewachsenes Kind. Dieses Bedürfnis kann man ihr nicht nehmen. Die Mütter lieben ihre Kinder hartnäckig und mit einer so bedingungslosen Treue, dass es einem schon fast ungeheuerlich vorkommt. Erkennen die Mütter, wenn die Reise ihrer Kinder von ihrer Liebe wegführt, wenn die Reise misslingt? Dass es nirgendwo ein Bild von uns gibt, ausser in ihren Bäuchen? Die Mutter trägt uns aus in einem inneren Schutzraum, hält uns ein Nest bereit, eine kurze Zeit auch ausserhalb. Wenn wir völlig schutzlos sind. Wie eine frisch geborene, gleich zerbissene Sun-Queen!

So setzt das Leben ein mit der Entdeckung der Unmöglichkeit, arm zu sein. Danke Mutter. Und doch bitte: vergiss mich dann.

Es heisst nicht: ich denke, also bin ich, sondern: Ich habe einen Körper, also denke ich. Ich habe einen Körper, also bin ich. Ich fühle, dass ich denke, dass ich bin; weil ich einen Körper habe!

Die Vergewaltigung durch das Griess hat mich müde gemacht. So müde, dass mir die Augen zu fallen. Rasch und in schneller Abfolge ziehen Bilder dahinter vorbei. Es ist einer dieser vielen Halbwachzustände, gegen die ich oft vergeblich ankämpfe und dann schweissgebadet aufwache. Komm steh auf, Stürmchen! Befehle ich mir. Du kannst hier auf alle Fälle nicht liegen bleiben. Also sehe ich mich aufstehen und schwerelos spazieren. Genaugenommen:  Ich bin am Fluss, in Pinsonland.

Hüfthoch säumt das Gras den Feldweg, über dem Wasser hängen die Hagebutten an dicken Sträuchern. Stocksteif steht der Reiher am gegenüberliegenden Ufer, wo Schwärme kleiner Fische vorbei paddeln, auf- oder abwärts im durchsichtigen Wasser. Ich schwenke ein paar Mal meinen Finger darin und lache. Ich denke: ich will immer diesen Weg gehen, immer! Dann dämmert es, die letzten Sonnenstrahlen leuchten mir die letzten Meter. Ich sehe fliegende Schwäne über die Wasseroberfläche zielen mit Flügelschlägen wie Drachen. Der Fluss spiegelt Bäume, die ineinander verschlungen sind wie Biotope, tiefer und tiefer. Dann seilt sich der Himmel ab, und im Dunkeln höre ich ein Pitsch! Ein Steinchen muss  aus der Tiefe des Wasser aufgestiegen sein. Keine Ahnung. Der Himmel ist schwarz und überzieht sich jetzt mit kleinen rot kreisenden Punkten. Die Punkte meines Leuchtpilzes, ein Geschenk meines Platonischen. Ich bin nicht mehr in Pinsonland, sondern liege im Spalt zwischen den zwei Betten meiner Eltern und will ihnen etwas Wichtiges sagen. Vielleicht über mich und sie, vielleicht über die Sterne. Etwas, das ich vielleicht noch nie angesprochen habe. Aber während ich noch nach dem Satz suche, schieben sich die Betten meiner Eltern immer weiter auseinander. Sie sind ja nur aneinandergeschoben, manchmal näher, manchmal weiter. Aber weil sie jetzt so weit auseinander stehen, und sich meine Eltern auch nicht die Hände geben, spüre ich, wie mein Körper nachgibt, und ich hinabfalle. Es ist einer dieser schwerelosen Stürze, wie man sie nur im (glimpflichen) Alptraum erlebt. Weich und schmerzlos lande ich auf dem Dach meiner ehemaligen Behausung an der Hildanusstrasse. Ich sitze auf meinem orangen Klappstuhl, kein Zweifel, und ich streichle Mogli. Ich streichle und streichle ihn, von meinen Händen hängen schon blutige Hautfetzen und Fell. Und jemand fragt: „Wie lange wollen Sie Ihren Stepp noch auf der Dachterrasse an der Kaminwand verrotten lassen?“ Neun Jahre steht er nun schon dort und löst sich allmählich aus seinem Gummi. Ich zeige dem Abwart meine Hände, und murmle: „Neun Jahre habe ich nicht geliebt. Es muss nun geschehen! Ich werde sonst innert Kürze schwer krank werden …“ Der Abwart sagt, der Treppenhauslift ist kaputt. Nur ich könne ihn flicken. Müsse mich aber sofort an die Arbeit machen, ansonsten drohe etwas Schlimmes. Zehn Jahre lang Griess essen müsse ich dann. Kaum hat er das gesagt, stecke ich auch schon im Lift fest. Links von mir liegt ein Griesstopf, rechts ein Kotzkübel. Ich weiss nicht, wie lange ich im Lift feststecke, sicher drei bis vier Jahre. Mein Platonischer kommt und bietet mir an, den Leuchtpilz zu bringen, für die Nacht. Aber ich winke ab. Es hat ja keine Steckdose. Zudem werde ich plötzlich an den Unterschenkeln aus dem Lift gezerrt. Ich erkenne das vor Wut verzerrte Gesicht meines Vaters und das gehemmte meiner Schwester. Sie schleppen mich in eine Praxis, wo man mir einen Zettel hinstreckt. Entweder ich gehe nochmals freiwillig in die Klapse oder— Ich nicke und greife nach dem Stift. Ich weiss, ich muss unterzeichnen. Doch während ich schreibe, lösen sich auf einmal weitere blutende Hautfetzen, diesmal nicht nur von meinen Händen, auch von meinem Hals. „Aber ich muss nun … muss …“ Ich weiss nicht, was dann geschehen ist, nur: dass ich einen fürchterlichen Alptraum im Alptraum träume. Ich bin in einem Stadion, das zeitgleich zu einer Anstalt gehört. Dort muss ich meine Krankheit beweisen, doch so sehr ich mich auch bemühe; ich kann es nicht. Wieder erscheinen meine Eltern und versorgen mich in ihrer Sporttasche. Die Klapse hat mich endgültig bettlägerig gemacht. Mich, ein Männchen, so mager und klein wie auf der Suppenpackung. Zuhause, daheim, tappt das Frauchen von der Suppenpackung die Treppe hinunter und legt sich zum Sterben in sein Kinderbettchen. Es kann nur noch dreissig Schritte gehen und weint bei jeder Drehung, weil der Druck der Matratze am Suppenpack-Körperchen so schmerzt. Trotzdem schlafe ich lange. Über mir kreisen die Punkte meines Leuchtpilzes, Geschenk meines Platonischen zu Zeiten des Vakuums, Zeiten der Leere. Und, auf einmal, schlängeln sich kleine Sonnenstrahlen durch die Plastikaugen des Pilzes. Und der Leuchtpilz verwandelt sich in einen Sonnenhut. Ich juble: es ist soweit! Ich bin wieder da, wo es Sommer ist, hurra! Ich bin bei Pinson, im Land der Sonne und der nobelsten Schmerzen! Liege flach ausgestreckt auf der Wiese neben dem uralten Baum und mein Körper baumelt im Sternenmeer, das sich von den Fingerkuppen Pinsons löst, glühend heiss und verschmitzt. Das Meer ist das Licht, die geheimnisvolle Energie, die zwischen uns hin und her springt, wie über eine Feuerleiter. Pinson schaukelt mich. Mich, die ich nur eine gerade Strasse gehen konnte. Pinson sagt: er wird mich immer lieben; auch wenn ich nur noch aus Kopf bestehe, mich, die ich nur die Romantik im Kopf gehabt habe! Pinson sagt: er geht mit mir, bis zum Ende. Mit mir, die ich immer nur einen Anfang und keine Mitte gehabt habe! Was für Aussichten! Jemand, der so dick aufträgt, kann es nicht ernst meinen. Aber egal. Ich schlucke es. Aber schon passiert etwas Unerwartetes: dieselben Hände, die sich so schützend und sorgsam über mich legen, reissen mir mit Gewalt den Sonnenhut vom Gesicht. Ich blicke auf einen jungen Vogel. Er ist während der Rodung des Baums aus dem Efeu gestürzt, er kann seine Flügel noch nicht einsetzen und ist ganz hilflos. Reglos, mit eingefallenen Augen und seltsam verdrehtem Flügel kauert er in zwei aufgerauten Händen und verwandelt sich da auf einmal in eine Maus. Es ist meine Sun-Queen, unverkennbar! Ein Geräusch vom Treppenhaus lässt mich erstarren. Vor Angst gepackt greife ich nach der Maus und schmeisse sie mit aller Kraft in den Liftschacht hinab. „Ich liebe dich!“, wimmere ich, doch weil der Satz etwas anderes heisst, sobald ich ihn ausgerufen habe, wiederhole ich ihn wieder und wieder. „Ich liebe dich! Ich liebe dich!“ Aber jedes Mal höre ich etwas Anderes: „Wo ist das Tischtuch?“ Oder: „Auf diesem Griessbrei liegt eine tote Fliege.“ Oder: „Bei der A1 links abbiegen!“ Ich weiss nicht mehr, was ich sage, weiss nicht mehr, was das bedeutet, was ich sage. Sprache ist auf einmal so läppisch leer und inhaltslos, ich weiss nicht, woran es liegt; an mir? Weil ich der Kommunikation zu viel zumutete? Oder an den Andern, die es weniger genau mit ihr nahmen? Wer wusste denn, was er meinte? Dieses Nichtmehrsprechenkönnen trifft mich wie ein heftiger Stoss gegen die Brust. Rücklings falle auch ich in den Liftschacht, wen wundert’s. Während ich die aufgeplatzte Maus da liegen sehe, kann ich erkennen, wie oben jemand den Lift betätigt. Da ich an meinem Schlüsselbein, an meinen Schultern, Halsmuskeln und Armen an Drähten befestigt bin, verspüre ich einen reissenden Schmerz. „Es tut weh.“ Rufe ich. „ Ich komm da nie mehr hinaus …“ – „Mit dieser Einstellung ist es wirklich am besten, wenn Sie für immer in diesem Lift bleiben!“, sagt eine Stimme, und ich sehe, wie oben am Lifteingang ein Schafskopf zu mir herab grinst. Der Schafskopf geht in einen weissen Kittel über, an dem ein schwarzes kleines Glöcklein baumelt. Laut macht es: „Bähh!“ Und während ich herauszufinden versuche, wem die Stimme gehört, erscheinen über dem Schacht weitere Schafsköpfe. Sie nicken dem Schafskopf mit dem weissen Kittel zustimmend mit ihren wollenen Köpfen zu und machen: „Bähh!“ Wieder versuche ich herauszufinden, wer hinter den Schafsköpfen steckt, die alle nur zwei Beine haben. Sie erfüllen mich mit einem Gefühl der Belustigung und Zärtlichkeit, denn ich mag Schafe gerne.  Aber gleichzeitig weiss ich ja, dass es sich nur um verkleidete Menschen handelt. Einer davon ist in ein samtiges Teddybärkostüm gekleidet, und als ich ihn erblicke, springe ich auf die Beine: „Pinson! Gib mir deine Hand! Lass mich nicht los, auch wenn du draussen bist und ich hier drinnen! Lass mich nicht stecken in diesem Lift!“ Ich versuche aufzustehen und mich mit den blutig geschürften Ellbogen an den kahlen Liftwänden empor zu hieven. Da sehe ich über den Liftschacht hinweg und dort zwei aufgerichtete, riesige Bären verschlungen ineinander. „Jeanne geh runter! Geh in deinen Schacht!“, ruft mir der wunderschöne und kuschelige Teddybär mit einer Menschenstimme zu, so, wie man einem Tier zuruft, mitleidig und höhnisch, genüsslich zugleich. Ohne sich aus seiner Umarmung mit dem andern Bären zu lösen. Vom Schmerz überwältigt, merke ich nicht, wie die Schafsköpfe und Bären oben am Lifteingang plötzlich weglaufen. Ich habe sie alle ein wenig gekannt. Doch weil sie das Leben als Zumutung nicht ertragen haben, weil sie die Zumutung, die ich bin und die Zumutung die man mir zumutet, nicht ertragen haben, (eine Erkrankung, bei der man weder lebt noch stirbt einerseits, andrerseits eine Zumutung, die vielleicht in mir selbst liegt, wer weiss), habe ich sie verloren. In diesem Moment schiesst der Lift nach Oben. In einem Zustand kompletter Besinnungslosigkeit werde ich ins Treppenhaus geschleudert. Diesmal kauere ich auf der obersten Stufe und strecke meinen Arm nach einer wildfremden Person aus. Eine Stimme ruft unter lautstarkem Heulen: „Give me your hand, please … please … give me your hand … please …!“ Es ist meine Stimme, die eine Nachbarin nachts um Eins in Pyjama und mit Mundschutz ins Treppenhaus hinaus befördert. Es ist die Inderin vom obersten Stock, rechts. Sie schaut mich minutenlang lang, so als wäre ich etwas ganz, ganz Fremdes. Direkt hinter der andern Türe höre ich leise Geräusche, zwei grosse bärenartige Schatten auf der Innenseite der Glastüre vorbei. Mein Geheul ist so atemberaubend laut, dass ich mir selbst die Ohren zuhalten muss. Im Nachhinein, als ich dieses Erlebnis durch gehabt habe, aus dem einen Grund: weil die Zeit nie still steht, nie, ausser beim endgültigen Tod, zweifelte ich einen Augenblick an meiner latenten Misanthropie. Die Menschen sind mir normalerweise nicht nah, aber um eine Hand zu halten, verliere ich alle Scham, alle Zurückhaltung. Schmerz betäubte mich, ich hab nicht mehr gewusst, wer ich bin. Ich bin quasi halbwegs aus meinem Leib hinaus gestellt gewesen. Und hörte mich immer wieder von Neuem betteln: „Give me your hand … please … give me your hand … I need a hand …“ Diese einzige hypothetische, übrig gebliebene Verbindung zwischen mir und der Welt, da draussen. Aber die Frau mit dem Mundschutz gab mir ihre Hand nicht. Sie nahm nicht meinen Arm, den ich ihr schluchzend entgegenstreckte, wieder und wieder. Sie verweigerte die Berührung komplett. Ich bin sicher, sie verstand, was ich meinte, doch ignorierte sie mein Flehen. Nicht nur, dass sie sich hätte anstecken können mit dem Virusda, auch war das offenbar kein ungewöhnliches Ereignis, denn sie sagte zu mir: In this situation we are all sometimes. I am also alone and my husband left me. Why you are crying so much?“  Und nun denke ich (und vielleicht bin ich nicht die Erste, die das denkt): es muss einen Tod geben im Leben, der schrecklicher ist als der reale. Ein Tod, in dem man sich an wildfremde Menschen klammern will, an Feinde, an zufällige Passanten … oder sogar an einen, der einen mit Gewalt ins Treppenhaus wirft und dabei noch hämisch grinst. Ich wollte jemanden umfassen und umklammern, solange, bis alles vorbei ist und es mich zuschneit. Aber es hat mich (noch) nicht zugeschneit. Es ist und bleibt alles real. Und nicht einmal die Tatsache, dass es vorbei ist, dass  vieles vorbei ist, würde ich mal sagen, und ich  es überlebt habe (als zu sensibles Kind, als verschrobener Teen, als fatales Gänschen, als Falschdiagnostizierte und Invalide und zum Schluss als armselige Bettlerin um eine menschliche Geste), kann mir jetzt noch Ruhe verschaffen. „Why are you crying so much?“ Und ja, vielleicht hatte die Frau ja recht; man weint nicht so fest über solche Dinge, wenn man ein Dach über dem Kopf hat und zu Essen und zu Trinken und ein weiches Bett. Man weint nicht mehr so, heute und nicht jetzt, wo etwas Prekäreres sich anbahnt, kollektiv und global, etwas, das es unnötig macht, ein privates, kleines Unglück zu beweinen, geschweige denn zu beschreiben, wie ich es in meinem Curriculum Absurdum getan habe.

Und also, was ich eigentlich meine: was ist meine Daseinsberechtigung, noch? Besser, ich schmeisse mein Curriculum Absurdum jetzt weg. Habe ich mein Curriculum Absurdum weggeschmissen, bin ich endlich auch mir selbst aus dem Weg. Alles, was es dann noch braucht, um neu zu beginnen, ist ein zweiter, neuer, gesunder Körper. Aber diesmal anders! Ein Körper bitte, der sich, wann immer möglich, unzimperlich verbinden kann.

Vor langer Zeit bildeten wir im Kindergarten einen Kreis, nahmen uns an den Händen sangen Ringelringelreihe. Dabei machten wir einen Schritt nach rechts, dann einen Schritt nach Links. Weil wir immer in die falsche Richtung tanzten, stiessen wir gegeneinander und lachten verwirrt. Dabei liessen wir unsere Hände gegenseitig nicht los. Links hielt man vielleicht eine kühle, klebrige Hand. Und also wurde die eigene Hand kühl und klebrig. Rechts hielt man eine heisse, trockene Hand. Also entstand eine unglaubliche Hitze zwischen den zwei Händen.

(2022)

 

 

 

 

 

Ein paar Informationen zu der hierzulande nahezu unbekannten Krankheit Myalgische Encephalomyelits (umgangsprachlich Chronic-Fatigue-Syndrom genannt) von der Schweizerischen Gesellschaft für ME/CFS (Sgme.ch):

‚ME/CFS ist eine neurologische Erkrankung, die meistens nach einem viralen Infekt auftritt und zu schwerer Behinderung führen kann. Die Patient/innen leiden unter verschiedenen Symptomen wie Muskelschwäche, grippeartige Erschöpfung, sensorischen Reizverarbeitungsstörungen Schmerzen, schweren Konzentrationsstörungen uvm. Das Leitsymptom ist eine post-exertional neuroimmune Exhaution, (PENE), eine langanhaltende Verschlechterung der Symptomatik, welche bereits auf geringe physische, kognitive oder sensorische Belastung folgt. Die genaue Ursache der Erkrankung ist unzureichend erforscht,  doch u.a. sind Fehlfunktionen des Immunsystems, des Nervensystems, des Energietransports und des Hormonssystems nachgewiesen. Etwa 60% der Betroffenen sind arbeitsunfähig, 25% sind hausgebunden oder bettlägerig, ca. 3% schwer pflegebedürftig. Weltweit sind 17 Millionen Menschen betroffen, in der Schweiz ca. 16000. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Myalgische Encephalomyelitis im Jahr 1969 unter dem Code g.93.3 als neurologische Krankheit klassifiziert.
Obwohl es immer mehr Wissen über die körperlichen Dysfunktionen bei ME und CFS gibt, sind die exakten Ursachen bislang ungeklärt und es gibt keine anerkannte Behandlung. In der Regel bleiben die Patient*innen ihr Leben lang schwer krank. Umso bedenklicher ist es, dass kaum in die Erforschung der Krankheit investiert wird. Im Jahr 2017 gab das US-­amerikanische Gesundheits­ministerium pro ME- und CFS-Patient:in $ 15 aus. Der entsprechende Betrag für AIDS ist $ 3’000.1 In der Schweiz wurde noch nie zu ME geforscht.

Die Verkennung einer Krankheit

ME wurde schon früh als neuroimmunologische Krankheit erkannt. Doch Anfangs der 1970er Jahre kam die These auf, dass der hohe Anteil junger Frauen unter den Patient:innen einen Beleg für Hysterie als Ursache liefere.2 Diese groteske These stiess in der Fachwelt zu Beginn auf grosse Ablehnung. Da jedoch keine eindeutige physiologische Ursache gefunden werden konnte, begann die Fehlkonzeption sich in den 1980er Jahren durchzusetzen. Gleichzeitig wurde ME mit dem viel breiter definierten Krankheitsbild CFS vermischt und verlor dadurch an Spezifität. In Folge sind weltweit Forschungsgelder und Unterstützungsleistungen für die Patient:innen zurückgegangen und man begann, sie mit schädlichen psychosomatischen Methoden zu behandeln.3

Neues Bewusstsein

Heute sind die körperlichen Fehlfunktionen bei ME besser erforscht und es findet seit einigen Jahren weltweit ein Paradigmenwechsel statt. 2015 erkannte eine vom US-amerikanischen Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene Studie ME eindeutig als schwere körperliche Erkrankung.4 Im gleichen Jahr entschuldigte sich in Norwegen die Premierministerin öffentlich bei den Patient:innen.

«Wir hatten dieser Patienten­gruppe nichts anzubieten und ihr wurde mit Ablehnung im Gesundheits­wesen begegnet. Dies geschah, weil es viele Vorurteile gegenüber dieser Krankheit gab; dass sie das Resultat einer psychologischen, beinahe gewollten Krankheit wäre. Es ist wirklich ein Skandal! Diesen Patienten wurde mit mangelndem Respekt begegnet, nur weil wir nicht genug Wissen hatten.»5
– Erna Solberg, Premier­ministerin von Norwegen –

Immer mehr Länder folgten. 2016 gründete die EU ein Forschungs­programm zu ME namens EUROMENE.6 2018 hat der niederländische Gesundheits­rat ME als schwere körperliche Krankheit anerkannt und mehr Forschung sowie bessere Unterstützung für die Patient:Innen gefordert.7 Das dänische Parlament folgte ein Jahr später.8 Anfang 2019 fand eine parlamentarische Debatte im britischen Unterhaus statt, in welcher die schlechte Versorgung der ME-Patient:innen diskutiert wurde. Sämtliche Parlamentarier:innen stimmten einer Motion zu, welche forderte, dass die Regierung mehr Forschungsgelder für ME zur Verfügung stellt, medizinische Fach­leute besser über ME ausgebildet werden, und potentiell schädliche psycho­somatische Behandlungs­methoden bei ME abgeschafft werden.9 2020 hat das Europäische Parlament in einer Resolution die Finanzierung von biomedizinischer Forschung und Aufklärungskampagnen zur Sensibilisierung des Fachpersonals im Gesundheitswesen und der allgemeinen Bevölkerung gefordert.10

Im Jahr 2021 veröffentlichte die britische NICE neue Richtlinien zu ME, welche verschiedene grosse Verbesserungen zu den alten von 2007 beinhalten:11

  • Es wird anerkannt, dass ME eine schwere körperliche Krankheit ist, die zu vollständiger Bettlägerigkeit und Pflegebedürftigkeit führen kann.
  • Die schädliche graduierte Aktivierungstherapie (GET) darf nicht mehr angeboten werden.
  • Der Lightning Prozess und ähnliche potenziell schädliche und nicht evidenzbasierte Programme dürfen nicht mehr angeboten werden.
  • Die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) ist nicht kurativ, sondern darf – wie bei jeder chronischen Krankheit – nur als Unterstützung beim Management und der mentalen Verarbeitung der Krankheit angeboten werden.

Die Situation in der Schweiz

In der Schweiz ist von diesem Paradigmenwechsel bis anhin leider wenig angekommen. ME und CFS sind offiziell nicht erfasst. Im Gesundheitswesen herrscht eine ablehnende Haltung und die IV stuft die Krankheiten entgegen dem internationalen Forschungskonsens als psychosomatische Leiden ein. Es gibt hierzulande zwischen 16’000 und 24’000 Betroffene, denen ein würdiges Leben unmöglich ist. Weil diese Menschen teils rund um die Uhr von Angehörigen deren Lebensqualität massiv eingeschränkt ist.11 Auf Bundesebene verlangte Ständerat Damian Müller 2020 mit einem Postulat (Nr. 20.3671) einen Bericht zu Forschungsergebnissen und Informationen, an wen sich Betroffene für Unterstützung wenden können. Dieses Postulat lehnte der Ständerat auf Empfehlung des Bundesrats am 21. September 2020 ab.12 Für die betroffenen Patient:innen und ihre Angehörigen bleibt nur der Eindruck, niemand fühle sich verantwortlich und man überlasse sie dem Schicksal. Die Situation der Betroffenen ist verheerend. Sowohl die medizinische Versorgung wie auch die sozialstaatliche Absicherung sind quasi inexistent. In einer 2021 von der Schweizerischen Gesellschaft für ME & CFS durchgeführten Umfrage unter Patient:innen13 gaben weniger als ein Sechstel an, einen Hausarzt zu haben, der sich mit der Krankheit auskennt. 28% haben gar keinen Hausarzt oder nur einen, der die Krankheit nicht als solche anerkennt. Viele haben in einem medizinischen Notfall schlechte Erfahrungen machen müssen, weil das medizinische Fachpersonal die Krankheit nicht kennt oder nicht anerkennt. Den Verantwortlichen in den Sozialversicherungen ist ME weitestgehend unbekannt. In der Folge sind die Patient:innen für ihren Lebensunterhalt in aller Regel von pflegenden Angehörigen abhängig. Wenn IV-Renten gutgesprochen wurden, geschah dies meist nicht für ME, sondern für eine Begleiterkrankung oder gar für eine Fehldiagnose. Eine absurde Situation, denn die Krankheit, die zur Rente berechtigte, war in der Regel weniger einschränkend als ME. Auch bei der Alltagsbewältigung müssen Angehörige den grössten Teil der Verantwortung übernehmen, weil externe Hilfe fehlt. Die Angehörigen pflegen und versorgen ohne jegliche Hilfe Pati-ent:innen, die teilweise zu krank sind, die Körperpflege selber zu erledigen, nicht ohne Hilfe zur Toilette gehen oder essen können. Gewisse ME-Patient:innen sind zu schwach, um selber ein Trinkglas an den Mund zu führen oder sich im Bett umzulagern.

 

ME-Patient:innen und ihre Angehörigen sind nicht nur mit einer schweren Krankheit, medizinischer Unterversorgung und existenziellen Problemen konfrontiert, sondern auch einem gesellschaftlichen Stigma ausgesetzt. Dies macht in den allermeisten Fällen nicht vor dem nahen Umfeld der Patient:innen halt. Viele Beziehungen zerbrechen daran, und oft sind ME-Patient:innen mit Einsamkeit konfrontiert. Viele ME-Patient:innen verlieren durch die Krankheit den grössten Teil ihres sozialen Umfeldes, oft auch nahestehende Personen.’

(Sgme: Schweizerische Gesellschaft für Myalgische Encephalomyelitis)

 

Einzelnachweise:

1. ITHACA COLLEGE NEWS, Tireless Work on Chronic Fatigue Syndrome, September 2018 (→online)
2. COLLIN P. MCEVEDY, ALFRED W. BEARD, “Concept of Benign Myalgic Encephalomyelitis”, in; British Medical Journal, Januar 1970. (→online)
3. KEITH GERAGHTY ET AL., “Myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome patients’ reports of symptom changes following cognitive behavioural therapy, graded exercise therapy and pacing treatments: Analysis of a primary survey compared with secondary surveys”, in: Journal of Health Psychology, August 2017. (→online)
4. INSTITUTE OF MEDICINE, Beyond Myalgic Encephalomyelitis / Chronic Fatigue Syndrome: Redefining an Illness, Februar 2015. (→online)
5. NORSK RIKSKRINGKASTING (Norwegischer Rundfunk), Jeg lager kunst på de gode dagene, Mai 2015. (→Webseite auf Norwegisch)
6. EUROPEAN ME NETWORK (EUROMENE, European Network on ME/CFS). (→online)
7. NIEDERLÄNDISCHER GESUNDHEITSRAT, ME/CVS, März 2018. (→Webseite auf Niederländisch)
8. MEACTION, Denmark: MPS will vote wheter to recognise ME as WHO-defined disease!, März 2019. (→Webseite auf Englisch)
9. PARLIAMENTLIVE.TV (HOUSE OF COMMONS), Myalgic Encephalomyelitis treatment and research, Januar 2019. (→Webseite auf Englisch)
10. EUROPÄISCHES PARLAMENT, Verfahren : 2020/2580(RSP), Juni 2020.(→online)
11. Die Zeitschrift Annabelle hat einem ausführlichen Artikel die typische Geschichte einer Schweizer ME-Patientin portraitiert:
ANNABELLE, «Ich brenne für das Leben», Nr. 8/2019, 19.6.2019, S. 52. (→online)
12. BUNDESVERSAMMLUNG, Postulat 20.3671, Juni 2020.(→online)
13. SCHWEIZERISCHE GESELLSCHAFT FÜR ME & CFS, Die Situation der ME-Patient:innen in der Schweiz, April 2021. (→online)

 

 

Nachwort

 

Als ich mit diesem Roman begann, wusste ich nichts über ihn. Alles, was ich wusste, war, dass ich schreiben wollte. Schreiben, das war für mich der Ort der Vision und der Schönheit! Ein angstfreier Raum, zudem. Dichten, das bedeutete für mich: umwandeln, verschönern, Konstruktivsein! Das war mein Glaubenssatz!

Dann, mit den Jahren, erkannte ich allmählich, dass ich nicht mehr nur schrieb, um zu Schreiben, als Poet Maudit, als werdendes Michselbst, nutzlos, dekadent, eine Sysiphosa, sozusagen. Nach vielen Jahren wusste ich, dass mein physischer Käfig in einer realen physischen Krankheit gründet, und nicht einfach, wie sie sagten, in meiner verschrobenen Persönlichkeit! So hatte ich nun also ein literarisches Thema, einen Stoff (aus dem keine Träume gemacht sind) und stellte fest: dass viele andere Menschen, da draussen, unsichtbar an dieser Krankheit leiden. Dass diese Krankheit ein Politikum ist!

Nun bekam meine zwecklose Biografie, die ich nur der Dichtung zuliebe schreiben wollte, ungewollt eine Prägung. Ich konnte es nicht verhindern, so sehr wurde meine Lebensrealität mit den Jahren von den Beschwerden dominiert! Aber und trotzdem: diese Prägung, hier, in meinem Buch, hat mir nicht ganz gepasst!
Was ich damit eigentlich sagen will: Ich kann keine Fakten-bezogene ME-Historie erzählen. Ich bin kein Aushängeschild und Musterexempel für diese Erkrankung. Das Gegenteil ist der Fall! Dass ich schliesslich eine Geschichte über das Leben einer Frau mit einer verkannten, unentdeckten und schliesslich unbehandelten Myalgischen Encephalomyelitis erzählte, hat sich nun halt so ergeben.

Aber ich bleibe dabei: „Glaubenssatz“ ist und war im Kern der Versuch von mir, mit Nichts als meinen eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen, ohne Stoff und ohne eigentliche Handlung, meine Biografie zu erfinden und zu „gebären“.

Ich wollte sehen, ob ich aus mir etwas Schönes und halbwegs Spannendes machen kann!

Ich kann mir nicht vorstellen, wie es meine Biografie geben könnte, ohne diesen unmöglichen und absurden Schreibversuch, in den ich mich über Jahre hinein verbiss und über dem ich in den jungen Jahren andere, vielleicht wichtigere Chancen verpasste; irgendwo, da draussen, eine soziale Nische zu finden, eine „Heimat“, die weniger einsam und traurig macht als das Schreiben für die Schublade.

Aber so ein „Glaubenssatz“ kann vielleicht vorher dagewesen sein, bevor man sein eigenes Leben wirklich schreiben kann! Der Akt des Schreibens war mir in genau diesen Jahren, nämlich, in denen ich für meine Integration hätte sorgen müssen, das Wichtigste. So sass ich über meinem Rollfusstischchen und transformierte laufend das nicht mal profane, aber nichtstattfindende Leben von mir in aussagelose Romananfänge! Ein Schnippselmeer entstand! Ein Curriculum Absurdum! Doch dieser Akt hiess für mich eben: Gelebtes Dichten! Eine Form von Malochen und mich Berauschen zugleich! Irgendwie so.

Kann sein, dies war auch nur ein Selbstbetrug. Aber wer kann es ohne machen? Wer schon?

(Marion Jeanne Suter, Autodidakt und Poet Maudit, den 11.3. 2022)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


(Foto Titel/Rücken: 2017)

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