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Ein Tag, bevor der Herbst kam

Weisst du noch, wie früher die Mutter, dies blauseidene Fein,

das Kuchenblech verzierte, wie mit kühlen Regentropfen, die geradewegs

von der Dachrinne, vor dem Küchenfenster, in die grosse Tonne liefen.

Nebeln strichen ums Haus und drangen durch die Mauern und griffen

kaltfingrig nach unseren sommerlosen Zimmern, die alle ebenerdig

auf einen Gang verteilt lagen, ein bisschen wie in sich gekehrte Brüder.

Es war Herbst geworden, und es regnete aufs Dach aus gestapelten Ziegeln,

es prasselte der Regen wie ein metallener Chor pausenlos in die Tonne

hinab, vorbei an den Kletterrosen, die noch blühten, gegen eine, vom

Sommer getränkte, verblichene Wand, wo wir es liebten,

manchmal, wie zufällig, stehen zu bleiben und uns nette Worte zu zu

flüstern, auf dem Weg links und rechts rund ums Haus und in den Garten.

Sowie der Mutter durchs Küchenfenster hinein.

Hinter dem Küchenfenster stand die Mutter, dies traumverlorene

Fein und Geheim, unverbrüchlich, in ihrer blauen, etwas spartanischen

Küche und verzierte das Kuchenblech mit reifen Pflaumen.

Und auch eine fröstelnde Blüte tropfte von ihrer kecken, ständig leicht

geröteten kleinen Nase hinab und in den Kuchen hinein.

Hierauf schlug der Kuchen plötzlich aus zu einem sommergrünen

hochstämmigen Baum, mit Kirschen beladen, an dem die Mutter, zeitlebens

eine Mädchengestalt, sich hoch hievte, über eine brüchige, filigrane Leiter,

filigran wie die Mutter selbst, aber nicht so standfest,

und eine pralle glänzend schwarze Kirsche stahl – !

der einzige je getätigte Juwelen-Diebstahl in ihrem Leben.

In den vorgewärmten Ofen schob die Mutter dann den Kuchen und stellte

auch noch den Wärmeregler ein auf Zweihundertgrad,

mit einer Hand wie ein Sonntagssegler, lauschig und ernst. Worauf sie

zum Kühlschrank griff und daraus einen Plastikbecher nahm,

eigelbfarbenen, mindestens zwei Generationen alt, gezeichnet von den

Spuren des Schwingbesens, sanft malte die entrahmte, dünnflüssige Sahne,

eine halbe Stunde oder länger, für den Heimkehrer, unseren Vater,

Ernährer, ihren in Signalfarben knisternden Mann.

Und die zwei Kinder rief, uns, mit leicht ungeduldiger Stimme,

aus ihren in sich gekehrten, immer noch wie frisch tapeziert wirkenden,

Zimmern. Verteilt auf den langen ebenerdigen Gang.

Kinder! Essen! Rief sie. Und zum Mann, abgedämpft: Noch nicht!

Vielleicht …. Dieser hatte seinen schönen braunen Erdfinger

bereits in die Sahne getaucht. Der einzige Riss in einem tadellosen Korsett

von Selbstbeherrschung und Disziplin.

Übrigens war es jetzt Abend geworden, und Dunkelheit wob um das Haus,

in dem sie, vier, auf vier Stühle verpflanzt, an einem runden Tisch

ein bisschen schwebten,wie in einem schalldichten Nüsschen durch

Raum und Zeit.

Assen mengenmässig eher moderat und schwiegen

während des Essens des Öfteren. Und lauschten dem Regen, wie er weniger

wurde, schliesslich brach er ein.

Beim Geräusch eines dumpfen Gurgelns stürzte der Vater in seine

finnischen, für dominante Grosszehen berechneten Pantoffeln mit einer Art

erhöhtem, gepanzerten Schnabeldach und raste

nach draussen, um die von Regenwasser überlaufende Tonne schwungvoll

in die Böschung zu kippen.

(18.8.1)

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