Diary_3004_ Likes u leere Versprechen

Für mich ist das System der Likes kein Schlechtes! Warum wird es so verschrien? Bekommen wir etwa genug Zuspruch und Lob für unser Tun, Werkeln, Sagen etc. auf natürliche Weise?

Ich bin natürlich nicht gross mit von der Partie. Aber zu meiner Zeit war das eher selten gehört und explizit ausgesprochen:

– du hast eine Sache gut gemacht

Oder: gut, hast du dies probiert; trial and error.

Keine Fehler machen zu dürfen scheint mir ein höllisches Diktat. Eines, das zum Stillstand des Wachstums führt.

Dumm nur, dass ich ein ganz Anderes Wachstum meine, als das, was wir gemeinhin darunter verstehen lernen.

Als wir Babies waren, klatschten und tanzten unsere Eltern, als wir die ersten Schritte machten.

Schon in der Schule war fertig. Niemand zeigte mehr Freude, dass ich überhaupt da bin. Ich wurde nur noch nach den Leistungen bemessen, bestraft für meine Dummheit.

Wenn man dumm ist, werden Pädagogen irgendwann wütend, weil sie nicht wissen, wie sie einem helfen können.

Sie suchen den Fehler natürlich nicht bei sich, in ihren begrenzten pädagogischen Fähigkeiten.

Schon bald wollte ich mich nur noch verstecken, bloss weil ich keine Möglichkeit fand, zu gefallen.

Ich war dann eine Weile im Verkauf, wo niemand sagte, dass es gut ist, dass ich da bin und diese dämliche Arbeit mache.

Dann mit Zwanzig trat der erste Mensch in mein Leben, der an mir eine helle Freude hatte! Der jubelte, wenn er mich sah! Der andere Menschen durch seine Freude in ihrem Dasein bestätigte, ihnen Sinn gab!

Dieser Mann war sehr klein, etwa 1Meter 55 Zentimeter? (Bin schlecht im Schätzen).

Ich konnte weiterleben dank diesem Mann.

Ich selbst war auch nicht gerade stark im Verleihen von Raum, in dem sich ein Anderer hineinsetzen und aufgehoben fühlen konnte.

Ich war immer schon dabei, klar zu machen, dass es bei mir nichts zu holen gibt und dass ich alle Verantwortung von mir weise.

Ich träumte von einem Herrn Vater Gott, der mich und mein Tun bejaht.

Mein eigener Vater erreichte viel, aber kaum hatte er etwas erreicht, schien ihm etwas zu fehlen. Er war schon wieder leer, er suchte nach einem neuen Reiz, suchte Streit, manövrierte sich bereits wieder in Druck. War er nicht ein Getriebener?

Bald mal irgendwann werden wir nicht mehr sein, aber das ändert nichts daran, dass wir uns nicht diese Freude schenken können an unserer Anwesenheit, wie der kleine Mann, damals.

Mit Geld wird der eine belohnt, aber reicht das?

Es ist sicher ein guter Kompromiss respektive man kann dadurch so vieles zum Ausdruck bringen, das man auf andere Art offenbar nicht mehr sagen kann.

Alle glauben, sie geben zu viel.

Und dann sind da noch ein paar Schmarotzer.

Ich hab selten Likes, aber ich finde sie ganz okay, denn sie drücken ja irgend eine noch so kleine Verbindung aus. Und nicht immer ist es nötig oder möglich, das verbindende Element ausfindig zu werden in einem ersten Schritt.

Likes sind das heutige Amen. Sagt Byung-Chul.

Und es ist gut, wenn man zwischen einem Gebet innehalten kann.

Dislikes gibt es als Funktion seltener.

Dislike wäre auch spannend, aber ich finde, es kommt weniger gut ohne Ausführung aus. In einem Like kann auch eine versteckte Negativität enthalten sein, eine Art von Nein. Ein Dislike fühlt sich schwerer an. Man stösst auf ein Hindernis und sieht (noch) nicht dahinter.

Bleiben beide Funktionen unangeclickt, ist da immer eine Leere und man fällt in sein eigenes Vakuum zurück.

Wenn ich magersüchtig bin und öffentlich einen Schokokuchen backe, kriege ich offenbar eine Unmenge Likes!

Man muss also ein Thema finden, das bei den Mitmenschen an ein Drama erinnert, das unbedingt überwindbar ist.

Mitgefühl funktioniert ja nur so.

Ich bin mir nicht sicher; aber je komplexer ein Thema wird, umso weniger dramatisch wirkt es.

Eine ernsthafte Zeitung zu lesen, bedeutet, auf jeden dramatischen Effekt zu verzichten!

Viele der heutigen Themen sind so komplex, dass man ihren Ernst überhaupt nicht versteht. Das Thema Klima zum Beispiel löst bei mir kaum einen dramatischen Effekt. Ich halte es für ein unüberwindbares Drama.

Als es neulich mal Tennisballen hagelte, dachte ich daran, dass mich sowas vielleicht töten könnte.

Kriege; sie werden fortgesetzt; ich halte sie für ein unüberwindbares Drama!

Nur Handlungen, die sichtbar und konkret das Gegenteil einer Richtung beweisen, die seit Jahrzehnten für unüberwindbar gilt, könnten mich für solche Dramen wieder einnehmen.

Auf Myalgische Encephalomyelitis bezogen bedeutet das, dass ich mit blossen Versprechen nicht mehr aus dem Busch gelockt werden kann. Dass ich resigniert bleibe und unberührt, solange keine Aussicht bestehen, dass sich etwas an meiner Situation verändert.

 

(4.9.21)

 

 

 

 

 

 

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