Diary, 9.11.2020

Ich strecke meine Hände aus und hänge mich an diese Tasten. Wenn ich sie loslasse, dann geschieht etwas, ich bin dann: allein. Allein auf eine ganz neue unfassbare Weise. Als wäre ich irgendwo zwischen Erde und Mond, hängengeblieben, aus einem dummen Irrtum heraus, dummer Zufälligkeiten wegen: verlassen. Ich will es nicht spüren, lieber würde ich wieder toben. Aber ich bin so furchtbar traurig neuerdings, so furchtbar traurig zwischen Erde und Mond hängend. Wo ich immer dieses spezifische Mileu gebraucht hätte, diese kleine warme Nische, dieser Erdenfleck, der ein kleines bisschen wärmer sein muss, als kalt, damit ich überleben kann. Ich bin keiner von Darwins starken Landfischen, ich hab’s versucht, aber ich gehöre zu diesen Tierchen, die sich nicht einfach anpassen können und aus einer nicht idealen Situation etwas machen, diese Art von Erfinder war ich nie. Nun geht’s mir an den Kragen. Weil ich die physische Grundbedingung für diesen Kampf eingebüsst habe. Und auch die verhältnismässig simplen Anpassungen nicht mehr schaffe. Die ersten fünfundzwanzig Jahre haben mir unverhältnismässig viel Kraft abgefordert, ich verausgabte mich, dann überlebte ich in einer selbstgeschaffenen Blase, die ich Anfang Vierzig selbst zum Zerplatzen bringen musste. Und nun bin ich hier, an diesem Punkt, ohne Haut, ohne Resilienz, ohne Reistenz, nur noch dieses brandende, betäubende Zahnweh im Körper und in der Seele, ja, ich weiss nicht, wo es mehr weh tut, denn das Gefäss und Radikalfänger, der Körper fängt jetzt nichts mehr auf, lässt alles durch, offene Grenzen, neurosensorisches Eiter-Zahn-Ziehen bei jedem Erwachen über Stunden, weil Körper und Seele im Moment des Erwachens, geschockt, dass ich immer noch in dieser Situation bin, und dass die Auswegslosigkeit der Situation es mir verunmöglicht, so aufzuwachen, dass ich den neurosensorischen Eiter-Zahn-Zug besser vertragen würde, indem ich auch nur einen einzigen zuversichtlichen Gedanken zu fassen kriegte, einen winzigen Fetzen an Hoffnung, dass es doch noch eine Zukunft geben könnte, irgendwo und irgendwie. Aber ich kann nicht in diese Tasten schlüpfen, ich kann mich ihnen nicht verleiern, bis mir Schwarz wird. Ich muss den Apparat schliessen und zurücksinken in diese eisigkalte Spähre, in der ich innert Sekunden nur Tränenbäche aus meinem stocksteifen Oberkörper eruptieren kann. Ich versuche etwas Schönes zu denken, etwas das weit zurückliegt, hinter dem Jahr 2014, an meine vier Nachbarskatzen an der Hildanusstrasse und unsere Stelldicheins bei mir zuhause, nachdem wir ein Brett gebaut hatten für den Balkon. Ich wurde bald belagert. Möndi hockte nächtelang auf meiner Kleiderkiste wie die schönste, weissflauschige Tortenverzierung, die es gibt. Krimeli machte sich bemerkbar mit kleinen scharfen Bisschen in meine Wade. Charly war scheuer und streckte nur hin und wieder sein Köpfchen über den Balkon, Lizi hockte in meiner Bettschublade. Und da war ja noch Hopfi. Mein kleiner launischer Hopfi, den ich jetzt auch weggeben musste, während ich zwischen Mond und Erde schwebe …. Etwas Schönes denken. Aber die Vergangenheit liegt so weit zurück hinter dem, was jetzt passiert, seit ich durchwache, durchmache und von Inselchen zu Inselchen paddle wie ein Eisbär, aber doch, nein, ich erreiche keinen soliden Boden mehr, keine Erde, die mich trägt. Und ich bin traurig, dass die Krankheit in meinem Körper ein Blutbad entfacht, zu dem ich keinerlei Zugang habe, dies, obschon dies doch mein Körper ist, und ich die Chance haben möchte, aktiv einzuwirken mit den andern Kräften, die nicht direkt in der Zelle entstehen, das Blutbad abzuschwächen oder sogar zu stoppen. Aber diese Chance habe ich vielleicht bereits gehabt, vor einigen Jahren. Und habe sie nicht genutzt, weil ich dachte: Ach, was der Körper für Kapriolen schlägt, das soll er selber richten! Ich will lieber schreiben und noch bisschen leben …Habe also vielleicht zu fest darauf vertraut, dass die Natur die Sache schon richtet respektive sie wieder so halbwegs zurecht biegt. Die Natur ….

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