Diary, 21.5.

Wie kann ich unpersönlich schreiben? Wie kann ich aus diesem persönlichen intimen und fälschlicherweise/fatalerweise old-fashioned weiblichen Schreiben aussteigen? Umsteigen in eine elegante überpersönliche Autorschaft? Ich werde mir ein Ich-loses Experiment auferlegen …. aber wird dies etwas ändern an der Art, wie ich die Dinge wahrnehme? Nichts interessiert mich wirklich, wenn ich es nicht sinnlich erfassen kann. Ich bringe zum Beispiel eine bestimmte Menge an Kraft auf, um einen Sachverhalt zu begreifen oder einen Zeitungsartikel zu lesen, aber motiviert bin ich nur, wenn ich einen direkten Link zu mir selber machen kann. Meine Kognition, mein Intellekt ist nur dann gut, wenn es den Bezug gibt und die persönliche Verbindung. Dies ist beschissen, denn literarische Freiheit wäre, über ALLES schreiben zu können. Mich zum Beispiel in das Innenleben eines Manuel Macrons zu versetzen und einen Macron-Tag zu beschreiben, den Alltag einer x-beliebigen, bürgelichen Familie beschreiben und in Erfahrung zu bringen, was ihre Tragödien, ihre Intrigen, ihre Laster, ihre Probleme, ihre Vernetzungen sind …. solche Leben wären so spannend und actionsreich (The buddenbrocks 2020), und natürlich würde ich damit als Autor auch eine Menge Leute ansprechen, die ein Buch kaufen oder eine Geschichte lesen, um sich und ihre Konstellationen wiederzufinden. Ich suche immer noch Bücher, über die ich erfahren könnte, wie die Menschen da draussen so leben. Ich habe ein paar amerikanische Epen gelesen (deLillo, Joyce Carol Oates, Elementarteilchen würde ich auch als episch bezeichnen), die mir irgendwie einen Einblick ermöglichten in das gesellschaftliche Leben moderner Menschen zw. 1960 und 2000. Aber mir fällt eigentlich kein Buch aus dem deutschsprachigen Raum ein, das so eine Art Markstein bildet, wie sich ein durchschnittliches Leben im 2020 so abspielt. Oke, ich habe jetzt auch nicht so danach gesucht …. ich suche dann halt doch immer wieder das Persönliche, Intime. Aber so sicher bin ich mir auch nicht, ob es in der modernen Literatur noch vorkommt (das Intime)…. es ist eher so ein Ding aus einem andern Jahrhundert, der Romantik, vielleicht… mit Goethes Werthers soll ja die Innenwelt einen Boom erlebt haben ….ich denke nicht, dass ich aus meine Haut kann und die Wahl habe,  worüber ich schreibe, ich bin zwar vernetzt, wie jedermann, wenigstens digital, aber das, was ich von da draussen erfahre, bleibt irgendwie abstrakt und weit weg. Aber, dass ein eintönigens Leben (oder gar keines) dazu führt, dass man an sein Persönliches gekettet ist, ist ja nicht generell so, das hat Fernando Pesoa ja gezeigt… es müsste also möglich sein, ohne aktives Leben unter Ausschaltung der Emotion und des Sinnlichen möglich sein, zu schreiben …. unpersönlich …. oder persönlich …. aber eigentlich meine ich mit persönlich: intim, nah, aufwühlend. Ich meine nicht Nabelschau a la Stuckrad-Barré, auf alle Fälle nicht in erster Linie … ich meine diese Intimität, die wahrhaftig intim ist und nah ….die vor der Selbstschau passiert ….Aber ich fürchte, man würde nicht verstehen, was ich meine, ich denke, die Überfrachtung an Pseudo-Persönlichkeit und individueller Selbst- Darstellung in Literatur und Kunst ist so enorm, dass die meisten wohl innerlich das Kotzen ankommt … das haben die durchsichtigen, transparenten Räume mit uns gemacht, diese elende Verrohung …. dadurch, dass wir immer alles von uns sehen und immer alles von uns zeigen,  innerhalb der marktkonformen Positivität, natürlich …dies hat dazu geführt, dass wir blind sind für das Andere und wahrhaftig Einzelne …..diese ganzen Selbstverwirklichungscoaches, diese psychohiegenischen Seminare … all das zur Ausbeutung des Selbst ….wie es Byjung-Chul schreibt; es dient nur den Rotationen der riesigen Marktmaschine, die das Selbst gleich wirtschaftlich mit verwertet. Vergleicht man zb. das aktuelle Hollywoodkino mit einem alten französischen Maigret-Film, versteht man, was ich meine: Das Selbst kommt da zum Ausdruck, wo es zufällig entsteht, da, wo es im Prinzip nicht sichtbar gemacht werden muss ….. im Andern ….was Hollywood zeigt, sind im Schnitt diese hoch Optimierten Ichs, diese leeeren Schablonen von Ich, perfekte Menschen …
Ich möchte einen Autor lesen, der diese perfekten und „einzigartigen“ Menschen so zeichnet, dass ich ihre Geschichten lesen muss ….ihre Filme sehen … nah und intim … so dass ich mich nicht langweile ….

… und ich werde also ein Ich-loses Experiment versuchen …..

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