Der Dritte Roman (ganzes Kapitel)

 

Der Dritte Roman

 

 

Ist ein unvollendetes Romanprojekt der Möchtegerndichtern Jeanne Stürmchen. Es behandelt Ausschnitte der letzten vier Jahre aus dem Leben der Protagonistin Jeanne Stürmchen, die 2020 mit Fünfundvierzig Jahren an den Folgen einer chronischen Krankheit starb. Der Dritte Roman ist neben den Unstillbaren (unpubliziert) und dem Curriculum (unpubliziert) die dritte unveröffentlichte Arbeit der reiferen, aber immer noch durchgeknallten Möchtegerndichterin Jeanne Stürmchen. Die Qualität von Jeanne Stürmchens Literatur ist nie wirklich beurteilt worden. Der Ausdruck Möchtegerndichterin ist für Jeanne Stürmchen passend. Denn das „möchten“ und also der Wunsch, zu schreiben, war bei Jeanne Stürmchen stärker ausgeprägt, als der Ehrgeiz, einen kreativen und ausschliesslich intuitiven Akt technisch und literarisch zu verarbeiten. War das Schreiben in den jungen Jahren für Jeanne Stürmchen vor allem eine Art Bühne, auf der sie ihre narzisstische Seite spielerisch auslebte und erprobte, entstand später zwischen dem Akt des Schreibens und Jeanne ein komplexeres Abhängigkeitsverhältnis. Mit dem Schreiben verband Jeanne, die zeitlebens wenig Kontakte, aber wenn, dann intensive Kontakte pflegte, ihre ungestillte Sehnsucht nach Normalität und Dauerhaftigkeit. Im dritten und letzten unvollendeten Romanprojekt löst sich Jeanne von ihrem Spiegel, der ihr jetzt nur noch lästig ist, der Wunsch, über sich hinauszuwachsen, wird abgelöst von der Sehnsucht, sich auszulöschen und zu verschwinden. Wie fast alle Kapitel ihres Curriculums ist auch der der Dritte Roman nur auf dem Hintergrund der Lebensumstände respektive eingeschränkten Lebensweise der Autorin Stürmchen durch Myalgische Encephalomyelitis zu lesen. Bei dieser Erkrankung wird der körperliche Stoffwechsel aus unbekannten Gründen über Jahre oder Jahrzehnte auf ein Minimum reduziert, die Organe stellen ihre Arbeit nur noch für den geringsten Lebensbedarf zur Verfügung. Rückwirkend hat Jeanne Stürmchen, die seit dem Zwanzigsten Lebensjahr an dieser Krankheit litt, ihr Leben als einen dauerhaften Abschied auf Raten bezeichnet. Myalgische Encephalomyelitis wird von Experten auch das  Playing-Dead-Syndrom genannt, weil das Funktionsniveau der Betroffenen so niedrig ist, als lägen sie im Sterben. Aber weil sie nicht sterben, und die physisch messbaren Dysfunktionen den Zustand (noch) nicht erklären, könnte man auf die Idee kommen, dass sie ihren Tod nur „vorspielen“. Am Ende des Dritten Romans hat das jahrelange Ausharren auf niedriger physischer Sparflamme das psychische Lebensfeuer in Jeanne Stürmchen getötet. Jeanne Stürmchen überlegt sich Folgendes: Um sterben zu können, muss das  Leben schlimmer sein, als die Vorstellung, die man sich vom Tod macht. Aber warum gibt es keine weitere Dimension, jenseits von Leben und Tod? Warum gibt es nur dieses enge Wechselspiel, in das man hineingeschmissen ist auf immer kleinerem Raum? Die einzig denkbare Alternative zum Leben ist der Tod. Die einzig denkbare Alternative zum Tod ist das Leben. Aber diese beiden Kontrahenten, in so schneller Abfolge und geringer Distanz zueinander, (wie sie bei einer schweren und über Jahre progressiv dahin schleichenden Form meiner Erkrankung auftreten), sich überschlagend, zerrütten irgendwann die Imagination. Und es bräuchte etwas Drittes, NACH dem Tod und NACH dem Leben (der Liebe). Und dieses Dritte ist nicht mehr der Dritte Roman.

Sie haben unseren Baum gefällt. Ich ging dann raus und sammelte so viele Äste auf, wie ich nur konnte. Wie ich mir in den Socken einen Weg durch den dicken Nadelteppich bahnte, merkte ich erst wieder, wie viele unterschiedliche Arme der Baum hatte: uralte, die einem in den Händen zerbröseln, sobald man sie berührt, stämmige, mit Moos bewachsen, Flechten und Misteln. Und darin wie Trauben hängend, Tannzäpfchen jeglichen Alters: hellbraune, noch frisch und verschlossen, überwinterte und mehrjährige, spröd wie dunkelbraunes Laub, solche, mit einer grünen und weissen Schicht überzogen, ein bisschen, wie Verpuppte.

Bin ich nicht auch eine Verpuppte? Ich habe die Äste über meinem Balkon verteilt. Jetzt sieht es dort bereits aus wie Weihnachten, dabei haben wir erst anfangs Oktober. Dieser Winter wird ewig dauern. Noch nie war es so früh nass und dunkel. Dabei sind es doch keine sechs Wochen, da machte ich mit Ildy meinen letzten grösseren Ausflug an die Sonne. Und vorher, im August, strich ich hinten beim Wäldchen gegenüber der Autobahn barfuss den Brombeergestrüppen entlang. Immer noch sind am Strassenrand grosse Schutt- und Dreckhaufen aufgeworfen. Das kommt von der Lärmschutzwand, die sie gebaut haben. Hunden erklimmen die Haufen wie Pyramiden. Komisch, dass ich Ende August beim Spazieren immer wieder an eine Schneeflocke denken musste, barfuss zwischen Brombeergestrüpp und Autobahn. Wie sie sich anfühlt, wenn sie langsam runter schwebt. Wie sie auf meiner Nase, meiner Zunge oder in meinem Auge zerklatscht.

Seit einiger Zeit muss ich immer an Schnee denken. Vielleicht, weil dann die Zeit still steht. Vor etwa fünf Jahren hat es bei den städtischen Reitanlagen in Bern einmal wahnsinnig viel Schnee gegeben. Das war, als ich noch im Breitenrain wohnte, acht Jahre lang und im meinem Leben so gut wie nichts mehr passierte. Sicher, ich hab noch an meinem grossen Schreibtisch gesessen und holte in der Tanke meine Proteinstengel. Nachts bin dann zu den Stallungen hinausgelatscht, manchmal mit, manchmal ohne meine Katzen. Spätestens beim Wankdorfplatz und dem Eisklotz Ibis wollten die Katzen dann nicht mehr weiter und machten kehrt. In dieser Nacht im Januar überraschte mich um Drei Uhr morgens der Schnee. Wirbelnde Schneegirlanden deckten die Infrastruktur innert Minuten zu: die Strassenabzweigungen, Verkehrsschilder, Restaurantlaternen und Sitzbänke … Angefangen hatte alles mit ein paar Schneeflocken. Sie waren mir in den Mund geflohen.

Dies ist der letzte Schnee, an den ich mich erinnern kann. Bis auf den Sechsundzwanzigsten Dezember, ein Jahr später, als ich mit Angelo unter der Bettdecke auf dem Balkon stand. Wenige Wochen nachdem der Schnee den Breitenrain in einen schlafenden Park verwandelt hatte, später, folgte dann der grosse Regen. Bei uns im Tankschiff (so nannte ich unser Haus) hatte es einen Wasserleitungsbruch gegeben, und das Badezimmer im Erdgeschoss bei Hohler stand unter Wasser.  Ich lag damals gerade mit einer atypischen Lungenentzündung in der Stube auf meinem Ausziehsofa und hustete Blut, während die Arbeiter mit ihrem Werkzeugkasten von Früh bis Spät über mich hinweg ins Bad stiegen. Es war ein einziges Hin und Her, acht Stunden lang am Tag! Als sie den Schaden endlich fanden und die Badezimmerwand wieder zumauerten, war es schon Frühling. Nie hatte ich in einem Wohnhaus einen solchen Verschlag vermutet! Ist es nicht komisch, in was für Räumen wir leben?

In den Jahren an der Hildanusstrasse habe ich eigentlich nichts anderes getan, als die Katzen gestreichelt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits viele Tausende, vielleicht Zehntausende Franken für die Verbesserung meiner Gesundheit ausgegeben. Nun war ich ins Fahrwasser zweier Borreliose-Spezialisten geraten. Wann immer mich meine armen tüchtigen Eltern mit dem Auto durch die halbe Schweiz gondelten, sah ich ein wenig etwas vom Land: Schafe auf einem Hügel, Weiler im Aargau, das Motel, in dem meine Mutter vor Jahren Kaffee mit saurer Milch trank. Omar K. aus Zürich hatte bei mir über das DLL (Deutschen Life Labors) grenzwertige Resultate auf Borrelia Garinii entdeckt. Ein Test der mich Tausend Franken gekostet hatte. Und nun wollte Omar K. bei mir eine intravenöse Antibiose mit Hyperthermie starten. Bei einem Kostenpunkt um die Fünftausend, wollte ich mir noch eine Zweitmeinung einholen, dies bei Zeckenpapst Z., ebenfalls in Zürich ansässig. Diese lautete: Das Labor beim DLL sei so fein einstellbar, dass jeder Getestete ein positives Resultat aufweise, auch der, der gar keine Symptome habe. Neben dieser ungehörigen Meinung, fand Zeckenpapst Z. keinerlei Anzeichen einer Borrelienaktivität in meinem Körper. Zumindest wurde eine solche mit seinem standardisierten Schweizer Labor zu Lasten der Krankenkasse nicht nachgewiesen. Omar K. hielt diesen Standardtest für Bullshit und Zeckenpapst Z., für einen alten Arzt, der nichts von chronischen Infektionen wisse und ausgedient habe. Umgekehrt riet mir Zeckenpapst Z. dazu, die intravenöse Antibiose inklusive Hyperthermie seines Kontrahenten Omar. Ks. auszuschlagen. Omar K., war ein Scharlatan, der den reichen Leuten an der Zürcher Goldküste das Geld aus der Tasche zog, in dem er ihnen in einem nobel ausstaffierten Zimmer mit Seeblick Vitaminwasser zur Entgiftung in die Venen pumpte. So gondelten wir also eine Weile hin und her zwischen einem Scharlatan und einem Ausgedienten. Dann aber drohte der Scharlatan: „Entweder Sie machen die Therapie, oder ich gebe Sie auf!“ Und die Gondelei über verstopfte Schweizer Autobahnen nahm ein abruptes Ende. Was meinem alten, nervenschwachen Vater immerhin viel Ärger ersparte.

 

Hat mich Omar K. aufgegeben, weil er glaubte, dass ich sterbe oder weil er mit mir keine Kasse machen konnte? Ich fürchte beides ist der Fall. Denn ich spürte, dass etwas Gravierendes mit mir passierte, sich etwas zuspitzte. Trotzdem versuchte ich weiter zu machen, wie immer. So hockte ich mich fast jeden Tag einmal im Schneidersitz an meinen Schreibtisch, um ein bisschen an meinem Tränencurriculum zu schreiben. Ich muss dazu vielleicht sagen, dass ich immer in dieser Position, mit Beine hoch, geschrieben habe, weil diese Position das Versacken des Blutes in den Beinen verhindert. Im Schreiben habe ich die Positionen bekanntlich gewechselt, habe immer neue Rollen eingenommen, verworfen, ausgelöscht. Gerade auch in den Jahren an der Hildanusstrasse fand ich in Bezug auf meinen Ausdruck keine Haltung. So wurde erst Neununddreissig und fand auch im Schreiben: jetzt muss unbedingt etwas passieren! Dann Vierzig: Ich brauche ganz dringend eine Berührung! Ich konnte nicht die ganze Zeit nur auf der Dachterrasse in meinem roten Klappstuhl sitzen und die Katzen streicheln. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt immerhin seit acht Jahren nicht mehr geliebt. War seit zehn Jahren nicht mehr im Ausgang gewesen und hatte seit vierzehn Jahren das Meer nicht mehr gesehen. Ein Zitat des Schriftstellers Michel Houellbecq wiedergibt meine damalige Situation ziemlich genau: „Ich hatte so wenig gelebt, dass ich glaubte, ich würde nie sterben.“

 

Dann aber passierte es, das Vakuum brach auf: die Lawine konnte mich überrollen! Ich sass gerade mal wieder lange, vielleicht zu lange am Schreibtisch. Da stieg mir auf einmal Gefühl von eisig kaltem Wasser von Bauch her hoch, rasch bis unter den Rippenbogen und weiter bis zum Hals. Es war sage und schreibe, als würde ich in zähflüssiges Pech absinken. Die Mitte meines Leibes gefror mir zu Eis. Ich bekam keine Luft mehr und warf mich mit einem Schrei aufs Ausziehsofa. Seit diesem Moment habe ich nie mehr länger als zehn Minuten aufrecht an einem Tisch gesessen. Ich bin bettlägerig geworden, ohne, dass in meinem Leben gross etwas passiert ist. So gut wie alles, was ich mir für mein Leben vorgestellt hatte, war ausgeblieben. Mit Ausnahme des Schnees, ein Jahr zuvor, vielleicht.

 

In dem Moment, in dem ich wusste, dass es zu spät war, weil mich meine Körperfunktionen endgültig im Stich liessen, passierte etwas mit mir: ich spürte, ich konnte nicht länger diszipliniert leben, nicht mehr gut für mich sorgen. Mit anderen Worten: ich verlor auf einen Schlag Geduld und Nerven! Alles fing damit an, dass ich nebst der Einkaufshilfe über eine Stiftung an der Uni einen männlichen Besuchsdienst anheuerte. Angelo hatte dunkle Pralinen-Augen und schweres schwarzes Lockenhaar. Am sechsundzwanzigsten Dezember Zweitausendundsechzehn machten wir stundenlang Liebe. Ich hatte vergessen, dass ein Mann so zärtlich und unersättlich sein kann. Vereinzelte Schneeflocken tanzten vom Himmel, als wir gemeinsam unter meiner Dauendecke auf den  Balkon hinaus tappten. Ich konnte zwar nicht mehr Stehen, aber was soll’s. Schon am nächsten Tag wollte mein Besuchsdienst wieder vorbei kommen, um da weiterzufahren, wo wir aufgehört hatten. Länger als acht Stunden, länger als einen Tag. Ich wusste nicht, wie erklären. Dass es für mich auch in der Liebe nie, nie einen Tag danach gibt!

 

Mit Angelo fing alles erst richtig an. Mein jahrelanges Purgatorium war zuende. Ich begriff, was ich alles verpasst hatte, nur um mein physisches Gleichgewicht nicht zu gefährden. Doch ich hatte dieses Purgatorium nicht selbst erwählt, nicht freiwillig auf das Leben verzichtet. Aufs Liebemachen mit Angelo folgte mein grösster physischer Zusammenbruch. Bereits ein paar Stunden später brach ich auch psychisch vollkommen zusammen. Ich wollte nicht mehr leben. Jetzt, definitiv. Ich hatte noch einmal die Liebe gelebt. Für läppische acht Stunden! Das war mir nicht genug, hätte ich mir denken können! Lautstark und beinahe abgedroschen kündete ich in meinem spärlichen Umfeld meinen Abgang an. Aber ich hatte nicht mit meinem Umfeld gerechnet. Da passierte nämlich etwas: Zwei Hände packten mich und zerrten mich mit Gewalt aus dem Ausziehsofa, wo ich mit Fieber, Schmerzen und Kotzkübel seit Tagen verelendete. Jemand meiner Angehörigen schrie, während ich an einem Schluck Cola würgte: „Was ist deine Schuld? Was hast du für Fehler gemacht, dass du so dran bist in deinem Leben?“ Dieses Thema hatte ich bereits durch. Schliesslich war ich bereits im Zweitausendundvierzehn unter anderem wegen diesem Punkt auf Marbach gewesen. Nun sollte ich wieder auf Marbach, ja, ich sollte mich konsensbereit und therapiewillig zeigen, ansonsten würde man diese Massnahme unter Zwang einleiten. Oh, diese ewige Wiederkehr! Das ist und war das Leben mit Myalgischer Enzephalomyelitis.

 

Für mich sind Kafkas Alpträume, die er im Prozess ausformulierte, mehrfach wahr geworden: das Ausgeliefertsein und die Teilhabe an einer Realität, die zu grausam ist, als dass sie vom Umfeld geglaubt, ergo man schliesslich komplett geächtet wird. Ich war nun seit mehreren Jahren schon eine Geächtete. Halb liegend, halb sitzend rutschte ich immer tiefer in den Korbstuhl. Ich wollte auch etwas sagen, während die anderen, Therapeuten, Angehörige, über mich, die Entmündigte, hinweg redeten. Ich war immer ein guter Redner in meiner Privatsache gewesen. Auch über Myalgische Enzephalomyelitis besass ich alle nötigen Informationen. Ich brauchte die himmeltraurige Situation nur wieder und wieder abzurufen. Aber das war es nicht, was ich sagen wollte. Mir lag etwas anderes auf der Zunge: „Ich glaube, dass die Liebe die einzige Kraft ist, die mich jetzt, in diesem Zustand, physisch noch stabilisieren kann. Nur die Liebe, und damit meine ich die sinnliche Liebe und die Hingabe kann meinen erkrankten eingefrorenen zellulären Kern noch erreichen. Nicht Ihre Medikamente, und nicht Ihre Therapie! Aber die Liebe ist eine erschütternde Erfahrung, eine Naturgewalt. Und um so etwas zu erleben, bin ich offenbar physisch zu schwach. Normalerweise ist es so, dass ein kranker Mensch gesünder wird, wenn er das tun kann, von dem er weiss, dass es ihm gut tut. Bei meiner Krankheit aber kann ich das, was mich am Leben erhalten würde, nicht tun. Sie verstehen doch, dass unter diesen Umständen mein Sterbewunsch folgerichtig und logisch ist? Nur die Liebe zu einem Mann und die Liebe von einem Mann kann mich noch heilen!“ Ich sagte kein Wort. Erstens, weil ich eben doch schon viel zu viel in solchen Situationen geredet habe, ohne, dass man mir zugehört hätte. Ich war mir irgendwie nun zu schade dafür, so was Schönes und Intimes an Menschen zu verraten, die mich wieder internieren wollten. Abgesehen davon rutschte ich endgültig unter dem Korbstuhl hindurch, klatschte ohnmächtig auf den Boden, und flehte: „Meine Cola, bitte!“

 

Es ist alles ein Irrtum. Mein ganzes Leben. Diese Überzeugung war längst in mein Gehirn gesickert, als ich wieder auf Marbach war, wenige Tage später. Ich war wieder freiwillig da, sollte aber innert Kürze in eine neurologische Reha übersiedeln. Die Wochen verstrichen, und die neurologische Reha hatte immer noch keine Kapazitäten. Später erfuhr ich, dass der Arzt von Marbach die Überweisung tagelang vertrödelt hatte. Als es schliesslich hiess, ich könne mich in der REHA vorstellen gehen, war ich dazu physisch nicht mehr in der Lage. Auch sagte die Leiterin das Ziel der REHA sei in jedem Fall eine Wiederherstellung des vorhergehenden Funktionsniveaus. Ich aber konnte bereits nach zwei Wochen Aufenthalt in diesem überbordenden Reizumfeld der Klapse nur noch knapp zwanzig Meter am Stück gehen. Schaffte es aber nicht mehr, mich zu duschen und regelmässig den Löffel an die Lippen zu heben. „Es ist soweit! Du kannst mich Füttern kommen!“, sprach ich durch den Telefonhörer zu meiner Mutter. Der Telefonhörer musste mir von einer Pflegerin gehalten werden, selbstverständlich war ich auch dazu zu schwach. Diesem Moment, in dem ich meiner Mutter den Fütterungsauftrag erteilte, haftete eine gewisse Situationskomik an. Meine Mutter war so baff, dass ich lachen respektive krächzen musste. Es war ein garstiger Februartag, als ich, eine ehemalige Leichtathletin, noch einmal einen Spaziergang von vierzig Metern ums Areal versuchte und aus meiner rechten Speiseröhre ein Häuflein Spinat empor würgte. Ich hatte bereits seit längerer Zeit die seltsamsten neurologischsten Symptome. Nach dem ich auf Marbach noch die Grippeimpfung machen liess. Danach verbreiteten sich die Parästhesien und Paresen in Windeseile über meinen ganzen Körper. Rechts konnte ich nicht mehr gut schlucken und Spinat blieb mir im Hals stecken. Aber das war nur das Eine: das Leben blieb mir im Hals stecken!

 

Konnte es sein, dass Omar K. doch recht gehabt hatte? Aber dann waren ja alle Patienten mit chronischer Borreliose von einem aussagekräftigen Test in der Schweiz ausgeschlossen und mussten, wie ich, elendlich sterben? Nein. Das konnte nicht sein. Omar K. war ein Scharlatan. Schon nur deshalb, weil er Myalgische Enzephalomyelitis nicht kannte. Ein Infektiologe musste um die Ähnlichkeit der Myalgischen Encephalomyelitis und der chronischen Lyme Borreliose wissen. Aber in Wirklichkeit war es so, dass kein einziger Infektiologe in der Schweiz Myalgische Enzephalomyelitis kannte. Melvin Ramsay hatte den Beweis für ihren infektiösen Charakter erbracht, Younger die Beweise für die Entzündungen im Gehirn und Rückenmark, Naviaux die Beweise für die Unfähigkeit der Zelle, Gluccose zu spalten usw. Trotzdem wurden und werden bis zum heutigen Tag Menschen wie ich, Sterbende, wie Omar K., der Scharlatan, richtig sagte, auch jetzt noch fast ausschliesslich an die Psychiatrie und Psychosomatik delegiert. Die folgende Szene wäre also nicht möglich gewesen, wenn kollektive Gesellschaften und also Politik gut und gerecht agierten, wenn die Politik den Menschen und nicht der Wirtschaft diente. Tut mir leid, wenn ich an dieser Stelle alle Gutmenschen und Gutgläubigen enttäuschen muss: Es gibt vielleicht einen guten Menschen, der gut ist zu einem andern, aus privaten Gründen, aber es gibt keine Gesellschaften, die gut sind zu Menschen!

Halb perplex, schon fast wieder belustigt holten mich die alten müden Eltern von der Irrenanstalt ab. Es war spät abends. Mit zitternden Beinen tappte ich die Treppe hinunter, ging in mein Kinderzimmer und legte mich zum Sterben ins Bett. Ich wusste nicht wie liegen, da meine Arme beim Gegendruck mit der Matratze vor Schwäche zerbröselten. Flammen verbrannten meine Haut. Erstaunt stellte ich fest, dass mein altes Kinderbett bei jeder vorsichtigen Drehung quietschte. Es war mir früher nahe gewesen, hatte sich nun aber in ein zerbrechliches, geschrumpftes Tattergestell verwandelt. Etwa drei Monate dauerte es, bis ich immerhin wieder ausgiebige achthundert Meter gehen und ordentlich Nahrung zu mir nehmen konnte. Meine alten, müden Eltern hatten mich wiederum aufgepäppelt. Ihr Argwohn war zweigeteilt: einerseits ein Unglaube, dass es überhaupt so etwas geben konnte: dass Menschen in der reichen Schweiz, deren Sozialsystem sie so lobten, komplett ohne medizinische Hilfe und Versorgung da standen. Andrerseits ein tiefes Misstrauen gegenüber meiner psychischen Integrität. Grrrrrr! Zurück an der Hildanusstrasse wurde es gerade Mai und ich fand mich in einer Art Déja-Vue auf dem Dach mit meinen Katzen vor. Die Sonne ging unter und hinterliess eine weissgoldene Leere über dem kleinen Berner Himmel. „… Aber es muss nun … es muss nun etwas geschehen! Ich muss nun berührt werden …! Miau! Und es passierte wieder! Mein Leben rollte weiter, rollte mir davon wie ein Ball ….

 

Ein halbes Jahr später, nachdem mich meine Eltern aus Marbach geholt hatten, wo ich indirekt wegen Angelo gelandet war, holten sie mich wieder ab, diesmal wegen Eric. Ich hatte mich in Eric verliebt und kam durch dieses naturgewaltige Ereignis an meinen üblichen physischen Rand. Anders als mit Angelo bestand mit Eric eine Chance, die Liebe könnte länger als acht Stunden dauern, mehr als das: Ich träumte, ehrlich gesagt sogar den seltenen Traum von einer Beziehung! Wegen dieser hypothetischen Möglichkeit war ich völlig durch den Wind. Ich hatte Eric durch Facebook kennengelernt und dann bei whatsapp seine Stimme gehört: ein einziges glänzendes, glucksendes, zärtlich knabenhaftes Samtband. Als er mich besuchte, fand er mich in einer typischen und alltäglichen Situation vor. Ich war krank, hatte zudem Influenza und der Kotzkübel stand unter meinem Bett. Eric war schüchtern, seine Wangen gerötet. Er trug einen Wollpullover, unter dem sich ein kleiner Bauch wölbte. Ich hielt ihn für einen gutmütigen Teddy. Benommen vom Fieber, fiebernd vor Glück griff ich ihn um den Hals und zog ihn auf das zerbrechlich quietschende Kinderbett herab. Ich küsste diese wunderschönen Lippen, Schlingpflanzen mit dem sanft geschwungenen Amorbogen. Mein Mund fühlte sich vor Hitze fast taub an.

 

Und seither ist etwas passiert! Ich habe gelebt, länger, als einen Tag!

Ich habe gewusst, jetzt oder nie! Fast alle meine Habe, die sich in der Wohnung an der Hildanusstrasse über die Jahre angesammelt hat, die Gegenstände vom Hopfenweg auch noch, habe ich entsorgt. Tagelang schleppte ich grosse graue Müllsäcke mit meinem drögen Leben voll, das nun passé war. Stellte Bücher, die ich geliebt hatte, alte Briefe und Fotoalben, gedörrte Geburtstagsrosen, Geschirr und Kleider im Park beim Alpenblick ab. Nicht, dass mir die Gegenstände nichts mehr bedeuteten. Ich wollte einfach ohne nichts, allein mit meiner Liebe zu Eric ziehen. Ich wusste: er war meine letzte und meine zu spät gekommene Liebe! Bestenfalls würde ich innerhalb eines Jahres in Erics Armen sterben! Er selbst hatte mir gesagt, er wolle mir bis dahin folgen. In diesem Zustand, in dem ich bereits über viele, viele Stunden im Bett lag und Symptome aushielt, reiste ich zu Eric. Erics Berührungen haben meinen zellulären Kern erreicht, so wie die Sonne mich immer erreicht hat, zuinnerst.

 

In einem Bild vom letzten Sommer liege ich unter den mächtigen überhängenden Armen des Baumes flach ausgestreckt auf der Wiese und  trinke durch die geflochtenen Ritzen des Sonnenhuts das Sonnenlicht in mich ein. Ich trage den Sonnenhut, den mir Eric geschenkt hat auf dem Gesicht. Ich wohne mit meiner Nase, meinen Augen, meinem Mund quasi im Innern meines Sonnenhutes wie in einer kleinen Höhle, während die überquellende Sonne wie ein Sternenmeer durch die Ritzen seitlich meines Nasenbeins herein platzt. Pfeifende Vögel hüpfen in Scharen im Efeu-Herzen des Baums ein und aus. Ich hab gedacht, ich werde hier ewig bleiben. Ich habe gedacht; nichts kann mir mehr geschehen: Ich wohne in Eric. Mein Schneckenhaus ist zerbrechlich. Aber Eric lässt mich in seinen Armen wohnen wie im Sternenmeer. Eric kost und hegt mein Schneckenhaus. Er wird es nie zerbrechen. Also wird es sogar stärker werden. Ich werde mein Schneckenhaus nicht mehr brauchen?!

Aber habe ich den, in dessen Armen ich mich so wohl und sicher fühlte, denn gekannt? Habe ich die richtigen Massnahmen unternommen, ihn zu erkennen? Mehrere Wochen lang hatte mir Eric jeden Tag kleine Kunstwerke geschickt:  selbstgemalte Bilder, die mich, die Schnecke, und ihn, die Raupe, in liebkosendem Bezug zueinander zeigte. Die Darstellungen waren kindlich und ergreifend, fast bedrängend eindeutig. Ihre Botschaft war so zugänglich und einfach: die Raupe liebte Schnecke! Auf einem Bild, das Eric für mich malte, schlängelt sich eine filigran gezeichnete Schnecke am Schokolade-Jogurtbecher hoch und taucht ihr kleines nacktes Köpfchen in den Jogurt hinein. Über den Schneckenfühlern befinden sich zwei klitzekleine Herzchen. Das Ganze sieht so verzückt, so zärtlich aus, dass ich neulich grosse Mühe hatte, das Bild wegzuwerfen. Eric war ganz anders, als die Art, wie er zeichnete.  Als Raupe war auch er ein Verpuppter …in der Liebe. Ich weiss nicht, in welchen Bildern er wirklich sprach. Ich sprach, soviel ist klar, in Buchstaben, doch damit haute ich voll daneben. Ich möchte darum am liebsten nie mehr sprechen. Nicht über uns, nicht über Eric. Aber wenn ich es nicht tue, dann ersticke ich. Nur soviel:

 

Ich glaube, für Eric war Liebe an Bedingungen geknüpft, und zwar an die Bedingung der Beziehung. Wie man eine Beziehung führt, darüber dachte er nach. Ich aber liebte nur. Aber das war Eric nicht genug. Irgend etwas zwischen mir und Eric kann nicht funktioniert haben, denn immer wieder habe ich gefragt: „Liebst du mich noch?“ Dann habe ich wieder eine Zeichnung bekommen, und die Zeichnung war ein Aufruf an mich, zu vertrauen. Und ich habe es getan, ja doch, aber dann …. Eric und ich hatten immer öfter Streit. Mit wenigen, gestammelten Worten wollte mir Eric sagen, und ich bin mir nicht mal sicher, was. Schon die Tatsache, dass er mit mir und der Art, wie ich Beziehung lebte, nicht zufrieden war, verunsicherte mich zutiefst, ich konnte das nicht verstehen. Was wollte er denn mehr, als von mir geliebt, vergöttert zu werden? Ich wollte ihn nur lieben, aber immer öfter führte er eine Entzweiung herbei und blieb kalt. So begannen unsere Differenzen. Ich fand, dass Eric diese Differenzen nur herbeiführte, weil er mich nicht liebte, nicht in dem Augenblick, in dem er mich kritisierte. Also griff ich mit Buchstaben an und schlug ihn mit Worten. (Wenn schon, denn schon) Doch schon auf dem Höhepunkt des Disputs, sah ich wieder Erics warmen verlorenen Rehaugen, sein kindlich verwirrter Blick und ich wollte sofort mit dem Streit Schluss machen, möglichst sofort nah in Eric hineinschlüpfen. Aber Eric zog sich nach jedem Disput zurück. Die Differenzen, die er selbst anzettelte, bedrohten ihn und entfernten ihn von mir (Vielleicht weil er genau dies anstrebte!). Mich aber bedrohten nicht die Differenzen. Diese waren mir im Prinzip schnuppe. Mich bedrohte die drohende Entzweiung!

Nachdem ich mit den Überresten des Baums auf dem Arm mehrmals vom Haus in den Garten und wieder zurück gegangen bin, habe ich mich ins Bett gelegt. Und bin dort für mehrere Stunden in einer Art Dämmerzustand gelegen. Das passiert mir jetzt oft. Ich schlafe nicht, habe wirre Träume oder halluziniere. Immer wieder fällt die Haustüre hinter meiner Schlafzimmerwand ins Schloss und meine Eingeweide ziehen sich zusammen. Auch jetzt habe ich im Treppenhaus Schritte gehört. Es ist, als würden Schritte mein Gehirn passieren. Ich hielt den Atem an, und versuchte herauszufinden, welcher Schritt Eric gehören könnte. Aber ich fand es nicht heraus. Also wollte ich aufstehen und mein Zimmer verlassen, um die Schritte nicht mehr zu hören. Während ich mir die Ohren zuhielt, ging ich durch den Flur ins Wohnzimmer, in dem ich mich fast nie aufhalte. Eine grosse Unordnung herrschte darin, und ich nahm mir vor, ein wenig aufzuräumen. Da dachte ich wieder an den Baum. Und wie viel sie von ihm geräumt hatten an diesem Nachmittag und warum eigentlich. Die Sache war die: ich hatte hier im Vorort bei Eric gelebt, ich war eingezogen in dieses Haus mit den unisolierten, dünnen Wänden zwischen Fluss und Autobahn, neben Wäldchen und Teerhaufen. Aber Eric war nicht mehr da …

War mein Selbstvertrauen dann doch wieder zu gross gewesen? Ich hatte angefangen zu glauben, es wäre möglich, dass ein Mann eine schwerkranke Frau liebt. Auch wenn sie die meiste Zeit nur da liegt, an seinen Augen hängt, nicht mit ihm an Konzerte geht. Der Zustand der Frau verbessert sich nicht, und die Frau sagt offen und ehrlich: ich werde immer so krank sein, es ist hoffnungslos. Aber in den Momenten, in denen wir uns berühren, leide ich nicht. Vielleicht hat ihm das Angst gemacht. Oder er war doch zu schwach. Aber eigentlich war es ganz anders: Eric kritisierte mich. Was ihm nicht gefiel, nicht behagte, waren nicht die beschwerlichen Umstände, in denen ich lebte. Er kam mit meiner Persönlichkeit nicht klar, fand mich zu frei, zu egoistisch. Ich weiss nicht ….Wenn ich so frei, so egoistisch wäre, hätte ich dann immer gefragt: „Liebst du mich noch?“

Die Augenblicke, in denen mir seine Liebe entzog wurden immer länger, meine Verzweiflung immer grösser. Eines Tages schloss Eric zum ersten Mal die Tür zu seiner Wohnung ab. Besinnungslos vor Angst und Verzweiflung rief ich bei der Dargebotenen Hand an: „Er hat mich ausgeschlossen!“ jaulte ich. Die Frau am Apparat riet mir, mir eine Wärmeflasche zu machen. Am nächsten Tag brachte er mir meinen Ersatzschlüssel zurück. Nach Aussen hin wieder kontrollierter, fragte ich: „Du bringst mir also mein Herz zurück?“ Da wurde er wütend. Ich wollte jetzt mehr wissen, was er fühlte, weil ich glaubte, Liebe könne reden. Liebe wolle sich zeigen, erkennen, wandeln, erkennen! Ich glaubte, Eric würde mir etwas erzählen über seinen Rückzug. Ich glaubte, wir würden nun reden, mit Buchstaben! Verdammte Buchstaben! Endlich anfangen mit konstruktiven Diskussionen! Blödsinn! Liebe redet mit Augen, Lippen, Händen, Gesten! Liebe redet Magie! Das hab ich geglaubt! Das schrie ich! Nicht Denken, nicht Reden ist mein Glaubenssystem!

Eric hatte mich verlassen. Es wurde wieder Frühling, doch ein rauer Wind wehte. Ich schaute aus dem Fenster zum Baum und erinnerte mich an den Sommer. Dieser eine Sommer kam mir vor wie ein Traum. Hell und flirrend wie Elektrizität zuckte er durch meinen Körper. Es war nicht mehr viel Kraft in ihm. Wie damals, nach der Rückreise von Zürich, als mich Scharlatan und Zeckenguru Omar K., aufgegeben hatte, schwand sie jetzt dahin. Ab und zu bäumte ich mich auf. Der Wunsch, am Fluss spazieren zu gehen, war aber doch zu gross. Das Gras säumte den Feldweg hüfthoch, die Hagebutten hingen an dicken Sträuchern über dem Wasser. Am gegenüberliegenden Ufer stand fast immer stocksteif der Reiher. Schwärme kleiner Fische paddelten am Ufer vorbei, auf- oder abwärts im durchsichtigen Wasser. Dann dämmerte es, die letzten Sonnenstrahlen leuchteten mir die letzten Meter des Feldwegs, ehe sie von meiner Sandalette rutschten. Ich sah fliegende Schwäne über die Wasseroberfläche zielen mit Flügelschlägen wie Drachen. Der Fluss spiegelte Bäume, ineinander verschlungen, wie Biotope. Der Himmel seilte sich ab. Minuten verstrichen, vielleicht Stunden. Dann hörte ich ein Plitsch! Ein Steinchen muss von unten aufgestiegen sein. Keine Ahnung.

Ich wollte immer diesen Weg gehen. Ich dachte sogar, ich bleibe dort, allein darum. Aber meistens ging ich dann doch nur an der Lärmschutzwand entlang. Im Prinzip war mir der Weg an der Lärmschutzwand hinter dem Dealerblock, neben den Brombeersträuchern und aufgeworfenen Betonhäufen noch fast lieber, als der heilsame Weg am Fluss.  Den Hundepipiweg an der Autobahn konnte ich immer barfuss gehen. Auch damals, im August, als ich an die Schneeflocke dachte, ging ich ihn ohne Schuhe. Frei und nackt.

 

Ich habe jetzt immer ein Bild vor Augen, in dem es schneit: Ich bin in einem grossen Haus mitten in einem grossen Wald. Ich sitze hinter dem Fenster und spüre wie der Schnee mich und mein grosses Haus ganz langsam einschneit. Ich spüre, wie der steigende Schnee sich an die Wände meines Hauses schmiegt. Ich fühle das leise Rieseln. Und wie die Schneeflocken die Luken, Ritzen und Löcher auffüllen. Mit meinem Haus, den Bäumen versinke ich im Schnee. Ich bin zugeschneit. Aber das ist nicht schlimm. Denn alles ist friedlich. Der Schnee macht warm. Und es gibt keine Lärmschutzwand mehr.

Die Lärmschutzwand ist gewachsen, so wie sein Schweigen gewachsen ist. Wie seine Abwehr. Fast unsichtbar wurde die Mauer höher von Tag zu Tag. Mehrere Tage und Wochen hörte ich das Rattern der Bohrmaschinen. Das Aufspitzen des Betons war stark, hundertmal stärker als damals an der Hildanusstrasse, als sie die Badezimmerwand aufbohrten, auf der Suche nach dem Wasserschaden. Ich konnte die Erschütterungen in den Gelenken meines Bettes verspüren. Zuerst wollte ich, dass sie mit der Lärmschutzwand endlich fertig werden. Dann wünschte ich mir, sie hätten sie nie gebaut. Und dann am Schluss löste ihr Anblick in mir ein tiefes Unbegreifen. Wir sind doch schon alle so verbarrikadiert, brauchen wir diese Lärmschutzwand, um noch mehr Schutz zu haben, wirklich? Wovor? Vögel ziehen doch über die Autobahn hinweg. Sie sind frei, jubilieren! Aber Mitte Mai ist etwas passiert: ich fand einen jungen Vogel im Garten. Er war zu früh aus dem Nest gefallen und stapfte auf unsicheren Beinchen durchs Gras. Ein paar Tage später wehte ein Sturm ein grosses wollenes Nest vom Baum. Ich bückte mich und stolperte  damit durch Brügg. Zusammen mit dem Regen und tränennassen Schreien zerlief mir das Nest aus den Händen.

 

Irgendwann, so gegen Mitternacht bin ich gerädert aufgewacht und habe kurz das Fenster geöffnet. Der Baum lag im Dunkeln. Überrascht habe ich festgestellt, dass es regnet. Nachmittags ist es trocken gewesen und die Sonne hatte knapp durch die Wolken gedrückt. Ich habe mich zu kaputt gefühlt, um noch etwas zu tun, also habe ich mich wieder ins Bett gelegt und mir vorgestellt, es würde leise schneien. Mehrmals habe ich gehört, wie die Haustüre ins Schloss fiel. Es war vermutlich morgen. Ich habe an die Menschen gedacht, die dicht hinter meiner Wand ein und ausgehen. Dass es mir nicht möglich gewesen ist, sie kennenzulernen, hauptsächlich wegen meiner Krankheit. Und weil ich nur Augen für Eric gehabt habe. Wohin sie wohl gehen? Fragte ich mich. Zur Arbeit, Einkaufen oder aufs Sozialamt? Die meisten Zwei-Zimmer-Wohnungen wurden zu zweit oder zu dritt bewohnt, nicht von Deutsch-Sprechenden Leuten. Das Hin und Herlaufen meiner fremden Nachbarn hat mir bewusst gemacht, dass ich gefangen bin und nicht davonlaufen kann. Ich bedauerte jetzt, dass niemand im Haus mich kannte. Ich habe keine Kraft mehr verspürt, auf andere Menschen zuzugehen. Wäre es möglich gewesen, das jemand einen Schritt auf mich zugemacht hätte? Die vielen Tage, in denen ich weinte? Vielleicht hätten ihre Schritte in meinem Ohr jetzt anders getönt. Ich bin dann aufgestanden und auf den Balkon getreten. Es war halb Sechs Uhr morgens und hinter der Lärmschutzwand dröhnte die Autobahn. Ich fand vom Baum ein Ästchen auf der Türschwelle zum Wohnzimmer und hob es auf. Auf einmal habe ich festgestellt, dass sich bei mir innerhalb von eineinhalb Jahren wieder viele Gegenstände angehäuft haben: Lippenstifte, Ohrringe, Bücher, Malstiften, lose Ordnerblätter, eingehockte Teetassen, Kleiderbügel, Einkaufszettel, Tablettenhüllen undsoweiter. Alles lag herum und bildete eine undurchdringliche Entropie. Ich bin in die Küche, habe einen Kehrrichtsack geholt angefangen, wahllos Gegenstände in den Sack zu werfen. Nicht so, wie an der Hildanusstrasse mehr als ein Jahr zuvor. An der Hildanusstrasse, mehr als ein Jahr zuvor, habe ich mit einer riesengrossen Motivation gepackt. Es ist es mir leicht gefallen, alles wegzuräumen, weil ich zum ersten und einzigen Mal ganz genau gewusst habe, was ich brauche und wohin ich gehe in meinem Leben. Ich habe nichts mitnehmen wollen für diesen letzten Abschnitt meines Lebens. Die Gewissheit, das Richtige zu tun, war ein seltenes Gefühl für mich. Endlich durfte ich handeln! Endlich war es passiert!

 

Ich habe im Spiegel über dem Schminktischchen mein Gesicht erblickt. Diesen Spiegel, den ich einmal vor dem Restaurant Eiger in Bern gefunden und nach hause bugsierte, hinunter an den Hopfenweg. Am Hopfenweg konnte ich von Spiegeln noch nicht genug haben, einfach, weil ich mich so gerne bespiegelte. Spiegel machen kleine Räume weiter und heller, sie können wie Augen ein fensterloses Zimmer erhellen. Spiegel können dazu führen, dass man seinen Blick nach Innen wendet, dass man die verschiedenen Perspektiven erkennt. Ich habe fest gestellt, dass ich mich nur noch vage erkenne. Nicht nur, dass ich die Schärfe, mich äusserlich zu beurteilen, verloren habe. Ich konnte mich gar nicht in Ruhe ansehen. Ich war innen drin so betäubt, dass es meine äussere Sicht trübte. Diese Betäubung ist jetzt in mir drin seit dem Moment, als Eric mir den Schlüssel zurück brachte. Es ist jetzt schon fünf Monate her, aber immer noch wird der Schmerz grösser. Ich weiss, es liegt mehr dahinter, es hat schon auf dem Dach des Hildenhauses angefangen: das Gefühl, dass der Schmerz wachsen wird anstelle von mir. Ich hätte grösser sein sollen, schon damals. Aber die Sehnsucht war zu gross! Und ich zu klein! Es stand Fifty to Fifty.  Und ich hab angefangen, all meine Selfies zu löschen, ich schaue nicht mehr in den Spiegel, Weil bei Eric ob ist jetzt eine Andere. Diese muss jetzt gross sein.

 

Ich habe den halbvollen Kehrrichtsack über den Spiegel gehängt und bin zurück ins Schlafzimmer geschlichen. Im Morgenlicht stand der Baum kahl und gestutzt da. Ohne sein Strahlen, ohne die Bedeutung, die ich ihm verlieh durch meine Perspektive, war er jetzt irgendein Baum. Kalt und traurig. Ich verschloss die Fensterläden, doch weil ich die Dunkelheit nicht ertrug, stellte ich den Leuchtpilz meines ehemals Platonischen an. Dann schluckte ich ein Zolpidem und ein weiteres Temesta und hoffte damit, endlich schlafen zu können. Ich wusste allerdings: das ist Illusion. Ich habe seit fünf Wochen nie mehr vor acht Uhr morgens geschlafen. Ich denke immer an Schneeflocken, aber trotzdem: ich schlafe nicht ein.

Irgendwann habe ich bemerkt, dass es zwischen meinen Tagen keine Nächte mehr gibt. Das war an der Hildanusstrasse, nach der Lungenentzündung. Ich legte mich immer später ins Bett, weil die Stunden, die ich benötigte, um zu erwachen, immer länger wurden. Ich brauchte dringend mehr Erholung, also schlief ich immer länger und länger in den Tag, aber die Erholung stellte sich auch dadurch nicht ein. In dem Masse, wie die Krankheit fortschritt, lief mir auch die Zeit davon. Weil ich die Zeit nicht aufhalten konnte, endete mein Tag immer öfter um vier Uhr morgens. Anschliessend hatte ich noch zwischen zwei und fünf Stunden, um in den Schlaf zu finden. Viel zu schnell war es dann wieder Nachmittag, ich erwachte in eine fürchterliche neurosensorische Überempfindlichkeit und musste erneut bis zum Abend warten, bis ich meinen Tag beginnen konnte. Ungefähr vor sechs Wochen hat mein Körper aufgehört, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. Und es kommt mir vor, als hätte mein Gehirn seit 2017, seit die Lawine losbrach, nie wieder geruht. Der letzte, schönste und schrecklichste Tag meines Lebens hat begonnen … und ich kann ihn nicht beschliessen.

 

Der Leuchtpilz wirft kleine kreisende Punkte an die Decke. Für einen kurzen Augenblick glaube ich, diese Punkte sind die Zwischenräume in Erics geflochtenem Sonnenhut, und ich bin wieder daheim im letzten Sommer bei Eric. Ich liege flach ausgestreckt auf der Wiese neben dem uralten Baum und mein Körper hängt im Sternenmeer, ganz schwerelos. Die Sterne, das sind Erics Tausende von Fingerkuppen, glühend heiss und verschmitzt. Das Meer ist das Licht, die geheimnisvolle Energie, die zwischen uns hin und her springt, leise zischt und schaukelt. Ich glaube, ich seufze. Aber in dem Moment passierte etwas Unerwartetes: dieselben Hände, die sich so schützend und sorgsam über mich legten, reissen mir mit Gewalt den Sonnenhut vom Gesicht. Ich blicke auf einen jungen Vogel, der seine Flügel noch nicht hat einsetzen können. Reglos, mit eingefallenen Augen und seltsam verdrehtem Flügel kauert er in Erics Händen. Ein Geräusch vom Treppenhaus lässt mich zusammenfahren. Ich öffne die Augen und schaue zum geschlossenen Fenster. Ein paar helle Linien fallen horizontal durch die Ritzen meines Fensterladens. Es ist das Licht, das durch die Storen fälllt, daheim in meinem Kinderzimmer im Untergeschoss des Hauses. Auf einmal bin ich wieder daheim, in meinem ersten Daheim, in meinem Kinderbett. Der Tag schreckt mich auf, halb angezogen springe ich die Treppe hoch zum mittleren Treppenabsatz, von wo aus ich meinen Vater sehen kann. Im oberen Stock schreitet er gerade pudelnackt durch den Flur. Wie lange mein Vater im Bad verschwindet, um vor dem bevorstehenden langen Bürotag seine Gedärme auszupressen! Aber ich stehe auch immer noch auf dem mittleren Treppenabsatz, dort, wo die Treppe einen Winkel nimmt. Es ist eine Rolltreppe, die rückwärts läuft, oder ich bin es, die einen Jux treibt mit der Rolltreppe, indem ich rückwärts laufe, auf einer Rolltreppe die vorwärts läuft. Auf einmal sacke ich zusammen. Zwei Türen sind kurz hintereinander ins Schloss gefallen. Ich höre Schritte, zuerst schnelle, zackige, dann leise. Meine Mutter kommt mit dem Eigelb-Zuber auf mich zu, bückt sich und sammelt mit ausdruckslosen Augen mein zerfleddertes Erbrochenes auf, das sich in den grünen Teppichbesatz der Stufen nistet. Ich entschuldige mich kleinlaut dafür dass mir mal wieder schlecht war. So lautlos wie möglich gehe ich die Treppe hoch und taste mich am warmen Radiator entlang. Vor dem Schlafzimmer meiner Eltern angekommen, warte ich einige Minuten. Dann klopfe ich. Warte wieder. „Was ist los?“, rufen meine Eltern. Der Türgriffel gibt nach. Frische Nachtluft strömt mir aus dem sperrangelweit geöffneten Fenster des Elternschlafzimmers entgegen. Während ich den gleichmässigen Atemgeräuschen meiner Eltern lausche, betrachte ich den nächtlichen Sternenhimmel. Es sind weisse Sterne, ohne Wärme, kleine, starrende Nadelstiche, in die ich zurück starre. Ich weiss nicht, wie lange ich mich am Fensterbrett meiner Eltern fest halte, wie an einem Bug. Wie viele Jahre. Manchmal rutsche ich in den Spalt, der sich zwischen ihren beiden Betten ergibt. Sie sind nur aneinandergeschoben, manchmal näher, manchmal weiter auseinander. Nun fühle ich, wie jemand auf mich hochspringt. Es ist Hopfi, der Frühstück will. Wieder und wieder stupst er mich hart an. Also streichle ich ihn ein wenig, obschon ich ja eigentlich schlafe. Aber sobald ich aufhöre, Hopfi zu streicheln, und meine Hand das Streicheln vergisst, weil ich wieder in diesen seltsam ruhelosen Schlaf absacke, werde ich wieder hart angeschubst. Da sitze ich plötzlich auf dem Dach an der Hildanusstrasse in meinem kleinen Klappstuhl. Die Sonne ist untergegangen und hinterlässt am kleinen Berner Himmel eine weissgoldene Leere. Ich sehe, wie der Abwart auf mich zu kommt. Wie lange ich meinen Stepp auf der Dachterrasse noch an der Kaminwand stehen lasse. Will er wissen. Sieben Jahre stehe er nun schon dort und löse sich allmählich aus seinem Gummi. Ich zeige dem Abwart meine Hände, die voller Fell und blutiger Hautfetzen sind. „Der Abwart schielt auf die Hautteile und das Blut in meinen Schoss. Er müsse den Treppenhauslift flicken, knurrt er. Wenn ich nicht darin feststecken wolle, sei es dann besser, beim Runtergehen die Treppe zu benützen. Kaum hat er das gesagt, bin ich auch schon im Liftschacht eingesperrt. Der Schacht hat, wie das bei einem Lift üblich ist, gerademal soviel Platz, dass ich als verkrümmte Banane hineinpasse. Links von mir steht der Kotzkübel griffbereit und rechts der Computer. Eine Decke, um mich Zuzudecken fehlt. Ich weiss nicht, wie lange ich im Lift feststecke. Mehrere Jahre sind vergangen, als ich plötzlich ein Gesicht sehe, das von der Decke hinab in den Lift schielt: „Entweder sie machen die Therapie oder sie werden sterben!“ Ich höre mich sagen: „Sie haben mir noch nicht erklärt, warum nicht jeder so schwerkrank wird wie ich, der, wie Sie behaupten übers Schmusen mit seiner Katze mit Borrelien in Kontakt gerät. Können Sie das bitte noch wissenschaftlich erklären?“ Kurz darauf erscheint ein weiteres Gesicht an der Decke: „Schaaaarlataaaan!“, echot es aus seinem aufgesperrten zahnlosen Mund. „Glauben Sie dem nicht! Sie haben leider Pech, Sie haben CFS …ich kann nichts für Sie tun. Lernen Sie damit leben.“ Nun erscheinen drei weitere Gesichter, zwei davon gehören meinen Angehörigen und eines dem Therapeuten: „Und Sie zeigen sich am besten Konsensbereit, weisen sich freiwillig ein … sonst…“ – „Habe Sie sich schon mal darüber Gedanken gemacht, was mit Ganzsein gemeint sein könnte?“, höre ich mich entgegnen. „Es ist die Fähigkeit einer gesunden Zelle, sich zu ernähren und Energie aufzuspalten. Ist dies aus irgendeinem Grund nicht mehr möglich, stürzt alles wie eine Kette aus Dominosteinchen zusammen. Nein, ich brauche Ihre Therapien, ihre Gesundheitsmittelchen nicht. Nur die Liebe erreicht meinen zellulären Kern! Jemand, den ich liebe, ist in meinem Leben erschienen und hat mich berührt, wahrhaftig! Es ist passiert! Doch nur kurz. Dann hat er sich wieder abgedreht. Tonnengewichte und reissen meinen Körper hinab in den höllischen Schacht. Ich bin an meinem Schlüsselbein, meinen Schultern meinen Halsmuskeln und Armen an Drähten befestigt. Es sind dieselben Drähte, an dem auch der Lift befestigt ist. Ein einziges Reissen. Und ich weiss, ich komm da nie mehr hinaus…“ – „Mit dieser Einstellung ist es wirklich am besten, wenn Sie für immer in diesem Lift bleiben.“ Die fünf Gesichter oben an der Decke nicken wie Schafe. Auf einmal sehe ich noch ein sechstes Gesicht, das auch nickt. „Eric!“, flehe ich. „Eric! Gib mir deine Hand! Lass mich nicht los, auch wenn du draussen bist und ich hier drinnen! Lass mich nicht stecken in diesem Lift!“ Ich versuche aufzustehen und mich an den kahlen Liftwänden empor zu hieven. Da sehe ich über den Liftschacht hinweg und dort Eric verschlungen mit einer Frau, nackt und innig tasten sie sich ab. Eric schaut mich kalt an, ohne von der Umarmung loszulassen. „Jeanne geh runter! Geh in deinen Schacht!“, sagt er streng. „Wir wissen, dass du nicht ganz normal tickst.“ Wenig später spüre ich, wie ich von einer Hand unsanft gestossen werde. Ich falle rücklings in den Schacht, der diesmal mit mir ins Erdgeschoss absackt. „Eric!“, rufe ich wieder, diesmal laut heulend. „Eric! Du hast mir gesagt, du gehst …mit mir, so lange, ich es brauche… du hast mir gesagt, du gehst mit mir, auch wenn ich nur noch aus Kopf bestünde, du hast gesagt, das mit mir… ist …für dich etwas Besond …“ Ich breche zusammen. „Wer gibt mir seine Hand? Ich brauche eine Hand! Bitte … Hand ….“

Die Drähte haben mir das Schlüsselbein herausgerissen. Blut spritzt aus meinem Hals heraus. Auf einmal betätigt oben jemand den Lift und ich werde am Hals hochgerissen, bin quasi eine Erhängte im Lift. Oben angekommen drängen sechs Personen in den Lift. Eric und seine Freundin kommen zum Schluss. Und während Eric sich umdreht, um den Liftknopf zu drücken, ertönt und unter seiner Schuhsohle ein Knirschen. Das Schnegglein, das aus dem Schokoladebecher schlürfte ist tot.

Und jetzt? Was soll ich tun? Ich bin noch dort. Und doch nirgendwo mehr. Meine Sachen sind noch dort, die Äste auf meinem Balkon sind noch dort, die Wiese und der Baum sind noch dort, das Sternenmeer, in dem eine Andere liegt, eine Andere ist dort. Ich habe es versucht, es ist passiert. Nun habe ich vielleicht einen Schluss. Diese Bedingungen, zu denen er mich haben wollte, in seinem Beziehungsdenken, hat er mir kaum verraten, so wenig Worte er brauchte. Aber ich hätte sie nie und nimmer erfüllen können. Ich wollte immer nur kuscheln und lieben. Aber als ich feststellte, dass meine blosse Gegenwart ihm nichts mehr bedeutete, wurde ich wütend. Ich fing an zu reden, ich leerte Buchstaben vor ihm aus.  Wie dumm ich war! Ich dachte immer, Liebe könne reden; mit Augen, Gesten, Lippen, Worten. Aber das ist nicht so. Und darum will ich nie mehr reden. Nicht über die Liebe. Aber auch nicht mehr über mein Leben, und schon gar nicht über meine Krankheit. Ich kann nicht mehr reden.

 

Ich weiss nicht, wie und wo ich leben werde. Ob. Diesmal müssten andere für mich entsorgen, räumen. Einen Spiegel bräuchte ich in nicht mitzunehmen. Nicht, wenn ich in ein Pflegeheim gehe, aber auch sonst nirgendwo hin. Vor einiger Zeit habe ich aufgehört, mich zu duschen und umzukleiden, was mich ohne Hilfe immer sehr viel Kraft kostete. Ich möchte noch einmal durch irgendeine Strasse wandeln, so wie Adèle Hugo durch die staubigen Strassen von Barbados wandelte, in ihrem zerrissenen rotgoldenen Glockenrock. Adèle, die Tochter von Hugo, folgt ihrer Liebe, Leutnant Pinson, nach Canada, zuerst. Die bedrängt und belästigt ihn, verkleidet als Mann sucht sie ihn bei seiner Garnison und auf Festen heim. Der bedrängte und verlobte Pinson wird Barbados versetzt, weil ihm eine verzweifelte Frau nachspioniert, hungrig nach seiner Zärtlichkeit, er fürchtet um seinen lupenreinen Ruf. Adèle folgt ihm auf Barbados. Eines Tages  begegnet Adèle Leutnant Pinson in einer schmutzigen Strassenecke. Leutnant Pinson bleibt vor Adèle stehen. Adèle bleibt vor Pinson stehen. Erkennt sie ihn? Erkennt sie ihn nicht mehr? „Adèle!“, stösst Leutnant Pinson hervor. „Adèle!“ Sie schaut durch ihn hindurch. Geht weiter. Zieht den zerrissenen Rock über den Boden nach, wie ein Geschichtslexikon. Was dann mit ihr passierte ist bekannt: Hugo schickt Geld und lässt Adèle nach Guersney zurückbringen. Adèle verbringt mehr als dreissig Jahre interniert.

 

Wenn es nur schneien würde. Wenn es schneit, dann schreitet die Zeit langsamer. Ich will, dass der Schnee die Bilder vergräbt, damit der Schmerz nie wieder aufersteht. Dieser Schmerz, der mich seit einem halben Jahr erwürgt, vielleicht seit vier Jahren. Länger. Wenn es nochmals schneit, dann will ich noch einmal die Schneeflocken spüren auf meiner Haut. Eine Schneeflocke, die mir in den Mund fliegt. Und dann ins Haus gehen, im Wald. Wo es mich leise zuschneit.

Lieber wäre ich selbst die Flocke gewesen, die den Schnee bringt.

Der Dritte Roman ist ein unvollendetes Romanprojekt der Möchtegerndichtern Jeanne Stürmchen. Er beginnt mit dem endgültigen physischen Zusammenbruch Jeannes und ihrem gleichzeitig auftretenden Wunsch, ein letztes Mal die Liebe zu erleben. Jeanne glaubt, dass eine gelungene Liebesbeziehung sie mit ihrem ereignislosen und mühseligen Leben versöhnt. Sie denkt, dass es ihr möglich sein wird, einfacher zu leben (den Anschluss an die Umwelt zu finden) oder aber zu sterben, wenn sie die Liebe noch einmal erlebt. Aber was wie das Paradies anfängt für die blindnaive Jeanne endet in einem Scherbenhaufen. Der anfänglich fürsorgliche Eric wendet sich brutal ab, was bei Jeanne zu einem Schock führt. Liebeskrank und besessen hängt sie dem flüchtig charmanten Künstler nach. Ihn aufgeben bedeutet für Jeanne schlicht: das Leben loslassen. Oh, aber wie schwer das ist, merkt einer, der das Leben loslassen will! Wieder und wieder muss Jeanne die Szenen und Bilder, die sie mit Eric erlebte,  heraufbeschwören! Diese intensiven eineinhalb Jahre mit Eric liegen bereits zurück, doch für Jeanne ist es, als wäre seither keine Zeit vergangen. Im Gegenteil, das Umgekehrte ist der Fall: die kostbare Zeit mit Eric kommt immer noch näher und näher an Jeanne heran, je weiter sie zurück weicht. Die Möchtegernautorin und Erfindern der Protagonistin Jeanne Stürmchen, die kranke Jeanne Stürmchen sagt, dass sie aufgrund ihres langsamen Stoffwechsel, bedingt durch ihre hypometabolische Krankheit, kein normales Zeitgefühl mehr hat. So nennt Eric seine Freundin nicht ohne Grund Schnecke: Jeanne ist langsam, eingekapselt im Sein, sie geniesst tief, immer ihre letzten Minuten, und doch ist sie gefährlich prekär dran, heikel nahe, am Runterfallen. (Herausfallen aus ihrem Schneckenhaus?) Weil Jeanne langsam ist und sich nicht vorwärtsbewegen kann, kann sie Erics Abwendung nicht verarbeiten. Wer meint, Emotion geschehe nicht auf dem Hintergrund von physischen Prozessen, brauche keinen Körper, der sie abfedert und hält, der hat nichts verstanden. Noch bevor sie aufbricht und sich ein letztes Mal ins Abenteuer Leben wirft, weiss Jeanne, dass sie damit ihre letzten körperlichen Reserven verspielen könnte, schliesslich steht es immer Fifty to Fifty.  Und so verliert Jeanne ihre letzten körperlichen Reserven und damit ihre Autonomie. (Was im Dritten Roman nur noch angetönt wird.) Die Möchtegernschriftstellerin Jeanne Stürmchen hat ihre Geschichten immer so nah als möglich an sich selbst entlang geschrieben. Auch „Der Dritte Roman“ ist bloss eine Facette und aus dem Leben der Jeanne Stürmchen. Die Möchtegernschriftstellerin Jeanne Stürmchen findet, dass man das, was man im Leben erfährt, literarisch niemals so festhalten kann, wie es sich in Wirklichkeit und also im Innern abspielt. Verarbeitet wird nur ein Bruchteil. Dieser Bruchteil wiedergibt das Leben gut, im Besten Fall besser und in Teilaspekten genauer als das Leben. Aber er kann eben nicht Alles wiedergeben, sondern nur einen Bruchteil. Über ihr Leben sagt die Möchtegerndichterin Jeanne Stürmchen: es war alles ein Irrtum.

(12.11.2020; aus Glaubenssatz, Romanmanuskript von MJS)

 

Add a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *