Der Dritte Roman (Auszug, Schluss)

Der Dritte Roman ist ein unvollendetes Romanprojekt der Möchtegerndichtern Jeanne Stürmchen. Er beginnt mit dem endgültigen physischen Zusammenbruch Jeannes und ihrem gleichzeitig auftretenden Wunsch, ein letztes Mal die Liebe zu erleben. Jeanne glaubt, dass eine gelungene Liebesbeziehung sie mit ihrem ereignislosen und mühseligen Leben versöhnt. Sie denkt, dass es ihr möglich sein wird, einfacher zu leben (den Anschluss zu finden) oder zu sterben, wenn sie die Liebe noch einmal erlebt. Aber was wie das Paradies anfängt für die blindnaive Jeanne endet in einem Scherbenhaufen. Der anfänglich fürsorgliche Eric wendet sich brutal ab, was bei Jeanne zu einem Schock führt. Liebeskrank und besessen hängt sie dem flüchtig charmanten Künstler nach. Ihn aufgeben bedeutet für Jeanne schlicht: das Leben loslassen. Oh, aber wie schwer das ist, merkt Jeanne am Ende dieses Lebenskripts (das sie teilweise auch selbst geschrieben hat): „Ich will noch einmal die Liebe erleben! Nur das!“ Wieder und wieder muss Jeanne die Szenen und Bilder, die sie mit Eric erlebte, heraufbeschwören! Diese intensiven eineinhalb Jahre mit Eric liegen bereits zurück, doch für Jeanne ist es, als wäre seither keine Zeit vergangen. Im Gegenteil, das Umgekehrte ist der Fall: die kostbare Zeit mit Eric kommt immer noch näher und näher an Jeanne heran, je weiter sie zurück weicht. Die Möchtegernautorin und Erfindern der Protagonistin Jeanne Stürmchen, die kranke Jeanne Stürmchen sagt, dass sie aufgrund ihres langsamen Stoffwechsel, bedingt durch ihre hypometabolische Krankheit, kein normales Zeitgefühl mehr hat. So nennt Eric seine Freundin nicht ohne Grund Schnecke: Jeanne ist langsam, eingekapselt im Sein, sie geniesst tief, immer ihre letzten Minuten, und doch ist sie gefährlich prekär dran, heikel nahe, am Runterfallen. (Herausfallen?) Weil Jeanne langsam ist und sich nicht vorwärtsbewegen kann, kann sie Erics Abwendung nicht verarbeiten. Wer meint, Emotion geschehe nicht auf dem Hintergrund von physischen Prozessen, brauche keinen Körper, der sie abfedert und hält, der hat nichts verstanden. Noch bevor sie aufbricht und sich ein letztes Mal ins Abenteuer Leben wirft, weiss Jeanne, dass sie damit ihre letzten körperlichen Reserven verspielen könnte, schliesslich steht es immer Fifty to Fifty.  Und so verliert Jeanne ihre letzten körperlichen Reserven und damit ihre Autonomie. (Was im Dritten Roman nur noch angetönt wird.) Die Möchtegernschriftstellerin Jeanne Stürmchen hat ihre Geschichten immer so nah als möglich an sich selbst entlang geschrieben. Auch „Der Dritte Roman“ ist bloss eine Facette und aus dem Leben der Jeanne Stürmchen. Die Möchtegernschriftstellerin Jeanne Stürmchen findet, dass man das, was man im Leben erfährt, literarisch niemals so festhalten kann, wie es sich in Wirklichkeit und also im Innern abspielt. Verarbeitet wird nur ein Bruchteil. Dieser Bruchteil wiedergibt das Leben gut, im Besten Fall besser und in Teilaspekten genauer als das Leben. Aber er kann eben nicht Alles wiedergeben, sondern nur einen Bruchteil. Was für ein Alles-Gefühl ist für Jeanne diese Liebe zu Eric! Über ihr Leben sagt die Möchtegerndichterin Jeanne Stürmchen: es war alles ein Irrtum.

2.112020

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