Curriculum Vitae, 2010, Anfang

Curriculum Vitae, 2010

 

Mitte der Siebziger Jahre wurde ich in einem ländlichen Nest, namens Goldiswald geboren. Mein Vater, Hannes Friedrich, ein feinsinniger, technisch hochbegabter Mann, musste als Kind Knickeboxer tragen, meine Mutter, eine träumerische blondschöne Frau, Kutteln essen. Beide, mein Vater und meine Mutter, haben sich mit viel Disziplin hochgearbeitet und es zu einem schönen Einfamilienhaus gebracht, direkt über dem Dorf, auf dem bewaldeten Hügel, Sternwarte Nummer Vier. Als kleines Mädchen habe ich die fetten, würzigen, von der Sonne beschienenen Stämme der Tannen umhalst, wie das feine Hälschen meiner Mutter. Bereits mit fünf Jahren bestieg ich mit Hannes-Friedrich, der auch ein begeisterter Bergsportler und filigraner Militär war, die höchsten Firne der Bündner Berge am Seil. Ich lief barfuss, wie eine Binse im Wind, mit hohlem Kreuz und mächtiger Rücklage und soll noch mit vierzehn die absolute Sprintkönigin, die unschlagbare Florence-Griffith-Joyner des Goldiswäldlis gewesen sein. Aber  lieber als dass ich gerannt bin, habe ich stundenlang gemalt.

Neunzehnhundertzweiundachtzig entwarf ich in der Malecke des Kindergartens innerhalb weniger Wochen eine Sammlung von über Tausend rudimentären Papierköpfen ohne Nasen und Ohren. Diese schleppte ich wöchentlich in prallen Zeichnungsmappen den Hügel auf die Sternwarte hinauf, verteilte sie über den Flur des oberen Stockwerks bis hinunter in den Heizungsraum und in den anschliessenden Luftschutzbunker. Ich spielte mit meinen Papierköpfen im Vorab den Ernstfall Schule, wobei ich abwechselnd in die Rolle des Lehrers, dann in die meine gemalten Lieblingsschüler Jamie Dean, Kim, die Wilde und Anne vom Ponyhof schlüpfte.

„Ich bin der Herbsd. Ich bring den wind. Die Blädder falln ab dem Baum.“ So hiess der erste Satz, den ich dem pinkig verschnörkelten Freundschaftsbuch von Pultnachbarin Elena in der ersten Klasse anvertraute. Des ABC’s knapp habhaft, fertigte ich zwei Jahre später mein erstes und einziges Buch, das ich mit viel Rubber Cement zusammen kleisterte und ebenfalls an Elena gegen einen Stempelabdruck mit den eingravierten Initialen: Dipl. Ing. Oberst H.F. Stürmchen verlieh. Zum Inhalt: Kim, die Wilde, wohnhaft auf einer exotischen Insel mit den prächtigsten Palmen, hat eine heimliche, aber verbotene Freude an Jamie Dean, Tunichtgut und Sohn des unbarmherzigen Inselkönigs. Die beiden Kinder lieben es, den ganzen Tag von den Palmweddeln in die Wellen zu springen, was harte Strafen, wie Hunderte von Schlägen mittels Kokosnüssen nach sich zieht. Da der Inselkönig und Barbar die Verbindung seines Sohnes Jamie Dean mit Kim, der Wilden nicht duldet, begeben sich die beiden Kinder auf eine abenteuerliche Flucht. Teils auf Rollschuhen, teils in einer fliegenden Seifenkiste à Langstrumpf durchkämmen sie wüstenhafte Einöden und von Dornen überzogenes Gestrüpp, ehe Jamie Dean, in einem tief verschneiten Wald Alabaskras, gerade auf dem Höhepunkt vor dem ersten frühkindlichen Kuss mit Kim, der Wilden von einem Bären aufgefressen wird!“ Elena war mit diesem Ende überhaupt nicht zufrieden, doch eine Abwandlung mit Happy-End schlug ich aus, da ich nun einmal fand, die Geschichte sei ohne dramatisches Finale nicht realistisch genug. Das war zeitlich gesehen so um mein neuntes Lebensjahr herum.

Als ich in die Schule kam, also etwa zwei Jahre zuvor, ist dann etwas mit mir passiert. Nicht einfach, zu sagen was, verwechselte ich doch während des Veloparcours auf dem Schulhausplatz noch in der vierten Klasse Rechts die ganze Zeit mit Links. Worauf der mit vielen Abzeichen geschmückte Verkehrspolizist dem Lehrer schnaufend rapportierte: eine einfache Strasse, immer schön geradeaus, das tue es mit grosser Wahrscheinlichkeit zeitlebens für mich. Den Zehnerübergang, den die Zweitklässler mit kleinen, farbigen Holzstäbchen übten, schaffte ich auch in der fünften Klasse noch nicht. Fachpersonal, das herbeigezogen wurde, behauptete, es fehle mir wahrscheinlich an der rechten, logischen Hirnhälfte. Schultechnisch sah das in der Folge etwa so aus, dass ich am Mittwochnachmittag während des Mathematikunterrichts immer etwas früher nach hause gehen durfte. Das lag sicher an der Grosszügigkeit des Mathematiklehrers Tölz. Leidenschaftlicher Vogelzüchter, und Lurchenforscher sowie Gemeindepräsident des Goldiswäldlis, sah er keinen Grund, warum ich nicht auch in der Biologie, der Chemie, dem technischen Zeichnen und mit schliesslich auch der Naturkunde, während der Froschteichausflüge, ein bisschen früher nach hause gehen durfte. Kurzum: in allen Fächern, bis auf den Sport und die Sprachen. Aber darin unterrichtete sowieso James Beck, ein Unglücksrabe von Lehrer, der gerne Theaterregisseur geworden wäre und seinen Beruf jeden Morgen aufs Neue hasste, was er uns Schülern immer wieder lauthals ins Gesicht hinaus sagte. Und wofür ich ihn nicht wenig bewunderte.

Sprachlich waren meine Leistungen übrigens durchzogen. So haben sich meine Eltern, Lydia und Hannes in der dritten Klasse über meine Tagesschau-Imitationen in Kauderwelsch-Englisch-Französisch-Spanisch-Chinesisch jeweils krumm gelacht. „Dad, was heisst kissmmi, tatschmi, gifittumi, schoumiurbadi?“, fragte ich Hannes am Sonntagabend beim Essen manchmal, nachdem ich im Bastelraum vor seinem selbst fabrizierten rauschendem Kofferradio fasziniert der Hitparade gelauscht hatte. Lydia trug den Apfelkuchen auf und stellte vor Hannes Nasenspitze einen Massbecher Schlagsahne wie eine fixfertige Tatsache auf, in die dieser mehrmals den Teigschaber tauchte, ehe es zwischen seinem weiss gesprenkeltem Schnauzer scharf hindurch schoss: „Sie wissen nicht, wie dumm sie noch daher reden wollen!“ Nach dem Essen legte ich dann einen Schirmständer auf den Rücken und pries die Nützlichkeit und Schönheit eines herumstehenden billigen Pantoffels oder Hannes Aktions-Thaiti-Dusch-Packungen, wobei ich erregt in ein Schwingbesen-Mikrofon hinein fabulierte. Die Tagesschau, welche uralte Präsidenten in samtig gediegenen Sesseln zeigte, war eben zu Ende, vorbei tuckerte noch das Luftbild Planet Erde, unterdessen Hannes und Lydia auf dem Sofapolster, weit voneinander sitzend, den Schnaps aus den Wernli Williamsstengeln süffelten  – „Kissmmitatschmigifittumischoaumiaouuuudiiii!

Heute bin ich eigentlich froh, meine Eltern, die beide ernste und schwere Charaktere sind, mit meinen Kauderwelsch-Vorträgen zum Lachen gebracht zu haben. Besonders meinen Vater, der sich über alles und jedes, aber vor allem über die menschliche Dummheit, ziemlich geärgert hat: über die Dummheit des Papstes, die Dummheit der Snobs. Die Dummheit gescheiter dummer Männer in öffentlichen hohen Positionen und Ämtern. Und mehr noch die Dummheit der Frauen, die mit ihrer Gescheitheit den dummen Männern in hohen Positionen mehr und mehr nacheifern oder diese heimlich sogar übertrumpfen! Von Lydia, die gerne gegen den ordinären rationalen Verstand wetterte und sich als Haushälterin eine gefühlsmässige Untastbarkeit bewahrte, ging für Hannes Friedrich mässige Gefahr aus. Während ich gerade in der Schule die dümmsten Antworten immer auf die simpelsten Fragen gab, die gescheiten jedoch fürchtete wie das Weihwasser!

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