Curriculum Inversa, Anfang, 2017

Curriculum Inversa

Haben Sie Lust, eine knappe Mitdreissigerin für zirka vierzehn Stunden pro Woche bei sich einzustellen? Die bisherigen Lebenswege der Bewerberin sind unergründlich, doch im Falle einer Anstellung ergibt das für Sie einen finanziellen Vorteil: die Bewerberin ist nämlich seit gut drei Jahren mit den Diagnosen F.45.0 und F.60. 31 berentet und muss deshalb nur begrenzt entlöhnt werden.

Es erstaunt Sie vielleicht, dass auch eine Rentnerin einer sinnvollen oder zumindest Zeit ausfüllenden Beschäftigung nachgehen möchte. Allerdings beträgt die Invalidität der Rentnerin zweiundsechzig Prozent, woraus sich eine Erwerbspflicht von achtunddreissig ergibt. Ein hochgerechnetes Pensum von vierzig Prozent wird der Rentnerin und Bewerberin also zugemutet!  Ich muss vielleicht dazu sagen, dass diese Bewerberin mit dieser Bewerbung leider um ein paar Jährchen in Verzug ist. Sie wissen ja, wie das geht… man hat einmal dieses Problem, dann jenes… so schnell kommt etwas dazwischen… und die Jährchen fliegen vorbei… Ich glaube aber, dass ich Ihnen jetzt ein paar stichhaltige Informationen zu der Bewerberin, die ja schon teilberentet ist, geben kann.

So zum Beispiel profitieren Sie von einer Anstellung der Bewerberin am ehesten, wenn Sie ihr eine Arbeit bieten, die ich mit Lust verrichten kann. Ich würde die Bewerberin vom Charakter her als eine eigenwillige und vielschichtige Person mit starker Präsenz, aber kläglicher Stamina beschreiben. Was es ihr an Intelligenzquotient und Allgemeinwissen mangelt,  kompensiert sie zum Beispiel mit Selbstreflexion und feiner Menschenkenntnis. Würde ich zu Übertreibungen neigen, könnte ich sagen: Fördern Sie diesen verschlossenen menschlichen Tresor auf eine sensible und unbezahlbare Art, und Sie werden es nicht bereuen! Meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es klappt, kann ich natürlich trotzdem nicht. Erstens bin ich auch nur ein Mensch, und zweitens hat die Bewerberin da ein paar Problemchen unter anderem mit ihrem Körper, bei dem man nun schon seit über dreizehn Jahren nicht mehr weiss, woran man ist. Keiner weiss das, wobei einige ein Wissen darüber vorgeben, ein Wissen, das ich übrigens als rudimentär einstufe, verglichen mit der komplexen körperlichen Situation der Bewerberin. Aber lassen wir das. Falls Sie die Bewerberin vorladen möchten: versuchen Sie besser nicht, ihr Vertrauen billig zu erkaufen, Sie handeln sich dabei nur Unsicherheit und Ungewissheit ein! Gewinnen Sie das Vertrauen der Bewerberin mit Härtnäckigkeit und Geduld, in Ruhe, und Sie gewinnen auch einen Menschen! Natürlich haben Sie es letztlich auf die Produktionskraft der Bewerberin abgesehen. Das dürfen wir nicht ganz vergessen! Meiner Meinung nach können Sie diese bei der Bewerberin jedoch nur anzapfen und gewinnen, wenn Sie die Bewerberin zuerst als Mensch gewinnen! Gelingt Ihnen das nicht, ist sie eher nicht fähig, ihren eigenen Menschen hinter sich zu lassen und sich in den Dienst des Erwerbs zu stellen. Ihr eigenes Menschsein stellt sich ihr dann in den Weg, wenn Sie verstehen, was ich meine!?

Wie oben angedeutet, wurden die Störungen der Bewerberin durch ein Rentenverfahren in zwei separaten Diagnosen psychiatrisch verschlüsselt. Angelegt wurden diese Normvarianten meiner Meinung nach aber wahrscheinlich schon viel früher; und zwar unter anderem in fixen, unumstösslichen Bildern, die sich die Bewerberin bereits als Kind von ihrem Leben machte sowie im Austausch mit der Welt, in der die Bewerberin aufwuchs: „Ich will später einmal etwas Grosses, Ureigenes tun! Etwas, von dem nur ich weiss, wie es geht, so dass mich keiner in meiner Arbeit bewerten kann!“ So die Devise der Bewerberin als Kind. Gleichzeitig verschwendete die Bewerberin als junges Mädchen an ihre berufliche Zukunft, als es soweit war, auch nicht einen einzigen Gedanken zuviel. „Zur Not“, fand die Bewerberin, „…bin ich durchaus auch etwas ohne Beruf oder aber mit einem dummen kleinen Aushilfsjob, allein dadurch, dass ich bin!“

Sie müssen sich das so vorstellen: Sie sind ein kleines, hoch feinfühliges Schulmädchen mit schlechten Schulnoten und null Selbstbewusstsein. Das einzige, womit Sie glänzen, ist Verstocktheit und Dummsein. Immer wieder sagt man Ihnen das, wie dumm Sie sind, und dass nur ein Job im untersten Erwerbssektor, ein dummer kleiner Job also, für Sie zukünftig zur Auswahl steht. Sie, und das ist die Krux, aber glauben, Sie sind einmal dazu berufen, etwas Ureigenes zu tun und eine andere, bessere Arbeit zu verrichten, als einen dummen kleinen Job! Diese fixe Idee haben Sie in Ihrem Jungsein drin! Ja, Sie werden durch diese fixe Idee regelrecht verhext! Und wie das bei fixen, verhexenden Ideen so ist, ziehen diese nach und nach einen Rattenschwanz weiterer fixer Ideen nach sich. (auf die werde ich gleich zu sprechen kommen!) Haben Sie sie verinnerlicht, nennt man das Glaubenssatz.

Die Bewerberin fühlte sich zu einem x-beliebigen Brotjob nicht berufen,  weswegen sie der tiefen Überzeugung war, dass ein Anderer den Job an ihrer Stelle viel besser macht. Es liegt doch auf der Hand, so die damalige Logik der Bewerberin, dass ein Anderer, der sich zu einem x-beliebigen Job schliesslich berufen fühlt, sie, die ihre Berufung in einem x-beliebigen Job nicht erkennen kann, konkurrenzmässig ausschaltet! Der Andere sieht in der Erwerbsarbeit mit grösster Wahrscheinlichkeit den ganzen Sinn seines Lebens, ergo macht er diese Arbeit auch viel besser, als die Bewerberin, in deren Leben es noch etwas Anderes gibt, als nur den Job. (Dabei handelt es sich bei diesem Anderen respektive dieser anderen Arbeit vielleicht nicht einmal um eine Arbeit, genaugenommen respektive vielleicht um eine Tätigkeit, die man gemeinhin nicht als Arbeit einstuft. (Ich weiss nicht, ob ich später noch darauf zu sprechen komme.) Nur: warum soll die Bewerberin, die eine Arbeit, die ein Anderer spielend macht, weil er ihr den ganzen Sinn abgewinnt, überhaupt erst machen? fragt sich die Bewerberin. Wenn diese Arbeit sie, die Bewerberin, ganz abgesehen davon, dass sie sie schlechter macht, erst noch viel zu viel Kraft kostet? So die damalige Logik der Bewerberin respektive ihr Glaubenssatz. Ich bin ja nicht unersetzbar! Die Antwort lautet: weil sie muss!

Wenn Sie dieses Müssen jetzt so transportieren, dass es als einladendes Dürfen daherkommt, würde ich einmal meinen! Erwecken Sie bei der Bewerberin durch eine kluge Taktik den Eindruck, dass Sie ihr eine Arbeit bieten, die sie genauso gut auf freiwilliger Basis verrichten könnte, weil sie unbedingt, unabhängig von jeglicher Entlöhnung, gemacht werden muss. Ich weiss schon, die meisten Arbeitnehmer benötigen einen gewissen Druck, damit sie ihre Arbeit gut und effizient machen! Bei vielen hilft wahrscheinlich sogar ein gehöriger Tritt in den Hintern! Unterlassen Sie diese Massnahme bei der Bewerberin! Sie handeln sich damit nur Ärger ein und erreichen die nötigen Resultate doch nicht! Sie, die Bewerberin, ist nicht fähig, eine Tätigkeit zufriedenstellend zu erledigen, wenn man ihr dabei pedantisch auf die Finger blickt oder sie sogar in den Hintern tritt, damit sie ihre Arbeit noch besser und effizienter macht. Genausowenig sollte man ihr sagen, wenn sie eine Tätigkeit schlecht oder aber, was durchaus gelegentlich der Fall sein kann; gut macht. Dies führt bei der Bewerberin in der Regel nur dazu, dass sie ihre Arbeit, die sie manchmal, unter grosser Anstrengung, durchaus mittelmässig macht, hauptsächlich, schlechter macht, besonders, wenn die allgemeine Erwartung besteht, dass sie ihre Arbeit ansatzweise ganz gut macht. Macht sie ihre Arbeit aber schlecht, was vorkommen kann, streicht man ihr das am besten gar nicht erst unter die Nase. Niemand weiss nämlich so gut wie die Bewerberin selbst, wenn ihre Leistung bei einer Arbeit nicht genügt. Die Bewerberin will es nicht nötig haben, dass man ihre Arbeit bewertet!

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