Curriculum Intentio, 2012, Anfang


Curriculum Intentio

Vor zwanzig Jahren habe ich einmal versucht, eine die ich kenne, von einem folgenschweren Fehler zu bewahren. Sie war damals Vierundzwanzig, war nicht eigentlich ein Mauerblümchen, aber auch keine sogenannte Femme fatale. Aber eine fatale Frau, doch, das war sie, das war sie ganz bestimmt!

Worum es ging? Nun, sie war damals im Begriff, ihren guten, besten und  einzigen Freund zu küssen. Offensichtlich hatte er bereits angebissen wie ein Fisch und war ihren Streichen bereits erlegen, als sie in der Cafeteria der hiesigen Stadtbibliothek ihr Inserat an die Moltowand geklatscht hatte: Zeitungsvorkauer gesucht! Bist du unkonventionell, geduldig, studiert sowie interessiert am Umgang mit einem sympathischen, leicht lernbehinderten Menschen, dann melde dich doch unter:  0337390, Ich bin jetzt reif für die Grundschule!

Vorweg: es gab in der Beziehung zwischen, der, die ich kenne und ihrem Platonischen kein einziges fassbares Drama! Und diese Liebe endete auch nicht in einem Desaster! So gesehen waren alle Vorzeichen für ein endloses Trauerspiel erfüllt, als ich ihr noch ein letztes Mal heftig ins Gewissen rief: „Ich muss dich wirklich bitten: Küsse diesen Mann nicht! Unterlasse diesen Schritt! Ich appelliere an deine Vernunft! Ein einziges Mal! Nicht diesen! Ich will es dir gleich sagen, er gefällt mir! Und er könnte einer für dich sein! So bleich und unscheinbar wie er ist! So bleich und ungefährlich ist er; ich verstehe schon, dass du da nicht minder Lust hast, ihn zu küssen! Dies juckt dich. Aber ich kenne dich. Er ist eine grosse Gefahr für eine heillose und abgrundtiefe Romantikerin, wie du es bist! Du glaubst, dieser Mann, weil er Zeitungen lesen kann, könne auch dich lesen  wie ein Buch! Aber du täuschst dich! Sicher, du könntest diesen Mann machen! Könntest Pech und Schwefel in dieses leere, gutmütige Gefäss von Mann runter lassen, er würde nie aufhören, sich zu bemühen, dich zu lesen. Aber was würde dann aus eurer Freundschaft? Seine Liebe ist tief wie ein Ziehbrunnen, schau! Wie zwei Hybride in einem Staubfaden würdest du mit diesem Mann dann dahin leben! Würdest mit ihm vielleicht achtundzwanzig Tage eine Liebesbeziehung leben, gut ein halbes Jahr die Hälfte einer Liebesbeziehung, drei weitere Jahre eine Viertelsliebesbeziehung, dann eine Bröselbeziehung von einer Liebesbeziehung, schliesslich eine Krümelskrümelliebesbeziehung uswusf. Sag, willst du das? Eine ewige Freundschaft mit einem lieben und guten Mann für einen einzigen zwielichten Kuss opfern?!“

Sie, die ich kenne, schaute mich nur an, von oben bis unten, ehe sie mir auf die Schultern klopfte und ging, um das Unvermeidliche zu tun. Wobei sie noch die Frechheit besass, mir zuzurufen:  „Madame Bedauernswerte, Alte! Eine, die nur die Felidaen liebt, Liebe nur aus Filmen kennt und beim Anblick von Kuhaugen Zärtlichkeit fühlt. Offensichtlich hast du hundert Jahre nicht mehr geküsst!“

Es ist wahr, mein Liebesleben ist nach einem kurzen fulminanten Start so unspektakulär verlaufen wie eine kleine Windverwehung über einer Sandbank. Schade eigentlich, wo ich immer davon überzeugt war, dass die Liebe, und damit meine ich die sinnliche Liebe die einzige Kraft wider den Tod ist. Nun, ich fürchte, ich habe es nicht so gut mit den Menschen gekonnt. Und also konnte ich es auch nicht so gut mit den Männern. Sie, die ich kenne, aber hat wirklich nur so romantisches, rauschhaftes Zeug im Kopf gehabt, jahrelang!

Kaum hat sie das Licht der Welt erblickt, hat sie auch schon die romantische Liebe entdeckt! So muss sie etwa elfjährig gewesen sein, da wurde sie von Bicciclietti-Massimo an die Luft gesetzt, zum Teufel gejagt, weil sie ihm den geforderten Kuss, Schmutz auf die Wange, nicht verpassen konnte, aus Ehrfurcht und Respekt vor der Liebe! Sie hing an Brummbach-Thisli, einem wortkargen, rothaarigen Milchschopf, wie eine immergrüne Frucht, als Lehrer Jimmy-Dean-Beck sie Huckepack nahm wegen einer Bänderzerrung während einer Sommerlagernacht durch funkelnde Glühwürmchen. Vierzehnjährig ist man mit dem Paradies noch halbwegs verbandelt.

Dann aber kam einer und küsste sie weichblond und nahm ihr ihre Unschuld, eine Brechtzigarre in der Hand, fünf Jahre später! Er war langhalsig und hämisch wie ein Schwan, schrieb ihr dreizehn Sonette, die einem Shakespeare in nichts nach standen und hatte einen Sprung. „Willst du mit mir gehen?“, fragte er am Freitagabend voller Schmelz und am Montagmorgen grinste er: „Go away!“ Dann ging er selber, doch im Gehen drehte er sich immer wieder nach ihr um und küsste sie, diesmal schluchzend, von Neuem, während er sie gleichzeitig von sich stiess, drei Tage später, indem er sie noch zärtlicher küsste, usw. Schliesslich riss er sich mit Gewalt von ihr los und liess sie zurück, und blutend, wie auf abgesägten Stümpfen sank sie nieder.

in die Arme eines Frauenverstehers und Gelegenheitskellners von der Grösse eines Jungtännchens, zwar!

Der Frauenversteher war ein Quirl und Lebendigkeitsstich, wie ihn keiner je gesehen. Doch vernachlässigte er sein wirtschaftliches Fortkommen kaltblütig, um Frauen wie sie, die sich bereits mit knapp Zwanzig Jährchen zum Struwwelpeter und Suppentoni runtergeliebt, runtergelitten-, gemagert hatten, in seinem Bootshäuschen zu päppeln und zu mästen. Diese Liebe verschlang sie innert Kürze und verdankte es ihm mit einem Gähnen!

Damit war der Höhepunkt erreicht und die Liebe, dieses klare Glas Wasser,  aufgetrübt wie schlammiger Sand, brach auf in eine donnernde Klaviatur der Unstimmigkeiten und Ambivalenzen!

Sie, die ich kenne war jetzt Vierundzwanzig und stellte in sich fest mehrere Herzen, keines mehr gross genug für den Einen, doch für Diesen und Jenen, für Mehrere gleichzeitig ein Kleines! So sah es in ihrer Brust aus! Doch zitterte sie mächtig! Glaubte sie doch nun fortan, ein Mann müsse eine Frau nicht nur auf Händen tragen, sondern auch lesen und emotional deuten können wie ein Buch. So nannte sie die Jungs jetzt schwärmerisch: „Herren der Schöpfung“ und wünschte sich an ihrer Seite unbedingt einen Arthur Miller, der ihr die Zeitung vorlas und sie bildete, vielleicht sogar heimlich erzog (?!)(Obschon sie nicht die Monroe war!)

Herren der Schöpfung! Stürmchen, bitte laufend nachtragen!, forderte eine ans Kopfende ihres Bettes geheftete Boysliste, genannt „Wehrmachtsbüchlein“, mit dem sie sich selbst dazu aufforderte, diese Sache da mit den Jungs doch bitte nicht zu vernachlässigen! (Auf alle Fälle nicht so zu vernachlässigen wie das Putzen der Wohnung oder die Jobsuche.)

Da gab es zum Beispiel einen hoch aufgeschossenen und ausgemergelten, Adonis-ähnlichen Spross mit blauen Mädchenaugen und einer Vorliebe für Rimbauds Saison en Enfer in diesem Wehrmachtsbüchlein, der ihr gerne möglichst viel Alkoholisches einschenkte. Über diesen verlumpten Spross eines ehemaligen Adelsgeschlechts, der sein Dasein mit dem Verfertigen von Schlössern aus Minibabybell-Käse-Hüllen verbrachte, hiess es in der Liste randbemerkt: kann sein, ich liebe ihn, aber wahrscheinlich ein A… sch. Oder da zirkulierte ein Mannsbild namens Lampert Loop, ein aufgeschwemmter, bejahrter König im Stile von Louis Quatorze, der ihr auf dem Dach seines Hauses, nackt unter seinem weiss flatternden Bademantel ein paar verdrückte Erdbeeren unterbreitete, randbemerkt: höllisch charismatisch und so vulgär, mit grösster Wahrscheinlichkeit ein A… sch. Lampert Loop war ein Unikum, dem es zwischen den Grenzen seines bipolaren Spektrums gelungen war, das Hotel Dubai Beach nach dem Schnitt ihres Krinolinennachthemdes in Pappmaché zu entwerfen. Um ungestört mit ihr zusammen zu sein, baute er zwischen sich und die Etage seiner langjährigen Mäzenin, womit natürlich seine Ehefrau gemeint war—- die weiteren Einzelheiten muss ich hier aussparen, da die Betreffenden noch unter den Lebenden weilen könnten, und ich mir keine Scherereien einhandeln möchte. Übrigens: ein grosses Ehepaar! Ein Mann namens Pflaume, bestangezogener Stein- und Plastikkünstler der Stadt (er besass nur einen einzigen siebzigjährigen Anzug) wurde in der Boysliste als dumpf wie eine alte Schuhsohle und distinguiert wie ein trockener Seeigel bezeichnet, dann aber aus dem Wehrmachtsbüchlein entfernt, nachdem er das Gerücht in der Szenenkneipe gestreut haben soll, dass er beim Verkehr mit ihr eine Harlekin-Maske haben tragen müssen… wahrscheinlich ein A… sch… Liste geschlossen.

Dabei hat sie, die ich kenne, doch kaum oder nur ansatzweise je so etwas schwer in Romantik zu Verkehrendes wie Sexualverkehr mit diesen Männern gehabt hat, damals! Hat sich die Männer doch nur sehr gut an gesehen und versucht herauszufinden, wo sie mit ihren Augen eigentlich hinschauten, wenn sie, grob kursorisch, doch niemals lang genug, tief genug in die ihren schauten. Konnte sie da allenfalls hinab und hinein in diese Männeraugen, wenn nötig auch ohne eine, für eine solche Intimität unerlässliche, will mal sagen, göttliche Berührung? Das war eine schwierige, aber recht rauschhafte Sache, damals, für sie, die ich kenne, so über den Rand dieser mehr oder weniger geschlossenen, verbarrikadierten Männerhüllen hinein zu spähen und sich ihre Berührung, ihr Stücklein Intimität, süss wie Honig, insgeheim einfach zu klauen!

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