Aus meiner „Quarantäne“

Anbei: Ich bin Fünfundvierzig Jahre alt und seit fünf Jahren im Schnitt zweiundzwanzig Stunden bettlägerig. Fuck, wie eindrücklich kann Verblendung sein! Und ein Arzt auch reichlich erfinderisch. Mit knapp Dreissig Jahren zum Beispiel rät mir ein damaliger Hausarzt, ich soll doch ein Kind zeugen. Unzählige zentralnervöse und immunologische Beschwerden deuten bereits auf meine chronische Krankheit hin. Immerhin laufe ich noch mehrmals die Woche von meiner Wohnung durch die Quartierstrasse hinüber zu diesem Arzt. Genaugenommen bin ich so oft Patientin bei ihm, dass ich nicht mal sehe, wie er förmlich ergraut, über all die Jahre. Dieser Arzt, der wie ein treuer Freund und Vater für mich ist, greift also nach seinem Rezeptblock und schreibt „Mutterschaft ins Auge fassen! Drei mal täglich! Weniger an die Symptome denken!“
Haha. Das ist sicher ganz im Sinne des hippokratischen Eids!
Aus der heutigen Sicht ist Weiblichkeit allenfalls ein verschiebbarer Fleischstil. Sorry, das ist keineswegs eine Interpretation von mir. Ich habe das so er-lesen! Aber als Dreissigjährige nehme ich sexistische Bemerkungen noch als Kompliment. Hellsichtig, wie ich bin, weiss ich nämlich genau: etwas Anderes wird es für mich nie geben!
Zum Background: ich bin Ende Zwanzig bereits mit einer ernsthaften Verhaltensstörung berentet. Ok., vielleicht bin ich nur komisch. Aber eine diagnostizierbare Verhaltensstörung ist immerhin Was! Aber sie ist auch ein Stigma: Ein Arzt wirft ab jetzt nur noch einen kurzen Blick in meine Unterlagen, schon wird er vertraulich: dass er lieber Star-Trek-Schauspieler geworden wäre und in St. Tropez eine geräumige Jacht besitzt. Dass ich mich doch mal wieder verlieben soll, statt Symptome zu sammeln, mein Bauch ist tadellos geformt trotz der abgesonderten Winde… wie kommt das? Ja, heia! usw.
Diese Vertraulichkeiten gehen auf meine Kappe, sind sozusagen mein Verdienst. Ich bin loyal, flirty und in falschen Momenten total gutmütig. Ein dreissigjähriges, zwölfjähriges Mädchen, das mitspielt!
Aber jede schöne Zeit geht einmal zu Ende. In meinem Fall ist für dieses Ende eine bessere Bildung verantwortlich. Ich erfahre nämlich, dass die willkürlich angewendete Mähr vom biopsychosozialen Modell meine Symptomatik nicht erklärt. Ich trete aus dem gewollt mittelalterlichen Schatten meiner Unmündigkeit hervor! Genaugenommen ist es sogar die absurd global vernetzte Welt, die mir das Wissen um meine systematische Täuschung ermöglicht.
Nun sorge ich weder in der Praxis des Hausarztes noch Sonstwo mehr für gute Stimmung! Oh, wie schade! Wirklich ein Jammer! Phallozentrische, leistungsverblödete Welt du hast mich verloren! (dies ist nun von mir).
Fünfundvierzig Jahre alt, streng und böse wie das Fräulein Rottenmeier, lege ich meinen blutenden Finger auf die wunde Stelle:
Wie kommt es, dass die Staaten das Playing-Dead-Syndrom missachten und es mit Füssen treten!? Wie kann es sein, dass medizinisch fortschrittliche Länder siebzehn Millionen schwer kranker Menschen in ihrem Schoss verrecken lassen? Das Playing-Dead-Syndrom ist seit über fünfzig Jahren bei der Weltgesundheitsorganisation als neurologische Krankheit abgelegt, es ist historisch und wissenschaftlich dokumentiert, wird durch Infekte oder körperliche Traumata ausgelöst, greift in das Zentralnervensystem ein, führt zu irreversiblen neurologischen Schäden, versetzt den Stoffwechsel zwanzigjähriger Betroffener in einen tot-gleichen Hypometabolismus. Könnt oder wollt ihr verdammten Snobs das nicht sehen?! Warum verzichtet ihr darauf, die Betroffenen nach den internationalen Konsenskritieren zu diagnostizieren, wissenschaftlich korrekt, und verleiht ihnen stattdessen eine mündliche Diagnose mit der Bezeichnung Chronisches Erschöpfungssyndrom, unwissenschaftlich unzulässig, larifari, bagatellisierend?! Seid ihr so blöd oder so fies, ihr verdammten Snobs oder tut ihr nur so?! Wie lange wollte ihr die Unterstützung der internationalen Forschung weiter torpedieren, die gesundheitliche Versorgung der Erkrankten, von denen zirka achtzig Prozent Frauen sind, weiter de… achtzig Prozent Frauen… achtzig Prozent….

HIER MÜSSTE EIN ABSATZ SEIN, TECHNISCH PROBLEM
(habe jetzt die Möglichkeit nach dem „Glaubenssatz“ sprachlich lockerer aufzutreten. Aber ich sehe darin nur noch ein Formlosität…. ja, ich denke: so muss das sein bei einem Zweitwerk: man findet nicht mehr zur Stringenz der Erstarbeit…. warum tue ich es? Ich weiss es nicht…. weiss es nicht…. vielleicht, um nicht den ganzen Tag zu shoppen…. es ist so: ich habe mich beim „Glaubenssatz“ für die Sprache und die Form abgekämpft……. ich habe mich schon fast in Stilistik verloren….. und nun habe ich keinen Bock mehr drauf. Nun will ich vulgär sein und mich der strengen Grenzen inhaltlich und sprachlich nicht mehr achten… ich habe über zehn Jahre versucht, „literarisch“ zu schreiben, im „Glaubenssatz“. Und nun scheisst mich das an. Ich weiss, dass ich nur ein einziges Ohr habe; mein eigenes. Daher erlaube ich mir die Formlosigkeit, die Vulgarität, die grenzenlose Wut….. ich verdichte nicht……ich schenke mir Freiheiten im Ausdruck…. Prosa-Schreiben ist eine Marter, eine Pedanterie…. ich will dem ein Schnippchen schlagen, will frei sein im Prosaschreiben… mein Ohr überlisten…. ich denke, ich werde wieder mit dem Gefühl schreiben…. usw.)
5.6.21

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