Aus meiner „Quarantäne“, das Gespräch mit dem „Engelhändler“

„Schauen Sie, Sie wären ja dumm, wenn Sie Ihr Gesuch auf einer Krankheit aufbauten, für die es keinerlei offizielle Anerkennung gibt! Wenn Sie mit dieser Erkrankung bei uns durchkommen wollen, müssen Sie schon an die Charité reisen und sich dort eine offizielle Diagnose ausstellen lassen.“

Ich habe mit dem Berater von den Engelhändlern telefoniert. Er tönte wirklich wie ein Versicherungsvertreter, ein ausgemachter Hund.

„Die zuständige Abteilung der Charité behandelt nur noch Leute aus ihrem eigenen Bundesland, sie hat Kapazitätenstopp!“, antwortete ich ebenso schnoddrig. Denn so rottenmeierisch man angeschnoddert wird, so schnoddert man zurück.

„Ja, sehen Sie! Diese Diagnose würde Ihnen hier bei uns trotzdem nicht helfen, sie müsste schon aus einem Land stammen, in dem es für diese Krankheit eine offizielle Diagnose gibt!“

Ich kochte. „Und wie müsste diese offizielle Diagnose Ihrer Meinung nach dann aussehen?! Es gibt weltweit etwa fünf Spezialisten, die eine solche Diagnose ausstellen, indem sie die diagnostischen Verfahren bis zu einer gewissen Grenze anwenden und interpretieren können. Mit einer offiziellen Diagnose hat das nichts zu tun, da diese keinen Biomarker ersetzt. Einen solchen gibt es aber nicht! Da die Politik lieber in Fussballstadien und Kampfflugzeuge buttert, als die Erforschung des Immunsystems zu unterstützen! Natürlich wäre es trotzdem möglich, dass jeder Arzt hierzulande eine korrekte Ausschlussdiagnose erstellt, verstehen Sie, die Unterlagen und Dokumente dazu sind da … Hören Sie mir noch zu?!“ –

„Ich habe leider nicht endlos Zeit.“ –

„Der Arzt müsste nur die klinische Anleitung, ein etwa dreissigseitiges Handbuch für Ärzte mit den Symptomen des Patienten abgleichen … er müsste nur ernsthaft seinen Beruf ausüben …“  –

„Davon habe ich noch nie gehört. Dieses Handbuch gibt es hier nicht…“ –

„Wo hier?!“ Ich ging in die Luft! Was sehr ungesund für mich ist.

„Wollen Sie damit etwa behaupten, dass ein Betroffener mit meiner Krankheit keine Sterbehilfe bekommen kann für die Krankheit, an der er tatsächlich leidet, wenn er die falsche Nationalität hat?! Dies im Land, in dem Sie, die Engelhändler, Ihren Sitz haben, was zufälligerweise … zufälligerweise …“, ich rang nach Atem, „mein vr….vr…d….Vater… Vter… L..l…and ist?!“ –

„Im Prinzip haben Sie recht, ja…“ sagte der Engelhändler wichtig. Dieser verdammte, sadistische Wichtsack. Beriet die körperlich Ärmsten, die seelisch Zerrüttetsten als wäre er von einer verdammten Kasse!

„Ha! Und was ist, wenn sich ein Australier oder Amerikaner  mit demselben Gesuch an Sie wendet, was dann, hä!? Gewähren Sie ihm dann die nötige Hilfe?“ –

„Darüber kann ich aus Datenschutzgründen…“ –

„Sagen Sie, haben Sie einem Ausländer, der an derselben Krankheit leidet, wie ich, schon mal zum Sterben verholfen?!“ –

„Je nachdem. Das kann schon sein. Kommt auch auf die Mittel an….“ –

„Achhhhh soooo! Jeetzt! Ich haaabe verstanden!! Die Miittttelll…. Daaaarauf kommt es an! Der Groschen ist gefallen, manchmal bin ich wirklich ein Dummkopf, eine dumme kleine Gans ….bin ich…. Das war ich immer! Wie kann man nur so blöd sein!“

In dem Moment fühlte ich die Imperfektion des Schicksals.

Ausser, dass es mich  kirre machte, konnte ich nichts dazu sagen. Zwischen meiner Ohrmuschel und dem Nokia Lumia hatte sich eine schwammige Hitze gebildet.

„Schauen Sie“, begann der Berater der Sterbefirma wieder, „ich habe keine Zeit, auf dieser Basis mit Ihnen zu diskutieren. Wir führen nur die Gesetze aus, das ist alles. Wenn Sie an einer Krankheit leiden, die rechtlich anerkannt ist, dann können wir Ihnen vielleicht helfen. Und diese Krankheit gibt es bei Ihnen ja, wie aus Ihrem Anmeldeschreiben hervorgeht. Darf ich fragen, ob Sie für die eingetragene Störung eine Invalidenrente beziehen?“ –

„Sie meinen für meine Persönlichkeitsstörung!? Ja.“ Ich konnte nur noch Schnauben.

„Na, sehen Sie! Dann ist ja alles ganz einfach! Diese Schiene müssen Sie dann fahren!“ Der Berater triumphierte. „Darin liegen, wenn überhaupt, Ihre einzigen Chancen, mit einem Gutachten durchzukommen! Es ist völlig unwichtig, was Ihre Beschwerden tatsächlich verursacht. Was zählt ist allein die offizielle Störung, für die Sie Ihre Rente kriegen! Die Diagnose auf dem Papier! Verlangen Sie Einblick in Ihr IV-Gutachten! Sie haben vielleicht Glück, seien Sie froh, haben eine psychiatrische Störung, Schwarzaufweiss. Sowas hat nicht jedermann!“

(8.6.21)

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