Aus meinem Testimony

„Schau mal aus dem Fenster, und sag mir, wie es draussen im Hof bei dir aussieht, damit ich weiss, ob das etwas für Hopfi sein könnte!“ – „Ich stehe so gut wie nie in meiner Wohnung, seit sechs Jahren weiss ich nicht mehr, wie es im Fenster aussieht!“, schrieb Yemina, eine der Verschwundenen, auf die der heutige Awareness-Tag aufmerksam machen sollte. Dieser Tag, den ich oben erwähnte, neigt sich nun dem Ende zu, aber nur rein äusserlich. Denn der Tag eines solchen Verschwundenen hat im Grunde keinen Anfang und kein Ende. Es gibt kein Ausfliegen und keine Heimkehr abends für einen Verschwundenen dieser Art. Niemals, wirklich niemals legt man sich im Dunkeln schlafen. Das Dunkel, das in einem gesunden Körper den Schlafprozess anregt, damit die Erholung stattfinden kann, jede Nacht aufs Neue, ist für diese Art von Verschwundenen kein Vorhang, kein Schutz, sie wachen in der Nacht und wachen am Tag, sie sind wie ein Adler auf seinem Firn, der nicht teilnehmen kann geschweige denn Fliegen. Nur zusehen, wie ein Tag um den andern vergeht, während ihr glanzloses Gefieder lahm am Körper herunterbaumelt, der schwächer und schwächer wird, je länger sie liegen. Jede Nacht, die folgt auf einen ungelebten Tag im Bett, ist eine Niederlage, und jeder Tag, der folgt auf eine schaflose Nacht, gleicht einer Agonie und ist eine Qual.

So bin ich eine Verschwundene, die nicht in sich selbst verschwinden kann, und die  zwei Zeugnisse erbittet hat. Sie setzen voraus, dass jemand davon Kenntnis nimmt, dass ich in irgendeiner Form überhaupt da bin, zuerst einmal. Ich mache darauf aufmerksam, dass wir, dass ich so lebe, und dass es diesen Zustand so gibt. Eines der beiden Zeugnisse wurde durchgewunken. Aber nun ist etwas Komisches passiert; ich habe auf einmal die Motivation verloren, diesen Weg zu beschreiten, er interessiert mich nicht mehr. Dolly würde vielleicht sagen: „Jeanne, das ist nicht filmisch genug, das kannst du bei all deinem Pragmatismus nicht machen!“ – „Du meinst, dass ich deinen Weg gehen soll? So irrational, so blind und gewalttätig handeln? Gibt es denn keinen Mittelweg, eine Aussicht auf einen versöhnlichen Abschluss, der all das Offenstehende und Ungelöste auflösen und frei machen kann?“ – „Für mich nicht!“ – „Ja, für dich nicht, Dolly! Für dich nicht, du verdammter Liebesclochard! Aber schau und höre nochmals, was uns Plath sagt: diese zuversichtliche Woge der Überschwenglichkeit, in der ich dir geschrieben habe, sank, wie Wellen es zu tun pflegen, zu dem Bewusstsein, dass mich weinen lässt, nur dies eine mal: so einen winzigen Bruchteil des Lebens leben wir! Was, wenn die Woge nicht auf immer flach ist, wenn sie noch einmal Anlauf nimmt und du in ihr mitschwingst?“

Dolly sagte, selbst Plath, die in dreissig Jahren fünfmal soviel, so schnell und profund gelebt habe wie sie, Dolly und ich zusammen, habe sich getäuscht. Sie habe sich nur auf diese Woge verlassen und sei von Woge zu Woge getrieben worden, wie in einem reissenden Strom. Und dann, am Ende, habe sie doch erkannt, dass sie diese Woge der Überschwenglichkeit ganz alleine geritten hatte. Und das Ende in der Fitzroy Road, das war diese Welle, die sie trocken zu Boden schlug, die ihren Film, einen der schönsten und lebendigsten, den es gegeben hatte,  beendete. Niemand von all den Feiglingen wagte sich in dieses Schiff, nennen wir es Conqueror, das nach den Gezeiten Plaths sank und stieg …. Jedermann drückte sich vor der Woge Überschwenglichkeit, an der Plath sich dann erstickte …“

(9.6.22)

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