Aus „der Dritte Roman“

Es wurde wieder Frühling, doch ein rauer Wind wehte. Ich schaute aus dem Fenster zum Baum und erinnerte mich an den Sommer. Dieser eine Sommer kam mir vor wie ein Traum. Hell und flirrend wie Elektrizität zuckte er durch meinen Körper. Es war nicht mehr viel Kraft in ihm. Wie damals, nach der Rückreise von Zürich, als mich Scharlatan und Zeckenguru Omar K., aufgegeben hatte, schwand sie jetzt dahin. Die Lust, am Fluss zu gehen, war doch zu gross. Das Gras säumte den Feldweg hüfthoch, die  Hagebutten hingen an dicken Sträuchern über dem Wasser. Am gegenüberliegenden Ufer stand fast immer stocksteif der Reiher. Schwärme kleiner Fische paddelten am Ufer vorbei, auf- oder abwärts im durchsichtigen Wasser. Dann dämmerte es, die letzten Sonnenstrahlen leuchteten mir die letzten Metern den Feldweg, ehe sie von meiner Sandalette rutschten. Ich sah fliegende Schwäne über die Wasseroberfläche zielen mit Flügelschlägen wie Drachen. Der Fluss spiegelte Bäume, ineinander verschlungen, wie Biotope. Der Himmel seilte sich ab. Minuten verstrichen, vielleicht Stunden. Dann hörte ich ein Plitsch! Ein Steinchen muss von unten aufgestiegen sein. Keine Ahnung.

Ich wollte immer diesen Weg gehen. Ich dachte sogar, ich bleibe dort, allein darum. Aber meistens ging ich dann doch nur an der Lärmschutzwand entlang. Im Prinzip war mir der Weg an der Lärmschutzwand hinter dem Dealerblock, neben den Brombeersträuchern und aufgeworfenen Betonhäufen noch fast lieber, als der heilsame Weg am Fluss.  Den Hundepipiweg an der Autobahn konnte ich immer barfuss gehen. Auch damals, im August, als ich an die Schneeflocke dachte, ging ich ihn ohne Schuhe. Frei und nackt.

Es ist komisch, aber seither habe ich nicht aufgehört, an Schnee zu denken. Ich habe ein Bild vor Augen, in dem es schneit: Ich bin in einem grossen Haus mitten in einem grossen Wald. Ich sitze hinter dem Fenster und spüre wie der Schnee mich und mein grosses Haus ganz langsam einschneit. Ich spüre, wie der steigende Schnee sich an die Wände meines Hauses schmiegt. Ich fühle das leise Rieseln. Und wie die Schneeflocken die Luken, Ritzen und Löcher auffüllen. Mit meinem Haus, den Bäumen versinke ich im Schnee. Ich bin zugeschneit. Aber das ist nicht schlimm. Denn alles ist friedlich. Der Schnee macht warm. Und es gibt keine Lärmschutzwand mehr.

(4.11.2020)

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