An den Spiegel

 

 

 

Zuerst habe ich dich überschätzt. Ein mit Pickeln übersäter kleiner Zwerg, greinte ich dich an. Offensichtlich hatte ich schon ein Bild von dir! Aber wer äusserlich auf eine Kraterlandschaft trifft, der sucht vielleicht nach einem schöneren Bild in sich selbst!

Dann kamen diese Jahre, in denen du mir schmeicheltest! Oh Wunder: da war viel glatte Haut, ein tadelloser Nabel, knabenhafter Po- schöne S-Linie, alles straff! Und glaub mir: Ich hab mir alles genau angeschaut, hab es tagtäglich in die kleinste Einheit aufgelöst und seziert! Meine Idee war: dass sich mein Inneres: dieses seltsame, chaotische Fluten, vollkommen durch meine äussere Erscheinung ausdrückt. Meine Augen ein Spiegel in deinem Spiegel! Ein Tor, mehrperspektivisch, das wollte ich sein! Wenn ich der Spiegel für andere war!

Aber dies war nicht der Fall! In dem Moment nämlich, in dem ich mein Inneres von Aussen sah, und also mit den Augen anderer mich sehen wollte, baute sich mein Äusseres zu einer Mauer auf, ein Bollwerk aus unzähligen hoch aufgelösten Pixeln! An diesen gab es irgendwie kein Vorbeikommen, auch wenn ich meine Augen, das Tor zu meinem inneren Fluten noch so stark mit Kajal ummalte … so fühlte es sich für mich an!

Du Schillernder!

Nun ist eine Zeit angebrochen, wo es keinen Sinn mehr macht, dich anzugreinen. Meine Arme sind kleine Ferkel geworden, mein tadelloser Nabel zieht eine Schnute und die Haut wölbt sich wie Wellblech. Nie mehr wird es eine Übereinstimmung geben zwischen meiner äusseren Erscheinung und dieser „Landschaft“ in mir drinnen. Am besten ist es, wenn ich mich ganz von dir trenne und dich für die restlichen Jahre verfluche.

Was ich bin, hast du mir nie gezeigt.

(10.9.18)

 

 

 

 

 

 

 

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