Shadows of an absent Body

‚What does it mean to mourn when those who are lost cannot be fully reconstituted in our thought or image?’, fragt Judith Butler in einem Essay zu den Werken der kolumbianischen Künstlerin Doris Salcedo. Der Titel der Ausstellung heisst «Shadows of an absent Body», und es geht um den Umgang mit dem Verlust und der Trauer. Wie trauert man als Gesellschaft, da, wo man persönlich vielleicht nicht involviert ist oder sich über die immense Zahl von Verlusten keine Vorstellung machen kann, sei es im Falle von Massensterben oder Krieg, wenn den Verlusten das Recht auf ein soziales Leben und somit auf eine Betrauerbarkeit im Vorneherein abgesprochen worden – Migranten, die im Mittelmeer ertrinken, beispielsweise – oder da, wo Menschen quasi von einem Tag auf den andern verschwinden, indem sie durch den Staat Verschwinden gelassen werden, wie das mit den Desaparecidos in Lateinamerika geschah und noch immer geschieht. Man versucht die Verluste zu zählen, zumindest, jene, die zählen und die Bedingungen der Trauerbarkeit erfüllen. Aber wie, fragt Butler, kann man die Verluste nicht nur zählen, (to count), sondern auch wichtig macht (to make them countable)? Und wie stellt man einen Verlust in einer materiellen Welt dar? Sie trauert nicht, heisst es über eine südamerikanische Angehörige eines Verschwinden gelassenen, während ihr die Tränen über das Gesicht laufen, weil ihr das Recht, zu trauern noch nicht gewährt wurde. Sie braucht einen Beweis für diesen Tod, den Schmutz, die Asche, den Ärmel des Mantels, Überreste des Körpers, sonst kann sie nicht trauern. Trauern ist ein Prozess, der sich in verschiedenen Stufen vollzieht, von der Realitätsverweigerung, bis zum Moment, in dem der Verlust in die Psyche integriert wird, was nur geht, wenn zu aller erst anerkannt wird, dass der Verlust überhaupt stattgefunden hat. Aber wie verhält es sich mit einem Verlust, der nirgendwo registriert ist, der geleugnet oder zensiert wird? Wie kann jemand als verloren, als trauerwürdig gelten, wenn er nicht zuerst in irgendeinem Medium als verloren registriert wird? Wenn die öffentlichen und rechtlichen Aufzeichnungen eines Verlusts nicht registriert werden, oder wenn das Vergessen zur staatlichen Politik wird, an welche Medien muss man sich dann wenden, um die Aufgabe des Trauerns zu übernehmen? Könnte es eine Norm geben, die die gleiche Trauerwürdigkeit für alle Leben festlegt? Fragt Butler und räumt ein: keine Berechnung, kein Zählen wird jemals Gerechtigkeit hervorbringen. Gerechtigkeit und Trauer sind zwei völlig verschiedene Dinge. Aber was die Trauer betrifft, so könnte es zumindest eine performative Dimension der öffentlichen Trauer geben, und diese müsste aktiviert werden. Dies versucht Salcedo (auf die sich Butler bezieht) mit Stühlen ohne Lehnen, einem Kleidungsstück, das mit Tausenden von Nadeln bedeckt ist (die Reproduktionen von Markierungen, die zu klein sind, um gezählt zu werden), einem Teppich aus verwobenen Rosenblättern oder einer Bluse, die mit einem Nagel an der weissen, leeren Wand befestigt usw., All diese Objekte stehen für den Körper und seine Abwesenheit,  seine Betrauerbarkeit und seine Unbetrauerbarkeit, für eine Dichte ohne Raum, wie auch für eine Masse ohne Atem, für das Instrument und die Fortsetzung der Zerstörung usw. sowie für die lebendige Wirkung des Verschwindens in einem leeren unbewohnbaren Raum selbst,  in diesem Fall das Museum. Nimmt der Besucher der Ausstellung die Spur der Geschichte auf, während er sich durch den Raum bewegt? Oder bewegt er sich etwas schneller als beabsichtigt und vergisst, was er sieht, sobald er den Raum verlässt, im sicheren Gefühl, dass er der Lebende und Trauernde ist? (Oder meint Bulter hier: der Betrauerbare?/ The grievable one?) Was bewegt ihn, während er sich bewegt und was lässt ihn innehalten, wenn er innehält? Are we registering what we see as we move or are we moving through a bit more quickly than we intended, forgetting what we see as we leave the room behind, secure in our sense that we are the living and implicitly the grievable ones? (!) What moves through us as we move and what stills us when we stopp?’ Nichts hält den Besucher schliesslich in diesem Raum, er kann jederzeit hinausgehen!

(Auf seinen Füssen)! Ich war nicht dort, mit meinen Füssen, ich bin kein geschichtlicher Zeuge der Geschehnisse noch der Objekte, aber beim Lesen von Butlers Texts zu Salcedos Installationen (ich sah nur einige Fotos davon bei Femquista) musste ich an die Schuhe denken, die wir, die Betroffenen einer unsichtbaren und faktisch immer noch teilweise negierten Krankheit seit bald zehn Jahren in die Welt hinaus verschicken, damit sie auf irgend einem internationalen Platz, im Gras, vor einem politisch wichtigen Gebäude usw. für unsere Sichtbarkeit protestieren. Die Schuhe stellen unsere Körper dar, die selbst nicht vor Ort sein können. Sie stehen für unsere Anwesenheit und unsere Abwesenheit gleichzeitig, für die besondere Art unseres Verschwindens; wir schweben dazwischen, wir sind noch da, noch nicht tot, aber die meisten von uns und zumindest ein Grossteil, verbringt ein Leben ohne jegliche soziale Teilhabe. Die Erkenntnisse zu den pathologischen Fehlverläufen in unseren Körpern sind mehr geworden – man weiss jetzt, dass sie den Energiemetabolismus, das Blut respektive die Blutblättchen sowie natürlich das Immunsystem und das Gehirn respektive die Immunzellen im Gehirn betteffen – aber einen Biomarker gibt es nicht. Und weil es keinen Biomarker gibt, kann keine Diagnostik gemacht werden, und keine Diagnostik gemacht werden, kann, weil die Forschung nach wie vor hinterhält und teilweise auf Eis liegt, auch nach so vielen Jahren, und obwohl durch Long Covid auch unzählige Kinder dazugekommen sind. Wieviele sind es? Es gibt keine Datenerfassung, solange ME/CFS und ihre postinfektiösen Vorstufen nicht offiziell anerkannt werden. Nicht als biopsychosoziale Syndrome anerkannt, aber als komplexe multisystemische Erkrankungen des Nervensystems. Solange dies nicht geschieht, offiziell geschieht, bleiben die Betroffenen in diesem Zwischenraum, Schwebende zwischen der Anwesenheit und der Abwesenheit, nicht Betrauerbare, sie können nur sukzessive vergessen werden, und aus dem Gedächtnis derer verschwinden, die vor Ort sind, weil sie vor Ort sein können, aber den Weg zu denen, die an einem andern Ort sind, finden sie in der Regel nicht.

Den Weg zu mir finden sie nicht. Er ist ihnen mit zu viel Aufwänden verbunden, denn er geht über diesen Körper. Diese Masse an Dichte, dieses ‘Allgemeingut’ und dieser ‘Verriss’, den sie züchtigen, heiligen,  dem sie eine Wucherung bestrahlen oder ein Bein operieren, um ihn zurück ins Leben zu holen, weil der Schaden lokalisier ist, und von dem sie reden, als würden sie ihn kennen, als wäre er jedermanns Nächster….! Das bringt mich wieder zur Materie und jetzt auch zur Symbolik: Man kann immer da eingreifen, wo das rudimentäre Instrument hingelangt, aber nicht so gut da, wo ein Unfall oder Fehler die ganze Software umschreibt, ihre Zusammenhänge scheinbar auseinander schneidet, ihre Ursachen und Auslöser verwischt. Stehe ich also zu meinem Körper wie ein Mensch zu einem Donnerschlag? Stehe ich zu Leben und Tod wie ein Mensch im Barock zum Gewitter gestanden haben muss? Sagen wir, mein Körper ist dieser dunkle, abwegige und autarke Ort, der auf den üblichen Karten nicht vor kommt, sagen wir, er ist dieses Strampeln an Ketten, dieses regelmässige Hängen am Strick, aber die Möglichkeit, dass er eines Tages doch wieder auftaucht, lässt mich nicht aufhören, zu hoffen!? Ist es daneben, wenn ich diese Situation wenigstens bis zu einem Grad mit derjenigen der Verschwundengelassenen vergleiche? Die Angehörigen und Bekannten können nicht aufhören,  nach ihnen zu suchen. Sie suchen eigenhändig, mit der Schaufel nach ihnen, verfolgen die Spuren, manchmal jahrzehntelang. Sicher, die Chance, dass sie diese noch lebend finden, ist sehr klein,  vielleicht, weil viele unter ihnen zeitlebens schon Unregistrierte waren – ein kleiner Ausfallschritt und sie wurden zu kleinen Räubern – nachträglich legen sie Datenbanken von den Verschwundenen an. Sie suchen nach ihnen, sie können nicht aufhören, zu hoffen, dass sie diese in irgendeiner Form noch finden. Denn offiziell für tot erklärt wurden die Verschwundenen nie.  Unterschlagen wurde und wird die Art und Weise, wie Menschen und Menschengruppen verschwinden. Das ist ein aufgeschobener Zustand. Das ist ein Vakuum auf Lebenszeit.  ‘But if a life is no life to begin with or if life loses it’s right to life by virtue of being demeaned or dismissed or being considered as socially dead from the start, the negation of that life precedes it’s loss of life’.
(Shadows of an absent Body, Judith Butler/Doris Salcedo, 2017, möglich, dass ich diese Sätze in mein Kapitel „Vom Verschwinden“ integriere. Ich müsste dann allerdings die Zitate umformulieren, in meine eigene Sprache.)



(Fotos von mir)

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