3004_Diary_der Zenit ist vorüber

Ich lebe nun schwammig, ich schwimme vor mich hin. Die Zeit der konzisen Sätze ist vorbei.

Ein Zenit, der keiner war.

Schreiben als Leidenschaft, als Obession stahl mir meine physische und nervliche Substanz, aber gleichzeitig-

und das ist das Fatale- fand ich meine Substanz, meine Lebendigkeit in diesem Akt des Schreibens.

 

Das Leben ist sehr, sehr fade; wenn man nicht mehr bereit ist, in sich hinein zu bluten.

Wenn man kein vorgegebenes Spiel in Aussicht hat, an dem man sich beteiligen kann.

Wenn es diesen Plan B nicht gibt, wie Rimbaud ihn mit Zwanzig einschlug.

 

Was könnte ich nun noch jagen?

Was könnte meine Motivation sein?

Was mich an Welt (ungeimpft) einliess, war der Supermarkt, das Strassenkafé, ein Pendlerzug…..

…. von daher kenne ich noch die Welt……..

…..näher kam ich nicht ran. Nicht an eine Substanz im inneren Aussen.

 

Gemeinschaften waren für mich unerreichbar. Institutionen waren wie Säulen und Pfähler, die ich umgehen,

überklettern musste, wollte ich einen Tag mit einer menschlichen Berührung beschliessen.

Dies machte mich in den mittleren Jahren sehr krank; diese elende Kälte.

Wäre ich ein Junkie geworden, hätte ich ev. diese Art lose Verbrüderung mit anderen Menschen gefunden,

beim Stoff beschaffen bei Minus zehn Grad am Bahnhof, vielleicht.

 

Aber was gab es sonst noch für Modelle? Nur dieses Bürgerliche. Dieses Verklemmte. Dieses Abgewürgte.

Wäre ich vielleicht einer Randgruppe angehörig, in der Menschen um ihre sexuelle Identität ringen,

hätte ich vielleicht eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe gefunden, wer weiss.

In einer „Gemeinschaft, in der Menschen nichts zu verlieren haben“, behaupte ich mal.

 

Nun liege ich schon so viele Jahre abgeschirmt, dass meine Urteile über die Aussenwelt nur noch

aus Vorurteilen bestehen können, meine Urteile über mich selbst starr sind. Starr, wie mein „Glaubenssatz“,

mit dem es kein Zurück und kein Vor- mehr gibt.

 

Das Leben: eine Reihe von kleinen Explosionen, gefolgt von immer länger andauerenden Implosionen.

Es ist die Hölle, eine künstlerische Arbeit nicht beenden zu können, von der man glaubte, dass sie einen

irgendwo an ein Ziel bringt. Es ist ein Gefühl tiefer Unvollkommenheit, ein Ziel loszulassen, an das man

sich klammerte, wie an einen Gottesersatz. Und dann erkennt: Irrtum.

! Wie ein Schuh, mit vielen kleinen Kieselsteinen drin! Drückt das.

 

Ich habe in der Zeit der „Helle“ und damit meine ich, diesen kurzen Sommer zweimal einen Ausflug aus meinen

vier Wänden gemacht. Ich sah dabei zum Beispiel, dass sich die Bahnsteige verändert haben.

Als ich in meinem Heimatort aus dem Zug stieg, geschah dies auf der falschen Seite des Perrons!

 

Wer gibt mir ein praktisches Ziel, das ich als Organismus ohne einsatzfähige Muskeln und mit leerem Neurotransmitterstatus

erreichen kann? In ununterbrochenem neuroinflammatorischem Fieber?

Wer gibt mir eine gerechtfertigte Euphorie im bald dreissigsten Jahr meiner Hypermenhorroe, meines

Ausfliessens und wochenlangen Wartens…… ?

 

Tätig sein, etwas Anreissen! Der Alptraum von der Funktionalität über Alles wird zum Traum……

…. arbeiten…. einfach nur arbeiten. Und einmal bei der Arbeit tot umfallen.

 

Ich sah, dass die Kulisse meines Heimatdorfs nun zu einem Erinnerungsbild geworden ist. Obschon der kleine

Kiosk längst zu einem Aperto umgewandelt wurde, starrte ich einen Augenblick lang auf das Kioskhäuschen

mit der Auslage von Zigarettenkaugummis, Batzokas, Göggifröschen und Bravoheftli.

Ich bin zu langsam geworden für die Gegenwart. Ich schlüpfe zurück so früh schon in etwas Bleibendes,

Gewesenes, das sich nicht mehr bewegt.

(9.10.21)

 

 

 

 

 

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