2022_Ich weiss, warum Nietzsche weinte

Als Nietzsche begriff, was für einen feinen Übermenschen

er erschaffen hatte,  fiel er dem Pferd um den Hals und weinte.

In einem Moment der herein brechenden Krankheit und Schwäche

sah er das kommende Jahrhundert in einem grellen Halo 

über dem Marktplatz aufblitzen und wollte noch rufen: Irrtum!

So habe ich es nicht gemeint! Doch es war schon zu spät.

Nietzsche hing am Hals der Pferdes, das ihn mit der Zartheit seiner

Nüstern sanft anstiess. Geduldig und gut im Geschirr, stand

es da und wartete auf das Vorüberziehen der menschlichen

Krise. Es wusste nicht, dass Nietzsche im glotzenden Auge

seines sturen, geduldigen Blicks zum letzten Mal die Güte

des zu Ende gehenden Jahrhundert erblickte. Und dass

dieser unschuldige Blick es war, der den weichen Kerl mit den

hochtrabenden Visionen mit einem mal niederstreckte

und zu brachte. Nietzsche wusste, dass das Pferd nicht

wusste, was er, Nietzsche wusste; nämlich, dass das

 Pferd ihn in seinem Innersten traf, warum wusste er selbst nicht. —–

Aber ich weiss, dass das Pferd ihn nicht im Innersten getroffen hätte,

wenn er gewusst hätte, dass das Pferd gewusst hätte, warum

Nietzsche dem Pferd um den Hals fiel und weinte. Wusste

das Pferd, warum Nietzsche weinte? Ich weiss nicht, nein ….

 Nietzsche weinte, weil er im Pferd das Mitgefühl* für den

Menschen erblickte, das er in seinen Plänen für die kommende

Menschheit vergessen hatte, weswegen er die Verantwortung

für das kommende Jahrhundert auf seinen schmächtigen

Schultern nicht mehr tragen konnte und dieses

darum quasi ins Wasser fiel.

     Irgendwie so.

*(hatte an dieser Stelle zwischen Mitgefühl und Mitleid geschwankt, dies, obschon es zwei so unterschiedliche Dinge sind. Vielleicht rührt meine Verwirrung daher, dass sich das Mitleid durch das Mitgefühl erübrigt, aber angenommen es fehlt, einem stattdessen ein unangenehmes
und verwirrendes Selbst)mitleid auf die Pelle rückt)

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