Als Nietzsche begriff, was für einen feinen Übermenschen
er erschaffen hatte, fiel er dem Pferd um den Hals und weinte.
In einem Moment der herein brechenden Krankheit und Schwäche
sah er das kommende Jahrhundert in einem grellen Halo
über dem Marktplatz aufblitzen und wollte noch rufen: Irrtum!
So habe ich es nicht gemeint! Doch es war schon zu spät.
Nietzsche hing am Hals der Pferdes, das ihn mit der Zartheit seiner
Nüstern sanft anstiess. Geduldig und gut im Geschirr, stand
es da und wartete auf das Vorüberziehen der menschlichen
Krise. Es wusste nicht, dass Nietzsche im glotzenden Auge
seines sturen, geduldigen Blicks zum letzten Mal die Güte
des zu Ende gehenden Jahrhundert erblickte. Und dass
dieser unschuldige Blick es war, der den weichen Kerl mit den
hochtrabenden Visionen mit einem mal niederstreckte
und zu brachte. Nietzsche wusste, dass das Pferd nicht
wusste, was er, Nietzsche wusste; nämlich, dass das
Pferd ihn in seinem Innersten traf, warum wusste er selbst nicht. —–
Aber ich weiss, dass das Pferd ihn nicht im Innersten getroffen hätte,
wenn er gewusst hätte, dass das Pferd gewusst hätte, warum
Nietzsche dem Pferd um den Hals fiel und weinte. Wusste
das Pferd, warum Nietzsche weinte? Ich weiss nicht, nein ….
Nietzsche weinte, weil er im Pferd das Mitgefühl* für den
Menschen erblickte, das er in seinen Plänen für die kommende
Menschheit vergessen hatte, weswegen er die Verantwortung
für das kommende Jahrhundert auf seinen schmächtigen
Schultern nicht mehr tragen konnte und dieses
darum quasi ins Wasser fiel.
Irgendwie so.
*(hatte an dieser Stelle zwischen Mitgefühl und Mitleid geschwankt, dies, obschon es zwei so unterschiedliche Dinge sind. Vielleicht rührt meine Verwirrung daher, dass sich das Mitleid durch das Mitgefühl erübrigt, aber angenommen es fehlt, einem stattdessen ein unangenehmes
und verwirrendes Selbst)mitleid auf die Pelle rückt)