Früher, wenn ich Malte zum letzten Mal sah, zum letzten Mal den Schädel und die Adern voller Rotwein und Bier, sagte ich ihm einen Satz immer im Bewusstsein, dass es mein letzter Satz ist für ihn. Vor der Cafebar Mokka, morgens um Vier, am Thuner Schloss vor den uralten Gefängnisgittern, draussen beim See zwischen den lieblichen Voralpen, im Vorbeigehen, am liebsten nachts; ich trat an ihn heran, rollte oder flog ihm zu, nein, ich wusste nicht, wie. Es war ein Umsinken, in dem Moment, in dem er, fertig und verbraucht von seinen Touren durch die Nacht, von seinem letzten Bier aufschaute und mir diesen Moment des Zuhörens schenkte. Mann, er war so voll und so weggetreten! Und doch hab ich bei ihm diesen Raum gespürt, diesen zusätzlichen Raum, wie bei keinem andern Menschen je zu vor. Es kam mir vor, als hörte er anders zu, von viel weiter her, wie aus dem Stalagnitengrund. Und doch musste ich mir sein Ohr stehlen, musste ich Finten anwenden, um ihn noch einmal für mich und meine albernen Koketterien zu gewinnen, um ihn, Malte, heimlich, ein letztes Mal zu kosen durch meinen letzten Satz an ihn hindurch. Man hätte mich mit Kompott übergiessen können, wenn ich seine Aufmerksamkeit endlich abgezogen hatte von den Andern am Tisch, ihn hatte bei mir ganz allein. Für mich. Wenn Malte mir zuhörte, dann war es, als wäre da die präziseste Stille, aber gleichzeitig war da diese Spannung in ihm, die seine verlangsamten Bewegungen linkisch, seine zarten Handgelenke Vibrieren machte. Seine Aura verströmte Musik, die braunen Augen waren voller lakonischer Traurigkeit, teuflisch und kindlich lachte sein fetter Herzmund, den er über seinen aberwitzigen Pointen schürte, die kaum einer verstand. Man hätte mich abschleppen müssen. Ich sah nichts mehr, fühlte nichts mehr, was ausserhalb seiner Aura geschah, neben uns. War eingesponnen in sein Ohr, in sein Wort, in die Berührung seines verschnitzten Armes; es war mit Malte wie herangezogen werden von einem Magnet unter Zeitlupe.
Das Tempo einer Langsamkeit, die Tiefenschicht einer Sinnlichkeit, in der ich vergehen konnte.
Nie wieder konnte ich so an jemanden hinsprechen. Umsinken in so einen Abgrund hinein. Anderen, die nachher kamen, fühlte ich auf den Grund, schnell und flüchtig, spürte ich, bis wo ihr Bewusstsein reichte und bis wo ihre flüchtige Berührung. Ich warf mich vor einige auf den Boden hin. Ich war so jung und noch viel jünger. Und Malte war fort. Nun wollte ich ihn in mir selber tragen, wollte werden wie er, seine Gesten, seine Schichtungen, seine verzitternde tiefe Wärme, den Zynismus, mit dem er mich verschnitten hatte, seinen Geist und Intellekt, sein Ego mir einverleiben! Ja, sein Ego!
Manchmal, wenn jemand an mich herantrat, am Ende einer chaotischen Nacht, vertraulich und weit geworden im Wein, ulkig, in einem Innenhof zwischen Scherben und kleinen herb duftenden Kloaken, mit einem letzten Satz, tat ich so, als könnte ich dem Fremden diesen Raum schenken, wie Malte sie mir geschenkt hatte, seine fremde Vertraulichkeit austrinken bis auf den Grund. Ich schwang nicht zurück, ich sog den Fremden auf, wie einen Kuss, nicht mehr loslassend, bis ich ihn in der Annäherung beherrschte. Dann liess ich los und ging weg, fühlte mich leer. Und weinte um meinen Malte. Den ich nicht sein konnte, mir nicht einverleiben konnte, weil er ein Anderer war. Nicht ich, ganz einfach.
Uns (mir und den Späteren) selbst in die Quere kam ich mit einer gewissen, inszenierten Rücksichtslosigkeit, von der ich mir wünschte, ich hätte es wenigstens Malte gestohlen. Ich will nicht sagen, dass ich nicht hingebungsvoll war oder die Liebe für mich ein Spiel – abstrakt gesehen, vielleicht – aber für meinen Körper war sie ein gewaltiges Erlebnis…. jedoch war ich doch immer auch noch da als Ich selbst, als zu Raum fordernd, zu stark in meiner sperrigen Negativität, ich drängte in die Mitte, ich wollte keine Gleichheit mehr ab da, (nach Malte), sondern nur meine Berauschtheit ihnen und vor allem mir schenken.
Und Sätze waren oft so endlos…. verpuffend. So ohne Halt.
Oke, einmal hab ich es vielleicht doch noch erlebt. Und weil ich mir ihm nicht sicher war, er filigran und unstet, süss und abgründig wie Malte war, ertappte ich mich mit einem letzten Satz. Und in diesem letzten Satz steck ich noch. Doch im Unterschied zu Malte, dem ich im Wein und Bier, jeden meiner letzten Sätze hin erbrach, und keine Gelegenheit ausliess, besoffen und entgrenzt, unter dem aufgequollenen Mond in der Nacht, mich an ihn zu binden, auf offenen Plätzen, ein letztes Mal mit einem letzten Satz … werde ich diesen letzten Satz diesmal vermutlich für mich behalten. Ich werde die Zeit verstreichen lassen und vielleicht sehen können, was mit einem Satz passiert, die nicht geschenkt und nicht genommen werden kann. Wie immer dieser letzte Satz auch heisst.
Wenn man aufhört letzte Sätze zu sprechen, verlieren sie mit der Zeit vielleicht in einem selbst drin ihre Bedeutung. Alles wird lose. Und die Rose, die feucht die Zungen schmiedet
…………………………………..verblüht in einen ungestillten Frieden hinein.
Ich weine.
Das ist nie und nimmer das, was ich wollte.
Ich wollte mit meinen letzten Sätzen die Momente wieder lebendig machen.
Wollte mich in Erinnerung rufen, das Ruder noch einmal herum reissen, vor dem ständig drohenden Ende. Jene Sätze mit Malte, damals in den Nächten, sollten niemals enden.
Als sie es taten, endgültig, füllte sich mein Leib mit der Tonnenschwere der Jahre, die ich noch zu „leben“ hatte, ohne Malte. Ich sah sie vor mir wie Gewichte in einem Raum jenseits aller Kreativität. Grau.
